Krankheitsbilder des vegetativen Nervensystems (ICD-10): Ein umfassender Überblick

Das vegetative Nervensystem (VNS) steuert lebenswichtige Körperfunktionen, die weitgehend unwillkürlich ablaufen. Dazu gehören beispielsweise Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Störungen dieses Systems können sich in vielfältigen Beschwerden äußern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Krankheitsbilder des vegetativen Nervensystems, basierend auf der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10).

Einführung in das vegetative Nervensystem

Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, ist ein übergeordnetes Steuerungszentrum für zahlreiche Körperfunktionen. Es wird in Sympathikus und Parasympathikus unterteilt, die oft gegensätzliche Wirkungen haben. Der Sympathikus bereitet den Körper auf Aktivität und Stress vor ("Kampf-oder-Flucht"-Reaktion), während der Parasympathikus für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Ein Ungleichgewicht zwischen diesen beiden Systemen kann zu verschiedenen Beschwerden führen.

Vegetative Dystonie: Ein umstrittener Begriff

Der Begriff "vegetative Dystonie" beschreibt wörtlich eine "fehlregulierte Spannung" des vegetativen Nervensystems. Obwohl diese Diagnose in den 1950er-Jahren weit verbreitet war, wird sie heute seltener verwendet und oft durch andere Begriffe wie neurovegetative Störung, vegetative Neurose oder autonome Dysregulation ersetzt. Kritiker sehen die vegetative Dystonie als eine "Verlegenheitsdiagnose", die gestellt wird, wenn keine andere Erklärung für die Beschwerden gefunden werden kann.

Symptome der vegetativen Dystonie

Die Symptome einer vegetativen Dystonie können vielfältig sein und sind oft schwer einzuordnen. Mögliche Beschwerden sind:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Durchfall
  • Verstopfung
  • Schlafstörungen
  • Krämpfe
  • Vermehrtes Schwitzen
  • Erhöhter oder erniedrigter Pulsschlag
  • Leichtes Zittern der Hände
  • Kribbeln in den Gliedmaßen

Im weiteren Sinne können auch Symptomkomplexe wie das hyperkinetische Herzsyndrom (häufiges Herzrasen und Blutdruckschwankungen), Reizdarm (chronische Verdauungsstörungen mit Bauchschmerzen und Blähungen) oder Reizblase (ständiger Harndrang und häufiges Wasserlassen) mit einer vegetativen Dystonie in Verbindung gebracht werden. Diese Symptomkomplexe werden oft als funktionelle Syndrome bezeichnet.

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Diagnose der vegetativen Dystonie

Die Diagnose "vegetative Dystonie" ist keine Diagnose im Sinne einer konkreten Krankheit, sondern umfasst ein uncharakteristisches Zustandsbild. Es gibt keinen spezifischen Test für vegetative Dystonie. Die Diagnose wird in der Regel gestellt, wenn keine organischen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden können.

Der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um die Krankengeschichte und die Lebensumstände des Patienten zu erfassen. Anschließend erfolgen verschiedene Untersuchungen, um mögliche körperliche Ursachen auszuschließen. Dazu gehören:

  • Körperliche Untersuchung
  • Puls- und Blutdruckmessung
  • Blutuntersuchung
  • Elektrokardiografie (EKG)
  • Stuhl- oder Urinuntersuchung
  • Bildgebende Verfahren (Ultraschall, Röntgen)

Behandlung der vegetativen Dystonie

Die Behandlung der vegetativen Dystonie richtet sich nach den jeweiligen Auslösern und der Ausprägung der Beschwerden. Oftmals verschwinden die Symptome von alleine wieder. Bei anhaltenden Beschwerden können folgende Maßnahmen helfen:

  • Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, die Ursachen der Beschwerden zu erkennen und zu verarbeiten. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei somatoformen Störungen bewährt.
  • Körperliche Betätigung: Sport, Spaziergänge, Yoga oder Entspannungsübungen können sich positiv auf die Symptome auswirken.
  • Medikamente: In manchen Fällen können Schmerzmedikamente oder Antidepressiva zur Linderung der Symptome eingesetzt werden.

Ursachen und Risikofaktoren der vegetativen Dystonie

Die vegetative Dystonie hat oft keine klar abgrenzbare Ursache. Es spielen häufig mehrere körperliche, seelische und soziale Umstände eine Rolle. Mögliche Auslöser sind:

  • Psychosomatische Ursachen (Stress, Trauer, Ängste)
  • Hormonelle Veränderungen (Wechseljahre, Schwangerschaft)

Wichtig ist, dass die Beschwerden nicht eingebildet sind, sondern eine große Belastung darstellen. Somatoforme Störungen sind genauso ernst zu nehmen wie körperliche Erkrankungen und erfordern eine sorgfältige Diagnose und Behandlung.

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Verlauf und Prognose der vegetativen Dystonie

Der Verlauf der vegetativen Dystonie ist von verschiedenen Faktoren abhängig. In der Regel ist die Prognose gut, und die Symptome bessern sich mit der Zeit wieder. Eine vegetative Dystonie schränkt die Lebenserwartung nicht ein.

