Stress ist ein allgegenwärtiges Phänomen im modernen Leben. Die Frage, ob Stress Nerven zerstören kann, ist daher von großer Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlbefinden vieler Menschen. Dieser Artikel untersucht die komplexen Auswirkungen von Stress auf das Nervensystem und den Körper im Allgemeinen, wobei sowohl kurzfristige Reaktionen als auch langfristige Folgen berücksichtigt werden.
Einführung
Stress ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf Herausforderungen und Bedrohungen. In akuten Situationen kann Stress die Leistungsfähigkeit steigern und die Aufmerksamkeit schärfen. Chronischer Stress hingegen kann erhebliche negative Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit haben. Die Forschungsergebnisse der Stress- und Hirnforschung belegen unzweifelhaft, dass chronischer Stress jedweder Art, gegebenenfalls forciert durch genetische oder epigenetische Faktoren, negative Folgen hat.
Was ist Stress?
Stress ist eine natürliche Reaktion des Körpers in Phasen, in denen man stark gefordert ist. Der Organismus geht in Alarmbereitschaft und stellt sich darauf ein, mehr leisten zu können. An sich ist dies eine nützliche Reaktion: Eine kurzfristige Stressreaktion ist durchaus gesund. Kurzfristiger Stress kann dabei helfen, neue Fähigkeiten zu erlernen und Herausforderungen zu meistern.
Die Stressreaktion im Detail
Die Stressreaktion entsteht im Gehirn und wird durch die innere Bewertung äußerer Reize ausgelöst. Im Falle einer Aktivierung wird der Organismus "bis zur letzten Zelle" über das Nerven- und Hormonsystem in einen Alarmzustand versetzt. Die Stressreaktion wurde vom Begründer des Stresskonzepts Prof. Hans Selye erforscht und erstmals beschrieben. Selye setzte Versuchstiere unterschiedlichen Extrembelastungen aus. Bei den Belastungen handelte es sich um Reize wie Infektion, Vergiftung, Trauma, nervöse Beanspruchung, Hitze, Kälte, Muskelanstrengung oder Röntgenstrahlung. Seit der Erstbeschreibung der Stressreaktion von Selye in den 50er Jahren wurde die Pathophysiologie der Stressreaktion immer weiter erforscht. So wurden die Untersuchungen von Selye vorwiegend an Versuchstieren durchgeführt und die Befunde sind aus heutiger Sicht relativ grob.
Subjektive Wahrnehmung von Stress
Jeder Mensch nimmt Stress unterschiedlich wahr. Das Stressempfinden ist also subjektiv. Für manche Menschen ist der Stress immer vorhanden und wird als unangenehm oder sogar als bedrohlich empfunden. Andere Menschen fühlen sich fast nie gestresst und erleben Stress eher als anregend und herausfordernd. Ob ein Stressauslöser eine Stressreaktion im Körper auslöst, hängt ganz davon ab, wie man ihn einschätzt. Zum Beispiel mag der eine es als leicht zu bewältigen empfinden, wenn er nach Feierabend noch einkaufen, kochen und das Bad putzen muss. Für den anderen kann diese Situation zu einem Gefühl der Überlastung führen und dadurch eine Stressreaktion auslösen.
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Körperliche und psychische Auswirkungen von Stress
Unabhängig davon, wie der Stress im Gehirn entsteht, führt Stress auf körperlicher Ebene zu verschiedensten Veränderungen. Letztlich ist Stress ein Ganzkörperphänomen, von welchem die verschiedensten körperlichen und psychischen Prozesse beeinflusst werden. Auf psychischer Ebene führt Stress zu typischen Symptomen und Verhaltensänderungen. Auf körperlicher Ebene beeinflusst Stress vorwiegend das Hormonsystem, das vegetative Nervensystem und das Immunsystem. Über die Beeinflussung der verschiedenen Systeme führt Stress zu den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Symptomen. Oft wird der Zusammenhang zu Stress übersehen und es erfolgt gar keine oder nur eine symptomatische Behandlung. Unbehandelter Stress kann auf Dauer zu verschiedenen körperlichen und psychischen Erkrankungen führen.
