Einführung
Psychische Erkrankungen sind ein weit verbreitetes Problem, das viele Menschen betrifft. In Deutschland sind schätzungsweise 18 Millionen Menschen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Obwohl dies mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmacht, ist das Thema oft mit einem Tabu behaftet. Umso wichtiger ist es, umfassende Informationen über Krankenhäuser und Kliniken für Nerven- und psychisch Kranke bereitzustellen, um Betroffenen und ihren Angehörigen den Zugang zu adäquater Versorgung zu erleichtern. Dieser Artikel bietet einen Überblick über verschiedene Aspekte der Behandlung psychischer Erkrankungen in spezialisierten Einrichtungen.
Spezialisierte Stationen und Therapieangebote
Viele Kliniken für psychische Erkrankungen bieten spezialisierte Stationen und Therapieangebote an, die auf bestimmte Störungsbilder zugeschnitten sind. Dies ermöglicht eine gezieltere und effektivere Behandlung.
Akut- und Krisenintervention (Station 30A + 31A)
Die Stationen 30A und 31A sind auf die Akut- und Krisenintervention spezialisiert. Hier werden vor allem Patient:innen mit Schizophrenie und bipolaren Störungen behandelt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Versorgung von Menschen, die akut gefährdet sind, beispielsweise durch Suizidalität, fehlendes Gefahrenbewusstsein oder erhöhte Aggressivität. Die Behandlung basiert auf den Werten Nächstenliebe, Wertschätzung, Transparenz und Professionalität. Inhaltlich stützen sich die Konzepte u.a. auf die Inhalte des professionellen Deeskalationstrainings (PRODEMA) und der motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing).
Depressionen und Emotionsregulationsstörungen (Station 31B)
Die Station 31B bietet spezielle Therapieoptionen für Patient:innen mit affektiven Störungen und Persönlichkeitsstörungen, insbesondere Borderline-Störungen. Neben Einzelgesprächen werden Basisgruppen und eine Skills-Gruppe angeboten. Im Mittelpunkt steht der Umgang mit Gefühlen und Anspannung sowie die Verhaltensanalyse und -modifikation. Die medikamentöse Therapie orientiert sich an den momentan gültigen Leitlinien, zusätzliche nicht-medikamentöse Therapieoptionen wie Elektrokonvulsionstherapie stehen zur Verfügung. Das Konzept basiert, soweit möglich, auf einer aktiven Mitarbeit und ist eng mit weiterführenden teilstationären und ambulanten Weiterbehandlungsmöglichkeiten verzahnt.
Schwerpunktstation Sucht (32A)
Die Schwerpunktstation Sucht (32A) ist eine offen geführte Station, die sich auf die Behandlung von Abhängigkeit von Alkohol, illegalen Drogen und komorbiden Störungen konzentriert. Behandelt werden alkoholabhängige Patient:innen (auch mit Begleiterkrankungen), Patient:innen mit Abhängigkeit von illegalen Drogen und Patient:innen mit komorbiden allgemein-psychiatrischen Störungen. Die Behandlungsdauer bei Alkoholabhängigkeit beträgt in der Regel 14 bis 21 Tage. Ziel der Behandlung ist es, den körperlichen, psychischen und sozialen Zustand der Betroffenen zu verbessern und die Patient:innen zu einer weiterführenden Therapie zu motivieren. Zu den eingesetzten Therapieverfahren der Opiatentzugsbehandlung gehören u. a.: opioidgestützte Entgiftungsbehandlung mit Buprenorphin oder Levo-Methadon (kann nur im Rahmen einer geplanten Aufnahme erfolgen). Die medikamentöse Entzugsbehandlung wird durch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Gruppen- und Einzeltherapie und durch eine umfassende Diagnostik auf Folgeerkrankungen ergänzt. Die Betreuung erfolgt durch ein multiprofessionelles Team aus Ärzt:innen, Psycholog:innen, psychiatrischen Fachkrankenpfleger:innen, Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, einem Sozialarbeiter sowie Ergo- und Physiotherapeut:innen. Bestandteile des Therapiekonzeptes sind: Ärztliche und psychotherapeutische Einzelgespräche, Pflegegespräche, psychologisch geleitete Gruppentherapie ("Motivationsgruppe", 2x / Woche), ärztlich