Ataxie-Ambulanz Charité: Diagnostik und Therapie von Bewegungsstörungen

Bewegungsstörungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Die Ataxie-Ambulanz der Charité bietet spezialisierte Diagnostik und Therapie für Patienten mit diesen komplexen neurologischen Erkrankungen.

Was sind Bewegungsstörungen?

Bewegungsstörungen entstehen durch eine fehlerhafte Ansteuerung der Muskeln aufgrund von Veränderungen im Gehirn. Sie können sich als „zu wenig“ (hypokinetisch) oder „zu viel“ (hyperkinetisch) Bewegung äußern. Im Kindesalter treten Bewegungsstörungen häufig gemischt auf, was die Diagnosestellung erschwert. Biomarker fehlen oft, die Bildgebung (z.B. MRT) ist unspezifisch und es gibt ein breites Spektrum an Differentialdiagnosen. Zudem können sich hinter vielen Symptomen seltene Erkrankungen verbergen.

Schwerpunkte der Ataxie-Ambulanz

Die Ataxie-Ambulanz der Charité konzentriert sich auf die Diagnostik und Behandlung verschiedener Bewegungsstörungen, darunter:

  • Hypokinetische Bewegungsstörungen (Parkinsonismus)
  • Hyperkinetische Bewegungsstörungen (Dystonie, Chorea, Myoklonus, Tremor, Tics, Stereotypien)
  • Ataxie
  • Spastizität

Die Ambulanz betreut sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene mit diesen Erkrankungen.

Diagnostisches Angebot

Die Ataxie-Ambulanz bietet umfassende diagnostische Leistungen an, um die Ursache von Bewegungsstörungen zu ermitteln. Dazu gehören:

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  • Klinische Untersuchung: Eine detaillierte neurologische Untersuchung zur Beurteilung der Art und des Ausmaßes der Bewegungsstörung.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung von Veränderungen im Gehirn, insbesondere im Kleinhirn. Am Universitätsklinikum Essen besteht die Möglichkeit, ein 7 Tesla-MRT zu nutzen, um noch genauere Bilder zu erhalten.
  • Neurophysiologische Untersuchungen: Elektrophysiologische Verfahren zur Messung der Nerven- und Muskelfunktion.
  • Genetische Untersuchungen: Bei Verdacht auf eine erblich bedingte Ataxie können genetische Tests durchgeführt werden, um die spezifische Genmutation zu identifizieren. Die Ataxie-Ambulanz arbeitet hier eng mit Spezialsprechstunden für neurogenetische Bewegungsstörungen zusammen.
  • Liquordiagnostik: Eine Lumbalpunktion zur Bestimmung von Demenzbiomarkern und weiteren Parametern im Liquor kann bei der Diagnosefindung helfen.
  • Neuropsychologische Diagnostik: Eine ausführliche neuropsychologische Demenz Diagnostik kann durchgeführt werden, um eine ambulante Abklärung einer Gedächtnisstörung (leichtes oder mildes kognitives Defizit) oder einer Demenz (z.B. Alzheimer-Demenz, Lewy-Body-Demenz, Frontotemporale Demenz (FTD)) zu ermöglichen.

Therapieansätze

Nach der Diagnosestellung erarbeitet das Team der Ataxie-Ambulanz einen individuellen Therapieplan für jeden Patienten. Die Therapie kann verschiedene Ansätze umfassen:

  • Medikamentöse Therapie: Medikamente zur Linderung der Symptome, z.B. orale anticholinerge Medikamente, Botulinumtoxininjektionen oder spezifische Medikamente für die jeweilige Bewegungsstörung (z.B. bei Parkinson).
  • Botulinumtoxin-Therapie: Injektionen von Botulinumtoxin zur Behandlung von Dystonien und Spastik.
  • Tiefe Hirnstimulation (THS): Bei bestimmten Bewegungsstörungen wie Parkinson, Dystonie und Tremor kann die tiefe Hirnstimulation eine Option sein. Dabei werden Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert, um die Aktivität dieser Bereiche zu modulieren. Die Ataxie-Ambulanz bietet Beratung hinsichtlich der Indikation zur THS an.
  • Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Koordination, des Gleichgewichts und der Muskelkraft.
  • Ergotherapie: Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten und Anpassung der Umgebung, um die Selbstständigkeit zu fördern.
  • Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen, die bei einigen Bewegungsstörungen auftreten können.
  • Spezielle Diäten: In einigen Fällen können spezielle Diäten zur Behandlung von Bewegungsstörungen eingesetzt werden.
  • Funktionelle Bewegungsstörungen: Bei funktionellen Bewegungsstörungen erfolgt eine integrierte neuro-psychosomatische Beurteilung sowie eine individuelle Therapieplanung und gegebenenfalls Verlaufsbeurteilung.