Eine ungünstigere Prognose haben Patienten mit einer sehr ängstlichen und negativen Sicht auf ihre Beschwerden, starkem Vermeidungsverhalten und parallelen psychischen Erkrankungen (Depressionen, Angststörungen). Auch starke psychosoziale Belastungen können den Verlauf negativ beeinflussen.

ICD-10 Klassifikation relevanter Krankheitsbilder

Die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) bietet eine detaillierte Klassifikation von Krankheiten und Gesundheitsproblemen. Im Zusammenhang mit dem vegetativen Nervensystem sind insbesondere folgende Kategorien relevant:

  • G90.- Krankheiten des autonomen Nervensystems: Diese Kategorie umfasst verschiedene Störungen des sympathischen und parasympathischen Nervensystems.
  • F45.- Somatoforme Störungen: Diese Kategorie umfasst Störungen, bei denen körperliche Symptome im Vordergrund stehen, für die aber keine ausreichende organische Ursache gefunden werden kann.
  • F43.- Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen: Diese Kategorie umfasst Störungen, die als Reaktion auf ein außergewöhnlich belastendes Lebensereignis oder eine anhaltend unangenehme Situation entstehen.
  • F44.- Dissoziative Störungen [Konversionsstörungen]: Diese Kategorie umfasst Störungen, bei denen es zu einem teilweisen oder vollständigen Verlust der normalen Integration von Erinnerungen, Identitätsbewusstsein, Wahrnehmung und Kontrolle von Körperbewegungen kommt.

F45 Somatoforme Störungen im Detail

Somatoforme Störungen sind gekennzeichnet durch wiederkehrende körperliche Beschwerden, für die keine ausreichende organische Ursache gefunden werden kann. Die Betroffenen sind jedoch stark beeinträchtigt und leiden unter ihren Symptomen. Die ICD-10 unterscheidet verschiedene Unterformen von somatoformen Störungen:

  • F45.0 Somatisierungsstörung: Multiple, wiederholt auftretende und häufig wechselnde körperliche Symptome, die mindestens zwei Jahre bestehen.
  • F45.1 Undifferenzierte Somatisierungsstörung: Ähnlich der Somatisierungsstörung, aber weniger schwer ausgeprägt.
  • F45.2 Hypochondrische Störung: Anhaltende Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer schweren Krankheit zu leiden.
  • F45.3 Somatoforme autonome Funktionsstörung: Symptome, die scheinbar auf eine körperliche Erkrankung eines Organsystems bzw. des vegetativen Nervensystems hindeuten.
  • F45.4 Anhaltende Schmerzstörung: Anhaltende, schwere Schmerzen, die vermutlich ganz oder teilweise psychische Ursachen haben.
  • F45.8 Sonstige somatoforme Störungen: Störungen der Wahrnehmung oder der körperlichen Funktionen, die nicht durch das vegetative Nervensystem vermittelt sind.

F44 Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) im Detail

Dissoziative Störungen, früher als Konversionsneurosen oder Hysterie bezeichnet, sind gekennzeichnet durch einen teilweisen oder vollständigen Verlust der normalen Integration von Erinnerungen, Identitätsbewusstsein, Wahrnehmung und Kontrolle von Körperbewegungen. Die Symptome können sich in vielfältiger Weise äußern, beispielsweise als Amnesie, Fugue, Stupor, Lähmungen, Krampfanfälle oder Sensibilitätsstörungen.

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F43 Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen im Detail

Diese Kategorie beschreibt psychische Störungen, die als direkte Folge von außergewöhnlich belastenden Lebensereignissen oder Situationen entstehen. Dazu gehören die akute Belastungsreaktion, die posttraumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörungen.

Differentialdiagnostik

Es ist wichtig, vegetative Störungen von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören beispielsweise:

  • Organische Erkrankungen (z.B. Schilddrüsenerkrankungen, Herzerkrankungen, neurologische Erkrankungen)
  • Angststörungen
  • Depressionen

Bedeutung der Psychosomatik

Die Psychosomatik spielt bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von vegetativen Störungen eine wichtige Rolle. Körper und Psyche stehen in einem ständigen Wechselspiel miteinander. Seelische Belastungen wie Stress, Trauer, Ängste oder ungelöste Konflikte können sich in körperlichen Symptomen äußern. Umgekehrt können körperliche Erkrankungen auch psychische Auswirkungen haben.

Therapieansätze unter Berücksichtigung der Psychosomatik

Die Therapie von vegetativen Störungen sollte daher sowohl körperliche als auch psychische Aspekte berücksichtigen. Neben der Behandlung der körperlichen Symptome ist es wichtig, die seelischen Ursachen der Beschwerden zu erkennen und zu bearbeiten.

Psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder systemische Therapie können helfen, die seelischen Ursachen der Beschwerden zu erkennen und zu verarbeiten. Entspannungsverfahren wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und das vegetative Nervensystem zu beruhigen.

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