Das vegetative Nervensystem und Stress
Das vegetative Nervensystem durchzieht den ganzen Körper und beeinflusst verschiedene Organe wie das Herz, den Darm und die Haut. Das vegetative Nervensystem ist durch den Willen nicht beeinflussbar und heißt deshalb auch "autonomes Nervensystem". Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Komponenten, welche gleichzeitig aktiv sind. Ein Teil (der sog. Sympathikus) sorgt für Anspannung, der andere Teil (Parasympathikus) für Entspannung. Stress führt zu Anspannung und bei dauerhafter Anspannung "kippt" das vegetative Nervensystem hierdurch in einen Modus der Überaktivierung des Sympathikus. Hierdurch kommt es zu Herzrasen, Blutdruckanstieg, beschleunigte Atmung, gereizten Magen oder Durchfall. Auf psychischer Ebene geht ein derartiger Erregungszustand mit einer Fokussierung der Aufmerksamkeit, einer erhöhten Reizbarkeit und Wachheit einher. Dies ist die Vorbereitung für einen bevorstehenden Kampf oder eine Flucht. Diese übermäßige Aktivierung ist für Körper und Psyche nur kurzfristig ohne Schaden. Auf Dauer führt die Überaktivierung zu verschiedensten körperlichen und psychischen Symptomen und Erkrankungen.
Messung der Herzschlagvariabilität
Früher konnten Ärzte auf die Aktivierung des vegetativen Nervensystems nur anhand der Symptome schließen. Seit wenigen Jahren ist es mit Hilfe der Bestimmung der Herzschlagvariabilität möglich, den Aktivierungsgrad des vegetativen Nervensystems direkt zu messen. Das Verfahren ist jedoch technisch durchaus anspruchsvoll. Messung per App oder mit einfachen Brustgurten sind nicht aussagefähig. Die Ableitung muss immer mit mehreren Elektroden erfolgen, da nur ein einzelner falsch gemessener Herzschlag (Artefakt) das Ergebnis um 450 % verändert.
Stress und das Hormonsystem
Stress hat erhebliche Auswirkungen auf das Hormonsystem. Über einen komplexen Regelmechanismus des Gehirns führt Stress zu einer Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Unter hoher Stressbelastung kommt es zunächst zu einer vermehrten Freisetzung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Cortisol führt als Hormon zu zahlreichen körperlichen und psychischen Veränderungen wie Gewichtszunahme, Anstieg des Blutzuckers, Schlafstörungen und Reizbarkeit. Bei längerer Erhöhung von Cortisol kann es zu einer eingeschränkten Empfindlichkeit der Cortisol-Rezeptoren im ganzen Körper kommen. Zudem ist es möglich, dass die Nebennierenrinden nur eingeschränkt Cortisol produzieren. Dies nennt man Nebenniereninsuffizienz oder Morbus Addison. Die Nebenniereninsuffizienz kommt jedoch äußerst selten vor und ein Zusammenhang mit übermäßiger Stressbelastung wird in der Literatur nicht beschrieben.
Die HPA-Achse
Die Störungen der sog. HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse) sind deutlich komplexer. Es handelt sich in der Regel nicht einfach um eine "Schwäche der Nebennierenrinde", sondern um eine komplexe Störung des hormonellen Regelkreises. Für eine Messung des Regelkreises muss am Vorabend eine kleine Dosis Cortison eingenommen und am nächsten Morgen die Cortisol-Aufwachreaktion gemessen werden (Dexamethason-Hemmtest). Insgesamt ist die Messung von Dysfunktionen der HPA-Achse mit heutigen Methoden zwar möglich, aber durchaus aufwendig. Die meisten vorgelegten Laborbefunde sind Einzelmesswerte, welche mit fraglichen Normbereichen verglichen werden. Für eine belastbare Messung müssen mindestens 6 Messungen pro Tag über zwei Tage durchgeführt werden. Die Ergebnisse sind dann auf qualitativ hochwertige Normwerte zu beziehen (Cortisol-Tagesprofil). Die Messung von Cortisol ist aufgrund der eingeschränkten Aussagekraft jedoch nur in Ausnahmefällen empfehlenswert. So empfehle ich die Messung von Cortisol meist nur bei diagnostisch unklaren Erschöpfungszuständen ("chronic fatigue syndrome").