geleitete psychoedukative Gruppe über Sucht und Folgeschäden (1x / Woche), ärztlich geleitete Gruppe zur Kokainabhängigkeit, sozialarbeiterisch geleitete Gruppe zum Suchthilfesystem (1x / Woche) inkl. Vorstellung von Einrichtungen des Suchthilfesystems, Kennenlernen der ambulanten Gruppen „Treffpunkt“ und Meetings der Anonymen Alkoholiker im Haus, ergotherapeutische Gruppenangebote (kompetenzzentrierte Gestaltungstherapie, kognitives Training), physiotherapeutische Gruppen, Entspannungstherapie, Arbeit mit Angehörigen sowie alltagspraktisches Training und Belastungserprobungen. Die Station arbeitet eng mit Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, niedergelassenen Ärzt:innen, Suchtfachkliniken sowie psychiatrischen und nicht-psychiatrischen Kliniken im Umfeld zusammen. Zum besseren Übergang von Station in den Alltag wird eine anschließende zweiwöchige teilstationäre Behandlung angeboten. Therapieverträge für suchtmittelabhängige Patient:innen werden geschlossen.
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Allgemeinpsychiatrische Station (32B)
Die Station 32B ist eine offen geführte Station, die alkoholabhängige Patient:innen (auch mit Begleiterkrankungen) und Patient:innen mit allgemein-psychiatrischen Störungen behandelt, sofern die Versorgung auf einer offen geführten Station möglich ist. Die individuelle Therapie wird durch eine ärztliche oder psychologische Bezugstherapeutin bzw. einen ärztlichen oder psychologischen Bezugstherapeuten unter Einbeziehung des gesamten multiprofessionellen Behandlungsteams (Pflegeteam, Ergotherapie, Physiotherapie, Sozialdienst) durchgeführt. Der suchttherapeutische Schwerpunkt liegt auf der qualifizierten Entzugsbehandlung. Ziel der Behandlung ist es, den körperlichen, psychischen und sozialen Zustand der Betroffenen zu verbessern und die Patient:innen zu einer weiterführenden Therapie zu motivieren. Die medikamentöse Entzugsbehandlung wird durch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Gruppen- und Einzeltherapie und durch eine umfassende Diagnostik auf Folgeerkrankungen ergänzt. Die Betreuung erfolgt durch ein multiprofessionelles Team aus Ärzt:innen, Psycholog:innen, psychiatrischen Fachkrankenpfleger:innen, Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, einem Sozialarbeiter sowie Ergo- und Physiotherapeut:innen. Die Station arbeitet eng mit Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, niedergelassenen Ärzt:innen, Suchtfachkliniken sowie psychiatrischen und nicht-psychiatrischen Kliniken im Umfeld zusammen. Die Aufnahme zur Alkoholentzugsbehandlung erfolgt in der Regel nach telefonischer Voranmeldung. Therapieverträge für suchtmittelabhängige Patient:innen werden geschlossen.
Psychiatrische Tagesklinik
Die Tagesklinik behandelt Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen, bei denen eine stationäre Therapie nicht erforderlich erscheint, eine ambulante Behandlung aber unzureichend wäre. Zudem kann sie Betroffenen helfen, nach einer stationären Behandlung wieder in den Alltag zurückzufinden. Die Patient:innen verbringen die Nächte und Wochenenden zu Hause. Das Therapiekonzept vereint pharmakologische Ansätze mit einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ausrichtung. Behandelt werden vor allem Betroffene mit affektiven Störungen (z. B. Depressionen), Psychosen, Angst- und Zwangsstörungen, Belastungsreaktionen und Persönlichkeitsstörungen. Die Patient:innen sind bereit, aktiv an ihrer Behandlung mitzuarbeiten und leben im Versorgungsgebiet der Klinik. Die Aufnahme von akut suizidalen Patient:innen oder eine Alkohol- oder Drogenentgiftung sind in der Tagesklinik nicht möglich. Das Team setzt sich aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen, um eine multimodale Behandlung zu bieten, einschließlich störungsspezifischer und -übergreifender Gruppenangebote, Ergotherapie, Bewegungstherapie, Einzelgespräche und sozialtherapeutische Beratung.
