Die Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch vorübergehende Funktionsstörungen im Gehirn, bei denen Nervenzellen unkontrolliert elektrische Impulse abgeben. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und reichen von genetischen Veranlagungen über Hirnverletzungen bis hin zu Stoffwechselstörungen. In manchen Fällen bleibt die Ursache jedoch unklar.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Nervensystems. Sie äußert sich durch wiederholte epileptische Anfälle, die durch eine vorübergehende Funktionsstörung der Nervenzellen im Gehirn verursacht werden. Während eines Anfalls ist die Kommunikation zwischen den Nervenzellen gestört, was zu einer übermäßigen Aktivität einzelner Gehirnbereiche oder des gesamten Gehirns führt.
Definition und Häufigkeit
Eine Epilepsie liegt vor, wenn:
- Mindestens zwei nicht provozierte Anfälle oder Reflexanfälle auftreten, die weiter als 24 Stunden auseinander liegen.
- Ein einziger unprovozierter Anfall oder Reflexanfall auftritt, aber die Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle in den nächsten zehn Jahren bei mindestens 60 Prozent liegt.
- Ein sogenanntes Epilepsie-Syndrom vorliegt, zum Beispiel das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS).
Etwa 0,5% bis 1% der Deutschen sind von Epilepsie betroffen, was bis zu 800.000 Menschen entspricht. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an Epilepsie zu erkranken, liegt bei über 5 %. Kinder und ältere Menschen sind häufiger betroffen.
Ursachen und Auslöser
Epilepsie kann viele verschiedene Ursachen haben, darunter:
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- Genetische Veranlagungen: Eine genetische Ursache wird als Auslöser der Erkrankung vermutet.
- Strukturelle Veränderungen im Gehirn: Dazu gehören Fehlbildungen im Gehirn, Hirnverletzungen, Schlaganfälle, Hirntumore oder Entzündungen des Gehirns (z.B. Meningitis oder Enzephalitis).
- Infektionen: Infektiöse Erkrankungen des Gehirns, die durch Viren oder Bakterien verursacht werden, können zu Epilepsie führen.
- Stoffwechselstörungen: Veränderungen im Stoffwechsel (Metabolismus) können ebenfalls Epilepsie verursachen.
- Immunologische Ursachen: Chronische Entzündungen des Gehirns, die durch Autoimmunerkrankungen verursacht werden, können zu Epilepsie führen.
- Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum: Diese Substanzen können ebenfalls Anfälle auslösen.
- Unbekannte Ursache: In einigen Fällen lässt sich keine eindeutige Ursache für die Epilepsie finden.
Ein Anfall kann bei Epileptikern durch unterschiedliche Auslöser (Trigger) hervorgerufen werden:
- Flackerndes Licht, Videospiele oder laute Geräusche: Diese sensorischen Reize können bei manchen Menschen Anfälle auslösen.
- Körperliche Verfassung: Schlafmangel, hormonelle Schwankungen oder Stress können ebenfalls Anfälle begünstigen.
- Gemütszustand: Ärger, Angst oder andere starke Emotionen können ebenfalls Anfälle auslösen.
Symptome und Anfallsformen
Die Symptome eines epileptischen Anfalls sind vielfältig und hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Im Prinzip kann es zu Störungen jeder Hirnfunktion kommen:
- Bewusstseinsstörungen: Mit Abwesenheit (Absence) oder Bewusstseinsverlust.
- Kognitive Störungen: Störungen des Denkens.
- Motorische Störungen: Unwillkürliche Bewegungen oder Erschlaffen der Muskulatur.
- Psychische Störungen: Gefühle von starker Angst oder Freude.
- Sensible Störungen: Empfindungsstörungen wie Kribbeln oder Taubheit.
- Sensorische Störungen: Sinnestäuschungen wie Lichtblitze, Gerüche, Geräusche oder Geschmackseindrücke.
- Vegetative Störungen: Herzrasen, Einnässen oder Schweißausbrüche.
Je nachdem, wie viel des Gehirns betroffen ist, unterscheidet man zwischen fokalen und generalisierten Anfällen:
- Fokale Anfälle: Nur ein Bereich des Gehirns ist betroffen (der Fokus). Gestört sind dann nur diejenigen Funktionen, für die der betroffene Bereich zuständig ist. Das Bewusstsein kann erhalten bleiben. Dem eigentlichen Anfall kann eine Aura unmittelbar vorausgehen. Auren sind selbst bereits kleine fokale Anfälle.
