Kontrakturen und Spastiken stellen in der Altenpflege erhebliche Herausforderungen dar. Sie beeinträchtigen die Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Präventionsmaßnahmen und Behandlungsoptionen, um Pflegekräften und Angehörigen ein umfassendes Verständnis zu vermitteln.
Einführung
Kontrakturen, dauerhafte Gelenkversteifungen infolge verkürzter Muskeln, Sehnen und Bänder oder geschrumpfter Gelenkkapseln, und Spastiken, eine Form der Muskelverkrampfung, sind häufige Probleme in der Altenpflege. Sie entstehen oft durch Inaktivität, falsche Lagerung oder neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Ursachen, Prävention und Behandlungsstrategien, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Ursachen von Kontrakturen
Inaktivität und Bewegungsmangel
Der Körper ist auf regelmäßige Bewegung ausgerichtet. Körperliche Aktivität hält Gelenke funktionsfähig. Das Motto lautet: „Wer rastet, der rostet“. Im Pflegealltag kommt es jedoch häufig unfreiwillig zu Bewegungspausen oder vollständiger Immobilität. Dies kann bei fehlenden prophylaktischen Maßnahmen zu einer dauerhaften Versteifung der Gelenke führen.
Bettlägerigkeit und falsche Lagerung
Gefährdet sind besonders (alte) Menschen durch lange Bettlägerigkeit oder unsachgemäße Lagerung. Aber auch dauerhaftes Sitzen im Rollstuhl kann zu einer Gelenkversteifung führen.
Neurologische Erkrankungen und Spastik
Bestimmte medizinische Bedingungen, insbesondere neurologische und rheumatologische Erkrankungen, sowie die Einnahme spezifischer Medikamente, können das Risiko für Kontrakturen erheblich erhöhen. Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Arthritis führen zu Muskelspastik, Verkürzungen und Steifheit der Gelenke, die die Beweglichkeit stark einschränken.
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Schmerzbedingte Schonhaltungen
Schmerzhafte Gelenke zwingen Patienten oft dazu, schützende Haltungen einzunehmen, was die Beweglichkeit weiter einschränkt. Durch den Einsatz von Lagerungshilfsmitteln wie Kissen und Polstern können schmerzhafte Druckstellen vermieden und die Gelenke in einer optimalen Position gehalten werden.
Arten von Kontrakturen
- Spastische Kontrakturen: Entstehen durch übermäßige Muskelspannung oder Muskelspastik, häufig infolge neurologischer Erkrankungen wie Schlaganfall oder Multipler Sklerose.
- Arthrogene Kontrakturen: Resultieren aus direkten Gelenkerkrankungen oder -verletzungen, wie etwa Arthritis, Arthrose oder operativen Eingriffen.
- Myogene Kontrakturen: Bedingt durch Veränderungen im Muskelgewebe, etwa durch Atrophie nach längerer Immobilität oder durch Muskelentzündungen.
- Bogenartige Kontrakturen: Entstehen durch wiederholte oder einseitige Bewegungsmuster, die zu bogenartigen Bewegungsabläufen führen.
Diagnose von Kontrakturen
Die Diagnose einer Kontraktur beruht vor allem auf der klinischen Untersuchung. Zunächst inspiziert die Ärztin das betroffene Körperteil und vergleicht es mit der Gegenseite. Meist sind die Fehlstellung und die eingeschränkte Beweglichkeit mit bloßem Auge sichtbar. Bei der Tastuntersuchung lassen sich häufig strangartige Veränderungen des verhärteten Bindegewebes fühlen. Zudem prüft die Ärztin vorsichtig die Beweglichkeit der Gelenke. Kann die Patient*in noch laufen, weisen Veränderungen der Bewegungsabläufe auf Kontrakturen hin.
Bildgebende Verfahren
Bei Kontrakturen können Röntgenaufnahmen aufzeigen, ob knöcherne Veränderungen der Gelenke vorliegen. Besonders detailliert lässt sich das bei der Computertomografie sehen. Manche Ärzt*innen setzen auch die Sonografie ein.
