Können Urologen auch etwas über das Rückenmark herausfinden?

Urologen konzentrieren sich hauptsächlich auf die Gesundheit der Harnwege bei Männern und Frauen sowie auf die männlichen Geschlechtsorgane. Obwohl ihre Expertise in erster Linie in diesen Bereichen liegt, können Urologen durch ihre Untersuchungen und Behandlungen auch Erkenntnisse gewinnen, die auf Probleme im Rückenmark hindeuten. Dieser Artikel beleuchtet, wie urologische Untersuchungen indirekt Hinweise auf Rückenmarkserkrankungen liefern können und welche Rolle die enge Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten spielt.

Die Verbindung zwischen Urologie und Neurologie

Die Funktion der Harnblase und der Schließmuskeln wird durch ein komplexes Zusammenspiel von Nerven gesteuert, die sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark lokalisiert sind. Das zentrale Nervensystem, bestehend aus Gehirn und Rückenmark, spielt eine entscheidende Rolle bei der Koordination der Blasenfunktion. Störungen in diesem System können zu einer Vielzahl von urologischen Problemen führen.

Die normale Blasenfunktion

Die normale Funktion der Harnblase besteht darin, Urin zu speichern und diesen kontrolliert sowie koordiniert zu entleeren. Diese koordinierte Aktivität wird durch das zentrale und periphere Nervensystem reguliert. Die Harnblase ist ein Hohlorgan, das eine weiche Innenschicht, ähnlich der Mundschleimhaut, und eine äußere Muskelschicht besitzt. Sie setzt sich aus folgenden Anteilen zusammen:

  • Harnblase mit dem Blasenhals (trichterartiger Auslass aus der Harnblase, der zur Harnröhre führt)
  • Harnröhre (schlauchartige Struktur, über die der Urin aus der Harnblase nach außen abfließt)
  • Äußerer Schließmuskel der Harnröhre (Muskelgruppe, die die Harnröhre sowie den Blasenhals umgibt)

Die Blasenfunktion wird über eine feine Koordination der Muskeln und Nerven des Harnsystems gesteuert.

Neurogene Blasenfunktionsstörung

Ein erhöhtes Risiko für eine neurogene Blase besteht bei verschiedenen Geburtsfehlern, welche sich auf das Rückenmark und die Funktion der Harnblase auswirken. Dies ist der Fall, z. B. bei der Spina bifida oder anderen Missbildungen des Rückenmarks. Tumore im Rückenmark oder im kleinen Becken können ebenfalls die normale Funktion der Nervenfasern unterbinden.

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Das Unvermögen, den Harn zu kontrollieren, auch als Harninkontinenz bezeichnet, ist wahrscheinlich das häufigste Symptom der neurogenen Blase. Dieses kann durch eine erniedrigte Blasenkapazität oder eine Störung des Kontrollmechanismus des Blasenhalses oder des äußeren Schließmuskels verursacht werden. Symptome wie Anstrengung während des Wasserlassens oder die Unmöglichkeit, überhaupt Wasser zu lassen, können ebenfalls Symptome einer neurogenen Blase sein. Ein Harnverhalt kann bei der neurogenen Blase ebenfalls auftreten. Andere irritative Symptome wie schmerzvolles Wasserlassen (= Dysurie) können das Ergebnis von Harnwegsinfekten sein, die auf eine zu lange Verweildauer des Harns in der Blase zurückzuführen sind. Harnwegsinfekte mit Fieber sind ein potentielles Zeichen für ernsthafte Nierenbeckenentzündungen (= Pyelonephritis) und stellen eine sehr ernsthafte Erkrankung dar, die zum Funktionsverlust der Nieren führen kann. Nierensteine können sich aufgrund der verlängerten Harnpassage durch den Harntrakt und aufgrund der Harnwegsinfekte bilden. Ein vesicoureterorenaler Reflux, d. h. das Zurückfließen des Urins aus der kranken Harnblase in die Nieren, kann ebenfalls durch einen hohen Blasendruck entstehen.

Wie Urologen Rückenmarksprobleme erkennen können

Urologen nutzen verschiedene diagnostische Verfahren, um die Ursachen von Blasenfunktionsstörungen zu ermitteln. Einige dieser Verfahren können auch Hinweise auf Erkrankungen des Rückenmarks liefern.