- Generalisierte Anfälle: Beide Gehirnhälften sind betroffen. Es kommt häufiger zu Bewusstlosigkeit und Krämpfen im ganzen Körper. Ein bekannter Typ ist der Grand-Mal-Anfall (tonisch-klonischer Anfall).
Die motorischen Störungen können sich vielfältig darstellen:
- Atonisch: Plötzliches Erschlaffen der Muskulatur.
- Hyperkinetisch: Unruhige Bewegungen.
- Myoklonisch: Ruckartige, unsystematische Muskelzuckungen.
- Klonisch: Rhythmische Muskelzuckungen, bei denen sich die Muskeln schnell hintereinander anspannen und wieder entspannen.
- Tonisch: Konstante Anspannung.
- Automatismen: Unwillkürliche wiederholte Bewegungsabläufe wie Schmatzen, Lecken der Lippen oder Fingerzeige.
- Spasmen: Sehr schnelle Muskelanspannungen.
Diese können auch kombiniert und hintereinander auftreten.
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Diagnose
Für eine erfolgreiche Behandlung ist eine eindeutige Diagnose Voraussetzung. Um herauszufinden, ob der Anfall einer Epilepsie oder einer anderen Erkrankung zuzuordnen ist, sollte ein Neurologe aufgesucht werden. Eine behandlungsbedürftige Epilepsie liegt dann vor, wenn dem ersten Anfall weitere folgen oder ein erhöhtes Risiko hierfür gegeben ist.
Die Diagnostik umfasst in der Regel:
- Anamnese: Eine Beschreibung der Anfälle sowohl durch den Betroffenen selbst als auch durch Angehörige (Fremdbeschreibung) ist für die Diagnostik von enormer Bedeutung. Hilfreich können in diesem Zusammenhang auch Videoaufzeichnungen des epileptischen Anfalls oder die Beobachtung in einer spezialisierten Klinik sein.
- Elektroenzephalographie (EEG): Hierbei wird die elektrische Gehirnaktivität aufgezeichnet. Bestimmte Muster lassen auf eine erhöhte Anfallsneigung schließen. Allerdings genügt das EEG allein nicht, um eine Epilepsie zu diagnostizieren.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT macht hirnorganische Veränderungen sichtbar, die wiederum Hinweise auf die Ursache geben können.
- Liquoruntersuchung: In einigen Fällen untersucht der Arzt zudem das Hirnwasser (Liquor), beispielsweise, wenn der Verdacht auf eine Hirn- oder Hirnhautentzündung vorliegt.
Behandlungsmöglichkeiten
So vielseitig sich die Erkrankung selbst zeigt, so unterschiedlich sind auch die Möglichkeiten der Therapie. Am Beginn der Behandlung steht meist ein medikamentöser Ansatz, der bei optimaler Einstellung bei bis zu 70 Prozent aller Betroffenen zu einer Anfallsfreiheit führt.
Medikamentöse Therapie
Patient und behandelnder Arzt wägen gemeinsam Nutzen und Risiken der Medikamente - sogenannte Antiepileptika - ab. Es sind Mittel auf dem Markt, die bei vielen Epilepsieformen wirksam sind. Bei der Epilepsie-Behandlung ist es möglich, nur ein Medikament (Monotherapie) oder mehrere als Kombinationstherapie zu verabreichen. Die Dosierung erfolgt individuell und startet meist niedrig. In den meisten Fällen sind Antiepileptika gut verträglich. Dennoch sind Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen, Müdigkeit, Schwindel oder verlangsamtes Denken nicht auszuschließen. Zeigt die medikamentöse Behandlung Erfolg, sollten Patienten trotz Anfallsfreiheit regelmäßig einen Arzt zur Kontrolle aufsuchen.
Epilepsiechirurgie
Die Behandlungsmethode kommt ausschließlich für die fokale Epilepsie infrage und auch nur, wenn sich feststellen lässt, welcher Bereich im Gehirn für die Anfälle verantwortlich ist. Dann ist es unter Umständen möglich, diesen chirurgisch zu entfernen (resektive Operation). Weitere Punkte, der vor der Entscheidung für eine Epilepsiechirurgie beachtet werden müssen, sind inakzeptable Nachteile: Die Operation darf keine ernste Beeinträchtigung bestimmter Hirnfunktionen nach sich ziehen. Ob ein operativer Eingriff infrage kommt, muss daher immer individuell entschieden werden. In seltenen Fällen kann bei schweren Epilepsien noch eine andere Operation durchgeführt werden, nämlich die sogenannte Balkendurchtrennung (Kallosotomie). Der Eingriff wird beispielsweise in Erwägung gezogen, wenn der Betroffene häufig schwere Sturzanfälle hat. Durch die Trennung des Balkens (Corpus callosum) im Gehirn, der die linke und rechte Gehirnhälfte verbindet, kann die Häufigkeit der Sturzanfälle verringert werden. Allerdings sind im Anschluss kognitive Beeinträchtigungen nicht auszuschließen.
