Einführung
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle können verschiedene Ursachen haben, und in manchen Fällen werden sie durch spezifische Auslöser, sogenannte Trigger, hervorgerufen. Reflex-Epilepsien stellen eine seltene Form dar, bei der Krampfanfälle durch bestimmte sensorische oder kognitive Reize ausgelöst werden. Ein besonders ungewöhnlicher Fall ist die Sudoku-Epilepsie, bei der das Lösen von Sudoku-Rätseln Anfälle auslöst.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte unprovozierte Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Ein Krampfanfall ist eine plötzliche, unkontrollierte elektrische Störung im Gehirn. Es gibt viele verschiedene Arten von Epilepsie und Krampfanfällen.
Reflex-Epilepsie: Wenn Reize zu Anfällen führen
Reflex-Epilepsien machen weniger als 2 % aller Epilepsie-Fälle aus. Bei dieser Form der Epilepsie werden Anfälle durch spezifische Reize ausgelöst, die das Gehirn besonders beanspruchen. Häufige Auslöser sind visuelle Reize wie flackerndes Licht oder Computerspiele mit schnellen Bildwechseln. Es gibt jedoch auch seltenere Auslöser wie Lesen, Rechnen, Zähneputzen oder das Hören bestimmter Melodien.
Der Fall des Sudoku-spielenden Studenten
Ein bemerkenswerter Fall von Reflex-Epilepsie wurde von Ärzten um Privatdozent Berend Feddersen von der Ludwig-Maximilians-Universität München beschrieben. Ein 25-jähriger Sportstudent erlitt nach einem Skiunfall, bei dem er von einer Lawine verschüttet wurde und 15 Minuten ohne Sauerstoff ausharren musste, eine ischämische Hirnverletzung. In der Folge entwickelte er posthypoxische Myoklonien, die vor allem den Mund beim Sprechen und die Beine beim Gehen betrafen.
Einige Wochen später bemerkte der Student, dass sein linker Arm heftig zu zucken begann, sobald er versuchte, ein Sudoku-Rätsel zu lösen. Dieses Phänomen trat ausschließlich beim Sudoku-Spielen auf, nicht aber bei anderen kognitiven Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen.
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Die Diagnose: Sudoku-Epilepsie
Die Ärzte führten eine gründliche Untersuchung durch, um die Ursache der Anfälle zu ermitteln. Im EEG zeigte sich beim Lösen eines Sudokus ein rechtsseitiges, zentroparietales Anfallsmuster. Eine MRT-Untersuchung brachte keine Auffälligkeiten zutage. Mithilfe einer Technetium-PET konnte jedoch eine Hyperperfusion der Pars posterior des Gyrus cinguli festgestellt werden. Eine Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) zeigte zudem einen rechtsseitigen, zentroparietalen Mangel an inhibitorischen U-Fasern, der zu einer Übererregbarkeit im zentroparietalen Kortex führte.
Die Rolle des Gyrus cinguli und der Nervenbahnen
Die funktionelle Kernspintomographie zeigte, dass die Provokation eines Anfalls mit einer Hyperperfusion im posterioren Gyrus cinguli einherging. Diese Region des limbischen Systems ist besonders stoffwechselreich und wird für kognitive Aufgaben verwendet. Der Verlust bestimmter Nervenbahnen (zentroparietale inhibitorische U-Fasern), die normalerweise die Hirnaktivität mindern, könnte durch den Skiunfall verursacht worden sein. Dies führte zu einer vermehrten Aktivität im Gehirn, die die Reflex-Epilepsie plausibel erklärt.
Behandlung und Umgang mit Sudoku-Epilepsie
Wie bei anderen Reflex-Epilepsien bestand die Behandlung in diesem Fall darin, den auslösenden Reiz zu vermeiden. Der Student musste lernen, auf das Lösen von Sudokus zu verzichten, wodurch die Anfälle ausblieben. Eine antiepileptische Langzeittherapie war nicht erforderlich.