Anamnese und körperliche Untersuchung

Eine ausführliche Anamnese, in der der Patient seine Beschwerden und Krankengeschichte schildert, ist der erste Schritt. Dabei achtet der Urologe auf Symptome, die auf neurologische Ursachen hindeuten könnten. Die körperliche Untersuchung umfasst auch die Überprüfung der Reflexe, die durch Nerven gesteuert werden, die durch das Rückenmark verlaufen.

Urologische Untersuchungen

  • Ultraschall: Mit einer Ultraschalluntersuchung können die Blase und die Nieren визуалиiziert werden. Dabei kann der Urologe feststellen, ob Restharn in der Blase verbleibt oder ob es Anzeichen für eine Schädigung der Nieren gibt. Die Ultraschalluntersuchung von Blase (mit Restharnbestimmung) und Niere gehört zu den ersten Schritten.
  • Harnflussmessung (Uroflowmetrie): Diese einfache Untersuchung dient zur Beurteilung der Harnblasenkoordination. Sie misst die Stärke und den Verlauf des Harnstrahls und kann Hinweise auf eine gestörte Funktion des Blasenmuskels oder des Schließmuskels geben.
  • Blasendruckmessung (Urodynamik): Die Blasendruckmessung ist ein zentraler Bestandteil der Diagnostik in der Neurourologie. Mit dieser kann über einen eingelegten, dünnen Mess-Katheter in der Harnblase der Druck und somit Zustand des Blasenmuskels bei der Blasenfüllung beurteilt werden. Während der Entleerung kann das Zusammenspiel von Blasenmuskel und Schließmuskel ausgewertet werden.
  • Blasenspiegelung (Zystoskopie): Bei einer Blasenspiegelung kann der Urologe die Blasenschleimhaut визуалиiziert und Veränderungen der Muskulatur feststellen.

Auffällige Befunde als Hinweis auf Rückenmarkserkrankungen

Bestimmte Befunde bei diesen Untersuchungen können auf eine Beteiligung des Rückenmarks hindeuten:

  • Restharnbildung: Eine unvollständige Entleerung der Blase kann durch einen ausbleibenden Nervenimpuls, eine Fehlkoordination von Blasen- und Schließmuskel oder einen geschädigten Blasenmuskel verursacht werden. Nicht neurogener Genese und immer auszuschließen ist die Verengung der Harnröhre durch eine vergrößerte Prostata oder Striktur.
  • Hochdruckblase: Die schwerste Form der fehlenden Absprache von Harnblasen- und Schließmuskel stellt die Hochdruckblase dar. Hierbei presst der Blasenmuskel gegen den gleichzeitig kontrahierten Schließmuskel, sodass eine ausgeprägte Druckbelastung mit möglicher Schädigung des gesamten Harntraktes führt. Der Blasenmuskel verdickt und wird narbig umgebaut, der Urinabfluss kann wesentlich gestört und die Nierenfunktion so beeinträchtigt werden.
  • Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD): Bei dieser Störung kontrahiert sich der Blasenmuskel gleichzeitig mit dem Schließmuskel, was zu einem hohen Druck in der Blase und einer unvollständigen Entleerung führt.
  • Sensibilitätsstörungen: Veränderungen der Sensibilität in der Blase, wie z. B. ein fehlendes Harndranggefühl oder eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit, können ebenfalls auf eine neurologische Ursache hinweisen.

Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten

Wenn der Urologe aufgrund der Untersuchungsergebnisse den Verdacht auf eine Rückenmarkserkrankung hat, ist eine enge Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten erforderlich.

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Neurologen

Neurologen sind Spezialisten für Erkrankungen des Nervensystems. Sie können weitere Untersuchungen durchführen, um die Diagnose zu sichern und die Ursache der Rückenmarkserkrankung zu ermitteln. Zu den möglichen Untersuchungen gehören:

  • MRT des Rückenmarks: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem das Rückenmark визуалиisiert werden kann. Sie kann Veränderungen wie Entzündungen, Tumore oder Verletzungen darstellen.
  • Evozierte Potentiale: Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität des Gehirns als Reaktion auf Stimulationen von Nervenbahnen. Sie kann helfen, Schädigungen der Nervenbahnen im Rückenmark zu erkennen. Jede Störung im Verlauf der Nervenbahnen kann zu veränderten evozierten Potentialen führen (z.B. Tumore, Schlaganfälle, Sehnerventzündung, Multiple Sklerose, Vitaminmangel, Polyneuropathien, Rückenmarkserkrankungen, u.v.m.). Auch eignen sich die Potentiale zur Verlaufskontrolle zur Bewertung des Behandlungserfolges (z.B.
  • Lumbalpunktion: Bei einer Lumbalpunktion wird Nervenwasser aus dem Rückenmarkkanal entnommen und untersucht. Dies kann helfen, Entzündungen oder Infektionen des Nervensystems festzustellen. Das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) wird von einer Flüssigkeit umspült (Liquor cerebrospinalis = Nervenwasser). Die Menge beträgt etwa 125 ml, eine vollständige Erneuerung findet alle 6 Stunden statt. Die Untersuchung wird entweder im Sitzen oder im Liegen durchgeführt. Dabei werden alle hygienischen Maßnahmen wie Desinfektion, Verwendung steriler Handschuhe und Nadeln berücksichts. „Katzenbuckel“ einnehmen, Schultern nach vorn, Kopf abgesenkt. Der Arzt bringt die Nadel zwischen dem 3. und 4. Lendenwirbelkörper ein. Das normalerweise klare und dünnflüssige Nervenwasser wird in mehrere Probenröhrchen abgelassen. Danach wird die Nadel wieder entfernt und ein steriler Verband angelegt. Der Patient hält anschließend Bettruhe ein. Es werden etwa 5-10 ml entnommen, eine geringe Menge, die innerhalb kürzester Zeit wieder nachgebildet wird. Spezielle Untersuchungen des Liquoreiweißes sind wesentlich für die Diagnose der multiplen Sklerose, aber auch für die Unterscheidung verschiedener Demenzerkrankungen. Messungen des Liquordrucks sind möglich und geben Rückschlüsse auf bestimmte Erkrankungen (z.B. Mittels einer Lumbalpunktion können Medikamente direkt in das Nervenwasser gegeben werden, z.B.

Neurochirurgen

In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Ursache der Rückenmarkserkrankung zu beheben. Neurochirurgen sind auf Operationen am Nervensystem spezialisiert und können beispielsweise Tumore entfernen oder Verletzungen des Rückenmarks behandeln.

Rehabilitationsmediziner

Nach einer Rückenmarkserkrankung ist oft eine Rehabilitation erforderlich, um die körperlichen Funktionen wiederherzustellen. Rehabilitationsmediziner können den Patienten dabei helfen, ihre Blasenfunktion zu verbessern und ihre Lebensqualität zu erhöhen.

Mögliche Rückenmarkserkrankungen, die sich urologisch äußern können

Verschiedene Rückenmarkserkrankungen können sich durch urologische Symptome äußern:

  • Multiple Sklerose (MS): MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen kann, einschließlich Blasenfunktionsstörungen. Für die Steuerung des Schließmuskels und des Austreibungsmuskels in der Blase gibt es ein komplexes Regelsystem im Bereich des zentralen Nervensystems, das im Rückenmark, aber auch im Gehirn lokalisiert ist. Da im Rahmen der Multiplen Sklerose an den unterschiedlichsten Orten Entzündungsherde auftreten können, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das weitverzweigte Netz der neurourologischen Steuerungszentren betroffen ist, relativ groß. Initial ist der sog. imperative Harndrang das häufigste Symptom, das bei einer Multiplen Sklerose auftritt. Schon bei geringer Blasenfüllung signalisiert die Blase, dass sie schnell entleert werden müsse. Bei dem folgenden Toilettengang, der zeitnah erfolgen muss, damit kein Unglück geschieht, kann aber nur eine relativ kleine Urinmenge abgesetzt werden. Weitere Störungen, die sich im MS-Verlauf entwickeln können, sind das Auftreten von Restharn, das wiederum Infektionen durch den in der Blase verbleibenden Urinrest fördern kann, sowie komplexe Störungen im Zusammenspiel zwischen Schließmuskel und Austreibungsmuskel.
  • Querschnittslähmung: Eine Querschnittslähmung ist eine Schädigung des Rückenmarks, die zu einer Lähmung und Sensibilitätsstörungen unterhalb der Verletzungshöhe führt. Die Blasenfunktion ist häufig beeinträchtigt, was zu Inkontinenz oder Harnverhalt führen kann.
  • Spina bifida: Spina bifida ist eine angeborene Fehlbildung des Rückenmarks, die zu einer Vielzahl von neurologischen Problemen führen kann, einschließlich Blasenfunktionsstörungen.
  • Tumore des Rückenmarks: Tumore, die im Rückenmark wachsen, können die Nervenbahnen schädigen und zu Blasenfunktionsstörungen führen.
  • Bandscheibenvorfälle: In seltenen Fällen kann ein Bandscheibenvorfall auf das Rückenmark drücken und zu Blasenfunktionsstörungen führen.
  • Infektionen des Rückenmarks: Infektionen wie Meningitis oder Myelitis können das Rückenmark schädigen und zu Blasenfunktionsstörungen führen. seltene degenerative Nervenerkrankungen (z.B. Infektionen des Nervensystems (z.B.

