Krampfanfälle nach künstlichem Koma: Ursachen, Risiken und Behandlungsansätze

Ein künstliches Koma, medizinisch präziser als kontrollierte Langzeitnarkose bezeichnet, ist ein Verfahren, bei dem Patienten mithilfe von Medikamenten in einen tiefen Schlaf versetzt werden. Ziel ist es, den Körper nach schweren Verletzungen, Operationen oder bei lebensbedrohlichen Erkrankungen zu entlasten und den Heilungsprozess zu fördern. Obwohl das künstliche Koma selbst das Gehirn in der Regel nicht schädigt, können im Zusammenhang mit der Grunderkrankung, der Langzeitnarkose und der Aufwachphase Komplikationen auftreten, darunter auch Krampfanfälle.

Ursachen für Krampfanfälle nach künstlichem Koma

Krampfanfälle nach einem künstlichen Koma können verschiedene Ursachen haben:

  • Grunderkrankung: Schwere Hirnschädigungen, Hirnverletzungen oder neurologische Erkrankungen, die zum künstlichen Koma geführt haben, können auch nach dem Aufwachen Krampfanfälle auslösen.
  • Sekundäre Hirnschäden: Während des künstlichen Komas können sekundäre Hirnschäden entstehen, beispielsweise durch Sauerstoffmangel (Hypoxie), Blutdruckabfall (Hypotension) oder erhöhten Hirndruck (intrakranieller Druck, ICP). Hypotensionen und Hypoxämien gehen nachweislich mit einer Verschlechterung des Outcome einher.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die während des künstlichen Komas eingesetzt werden, können nach dem Absetzen Entzugserscheinungen auslösen, die sich in Krampfanfällen äußern können. Auch die Vertiefung der Sedierung durch Barbiturate verursacht eine maximale Reduzierung des zerebralen Stoffwechsels und eine Vasokonstriktion.
  • Stoffwechselstörungen: Elektrolytstörungen, wie beispielsweise ein niedriger Kaliumwert (Hypokaliämie), oder Störungen des Säure-Basen-Haushalts können Krampfanfälle begünstigen.
  • Delir: Ein Delir, eine häufige Komplikation nach Langzeitsedierungen, kann ebenfalls mit Krampfanfällen einhergehen. Die Bewusstseinsstörung geht mit Symptomen einher, wie Desorientierung, Gedächtnisproblemen, Halluzinationen, Unruhe, Sprach- und Denkstörungen einher.
  • Posttraumatische Epilepsie: Nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) kann es zu einer posttraumatischen Epilepsie kommen, die sich in Spätanfällen äußert.

Risikofaktoren für Krampfanfälle

Einige Faktoren erhöhen das Risiko für Krampfanfälle nach einem künstlichen Koma:

  • Lange Dauer des künstlichen Komas: Je länger die Langzeitnarkose andauert, desto höher ist das Risiko für Komplikationen, darunter auch Krampfanfälle.
  • Hohes Alter: Ältere Menschen haben ein höheres Risiko für Komplikationen nach einem künstlichen Koma, insbesondere für ein Delir.
  • Vorerkrankungen: Patienten mit Vorerkrankungen, insbesondere neurologischen Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen, haben ein erhöhtes Risiko für Krampfanfälle.
  • Schwere der Grunderkrankung: Je schwerer die Grunderkrankung, die zum künstlichen Koma geführt hat, desto höher ist das Risiko für Komplikationen.
  • Alkohol- oder Drogenmissbrauch: Alkohol- oder Drogenmissbrauch in der Anamnese kann das Risiko für Entzugserscheinungen und Krampfanfälle erhöhen.

Diagnose von Krampfanfällen nach künstlichem Koma

Die Diagnose von Krampfanfällen nach einem künstlichen Koma umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Grunderkrankung, der Dauer des künstlichen Komas, der Medikamente und möglicher Risikofaktoren.
  • Klinische Untersuchung: Beurteilung des neurologischen Zustands des Patienten, einschließlich Bewusstsein, Orientierung, Motorik und Reflexe.
  • Elektroenzephalogramm (EEG): Messung der Hirnströme, um epileptische Aktivität nachzuweisen. Das EEG gilt als Meilenstein für die Einschätzung einer Hirnschädigung, zumal es schon nach 12-24 Stunden sowie unter dem Einfluss von Sedativa und Kühlung eine Beurteilung erlaubt. Hochmaligne Muster weisen mit hoher Spezifität auf einen ungünstigen Verlauf hin - die Rückkehr der kontinuierlichen Basisaktivität ist ein gutes Zeichen.
  • Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns, um strukturelle Veränderungen oder Verletzungen auszuschließen. Das MRT hat 3-5 Tage nach dem Herzstillstand die größte Aussagekraft. Ein vermindertes Verhältnis von grauer zu weißer Substanz zeigt schlechte Chancen an - insgesamt geringe MRT-Veränderungen gehen mit einem guten Outcome einher.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, um Stoffwechselstörungen oder Infektionen auszuschließen. Der Anstieg der neuronenspezifischen Enolase (NSE) korreliert mit einer ungünstigen Prognose.