Kontrakturprophylaxe: Vorbeugung ist besser als Nachsorge
Eine Kontraktur lässt sich nur sehr selten wieder rückgängig machen. Deshalb hat die Vorbeugung, d. h. die Kontrakturprophylaxe, eine große Bedeutung. Die Kontrakturprophylaxe dient der Vorbeugung einer Kontraktur. Eine Kontraktur ist eine Gelenkversteifung, die auftritt, wenn sich Sehnen, Muskeln und Bänder dauerhaft verkürzen. Insbesondere Menschen, die sich im Alltag nur wenig oder gar nicht bewegen, sind von einer Kontraktur betroffen. Auch eine Schonhaltung, beispielsweise aus Sorge vor Schmerzen, kann die Körperstrukturen zu wenig herausfordern und so zu einer Verkürzung führen.
Expertenstandard Mobilität
Die Kontrakturprophylaxe hat keinen eigenen Expertenstandard, ist allerdings in den Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität“ eingebettet. Das oberste Ziel hierbei ist die Mobilität von Patienten zu erhalten und zu fördern. Fünf Schritte sind dabei besonders wichtig:
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- Mobilität einschätzen
- Maßnahmen planen
- Beratung
- Angebote
- Evaluation
Aufgaben im Rahmen der Prophylaxe
Pflegefachpersonen im Pflegeheim oder eines ambulanten Pflegedienstes können mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog dafür sorgen, dass das Risiko im Pflegealltag erheblich sinkt.Dabei helfen folgende Aufgaben:
- Allgemeine Beobachtung des Gesundheitszustandes: Wie fühlt sich der Pflegebedürftige? Gibt es bereits Anzeichen auf eine Kontraktur wie Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen?
- Risiken des Pflegebedürftigen erkennen: Besitzt der Pflegebedürftige Erkrankungen des Weichteilapparates oder der Gelenke?
- Umfeldbedingte und umweltbezogene Risiken analysieren: Wie wahrscheinlich ist es, dass die pflegebedürftige Person eine Kontraktur entwickelt - liegen Lähmungen, Schonhaltungen oder eine Bettlägerigkeit vor?
- Wünsche und Vorstellungen des Pflegebedürftigen mit einbeziehen: Welche Bewegungsformen lassen sich gut in den Pflegealltag einbringen, woran hat der Pflegebedürftige Freude?
- Umfang des Risikos identifizieren: Wie hoch ist das Risiko, dass der Pflegebedürftige in naher Zukunft eine Kontraktur entwickelt und welche Gelenke können betroffen sein?
- Geeignete Maßnahmen zusammenstellen: Welche Bewegungsübungen bieten sich für den Pflegebedürftigen an, welche sind erfolgversprechend?
- Information der Pflegebeteiligten: Welche Pflegepersonen, die beispielsweise im Pflegeheim mit dem Pflegebedürftigen in Berührung kommen, müssen die Informationen zur Kontrakturprophylaxe erhalten?
- Besprechung im Pflegeteam: Wer setzt die Maßnahmen der Kontrakturprophylaxe um? Inwiefern ist eine Mitarbeit des Pflegebedürftigen gefragt?
- Beratung des Betroffenen und der Angehörigen: Warum ist die Kontrakturprophylaxe erforderlich? Wie wird sie umgesetzt? Auf welche Weise können pflegende Angehörige helfen?
- Durchführung der Kontrakturprophylaxe: Gezielte Umsetzung der geplanten Maßnahmen.
- Anleiten bzw. Abgabe der Maßnahmen: Welche Maßnahmen können Pflegebedürftige und pflegende Angehörige für die Kontrakturprophylaxe übernehmen? Worauf müssen sie dabei achten?
- Evaluierung der Maßnahmen: Welchen Erfolg haben die Maßnahmen zu verzeichnen?
Aktive und passive Bewegungsübungen
Aktive Bewegungsübungen, die die Betroffenen mehrmals täglich selbstständig ausführen. Sie sollen z. B. die Finger oder Zehen strecken, beugen oder spreizen sowie die Hand- und Sprunggelenke drehen. Passive Bewegungsübungen werden von Physiotherapeut*innen oder Pflegefachkräften übernommen. Sie bewegen die Körperteile und Gelenke der Betroffenen, klopfen, bürsten oder kühlen sie. Bei der Kontrakturprophylaxe helfen aktive und passive Bewegungsübungen, die alle Gelenke miteinbeziehen.