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Neurostimulation
Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreicht, gibt es alternativ die Möglichkeit der Neurostimulation. Hierbei werden bestimmte Gehirnstrukturen oder solche, die dort hinführen (zum Beispiel der Vagus-Nerv) mit niedriger Stromstärke stimuliert. Allerdings wird mit dieser Methode keine Anfallsfreiheit erreicht. Die Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) ist die am weitesten verbreitete Methode. Dem Patienten wird eine Art Schrittmacher unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut gepflanzt und mittels Kabel (ebenfalls unter der Haut) mit dem linken Vagusnerv am Hals verbunden. Bei der transkutanen Vagus-Nerv-Stimulation erfolgt eine Reizung des Vagus-Nervs in der Ohrmuschel. Hierfür ist keine Operation notwendig. Eine andere Möglichkeit stellt die transkranielle Magnetstimulation dar. Bei dieser wirken Magnetfelder auf das Gehirn, wodurch die übererregten Gehirnstrukturen erreicht werden sollen. Für die tiefe Hirnstimulation werden dem Patienten kleine Elektroden in bestimmte Gehirnstrukturen implantiert. Mithilfe von elektrischen Impulsen stimulieren sie das Nervengewebe.
Ketogene Diät
Bei der ketogenen Diät handelt es sich um eine Art Low Carb Ernährung, die sich auf die Zufuhr von vielen gesunden Fetten und wenig Kohlenhydraten fokussiert. Dem Körper wird so beigebracht, seine Energie nicht aus Kohlenhydraten, sondern aus den zugeführten Fetten zu gewinnen. Im Zusammenhang mit Epilepsien wird vermutet, dass dem Gehirn durch den veränderten Stoffwechsel mehr Energie zur Verfügung steht, die es zum Stabilisieren der hirnelektrischen Aktivitäten verwendet.
Anfallsselbstkontrolle
Voraussetzung für das Erlernen der Anfallsselbstkontrolle ist die Bereitschaft, sich intensiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen. Im Vordergrund steht dahingehend die Frage, was den eigenen Anfall begünstigt. Das können bestimmte Zeiten, Orte, Tätigkeiten oder auch Situationen sein. Darauf aufbauend können Betroffene Strategien entwickeln, die dabei helfen sollen, Anfälle zu verhindern. Denn wer weiß, welche Faktoren (beispielsweise Alkoholgenuss) einen Anfall begünstigen, muss diese nicht zwingend meiden. Effektiver ist es, einen positiven Umgang mit diesen zu finden. Ein weiterer Aspekt der Anfallsselbstkontrolle ist es, Warnzeichen eines epileptischen Anfalls zu erkennen und zu versuchen, diesen abzuwehren. Das kann über das Entwickeln und Einüben bestimmter Verhaltensweisen geschehen: Macht sich ein Anfall beispielsweise über ein Kribbeln in der Hand bemerkbar, wird diese zur Faust geballt. So ist es möglich, die für die Motorik verantwortlichen Gehirnzellen anderweitig zu beschäftigen. Auf diese Weise sollen sie daran gehindert werden, dem Kribbeln nachzugeben.
Alternative Methoden
Ergänzend zur Behandlung mit Medikamenten haben Patienten die Möglichkeit, auf alternative Methoden zurückzugreifen. Für die alternativen Behandlungsansätze liegt derzeit kein Wirkungsnachweis vor. Dennoch berichten einige Menschen mit Epilepsie, dass ihnen Akupressur und Co. helfen.
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Bei den Erste-Hilfe-Maßnahmen geht es vor allem darum, anfallsbedingte Verletzungen zu vermeiden. Falls der Betroffene Gegenstände in der Hand hält, sollten Sie diese an sich nehmen. Während eines Anfalls sollten Sie auf keinen Fall versuchen, den Kiefer des Patienten gewaltsam zu öffnen und ihm Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben, damit er sich nicht auf die Zunge beißt. Hier sind schwere Verletzungen möglich.
