Ein Schlaganfall kann weitreichende Folgen haben, darunter Sprachstörungen, die als Aphasie bekannt sind. Etwa ein Drittel aller Schlaganfallpatienten entwickelt eine Aphasie, von denen bei 30-43 % langfristig bestehen bleibt. Diese Sprachstörung beeinträchtigt die Fähigkeit, sich sprachlich zu äußern und Gesprochenes zu verstehen. Eine intensive und oft jahrelange logopädische Betreuung ist essenziell, damit Patienten wieder lernen, mit ihrem sozialen Umfeld verbal zu interagieren und sich verständlich auszudrücken.
Aphasie: Eine erworbene Sprachstörung
Der Begriff "Aphasie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Sprachverlust". Medizinisch wird darunter eine durch Krankheit erworbene Sprachstörung verstanden. Ursache einer Aphasie ist immer eine Erkrankung des Gehirns, meist ein Schlaganfall, der in Deutschland jährlich ca. 270.000 Menschen betrifft, wobei 80 Prozent älter als 60 Jahre sind. In den ersten Tagen nach einem Schlaganfall sind etwa 40 Prozent aller Patienten von Aphasie betroffen.
Ursachen einer Aphasie
Eine Aphasie tritt nach Schädigungen oder Erkrankungen des Gehirns auf, wie z.B.:
- Schlaganfall (verursacht 80 Prozent der Aphasien)
- Schädel-Hirn-Trauma
- Tumoren
- Hirnblutungen
- Entzündungen
- Weitere Erkrankungen des zentralen Nervensystems
Die Aphasie tritt meist sehr plötzlich ein, was dazu führt, dass der Betroffene sich nicht mehr in gewohnter Weise mit seiner Umgebung austauschen kann. Aphasikern fehlt krankheitsbedingt der Zugriff auf die sprachgebundenen Fertigkeiten, was Schwierigkeiten beim Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben verursacht.
Symptome einer Aphasie
Die Symptome einer Aphasie können je nach Art und Ort der Schädigung im Gehirn variieren. Typische Symptome sind:
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- Schwierigkeiten des Sprachverständnisses
- Wortfindungsstörungen
- Probleme mit der grammatikalischen Verarbeitung
- Schwierigkeiten mit der lautlichen Verarbeitung
- Eingeschränktes Lese-Sinn-Verständnis
- Schwierigkeiten beim Schreiben
Betroffene suchen oft beim Sprechen nach den passenden Begriffen, was den Redefluss stockend wirken lässt. Begriffe werden fehlerhaft verwendet, wodurch das Gesprochene für andere unverständlich werden kann.
Formen der Aphasie
Um die Vielzahl möglicher sprachlicher Symptome besser einordnen und behandeln zu können, werden bestimmte sprachliche Symptome zu Syndromen zusammengefasst. Am häufigsten finden sich die folgenden vier Standardsyndrome der Aphasie:
- Globale Aphasie: Die schwerste Form der Aphasie. Betroffene können kaum oder gar nicht sprechen. Die Störung beeinträchtigt ebenso das Sprachverständnis und in der Regel auch die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben.
- Broca-Aphasie (motorische Aphasie): Betroffene können nicht flüssig sprechen und keine kompletten Sätze bilden. Typisch ist ein sogenannter „Telegrammstil“ der Sprache. Das Sprachverständnis ist dagegen in der Regel weitgehend ungestört.
- Wernicke-Aphasie: Der Redefluss ist gut erhalten, manchmal sogar gesteigert. Dagegen ist das Sprachverständnis und häufig auch das Störungsbewusstsein für die Sprachstörung stärker beeinträchtigt. Betroffene verstehen häufig auch einfache Wörter nicht.
- Amnestische Aphasie: Hauptsymptom sind Wortfindungsstörungen. Die Betroffenen zeigen ein gutes Störungsbewusstsein und versuchen Fehler zu korrigieren. Häufig werden Statthalterwörter wie „Ding“, „das da“ oder „es“ verwendet.
Therapieansätze bei Aphasie
Ziel der Aphasietherapie ist es, die Kommunikationsfähigkeit so gut es geht zu verbessern und vorhandene Fähigkeiten zu fördern. Nach wissenschaftlichen Studien gilt auch für die Aphasietherapie: Je intensiver die Behandlung, desto effektiver ist das Ergebnis. Gerade in der akuten und subakuten Phase einer Aphasie hat sich gezeigt, dass vor allem eine intensive Sprachtherapie (IST) die Kommunikationsfähigkeit verbessern kann. Aber auch im Krankheitsverlauf, d.h. zu einem späteren Zeitpunkt, sind durch ein ausreichend intensives Training Besserungen der Symptome einer Aphasie möglich.