Behandlung von Krampfanfällen nach künstlichem Koma

Die Behandlung von Krampfanfällen nach einem künstlichen Koma richtet sich nach der Ursache und Schwere der Anfälle:

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  • Akuttherapie: Bei einem akuten Krampfanfall werden in der Regel Benzodiazepine intravenös verabreicht, um den Anfall zu stoppen. Bei einem länger als 5 min anhaltenden Krampfanfall bzw. einer Serie von Anfällen, zwischen denen das Bewusstsein nicht vollständig wiedererlangt wird, liegt ein Status epilepticus (SE) vor. Stufe 1: Benzodiazepine (v. a.
  • Antiepileptische Therapie: Bei wiederholten Krampfanfällen oder einem Status epilepticus werden antiepileptische Medikamente eingesetzt, um weitere Anfälle zu verhindern. Die für die Stufe-2-Therapie empfohlene Substanz Brivaracetam bietet gegenüber dem bereits etablierten Levetiracetam Vorteile durch schnellere Anflutung und höhere Rezeptoraffinität.
  • Behandlung der Grunderkrankung: Die Behandlung der Grunderkrankung, die zum künstlichen Koma geführt hat, ist entscheidend, um weitere Komplikationen zu verhindern.
  • Korrektur von Stoffwechselstörungen: Elektrolytstörungen oder Störungen des Säure-Basen-Haushalts müssen korrigiert werden.
  • Behandlung des Delirs: Ein Delir wird in der Regel mit Medikamenten und nicht-medikamentösen Maßnahmen behandelt, um die Symptome zu lindern und die Orientierung wiederherzustellen.

Prävention von Krampfanfällen

Einige Maßnahmen können helfen, das Risiko für Krampfanfälle nach einem künstlichen Koma zu verringern:

  • Optimale Behandlung der Grunderkrankung: Eine frühzeitige und effektive Behandlung der Grunderkrankung kann das Risiko für Komplikationen verringern. Oberstes Ziel jeder Therapie von Erkrankungen, Gefäßprozessen und Traumata des Zentralen Nervensystems (ZNS) ist es, die Entwicklung eines sekundären Hirnschadens zu vermeiden.
  • Vermeidung von sekundären Hirnschäden: Maßnahmen zur Vermeidung von Sauerstoffmangel, Blutdruckabfall und erhöhtem Hirndruck sind wichtig.
  • Sorgfältiges Ausschleichen von Medikamenten: Die Dosierung von Medikamenten, die während des künstlichen Komas eingesetzt werden, sollte langsam und schrittweise reduziert werden, um Entzugserscheinungen zu vermeiden.
  • Frühe Mobilisation und Rehabilitation: Eine frühe Mobilisation und Rehabilitation kann helfen, neurologische, psychische und muskuläre Folgen einer Langzeitsedierung zu minimieren.
  • Delir-Prävention: Maßnahmen zur Vorbeugung eines Delirs, wie die Wiederherstellung des Tag-Nacht-Rhythmus und die Schaffung einer vertrauten Umgebung, können das Risiko für Krampfanfälle verringern. Um dieser Komplikation vorzubeugen, ist es wichtig, den Tag-Nacht-Rhythmus wiederherzustellen. Zum Beispiel durch den Einsatz von Tageslicht, Uhren, Jalousien, ggf. Schlafmasken und Ohrstöpseln. Angehörige können zur Reorientierung beitragen, indem sie vertraute Gerüche, Musik, alte Fotos oder bekannte Gegenstände mitbringen.

Prognose

Die Prognose für Patienten mit Krampfanfällen nach einem künstlichen Koma hängt von der Ursache und Schwere der Anfälle, der Grunderkrankung und dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten ab. In einigen Fällen können die Krampfanfälle gut kontrolliert werden und die Patienten erholen sich vollständig. In anderen Fällen können die Krampfanfälle schwer zu behandeln sein und zu bleibenden neurologischen Schäden führen.

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