Leben mit Epilepsie
Die Diagnose Epilepsie ist immer noch häufig mit einem Stigma behaftet. Dafür gibt es allerdings keinen Grund. Die Epilepsie ist eine Erkrankung wie jede andere auch: So wie man an Allergie erkrankt, erkrankt man an der Epilepsie und beides kann behandelt werden. Betroffene empfinden es oft als hilfreich gemeinsam Selbsthilfegruppen zu gründen. Selbsthilfegruppen, Online-Kurse, Angebote durch Ihr Behandlungsteam können Ihnen helfen, sich über das Thema Epilepsie zu informieren und mit anderen auszutauschen. Manchmal kann es hilfreich sein, sich mit Mitbetroffenen auszutauschen.
Alltag und Beruf
Den meisten beruflichen Tätigkeiten können Epileptiker ohne Einschränkungen nachgehen. Es gibt jedoch bestimmte Berufsgruppen, die Betroffenen nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, beispielsweise Pilot oder Busfahrer. Die berufliche Eignung ist immer auf den Einzelfall zu beziehen, sprich, es müssen Faktoren wie die Art der Anfälle, deren Häufigkeit sowie Schweregrad bei der Berufswahl berücksichtigt werden.
Grundsätzlich muss ein Kinderwunsch wegen Epilepsie nicht aufgegeben werden. Einige Medikamente, die gegen Epilepsie wirken, können jedoch das Risiko für kindliche Fehlbildungen erhöhen. Lassen Sie sich zu diesem Thema am besten von der Ärztin/dem Arzt Ihres Vertrauens beraten. Wichtig ist, dass Sie im Fall einer Schwangerschaft Ihre Medikation nicht einfach absetzen.
Risikofaktoren und SUDEP
Fast alle Risiken, die epileptische Anfälle begünstigen, können durch einen gesunden Lebensstil und eine regelmäßige Medikation gesenkt werden. Die beste Absicherung besteht für Betroffene in der regelmäßigen Medikamenteneinnahme. Zusätzlich kann es hilfreich sein, Angehörige und Bekannte über die eigene Erkrankung aufzuklären, sodass diese im Ernstfall helfen können.
Plötzlich und unerwartet sterben - dafür tragen Patienten mit Epilepsie ein besonders hohes Risiko. Bezeichnet wird solch ein Ereignis als SUDEP (sudden unexpected death in epilepsy). Welche Faktoren das Risiko beeinflussen, haben Dr. Olafur Sveinsson von den Karolinska-Universitätskliniken in Stockholm und Kollegen untersucht. Anhand von Registerdaten identifizierten sie in den Jahren 2006-2011 insgesamt 255 Fälle eines sicheren oder wahrscheinlichen SUDEP. Diese verglichen sie mit rund 1150 lebenden Epilepsiepatienten und fanden heraus, dass v.a. generalisierte tonisch-klonische Krämpfe im Jahr vor dem Tod das SUDEP-Risiko massiv steigerten. Insgesamt lag die Gefahr fast 27-mal höher, bei mindestens vier solcher Anfälle sogar 32-mal. Zu anderen Arten von Krämpfen zeigte sich keine signifikante Assoziation. In Gefahr schwebten auch Kranke, die allein lebten und allein schliefen. Bei ihnen kam ein SUDEP etwa fünfmal so oft vor wie bei Patienten mit (Bett-)Partner. Ganz extrem wurde die Situation, wenn man die Risikofaktoren kombinierte. Die Experten errechneten eine 67-fach erhöhte Gefahr für einen plötzlichen Tod bei Patienten mit generalisiertem tonisch-klonischem Anfall in den zurückliegenden zwölf Monaten, die sich das Schlafzimmer nicht mit einer anderen Person teilten. Diese Zahlen sind klinisch relevant, betonen die Kollegen. Entfernt man nur eine der beiden Faktoren aus der Gleichung, ließen sich mehr als zwei Drittel aller SUDEP-Ereignisse vermeiden, schätzen sie. Eine Möglichkeit dazu könnte etwa eine verbesserte antiepileptische Therapie darstellen, die generalisierte Anfälle gar nicht erst auftreten lässt. Das wollen die Forscher in einer weiteren Analyse nun genauer untersuchen. Eine andere Option bieten möglicherweise Monitoring-Systeme. Diese schlagen Alarm, wenn bei einem Alleinschlafenden ein Anfall auftritt. Den Nutzen des Systems müssen Studien noch beweisen.
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