Behandlung von Blasenfunktionsstörungen bei Rückenmarkserkrankungen

Die Behandlung von Blasenfunktionsstörungen bei Rückenmarkserkrankungen zielt darauf ab, die Blase regelmäßig zu entleeren, Infektionen zu vermeiden und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Je nach zugrunde liegender Störung bestehen prinzipiell zwei unterschiedliche Therapieansätze, die teilweise auch kombiniert werden:

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  • Entleerung verbessern/optimieren
  • Blase entspannen/beruhigen/blockieren

Zu den möglichen Behandlungen gehören:

  • Medikamente: Medikamente können helfen, den Blasenmuskel zu entspannen oder die Kontraktionen des Schließmuskels zu reduzieren. Medikamente können die Blasenfunktion verbessern, indem sie den Auslasswiderstand am Blasenhals senken, z.B. alpha- Blocker wie Alfuzosin oder Tamsulosin. Medikamente können den Blasenmuskel beruhigen. So werden Antimuskarinergika eingesetzt (Oxybutinin, Darifenacin, Trospiumchlorid, Fesoterodin, Solifenacin u.a.) und bis auf eine Mundtrockenheit meist gut toleriert.
  • Katheterisierung: Wenn der Patient die Blase nicht selbstständig entleeren kann, kann ein Katheter verwendet werden, um den Urin abzuleiten. Eine saubere intermittierende Katheterisierung sollte bei Patienten angewendet werden, die die Harnblase nicht komplett entleeren können. Das chirurgische Einschneiden des äußeren Schließmuskels (= Sphinkterotomie) kann durchgeführt werden um einen ungehinderten Abfluss des Urins und eine akzeptable Harnröhrenweite für die saubere intermittierende Katheterisierung zu ermöglichen.
  • Botulinumtoxin-Injektionen: Die Injektion von Botulinumtoxin in den Blasenmuskel kann helfen, die Kontraktionen des Blasenmuskels zu reduzieren und die Blasenkapazität zu erhöhen. Die endoskopische Injektion von Medikamenten, die zu einer Lähmung der Harnblase führen (=Botox, Botulinum Toxin), ist ebenfalls eine therapeutische Option.
  • Blasenschrittmacher (Sakrale Neuromodulation): Bei dieser Therapie wird ein kleiner Neurostimulator implantiert, der elektrische Impulse an die Nerven sendet, die die Blase steuern. Sofern kein ausgeprägter muskulärer Blasenschaden vorliegt kann eine sakrale Neuromodulation versucht werden.
  • Operation: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Blasenfunktion zu verbessern. Die Funktion der Blase kann sich trotz medikamentöser Behandlung und Selbstkatheterismus so verschlechtern, dass die Kapazität der Blase sinkt oder ein Reflux auftritt. In solch einer Situation werden weitere chirurgische Maßnahmen notwendig. Dazu gehört die Blasenaugmentation (= Vergrößerung der Blase, meistens mit Darmanteilen) und/oder die operative Sanierung eines vesico-uretero-renalen Refluxes. Letztendlich kann es notwendig sein, die Harnblase als Harnreservoir zu umgehen, wobei ein neues Reservoir für die Speicherung des Harnes geschaffen werden muss.

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