Die Auswirkungen von Drogen auf das Nervensystem: Eine umfassende Analyse

Sucht ist eine komplexe Erkrankung, die tiefgreifende Veränderungen im Gehirn des Betroffenen verursacht. Das menschliche Gehirn ist von Natur aus auf Belohnung ausgelegt. Das Belohnungssystem, das sich entwickelte, um die Selbsterhaltung und die Fortpflanzung zu fördern, motiviert uns durch angenehme Erfahrungen wie Essen und Sex. In der modernen Gesellschaft führt dieses System jedoch dazu, dass wir nach immer mehr Belohnungen streben, was besonders gefährlich wird, wenn Menschen Drogen als "Abkürzung" zur neuronalen Belohnung nutzen.

Wie Drogen das Belohnungssystem manipulieren

Drogen wirken auf unterschiedliche Weise und an verschiedenen Rezeptoren im Gehirn, haben aber alle eine Gemeinsamkeit: Sie aktivieren das Belohnungssystem mithilfe des Neurotransmitters Dopamin. Im Vergleich zu natürlichen Belohnungen setzen Drogen unverhältnismäßig viel Dopamin frei. Amphetamine beispielsweise setzen bei Versuchstieren zehnmal mehr Dopamin frei als Nahrungsaufnahme oder Sex.

Das Gehirn merkt sich, welche Substanzen zu dieser intensiven Belohnung geführt haben. Das Verlangen nach diesen Substanzen verstärkt sich, komplexe neuronale Anpassungsprozesse setzen ein und verändern das Gehirn nachhaltig. Die enge Verknüpfung von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotionen führt zu einem Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird und schließlich in einem automatisierten Handlungsmuster mündet.

Professor Falk Kiefer, Suchtforscher an der Universität Heidelberg, vergleicht Suchtverhalten mit dem intuitiven Spiel eines Klavierspielers, der auf ein Notenblatt reagiert, ohne bewusst zu steuern.

Die Schritte zur Sucht: Habituation, Sensitivierung und Toleranzentwicklung

Auf dem Weg zur Sucht spielen mehrere Schritte eine entscheidende Rolle:

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  • Habituation: Zunächst gewöhnt sich der Betroffene an das durch die Substanzen ausgelöste Gefühl der Leichtigkeit und Euphorie.
  • Sensitivierung (Habit-Bildung): Gleichzeitig wird der Suchtkranke immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme des Suchtstoffes in Verbindung stehen, wie beispielsweise der Anblick eines Bierglases. Dies führt dazu, dass er sich an das angenehme Gefühl erinnert und dem Verlangen nach der Substanz nachgeben möchte.
  • Toleranzentwicklung: Da gleichzeitig eine Toleranzentwicklung einsetzt, reicht die letzte Dosis nicht mehr aus, um das gleiche Gefühl zu entwickeln, sodass der Betroffene immer mehr konsumieren muss.

Neurobiologische Veränderungen im Gehirn von Suchtkranken

Neurowissenschaftlerin Sabine Vollstädt-Klein forscht am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) an den Veränderungen im Gehirn, die bei diesem Prozess auftreten. Sie erklärt, dass das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung ist.

Das mesolimbische System, das sich im Mittelhirn befindet, umfasst das ventrale tegmentale Areal (VTA) und den Nucleus accumbens, der oft als "Lustzentrum" im Gehirn gilt. Der präfrontale Cortex, der für zielgerichtetes Handeln verantwortlich ist, interagiert intensiv mit diesen Netzwerken.

Bei Personen, die zu Abhängigkeit neigen, kann der präfrontale Cortex von vornherein eine Dysfunktion aufweisen. Durch den anhaltenden Substanzkonsum wird dies noch verstärkt, wodurch die kognitive Kontrolle abnimmt.

Top-Down-Hemmung vs. Bottom-Up-Prozesse

Die kognitive Kontrolle über impulsives Verhalten und Automatismen wird als Top-Down-Hemmung bezeichnet. Umgekehrt sprechen Wissenschaftler von Bottom-Up-Prozessen, wenn Reize wahrgenommen und in tieferen Hirnregionen verarbeitet werden, bevor sie an höhere Hirnregionen wie den präfrontalen Cortex weitergeleitet werden.

Bei Suchtpatienten kann das mesolimbische System durch diese Bottom-Up-Prozesse den präfrontalen Cortex sozusagen "kidnappen".

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Das Striatum: Vom ventralen zum dorsalen Teil

Ein besonders bedeutendes Kerngebiet im mesolimbischen System ist das Striatum, das in einen ventralen und einen dorsalen Teil unterteilt wird. Im ventralen Striatum ist der Nucleus accumbens lokalisiert. Bildgebende Studien zeigen, dass bei zunehmender Abhängigkeit die Aktivierung vom ventralen Striatum in das dorsale Striatum wandert.

