Krampflösende Medikamente bei Epilepsie: Eine umfassende Übersicht

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Häufigkeit und Schwere der Anfälle zu reduzieren, idealerweise bis zur Anfallsfreiheit. Krampflösende Medikamente, auch Antiepileptika genannt, spielen dabei eine zentrale Rolle.

Entwicklung der Antiepileptika

Die Behandlung von Epilepsie hat eine lange und bewegte Geschichte. Früher wurde die Krankheit oft als Ausdruck von Besessenheit oder göttlicher Strafe angesehen, was zu bizarren Therapieansätzen führte. Ein Wendepunkt war die Entdeckung der antiepileptischen Wirkung von Kaliumbromid im Jahr 1857 durch Charles Locock. Alfred Hauptmann veröffentlichte 15 Jahre später Beobachtungen über die antiepileptische Wirkung von Phenobarbital. Im Jahr 1938 wurde Phenytoin als erstes Antiepileptikum ohne sedierende Wirkung entdeckt. In den 1960er-Jahren kamen Carbamazepin und Valproat hinzu, die bis heute zu den wichtigsten Medikamenten in der Epilepsiebehandlung gehören.

Seit den 1990er-Jahren wurden viele neue Antiepileptika (NAED) entwickelt. Diese neueren Medikamente haben oft weniger Neben- und Wechselwirkungen als die älteren Substanzen, sind aber in der Regel teurer. Ob sie tatsächlich wirksamer sind, ist nicht immer eindeutig belegt.

Wie Antiepileptika wirken

Antiepileptika sind Wirkstoffe, die die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten epileptischer Anfälle senken. Sie wirken als "Anfallsblocker" und verbessern idealerweise die Lebensqualität der Betroffenen, ohne dabei stark zu sedieren. Die Medikamente verhindern jedoch nicht die Ursachen der Epilepsie.

Die Wirkmechanismen der Antiepileptika sind vielfältig. Sie zielen darauf ab, die neuronale Aktivität im Gehirn zu stabilisieren:

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  • Natriumkanal-Blocker: Substanzen wie Carbamazepin, Phenytoin und Lamotrigin verhindern die schnelle, wiederholte Aktivierung von Nervenzellen, indem sie die Natriumkanäle blockieren.
  • Calciumkanal-Blocker: Ethosuximid, Gabapentin und Pregabalin hemmen bestimmte Calciumkanäle, die bei der Entstehung von Absencen eine Rolle spielen.
  • GABAerge Wirkung: Benzodiazepine, Barbiturate und Valproinsäure verstärken die Wirkung des hemmenden Neurotransmitters GABA, was die Erregbarkeit der Nervenzellen reduziert.
  • Glutamat-Rezeptor-Antagonisten: Topiramat und Felbamat blockieren Glutamatrezeptoren und verringern so die erregende Wirkung von Glutamat im Gehirn.
  • SV2A-Liganden: Levetiracetam und Brivaracetam binden an das Protein SV2A in den Nervenzellen und modulieren die Freisetzung von Neurotransmittern.

Auswahl des richtigen Medikaments

Die Wahl des geeigneten Antiepileptikums hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art der Epilepsie, mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sowie die individuellen Bedürfnisse des Patienten.

In Deutschland werden Lamotrigin, Levetiracetam, Topiramat, Valproat, Gabapentin, Carbamazepin und Oxcarbazepin als Medikamente erster Wahl bei Epilepsien mit fokalem Ursprung empfohlen. Bei idiopathischen Epilepsien mit fokalen Anfällen sind Sultiam, Valproinsäure und Carbamazepin die Mittel der Wahl. Bei primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen wird Valproat als Mittel erster Wahl und Topiramat sowie Lamotrigin als Mittel zweiter Wahl eingesetzt.

Bei Absencen sind Valproat und Ethosuximid die bevorzugten Medikamente. Eine Studie bestätigte die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Ethosuximid im Vergleich zu Valproat und Lamotrigin bei Absence-Epilepsie im Schulalter.

Übersicht über Antiepileptika

Im Folgenden eine Liste von Antiepileptika, unterteilt nach dem Zeitpunkt ihrer Einführung:

Wirkstoffe vor 1992:

  • Valproinsäure
  • Carbamazepin
  • Phenytoin
  • Barbiturate (z.B. Phenobarbital)
  • Benzodiazepine (z.B. Clonazepam)
  • Sultiam

Neuere Wirkstoffe (seit 1992):

  • Vigabatrin
  • Lamotrigin
  • Gabapentin
  • Felbamat
  • Tiagabin
  • Topiramat
  • Levetiracetam
  • Oxcarbazepin
  • Pregabalin
  • Zonisamid
  • Rufinamid
  • Lacosamid
  • Stiripentol
  • Eslicarbazepin
  • Retigabin
  • Perampanel

Besondere Aspekte der Behandlung

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

Ein wichtiges Ziel bei der Epilepsiebehandlung ist es, Neben- und Wechselwirkungen zu vermeiden. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen können die Lebensqualität der Patienten erheblich beeinträchtigen. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel und Magen-Darm-Beschwerden. Selten, aber potenziell lebensbedrohlich sind Nebenwirkungen an Haut, Leber oder Blutzellen.