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Auswirkungen auf Wachstums- und Geschlechtshormone
Neben der HPA-Achse beeinflusst Stress auch Wachstums- und Geschlechtshormone. So sinkt bei Affen im Tierversuch bei zunehmendem Stress durch zu hohe Dichte im Käfig das Testosteron mit resultierender Einschränkung der Fruchtbarkeit. Dies ist evolutionär ja für die Gruppe auch sinnvoll, da bei zu hoher Populationsdichte zusätzliche Nachkommen für Knappheit und zusätzlichen Stress sorgen würden. Bei Frauen verschiebt oder verändert sich bei Stress oft die Regelblutung. Bei extremer Stressbelastung kann die Regelblutung auch ganz ausbleiben. Auch bei der Frau sinkt unter Stress die Fruchtbarkeit. Auch die Veränderungen der Geschlechtshormone lassen sich mit heutigen Methoden messen.
Stress und das Immunsystem
Die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem sind erheblich. Nicht umsonst setzt man das Stresshormon Cortisol in Form von Cortison medizinisch zur Unterdrückung des Immunsystems ein. Die Zusammenhänge zwischen Stress und Immunsystem wurden Jahrzehnte von der Medizin gar nicht gesehen. Erst in den letzten 10 Jahren hat sich hier ein erhebliches Wissen angesammelt und sich das neue Spezialgebiet der Psychoneuroimmunologie entwickelt. Unter Berücksichtigung der heutigen Forschungsergebnisse sind Nervensystem und Immunsystem eigentlich gar nicht voneinander zu trennen. Das Immunsystem reagiert bei psychischen Veränderungen unmittelbar mit. So unterdrückt das Immunsystem unter Belastung üblicherweise die Immunantwort auf Krankheitserreger wie Viren und Bakterien. Es ist ja auch nicht sinnvoll unter Fieber und Krankheitsgefühl zu leiden, während man mit einem Säbelzahntiger kämpft. Die Immunantwort kommt erst nach Ende der Stressbelastung in der Phase der Erholung. So wundern sich zahlreiche Patienten, dass sie nicht während der Stressbelastung, sondern erst im anschließenden Urlaub krank wurden. Dauerhafter Stress kann aber noch deutlich bedrohlichere Folgen haben als Infektionskrankheiten in Phasen der Erholung. Auf Dauer kann Stress zu einer übermäßigen Immunantwort oder einer fehlerhaften Immunantwort führen. So kann Stress bei entsprechender Anlage zu Autoimmunkrankheiten, Allergien und Krebserkrankungen führen. Diese Zusammenhänge sind vielen genau beobachtenden Ärzten seit Jahrzehnten und Jahrhunderten bekannt. Die Psychoneuroimmunologie entschlüsselt nun aber den dahinterstehenden Mechanismus.
Kann Stress Nerven zerstören?
Bei fortbestehendem chronischem Stress ist es vor allem die chronische Aktivierung des Sympathischen Nervensystems (Sympathikotonie), die unser Leben verkürzt oder uns schwer krank macht, weil dieses System leider keine gezielte Downregulation seiner Aktivität durchmacht. Die Kenntnis der strukturellen, molekularbiologischen und pathobiochemischen Veränderungen des Gehirns, die unter chronischer Stressbelastung auftreten können, ist Voraussetzung für das tiefere Verständnis der klinischen Symptomatik.