Dieser Shift könnte damit zusammenhängen, dass sich auch das Verhalten von Suchtkranken in Bezug auf Drogen im Verlauf ändert. Während die Abhängigen anfangs noch freiwillig und zum Vergnügen konsumieren, verlieren sie zunehmend die Kontrolle über ihr Verhalten und sehen sich immer stärker gezwungen, Drogen zu nehmen.

Therapie und Rehabilitation: Neue Verhaltensweisen erlernen

Die Mechanismen der Sucht lassen sich kaum umkehren, da das Gehirn keine "Löschfunktion" hat. Allerdings können neue Verhaltensweisen erlernt werden, die im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen und das vorher Gelernte in den Hintergrund rücken lassen.

Anfangs muss das Erlernen neuer Verhaltensweisen sehr bewusst erfolgen, später wird es dann mehr und mehr selbstverständlich. Doch auch nach längerer Abstinenzzeit wird es immer wieder Situationen geben, die das Suchtverhalten reaktivieren können.

Kokain und seine verheerenden Auswirkungen auf das Gehirn

Kokain begünstigt Schlaganfälle und lässt das Gehirn schneller altern. Eine Metaanalyse von 36 Studien zeigte, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und Schlaganfällen verfünffacht. Eine Studie aus Kanada verglich das Hirngewebe von Kokain-Abhängigen und Nicht-Konsumenten und stellte bei den Suchtkranken einen ausgedehnten Schwund an Nervenzellen in bestimmten Hirnbereichen fest.

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Der Schwund an Nervenzellen geht doppelt so schnell vonstatten wie bei gesunden Menschen. Langzeit-Kokain-Abhängige zeigen Einschränkungen bei der Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit. Darüber hinaus kann Kokain Halluzinationen, Hyperaktivität, Realitätsverlust und Paranoia verursachen.

Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es die Hirnstruktur verändert. Eine Studie zeigte eine ausgedehnte Atrophie der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen bei Kokainabhängigen.

Die Rolle von Dopamin und anderen Neurotransmittern

Drogen manipulieren das Gehirn, indem sie die Konzentration bestimmter Botenstoffe, insbesondere Dopamin, erhöhen. Dadurch wird das Belohnungszentrum befeuert, was zunächst Wohlbefinden auslöst. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung anderer Dinge wie Partnerschaft, Freundschaften, Hobbys oder Beruf ab.

Forscher der Charité - Universitätsmedizin Berlin haben herausgefunden, wie modulatorische Botenstoffe wie Adrenalin, Dopamin und Serotonin die Signalweiterleitung mit Glutamat beeinflussen und damit unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unsere Handlungen verändern. Auch alle psychoaktiven Drogen wirken über dieses modulatorische System, und bei vielen psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen oder Suchtkrankheiten ist es gestört.

Das Molekül Synapsin spielt hierbei eine bedeutende Rolle, indem es die Ausschüttung von Botenstoffen in den Synapsen verändert und somit das Signal verstärkt oder abschwächt.

Die Suche nach den Ursachen für Suchtverhalten

Nicht jeder Mensch, der Drogen konsumiert, entwickelt eine Abhängigkeit. Schätzungen zufolge entwickelt etwa eine von fünf Personen, die Drogen konsumieren, eine Abhängigkeit.

Ein Forschungsteam aus der Schweiz hat möglicherweise einen wichtigen Mechanismus im Gehirn von Mäusen entdeckt, der erklären könnte, warum manche Menschen das offenkundig schädliche Konsumverhalten nicht einstellen können. Sie fanden heraus, dass eine synaptische Verbindung zwischen dem orbitofrontalen Kortex und dem dorsalen Striatum bei Mäusen, die trotz Schmerzen weiter den Hebel drückten, zugenommen hatte. Wurde diese Verbindung künstlich gehemmt, stellten auch die zuvor ausdauernd hebeldrückenden Tiere ihre Aktivität ein.

Die Forscher konnten jedoch nicht klären, warum die Selbststimulation von Dopamin-Neuronen nur bei einem Teil der Mäuse zu zwanghaftem Verhalten geführt hat, zumal es sich um genetisch identische Tiere handelte. Denkbar seien epigenetische Einflüsse, die jedes Lebewesen einzigartig machen und die Gehirnfunktion beeinflussen.

Die langfristigen Folgen von Drogenkonsum

Der längerfristige Konsum von Drogen, wie Amphetamine oder Kokain, fördert einen vorzeitigen geistigen Verfall. Der Rechtsmediziner Professor Andreas Büttner hat die Gehirne von über 200 Drogentoten untersucht und festgestellt, dass neben anderem die Nervenzellen bei Betroffenen abgestorben waren und auch, dass der Grad an Verschaltung zwischen den Zellen abgenommen hatte. Viele Leitungsbahnen waren zerstört und Blutgefäße zeigten vorzeitige Alterungserscheinungen.

Büttner warnt davor, dass bei bestimmten Personen durch Drogeneinnahme Psychosen ausgelöst werden können.

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