Logopädische Behandlung
Die logopädische Therapie sollte so frühzeitig wie möglich beginnen, idealerweise schon in der Akutphase, sobald der Allgemeinzustand des Patienten es erlaubt. Eine Therapieeinheit dauert in der Regel 45 Minuten, kann aber je nach Therapiehäufigkeit und Leistungsvermögen des Patienten variieren.
Im Rahmen der logopädischen Diagnose wird die Form der Aphasie bestimmt, um gezielte Maßnahmen setzen zu können. Schlaganfall-Patienten erlernen in Einzelsitzungen allmählich wieder, ihr Umfeld sprachlich zu verstehen und sich ihrerseits verständlich auszudrücken. Im ersten halben Jahr nach dem Schlaganfall finden die ambulanten Sitzungen meist drei bis vier Mal wöchentlich statt und stellen die Behandlung der einzelnen Symptome in den Mittelpunkt. Nach einigen Monaten werden die Intervalle zwischen den Therapiesitzungen allmählich verlängert.
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Computergestützte Sprachtherapie (CSLT)
Die Big-CACTUS-Studie untersuchte die Wirksamkeit eines selbstgesteuerten Wortfindungstrainings mit spezieller Computersoftware (Computerised Speech and Language Therapy; CSLT) bei Patienten mit chronischer Aphasie nach Apoplex. Die Ergebnisse zeigten, dass die Wortfindung in der CSLT-Gruppe signifikant besser war als in den Gruppen mit üblicher Behandlung oder Aufmerksamkeitskontrolle. Selbst Jahre nach dem Apoplex konnten Teilnehmer noch neue Wörter lernen. Die gesundheitsökonomische Analyse ergab, dass das PC-Sprachtraining in Eigenregie bei milden oder mäßigen Wortfindungsstörungen kosteneffektiver war als für die Gesamtgruppe der Aphasie-Patienten.
Weitere Therapieansätze
Die Rehabilitationsbehandlung der Aphasien kann folgende Therapiemodule umfassen:
- Sprachtherapie (Logopädie und/oder Linguistik) inkl. computerunterstützte Sprachtherapie
- Neuropsychologische Therapie (zur Verbesserung u. a. von Aufmerksamkeit und Gedächtnis)
- Physiotherapie (bei Lähmungen und Bewegungseinschränkungen)
- Ergotherapie (Übungen zum Wiedererlernen von Alltagsfähigkeiten)
- Physikalische Therapien (Elektrotherapie, Massage, Bäder)
Umgang mit Aphasie im Alltag
Die Sprachstörung eines Familienmitgliedes, das einen Schlaganfall erlitten hat, stellt auch seine Angehörigen vor eine große Herausforderung. Wichtig ist, dem Patienten immer mit Respekt zu begegnen, um ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, er würde als nicht intelligent angesehen. Eine Sprachstörung nach einem Schlaganfall hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, sondern ist die Folge einer Verletzung des Gehirns.
Tipps für Angehörige
- Behandeln Sie den Aphasiker als Gesprächspartner auf Augenhöhe.
- Nehmen Sie der aphasischen Person „nicht das Wort aus dem Mund“.
- Sprechen Sie nicht über sie, sondern mit ihr.
- Sprechen Sie in normaler Sprache und in einfachen Sätzen.
- Sprechen Sie langsam, klar und deutlich.
- Formulieren Sie Fragen so, dass sie mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können.
- Korrigieren Sie nicht.
- Halten Sie Blickkontakt.
- Setzen Sie alle Mittel der Kommunikation ein: Gesten und Mimik, zeichnen oder schreiben Sie, zeigen auf Gegenstände oder Abbildungen.
- Warten Sie geduldig auf eine Antwort.
- Sorgen Sie im Gespräch für eine ruhige Umgebung.
Hilfsmittel für die Kommunikation
Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die die Kommunikation unterstützen können:
- Kommunikationstafeln und -bücher: Diese enthalten Bilder und Symbole, die der Patient zeigen kann, um sich auszudrücken.
- Sprachcomputer: Diese Geräte geben Wörter wieder, die durch Eingabe von Buchstaben oder durch Augensteuerung ausgewählt werden.
- Apps und Software: Es gibt spezielle Apps und Computerprogramme, die bei der Sprachtherapie unterstützen und das Üben zu Hause ermöglichen.
Bedeutung der Angehörigen
Die Angehörigen spielen eine entscheidende Rolle bei der Betreuung und Rehabilitation von Aphasie-Patienten. Es ist wichtig, dass sie in die Therapie einbezogen werden und lernen, wie sie die Kommunikation mit ihrem Angehörigen erleichtern können. Durch Schulungen und Beratungen können sie das Verständnis für die Störung fördern und Strategien entwickeln, um den Alltag gemeinsam besser zu bewältigen.
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