Chronische Hyperaktivität und ihre Folgen
Chronische Hyperkortisolämie und Sympathikotonie (chronische Hyperaktivität des Sympathischen Nervensystems (SNS)) sind auch verknüpft mit Antriebsstörungen, Angststörungen, Störungen der Motivation und Freudlosigkeit (Anhedonie) und können letztlich auch in schwere Depressionen führen, wie wir sie im Endstadium des Burnout-Syndroms vorfinden. Glutamat ist der im Gehirn am weitesten verbreitete, erregende Nervenbotenstoff, der an sogenannten NMDA-Rezeptoren, die über das gesamte Gehirn verteilt sind, andockt. Hier führt er zu vermehrtem Calciumeinstrom und setzt in der Zelle Prozesse in Gang, die letztlich zu vermehrter Stickstoffradikalbildung und in der Folge zu entsprechenden Zellschäden führen können.
Noradrenalin und Nervenzellschäden
Noradrenalin spielt eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit der Entwicklung schwerer chronischer Erkrankungen infolge chronischer Stressbelastung. Da es als Überträgerstoff sowohl des Zentralen als auch Peripheren Sympathischen Nervensystems nahezu alle Organe und deren Zellen aktivieren kann, sind die potenziellen Schäden bei Chronischer Sympathikotonie, die sich ja bei allen Fällen von chronischer Stressbelastung nachweisen lässt, äußerst vielfältig. Noradrenalin führt über komplexe biochemische Abläufe zur vermehrten Bildung von Sauerstoff- und Stickstoffradikalen, die unsere Nervenzellen strukturell schädigen können. Bei hoher Intensität der sympathikotonen Stimulation können Nervenzellen auch zerstört werden (Zellapoptose).
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Weitere Auswirkungen von Stress auf Zellen
Weitere Auswirkungen von Stress auf Zellen umfassen:
- NK-Zell-Grundaktivität mit erhöhter Infektanfälligkeit
- Unzureichendem „Respiratory Burst“ der Immunzellen und daher Förderung chronisch entzündlicher Erkrankungen
- Th1/Th2-Switch mit sekundär erhöhter Allergiebereitschaft
- Zellapoptose von Makrophagen, Lymphozyten, Leukozyten
- Erhöhte Entzündungsbereitschaft durch Zytokinfreisetzung
Wann ist eine Heilung möglich?
Bereits eingetretene körperliche Erkrankungen wie ein manifester Bluthochdruck oder eine Zuckerkrankheit lassen sich oft nicht mehr im Sinne einer Heilung beeinflussen. Hier besteht die Zielsetzung, das Fortschreiten der Erkrankung und das Auftreten von anderen Erkrankungen zu verhindern. Auch bei Allergien und Autoimmunerkrankungen gibt es nicht wirklich "einen Rückwärtsgang". Symptome wie Herzrasen, Atemnot, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen bilden sich jedoch regelhaft nach erfolgreichem Stressabbau auch tatsächlich vollständig zurück. Eine Heilung ist also am ehesten möglich, solange es sich noch um Symptome und nicht um Erkrankungen handelt. Ähnlich verhält es sich mit den mit Stress in Verbindung stehenden psychischen Erkrankungen. So heilt ein durch Stress verursachter Erschöpfungszustand nach erfolgreichem Stressabbau meist folgenlos aus. Eine durch Stress ausgelöste Depression ist hingegen deutlich schwerer und langwieriger zu behandeln. Bei stressbedingten Symptomen und Erkrankungen sollte deshalb möglichst früh und möglichst ursächlich in den Krankheitsprozess eingegriffen werden.
Was tun gegen Stress?
Andauernder Stress versetzt den Körper in eine ständige Alarmbereitschaft - und wirkt sich so negativ auf die körperliche und psychische Gesundheit aus. Um negativen Folgen von Stress vorzubeugen, ist es am wichtigsten, die belastenden Auslöser zu finden und zu bearbeiten beziehungsweise zu meiden. Kurzfristig können Bewegung, Yoga, Meditation oder andere Entspannungstechniken helfen.