Gerontopsychiatrische Tagesklinik
In der Gerontopsychiatrischen Tagesklinik werden Patientinnen und Patienten ab 60 Jahren behandelt, die unter einer psychiatrischen Störung leiden. Die Tagesklinik ist eine geeignete Behandlungsform, wenn die Möglichkeiten der ambulanten psychiatrischen Versorgung nicht ausreichen, eine vollstationäre Behandlung aber nicht notwendig ist. Die medizinisch-psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung ist dabei sehr nah an der persönlichen Lebenssituation ausgerichtet.
Psychiatrische Institutsambulanz (PIA)
Die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) übernimmt die ambulante Versorgung von psychisch erkrankten Menschen, die wegen Art, Schwere oder Dauer der Erkrankung ein krankenhausnahes Versorgungsangebot benötigen. Sie gehört zur Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Neben der Sicherstellung einer längerfristigen Behandlungskontinuität hat die Behandlung in der PIA vor allem die Verkürzung und Vermeidung stationärer Aufenthalte zum Ziel. Sie bietet Patientinnen und Patienten die Möglichkeit einer multiprofessionellen Betreuung durch ein Team von Ärzt:innen, psychiatrischen Fachkrankenpflegekräften, Sozialarbeiter:innen, Ergotherapeut:innen und Arzthelfer:innen. Das Behandlungsangebot richtet sich vor allem an Patient:innen mit psychischen Erkrankungen, bei denen eine ambulante Versorgung in einer Facharztpraxis nicht ausreicht. Das betrifft vor allem Erkrankungen wie akute und chronische Psychosen, affektive Störungen, Persönlichkeitsstörungen, schwere Angst- und Zwangsstörungen, Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen im Alter und akute Krisenzustände. Es wird auch besonderer Wert auf die Kontaktpflege zu den komplementären Einrichtungen im Gemeindepsychiatrischen Verbund gelegt. Eine Vorstellung kann in der Regel nur nach vorheriger telefonischer Terminvereinbarung und mit einer Überweisung durch die Hausärztin bzw. den Hausarzt oder Psychiater:in erfolgen. Eine Behandlung ist nicht möglich, wenn gleichzeitig eine ambulante Behandlung bei einer niedergelassenen Psychiaterin oder Psychotherapeutin bzw. einem niedergelassenen Psychiater oder Psychotherapeuten erfolgt.
Privatambulanz
Privatpatient:innen und Selbstzahler:innen können auch das psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungsangebot der Chefarztambulanz nutzen.
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Trauma-Netzwerk für Opferbetreuung und Opfersoforthilfe
Die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik gehört zum OEG-Trauma-Netzwerk für Opferbetreuung und Opfersoforthilfe in Hessen und bietet eine zeitnahe Traumatherapie. Ziel ist es, bei psychischen Traumata, die durch Gewalttaten hervorgerufen werden, so früh wie möglich Maßnahmen der Krisenintervention einzuleiten, um dauerhafte seelische Störungen zu vermeiden beziehungsweise zu mildern. Jeder Erwachsene, der innerhalb Hessens Opfer einer Gewalttat geworden ist und einen Antrag auf Opferentschädigung gestellt hat oder noch stellen möchte, kann die Klinik aufsuchen. Sofern notwendig, erhalten Betroffene hier sofort therapeutische Hilfe beziehungsweise binnen vier Wochen nach der ersten Kontaktaufnahme.
Behandlungsmethoden und Therapieansätze
In Krankenhäusern für Nerven- und psychisch Kranke kommen verschiedene Behandlungsmethoden und Therapieansätze zum Einsatz, um den individuellen Bedürfnissen der Patient:innen gerecht zu werden.