Spezialisierte Sprechstunden an der Charité

Die Charité bietet verschiedene spezialisierte Sprechstunden für neurologische Erkrankungen an, die auch für Patienten mit Bewegungsstörungen relevant sein können:

  • Bewegungsstörungssprechstunde: Hier werden Patienten mit verschiedenen Bewegungsstörungen wie Parkinson, Dystonie und Tremor behandelt.
  • Epilepsieambulanz: Bei Patienten mit epileptischen Anfällen, die im Zusammenhang mit Bewegungsstörungen auftreten können, bietet die Epilepsieambulanz eine umfassende Diagnostik und Therapie.
  • Gedächtnisambulanz: Für Patienten mit kognitiven Störungen und Demenzen, die mit Bewegungsstörungen einhergehen können.
  • Kopfschmerzzentrum: Bei Kopfschmerzen und Gesichtsschmerzen, die als Begleitsymptome von Bewegungsstörungen auftreten können.
  • Spezialambulanz für Muskelerkrankungen: Für Patienten mit entzündlichen Erkrankungen der Muskulatur (Myositis), die zu Muskelschwäche und Bewegungsstörungen führen können.
  • Schlafambulanz: Bei Schlafstörungen, die im Zusammenhang mit Bewegungsstörungen auftreten können, bietet die Schlafambulanz eine umfassende Diagnostik und Therapie.

Forschung

Die Ataxie-Ambulanz der Charité ist auch in der Forschung aktiv, um die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Bewegungsstörungen besser zu verstehen. Es werden klinische Studien durchgeführt, um neue Therapieansätze zu entwickeln und die Versorgung von Patienten mit Bewegungsstörungen zu verbessern. Als Charité-Studienzentrum führt die Ambulanz eine Reihe von Therapie-Studien bei Bewegungsstörungen durch. Die Patienten-orientierte Forschung ist chronisch unterfinanziert, gerne können Sie uns mit einer Spende unterstützen, fragen Sie uns gerne hierzu!

Das Kleinhirn und seine Rolle bei Bewegungsstörungen

Ataxien sind Erkrankungen, bei denen schwerpunktmäßig das Kleinhirn betroffen ist. Das Kleinhirn spielt eine zentrale Rolle bei der Koordination von Bewegungen, dem Gleichgewicht und der motorischen Kontrolle. Es ist auch an kognitiven und emotionalen Prozessen beteiligt.

Aufgaben des Kleinhirns:

  • Koordination von Bewegungen: Das Kleinhirn empfängt Informationen aus dem Gehirn, dem Rückenmark und den Sinnesorganen und koordiniert diese Informationen, um präzise und flüssige Bewegungen zu ermöglichen.
  • Gleichgewicht: Das Kleinhirn spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts. Es empfängt Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und passt die Muskelaktivität an, um den Körper stabil zu halten.
  • Motorisches Lernen: Das Kleinhirn ist am motorischen Lernen beteiligt. Es hilft uns, neue Bewegungsabläufe zu erlernen und zu automatisieren.
  • Kognitive und emotionale Prozesse: In den vergangenen Jahren haben wir jedoch gelernt, dass das Kleinhirn weit mehr macht: Wahrscheinlich unterstützt es fast alle Aufgaben des übrigen Gehirns, also auch Kognition und die Kontrolle von Emotionen, aber auch Schmerzen.

Schädigungen des Kleinhirns können zu Ataxie führen, einer Störung der Koordination von Bewegungen. Ataxie kann sich durch verschiedene Symptome äußern, wie z.B. Unsicherheit beim Gehen, Schwierigkeiten bei feinmotorischen Aufgaben und Sprachstörungen.

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Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Diagnostik und Behandlung von Bewegungsstörungen erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. In der Ataxie-Ambulanz arbeiten Neurologen, Neuropsychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden eng zusammen, um eine umfassende und individuelle Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

Anlaufstellen für Patienten mit Ataxie in Deutschland

Einige Universitäts-Kliniken bieten Spezialambulanzen für neurodegenerative Erkrankungen bzw. Ataxien an. Im Folgenden eine alphabetische Auflistung einiger dieser Kliniken:

  • ATAXIE-Spezialambulanz Poliklinik Aachen
  • Universitätsklinikum Essen
  • Universitätsklinikum Leipzig, Sprechstunde für Bewegungsstörungen
  • Universitätsklinikum Magdeburg, Universitätsklinik für Neurologie
  • Friedrich-Baur-Institut an der Neurologischen Klinik und Poliklinik, Klinikum der Universität München - Campus Innenstadt
  • Zentrum für seltene Erkrankungen, Crona Kliniken Tübingen
  • Spezialsprechstunde für Neurogenetische Bewegungsstörungen (Ataxie), Universitätsklinikum Würzburg

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