Strategien zur Stressbewältigung
Häufig nehmen die Arbeit und andere Auslöser für Stress und Überforderung einen zu großen Raum im Alltag ein. Was dabei helfen kann, Stress zu bewältigen:
- Die Auslöser finden: Probleme zu erkennen, anzusprechen und zu bearbeiten ist ein erster wichtiger Schritt weg vom Dauerstress.
- Den Überblick behalten: Vielen hilft ein besseres Zeitmanagement, das man beispielsweise in speziellen Kursen erlernen kann.
- Strategien gegen den Stress und für mehr Entspannung entwickeln: Manchen Menschen helfen Techniken wie Meditation oder progressive Muskelentspannung.
- Tief durchatmen: In Stresssituationen atmet man eher flach und nimmt zu wenig Sauerstoff auf. Wer regelmäßig tief durchatmet, fördert die Fähigkeit zu entspannen.
- Gesund essen: Eine ausgewogene Ernährung unterstützt das Immunsystem, macht widerstandsfähiger, leistungsfähiger und zufriedener.
- Den Tag ruhig angehen lassen: Am Morgen Zeit für ein gesundes Frühstück und einen entspannten Start zu haben, kann viel ausmachen.
- Bewegung als Ausgleich: Alltagsbewegung und Sport helfen abzuschalten, wirken dem Stress entgegen und steigern die Leistungsfähigkeit.
- Für regelmäßige Entspannung im Alltag sorgen: Suchen Sie sich ihren individuellen Ruhepol, etwa beim Lesen auf dem Sofa.
- Einem Hobby nachgehen: Eine Beschäftigung, der man nur aus Interesse und Freude nachgeht, ist sinnstiftend und macht zufrieden.
- Auch mal nichts tun: Gemütliches Faulenzen kann auch sehr entspannend sein.
Die Rolle von Mikronährstoffen
Mikronährstoffe (Vitalstoffe) als Schutzmechanismen des Körpers können in ausreichenden Mengen die negativen Auswirkungen von Stressbelastungen weitestgehend einschränken. Neben der hohen Hormonausschüttung gehört der vermehrte Vitaminabbau zu den stressbedingten Stoffwechselstörungen. Stressreaktionen erhöhen damit den Bedarf an Mikronährstoffen (Vitalstoffen).
B-Vitamine
Insbesondere ist der Status der B-Vitamine betroffen, da diese mit der Psyche eng verbunden sind - psychogene Vitamine - und direkten Einfluss auf die Gefühlslage, die nervliche Belastbarkeit und auf unsere geistige Leistungsfähigkeit haben. Vitamin B1, B2, B3, B6 und B12 werden für die Produktion von Noradrenalin und anderen Gefühlshormonen (z. B. Serotonin) benötigt. Aufgrund der vermehrten Noradrenalinausschüttung bei chronischem Stress (Dauerstress) werden die Vitamin-B-Reserven aufgebraucht. Wenn nicht genügend der Vitamine mit der Nahrung aufgrund einseitiger Ernährungsweisen und zu wenig Obst, Gemüse sowie Milch- und Milchprodukte, zugeführt werden, entsteht ein Mangel im Körper. Falsche Ernährung verstärkt zudem die Stresssymptome und intensiviert deren Auswirkungen auf den Körper. Defizite an Vitamin B1, B6 und B12 führen zu erheblichen Leistungsschwächen sowie Konzentrationsschwierigkeiten, weil diese Vitalstoffe an der Übermittlung von Nervenimpulsen ans Gehirn und die peripheren Nervenzellen beteiligt sind. Zu wenig der Vitamine B6, Folsäure und B12 schwächt die Widerstandsfähigkeit gegen Stress und stört die Synthese des Serotonins (Glückshormon), wodurch starke Stimmungs- und Gefühlsschwankungen zustande kommen. Personen mit häufigem Dauerstress leiden daher in vielen Fällen an Verhaltensauffälligkeiten, Störungen in der Wahrnehmung, chronischer Übermüdung, Reizbarkeit, Angstzuständen und Depressionen. Glücksgefühle treten eher selten auf.