Pharmakologische Therapie
Die medikamentöse Behandlung ist ein wichtiger Bestandteil der psychiatrischen Versorgung. Sie kann helfen, Symptome zu lindern und das psychische Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Auswahl der Medikamente erfolgt individuell und unter Berücksichtigung der spezifischen Erkrankung und der persönlichen Situation des Patienten.
Psychotherapie
Psychotherapie ist ein weiterer wichtiger Baustein der Behandlung psychischer Erkrankungen. Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren, wie beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die systemische Therapie. Ziel der Psychotherapie ist es, die Ursachen der Erkrankung zu erkennen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Lebensqualität zu verbessern.
Weitere Therapieangebote
Neben der medikamentösen Therapie und der Psychotherapie bieten viele Kliniken weitere Therapieangebote an, wie beispielsweise:
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- Ergotherapie: Förderung derHandlungsfähigkeit im Alltag
- Musiktherapie: Einsatz von Musik zur Förderung der emotionalen Ausdrucksfähigkeit und zur Entspannung
- Kunsttherapie: Einsatz von kreativen Medien zur Förderung der Selbstwahrnehmung und zur Verarbeitung von Emotionen
- Physiotherapie: Verbesserung der körperlichenFunktionen und des Körperbewusstseins
- Sozialtherapie: Unterstützung bei der sozialenIntegration und der Bewältigung von Alltagsproblemen
- Neurophysiologische Verfahren: z.B. transkranielle Magnetstimulation (rTMS) oder transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)
Spezialisierte Kliniken und Einrichtungen
Neben den allgemeinen Krankenhäusern für Nerven- und psychisch Kranke gibt es auch spezialisierte Kliniken und Einrichtungen, die sich auf bestimmte Bereiche der psychiatrischen Versorgung konzentrieren.
Hardtwaldklinik I
Die Hardtwaldklinik I ist eine Fachklinik für Neurologie, Psychotherapie und Psychiatrie mit den Schwerpunkten Psychosomatik und Traumatherapie. Sie behandelt Patient:innen in den Phasen B, C und D. Die Klinik verfügt über eine Neurologische Akutklinik und eine Stroke-Unit zur Versorgung von Schlaganfällen.
Vitos Kliniken
Vitos Südhessen bietet eine qualifizierte Versorgung von Patientinnen und Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen in Südhessen. Zu den Einrichtungen gehören Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie in Heppenheim und Riedstadt, eine Klinik für Psychosomatik Heppenheim, eine Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Riedstadt, eine Klinik für forensische Psychiatrie Riedstadt und begleitende psychiatrische Dienste Riedstadt. Vitos bietet auch spezielle Angebote wie Vitos komfort für zusätzlichen Service und Komfort.
Zentrum für Seelische Gesundheit der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg
Das Zentrum für Seelische Gesundheit der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg bietet ein umfassendes Angebot zur Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen. Es verfügt über Stationen für Krisenbewältigung, Abhängigkeitserkrankungen, Psychosen und affektive Störungen sowie eine Tagesklinik und eine Psychiatrische Institutsambulanz (PIA). Zusätzlich wird eine stationsäquivalente Behandlung im häuslichen Umfeld (StäB) angeboten.
Besondere Angebote und Leistungen
Einige Kliniken bieten besondere Angebote und Leistungen an, um den Aufenthalt der Patient:innen so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu gehören beispielsweise:
- Wahlleistungsstationen: Möglichkeit der Inanspruchnahme ärztlicher Wahlleistungen (Chefarztbehandlung) und Komfortleistungen (Komfort-Zweibettzimmer oder Komfort-Einbettzimmer)
- Besondere Verpflegungsangebote: Hochwertige und vielfältige Speisenangebote
- Serviceangebote: Zusätzliche Serviceleistungen zur Steigerung des Komforts
Die Rolle der Mitarbeiter
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden die Seele und das Herzstück eines jeden Zentrums für seelische Gesundheit. Motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen sich um reibungslose interne Abläufe, verbessern damit die Behandlungsqualität und tragen zur Auslastung bei, die für den wirtschaftlichen Erfolg des Hauses entscheidend ist.