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Klassische Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital können den Abbau anderer Medikamente beschleunigen und so deren Wirksamkeit beeinträchtigen. Umgekehrt können andere Medikamente den Abbau von Antiepileptika verlangsamen und deren Wirkung verstärken. Daher ist es wichtig, alle Medikamente, die ein Patient einnimmt, dem behandelnden Arzt mitzuteilen.

Pharmakogenomik

Die Pharmakogenomik untersucht den Einfluss genetischer Faktoren auf die Wirkung von Arzneimitteln. Interindividuelle Unterschiede in der Aktivität von Leberenzymen können zu dosisabhängigen Nebenwirkungen führen. Genetische Tests können helfen, diese Unterschiede zu erkennen und die Therapie entsprechend anzupassen.

Generika

Generika sind Nachahmerprodukte von Originalmedikamenten, die nach Ablauf des Patentschutzes auf den Markt kommen. Sie sind in der Regel kostengünstiger als die Originalpräparate. Die Epilepsie-Leitlinie empfiehlt, bei anfallsfreien Patienten vor einem Wechsel auf ein Generikum eine sorgfältige Risikoabwägung und Aufklärung durchzuführen, da es in Einzelfällen zu einem Verlust der Anfallsfreiheit gekommen ist. Die Neueinstellung auf ein Generikum wird jedoch als unproblematisch angesehen.

Spezielle Patientengruppen

  • Frauen mit Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft: Eine Schwangerschaft bei Epilepsie bedarf sorgfältiger Planung und Betreuung. Bestimmte Antiepileptika können das Risiko für Fehlbildungen beim Kind erhöhen. Es ist wichtig, die Medikation vor und während der Schwangerschaft mit dem Arzt abzustimmen und gegebenenfalls Folsäure einzunehmen.
  • Ältere Menschen: Ältere Menschen sind oft anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten. Daher ist es besonders wichtig, die Dosis der Antiepileptika so niedrig wie möglich zu halten und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu berücksichtigen.
  • Menschen mit geistiger Behinderung: Bei Menschen mit geistiger Behinderung kann es schwierig sein, epileptische Anfälle zu erkennen und von anderen Verhaltensauffälligkeiten zu unterscheiden. Eine sorgfältige Beobachtung und Dokumentation der Anfälle ist daher besonders wichtig.

Therapie bei Therapieresistenz

Nicht alle Menschen mit Epilepsie werden durch Medikamente anfallsfrei. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen lassen sich die Anfälle trotz verschiedener Behandlungsversuche nicht ausreichend kontrollieren. In diesen Fällen kommen alternative Therapieoptionen in Betracht:

  • Chirurgischer Eingriff: Bei fokalen Epilepsien kann die operative Entfernung des Anfalls auslösenden Hirnbereichs eine Option sein.
  • Vagusnerv-Stimulation (VNS): Bei der VNS wird ein Schrittmacher implantiert, der elektrische Impulse an den Vagusnerv abgibt. Diese Impulse können die Anfallsaktivität im Gehirn reduzieren.
  • Tiefe Hirnstimulation: Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden in bestimmte Hirnbereiche implantiert, die regelmäßig elektrische Impulse aussenden.
  • Ketogene Diät: Einige Patienten, insbesondere Kinder, profitieren von einer ketogenen Diät, einer sehr fettreichen und kohlenhydratarmen Ernährungsweise.

Clonazepam als spezielles Antiepileptikum

Clonazepam ist ein Benzodiazepin mit krampflösender, angstlösender und beruhigender Wirkung. Es wird in Deutschland zur Behandlung verschiedener Epilepsieformen bei Erwachsenen und Kindern eingesetzt, wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirken. Clonazepam kann allein oder in Kombination mit anderen Antiepileptika eingesetzt werden.

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Die Behandlung mit Clonazepam wird einschleichend begonnen und die Dosis langsam gesteigert. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schläfrigkeit und Schwindel. Clonazepam kann abhängig machen und sollte daher nicht über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Was tun bei einem epileptischen Anfall?

Ein epileptischer Anfall dauert in der Regel nur wenige Minuten und bedarf keiner Notfallmedikation. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren und den Patienten vor Verletzungen zu schützen. Spitze Gegenstände sollten aus dem Weg geräumt und der Kopf des Patienten gepolstert werden.

Keinesfalls sollte man versuchen, den Patienten festzuhalten oder ihm einen Gegenstand in den Mund zu schieben. Nach dem Anfall sollte der Patient in die stabile Seitenlage gebracht werden.

Ein Status epilepticus, ein Anfall der länger als fünf Minuten dauert oder eine Serie von Anfällen ohne zwischenzeitliche Erholung, ist ein Notfall und muss sofort medikamentös behandelt werden. In diesem Fall sollte umgehend der Rettungsdienst (Notruf 112) gerufen werden.

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