Vitamin C
Belastungen wie Verletzungen, Operationen oder hohe psychische Anforderungen stellen ebenfalls Stresssituationen für den Organismus dar und erhöhen den Bedarf an Vitamin C. Für wichtige Stoffwechselvorgänge und -funktionen kann Vitamin C damit nicht mehr in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen, was zu Störungen im Immunsystem führt. Der Organismus wird so einem mangelhaften Schutz vor Oxidation und Freien Radikale ausgesetzt und reagiert dementsprechend anfälliger auf Infektionen. Infolgedessen wird das Risiko an Tumorerkrankungen, Herzerkrankungen, Apoplex (Schlaganfall), Arthritis sowie an Katarakt (grauer Star) zu erkranken, stark erhöht.
Carnitin
Carnitin ist eine aminosäureähnliche Substanz. Es wird aus den beiden Aminosäuren Lysin und Methionin mithilfe von Vitamin C, Niacin, Vitamin B6 und Eisen synthetisiert. Der Körper benötigt Carnitin insbesondere für die Einschleusung der langkettigen Fettsäuren in die Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen) und somit zur Energieproduktion. In ausreichenden Mengen wirkt es durch die energievermittelte Leistungssteigerung am Herzen kardioprotektiv, das heißt herzschützend. Es unterstützt die Verbrennung der Triglyceride und hat so einen lipidsenkenden Effekt. Bei Vitamin-C-Mangel vermindert sich die Produktion von Carnitin und es kommt frühzeitig zu einer Carnitinverarmung.
Coenzym Q10
Coenzym Q10 hat eine besondere Bedeutung als Energielieferant. Aufgrund seiner ringförmigen Chinonstruktur kann das Vitaminoid Elektronen aufnehmen und abgeben. Dadurch nimmt das Coenzym Q10 eine Schlüsselrolle bei dem biochemischen Prozess der Energiebildung unter Sauerstoffverbrauch - Atmungskettenphosporylierung - in den Mitochondrien ein. Bei diesem wichtigen Vorgang kann das Vitaminoid nicht ersetzt werden. Bei Coenzym Q10-Defiziten treten demzufolge erhebliche Störungen des aeroben Stoffwechsels auf. Coenzym Q 10 ist auch an der Bildung des Hauptenergieträgers der Zelle - ATP - beteiligt. Bei einem Coenzym Q10-Mangel verschlechtert sich dementsprechend die Energiebilanz energiereicher Organe wie Herz, Leber und Niere. Coenzym Q10 ist ein wichtiges fettlösliches Antioxidans. Es liegt in den Mitochondrien - wo Freie Radikale als instabile Reaktionsprodukte aus der Zellatmung entstehen -, vor und schützt Fettsäuren (Fette) vor Oxidation sowie vor Schäden durch Freie Radikale. In Stresssituationen hilft Coenzym Q10 - soweit ausreichend vorhanden -, die optimale Zellfunktion zu erhalten, den Energiestoffwechsel sowie die Sauerstoffverwertung zu verbessern und damit die Leistungsfähigkeit zu erhöhen.
Psychoneuroimmunologie und Autoimmunerkrankungen
Als vergleichsweise junge Wissenschaft befasst sich die Psychoneuroimmunologie (PNI) - ein Teilgebiet der Psychosomatik - mit dem Einfluss psychischer Faktoren und des Nervensystems auf das Immunsystem bzw. die körperliche Gesundheit. Gegenstand der Untersuchungen sind üblicherweise psychoneuroimmunologische Reaktionen auf psychische Belastungen, welche entweder durch experimentelle oder natürliche, alltagsbedingte Stressoren hervorgerufen werden. Darüber hinaus überprüft die PNI auch positive psychische Zustände und Ereignisse wie Optimismus und soziale Unterstützung hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf immunologische Veränderungen. Ein Forschungsgegenstand der Psychoneuroimmunologie sind Autoimmunerkrankungen.