Lagerung
Die Lagerung der Patient*innen ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil der Kontrakturprophylaxe. Dabei müssen unbedingt die Bedürfnisse und Wünsche der Betroffenen berücksichtigt werden. Bei der speziellen Lagerung sind zahlreiche Aspekte zu beachten. So wird häufig empfohlen, das gefährdete Gelenk alle zwei bis drei Stunden neu zu positionieren, und zwar abwechselnd in Streck-, Mittel- und Beugestellung. Ist das nicht möglich, wird eine Lagerung in Funktionsstellung angestrebt. Eine weitere wichtige Maßnahme zur Vorbeugung einer Gelenkversteifung ist die richtige Lagerung - diese ist vor allem dann wichtig, wenn Ihr Angehöriger bettlägerig ist. Das gefährdete Gelenk kann hierzu alle zwei Stunden abwechselnd in eine Streckstellung, Mittelstellung oder Beugestellung gelagert werden. Hat der Arzt keine spezielle Lagerung verordnet, ist die Funktionsstellung dann die richtige Wahl. Das bedeutet, die Gelenke werden in die Mittelstellung zwischen extremer Beugung und Streckung positioniert. Die Funktionsstellung kann dabei helfen, bei fortschreitender Versteifung eine bestmögliche Beweglichkeit zu erhalten.
Spitzfußprophylaxe
Die Spitzfußprophylaxe ist vor allem bei Menschen mit einem Schlaganfall von allergrößter Bedeutung - auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Hier können Angehörige gut unterstützen. Gleiches gilt für die Vorbeugung von Kontrakturen bei der Pflege alter bettlägeriger Menschen. Auch in diesen Fällen kann man als Angehörige das Pflegepersonal und die Physiotherapeutinnen unterstützen. Wichtig ist dabei, den Anleitungen durch die Expertinnen Folge zu leisten. Eine Form der Kontraktur ist bei immobilen Patienten besonders gefürchtet: der Spitzfuß. Er stellt sich durch das Zusammenwirken des fußeigenen Gewichtes, dem Bewegungsmangel des Fußgelenkes und durch die auf dem Fuß liegende Bettdecke ein. Um einen Spitzfuß zu verhindern, sollte die Bettdecke deshalb bei Bettlägerigen nicht auf dem Fuß aufliegen - darauf können Sie als Angehöriger bei der täglichen Pflege achten. Außerdem sollte der Fuß eine Position einnehmen, als ob Ihr Familienmitglied steht. Von alleine ist diese Fußstellung nicht dauerhaft beizubehalten.
Behandlungsansätze bei Kontrakturen
Physiotherapie
In sehr frühen Stadien kann man versuchen, das Gewebe zu dehnen und die Beweglichkeit zu verbessern. Dazu dient die Physiotherapie mit aktiven und passiven Bewegungsübungen. Die Krankengymnastik kann durch aktive und passive Mobilisation versuchen, die verkürzte Unterschenkelmuskulatur zu dehnen und den Fuß auf diese Weise in seine Normalposition zurückzubringen (manuelle Redression).
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Hilfsmittel
Ein- oder beidseitige Absatzerhöhungen erleichtern häufig das Gehen.
Operative Maßnahmen
Vor allem bei Kontrakturen an der Hand kommt als letzte Option auch eine Operation infrage.
Spastik in der Altenpflege
Spastik ist ein Zustand erhöhter Muskelspannung, der oft mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose einhergeht. Sie kann zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Kontrakturen führen. Die Behandlung von Spastik umfasst medikamentöse und nicht-medikamentöse Ansätze.
Ursachen und Symptome von Spastik bei MS
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Myelinscheiden der Nervenfasern angegriffen werden. Dies führt zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen, einschließlich Spastik.
- Ursachen: Die genauen Ursachen von MS sind unklar, aber genetische und Umweltfaktoren spielen eine Rolle. Die Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem führen zur Schädigung der Myelinscheiden und der Nervenfasern selbst, was die Signalübertragung beeinträchtigt.
- Symptome: MS kann eine Vielzahl von Symptomen verursachen, darunter Müdigkeit, Koordinationsstörungen, Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen und Spastik. Die Symptome variieren stark von Patient zu Patient und können im Laufe der Zeit schwanken.
Medikamentöse Therapie
Medikamente wie Baclofen und Tizanidin werden häufig zur Linderung von Spastik eingesetzt. Benzodiazepinderivate können ebenfalls helfen, aber sie bergen das Risiko von Verwirrtheit und Abhängigkeit. Glukokortikoide können bei akuten Schüben eingesetzt werden, sind aber nicht für die Langzeitbehandlung geeignet.
Nicht-medikamentöse Therapie
Physiotherapie, Ergotherapie und логопедии spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Spastik. Dehnübungen, массаж und Lagerungstechniken können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und Kontrakturen vorzubeugen. Hilfsmittel wie Orthesen können die Mobilität verbessern und Fehlstellungen korrigieren.