Weitere Erkenntnisse und Forschung
Der Fall des Sudoku-spielenden Studenten zeigt, wie spezifische kognitive Tätigkeiten bei manchen Menschen epileptische Anfälle auslösen können. Ähnliche Formen von Reflex-Epilepsien, die durch Kopfrechnen, Problemlösen oder Spiele mit hoher räumlich-visueller Anforderung ausgelöst werden, sind in der medizinischen Literatur beschrieben.
Sport und Epilepsie
Viele Epilepsie-Patienten sind unsicher, ob sie Sport treiben dürfen, da sie befürchten, einen Anfall auszulösen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Sport die Wahrscheinlichkeit von Anfällen nicht erhöht, sondern eher senken kann. Wichtig ist, die richtige Sportart zu wählen. Grundsätzlich sind alle Sportarten erlaubt, die im Falle eines Anfalls nicht gefährlich werden. Ausdauersportarten wie Joggen oder Wandern sind in der Regel kein Problem. Auch Mannschaftssportarten wie Fußball, Volleyball, Badminton oder Tanzen sind oft unproblematisch, da im Falle eines Anfalls sofort Hilfe vor Ort ist. Allerdings sollten Mitspieler oder Trainer vorher über die Epilepsie informiert und Sofortmaßnahmen besprochen werden.
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Sportarten, die mit einem erhöhten Risiko verbunden sind, sind Schwimmen, Paddeln, Rudern oder Segeln, da ein Verlust des Bewusstseins im Wasser lebensgefährlich sein kann. Diese Sportarten sollten niemals alleine ausgeübt werden, und es sollten spezielle Schwimmwesten getragen werden, um das Risiko zu verringern.
Epilepsie und weitere Risiken
Es ist wichtig zu beachten, dass Epilepsie mit einem erhöhten Suizid- und Sterberisiko verbunden sein kann. Viele Menschen mit Epilepsie sterben frühzeitig eines nicht natürlichen Todes, wobei Suizide eine Rolle spielen. Daher ist eine umfassende Betreuung von Epilepsie-Patienten, die auch psychologische Aspekte berücksichtigt, von großer Bedeutung.
Medikamentöse Behandlung von Epilepsie
Bei der medikamentösen Behandlung von Epilepsie ist zu beachten, dass einige Medikamente, wie beispielsweise Valproat, bei Frauen im gebärfähigen Alter nur unter strengen Auflagen eingesetzt werden dürfen, da sie das Risiko von Fehlbildungen beim Kind erhöhen können. In Frankreich sind seit den 1960er Jahren schätzungsweise 2.150 bis 4.100 Kinder mit Fehlbildungen geboren worden, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Valproat eingenommen hatten.
Auch bei der Umstellung auf Generika des Antiepileptikums Lamotrigin ist Vorsicht geboten, da ein Wechsel zwischen verschiedenen Generika aus ökonomischen Gründen zu Problemen führen kann.
Neue Entwicklungen in der Epilepsie-Forschung
Die Forschung im Bereich der Epilepsie schreitet stetig voran. So wurden beispielsweise neue Gene entdeckt, die für bestimmte Formen von Epilepsie verantwortlich sind, wie beispielsweise Mutationen in einem Kalium-Ionenkanal-Gen, die frühkindliche Epilepsien auslösen können. Auch die Rolle von Gendefekten bei Rolando- und anderen Epilepsien im Kindesalter wird zunehmend besser verstanden.
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Darüber hinaus gibt es vielversprechende Ansätze zur Behandlung von therapieresistenten Epilepsien. Eine kohlenhydratarme Ernährungsweise mit hohem Fettanteil könnte die Anzahl epileptischer Anfälle verringern. Auch der Einsatz von Medizinalcannabis, insbesondere Cannabidiol (CBD), hat sich bei der Behandlung von bestimmten Epilepsieformen, wie beispielsweise dem Lennox-Gastaut-Syndrom oder dem Dravet-Syndrom, als vielversprechend erwiesen.
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