Das Stress-System
Während das Immunsystem lange Zeit als Einzelkämpfer galt, welcher autonom und unabhängig vom Nerven- und Hormonsystem arbeitet, ist heute bekannt, dass diese 3 Systeme des Körpers interagieren. So werden u. a. Stressreaktionen - Anpassungsleistungen des Organismus an interne und externe Veränderungen zur Aufrechterhaltung der Homöostase - durch ein immuno-neuro-endokrines Netzwerk vermittelt. Zentrale Rollen spielen bei Stressreaktionen das sympathische adrenomedulläre System (SAM), der Parasympathikus und die Hypophysen- Nebennierenrinden-Achse (HPAAchse). Diese stehen wiederum in enger Beziehung zum Immunsystem und anderen Subsystemen des Körpers (z. B. Geschlechtsorgane). Aufgrund ihrer Vermittlerrolle bei der Anpassung an Stressoren bezeichnet man diese Systeme in ihrer Gesamtheit als Stress-System.
Chronischer Stress und das Immunsystem
Sobald der Organismus mit einem Stressor konfrontiert ist, aktiviert der Sympathikus das Stress-System. Im Zuge dieser Aktivierung leitet das Immunsystem eine kurzzeitige Entzündungsreaktion ein, welche mit einem Anstieg proinflammatorischer Zytokine (T-Helferzellen Typ 1, TH1) einhergeht. Um entzündungsbedingte Schädigungen des Organismus zu vermeiden und das physiologische Gleichgewicht der Immunreaktionen aufrechtzuerhalten, werden zusätzlich der Parasympathikus (sog. inflammatorischer Reflex) und die HPA-Achse angeregt. Die mit der Stimulation der HPA-Achse verbundene Abgabe von Kortisol aus der Nebennierenrinde fährt die gesteigerte Entzündungsaktivität zurück. Gleichzeitig wird die antiinflammatorische Immunaktivität (T-Helferzellen Typ 2, TH2) des Körpers gefördert. Diesen Vorgang (kortisolbedingte regulatorische Hemmung der TH1- und Förderung der TH2-Immunaktivität) bezeichnet man als „stressbedingten TH1-TH2-Shift“. Bei anhaltendem, chronischem Stress kommt es zu einer Überaktivität der HPA-Achse (Hyperkortisolismus), was den TH1-TH2-Shift verstärkt.
Crash des Stress-Systems
Durch diese pathologische Verschiebung ist der Körper dauerhaft einer zu hohen Glukokortikoidkonzentration ausgesetzt. Langfristig folgt ein Crash des Stress-Systems: weniger HPA-Achsen-Hormone werden synthetisiert, die Sensitivität der Glukokortikoidrezeptoren nimmt ab (Glukokortikoidresistenz) und die Sensitivität für negative Feedbackmechanismen nimmt zu. Aufgrund dieser gestörten HPA-Achsen-Aktivität ist die Kortisolausschüttung verringert (Hypokortisolismus). Gekoppelt mit der Glukokortikoidresistenz ist der Organismus nicht mehr in der Lage, die stressbedingte Entzündungsreaktion herunterzufahren.
Autoimmunerkrankungen und Stress
Eine kurzzeitige proinflammatorische Reaktion ist grundsätzlich als positiver Abwehrmechanismus und Heilungsimpuls des Körpers zu betrachten. Fehlt aber eine adäquate antiinflammatorische Ausgleichsreaktion, ist der Weg für verschiedenste Entzündungskrankheiten, darunter auch Autoimmunerkrankungen, geebnet. Die genauen Ursachen der meisten Autoimmunerkrankungen sind ungeklärt. Ein psychoneuroimmunologisch wichtiger Gesichtspunkt ist: Eine erhöhte proinflammatorische Immunreaktion ist auch mit einer erhöhten Aktivität autoreaktiver T-Helferzellen (Immunzellen, die körpereigene Gewebe oder Organe angreifen) verbunden. Aufgrund der bei Autoimmunerkrankungen gegebenen Unfähigkeit des Organismus, die autoreaktiven T-Helferzellen zu kontrollieren, entgleisen die Entzündungsreaktionen mit teils lebensbedrohlichen Folgen.