Bobath-Konzept in der Pflege
Das Bobath-Konzept ist ein bewährter Ansatz, der sich durch Pflege, Therapie und Alltag zieht. Es verfolgt ein zentrales Ziel: Fähigkeiten zurückzugewinnen oder neue Wege zu finden, um den Alltag bestmöglich zu meistern. Die Maßnahmen sind alltagsnah, individuell angepasst und immer auf die Möglichkeiten der betroffenen Person ausgerichtet.
- Prinzipien: Das Bobath-Konzept ist alltags- und handlungsorientiert, dialogisch, zielorientiert und ressourcenorientiert. Es nutzt die Neuroplastizität des Gehirns, um verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen.
- Anwendungen: Die Bobath-Waschung fördert die Körperwahrnehmung, die Bobath-Lagerung wirkt Spastiken entgegen, und die Bobath-Mobilisation fördert die Bewegung im Alltag.
Kinästhetik
Kinästhetik schult die eigene Bewegungswahrnehmung. In der Pflege findet eine gemeinsame Bewegung mit dem Patienten statt, die analysiert und auf das individuelle Bewegungsmuster des Patienten ausgerichtet wird. Die pflegende Person fördert die Gesundheit des Patienten, indem sie ihn dabei unterstützt, sich selbst zu bewegen. Dadurch werden innere Prozesse wie die Atmung oder die Durchblutung angeregt.
Multiple Sklerose und Pflegeplanung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Symptome können vielfältig sein und reichen von Koordinationsstörungen bis hin zu Sensibilitätsstörungen. Die Pflege von MS-Patienten erfordert eine individuelle Anpassung an die jeweiligen Bedürfnisse.
Herausforderungen in der Pflege von MS-Patienten
MS-Patienten können unter einer Vielzahl von Symptomen leiden, die die Pflege erschweren. Dazu gehören Spastiken, Koordinationsstörungen, Müdigkeit, Sensibilitätsstörungen und Stimmungsschwankungen. Eine umfassende Pflegeplanung ist daher unerlässlich.
Pflegeplanung für MS-Patienten
Eine Pflegeplanung für MS-Patienten sollte folgende Aspekte berücksichtigen:
- Mobilität: Förderung der Mobilität durch физиотерапия, Ergotherapie und Hilfsmittel wie Rollstühle oder Gehhilfen.
- Spastikmanagement: Einsatz von Medikamenten und nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Linderung von Spastik.
- Hautpflege: Regelmäßige Hautinspektion und -pflege zur Vorbeugung von Dekubitus.
- Ernährung: Ausgewogene Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
- Kommunikation: Unterstützung bei Kommunikationsschwierigkeiten durch логопедия oder alternative Kommunikationsmittel.
- Psychosoziale Unterstützung: Berücksichtigung von Stimmungsschwankungen und psychischen Belastungen.
- Schmerzmanagement: Linderung von Schmerzen durch Medikamente und alternative Therapien.
- Kontrakturenprophylaxe: Durchführung von aktiven und passiven Bewegungsübungen sowie korrekter Lagerung.
Praktische Tipps für die Pflege von MS-Patienten
- Unterstützung bei der Körperpflege: Bereitstellung von Hilfsmitteln wie Elektrozahnbürsten oder Duschrollstühlen.
- Anpassung der Umgebung: Gestaltung einer sicheren und barrierefreien Umgebung.
- Förderung der Selbstständigkeit: Ermutigung der Patienten, so viel wie möglich selbstständig zu tun.
- Berücksichtigung von Tageszeitlichen Schwankungen: Anpassung der Pflege an die individuellen Bedürfnisse und Tageszeitlichen Schwankungen der Symptome.
- Beobachtung und Dokumentation: Regelmäßige Beobachtung und Dokumentation der Symptome und des Therapieerfolgs.
Fallbeispiel: Pflege eines MS-Patienten mit Streckspastik
Ein Bewohner leidet unter Multipler Sklerose und einer Streckspastik. Die Pflegekraft winkelt die Beine vorsichtig und ohne Gewalt an. Gegebenenfalls wird der Bewohner mit einer Peronaeusschiene versorgt. Bei Sensibilitätsstörungen wird der Bewohner regelmäßig umgelagert, z.B. in Bauchlage mit Kissen unter Unterschenkel und Becken.
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