Neurologische Rehabilitation: Krankheitsbilder und Behandlungsansätze

Die neurologische Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Versorgung von Menschen mit Erkrankungen oder Verletzungen des Nervensystems. Ziel ist es, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen wiederherzustellen oder zu verbessern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Krankheitsbilder, die in der neurologischen Rehabilitation behandelt werden, sowie über die Therapieansätze und Phasen der Rehabilitation.

Einleitung

Neurologische Erkrankungen können jeden Menschen treffen und oft zu erheblichen Einschränkungen im Alltag führen. Die neurologische Rehabilitation unterstützt Patientinnen dabei, ihre Fähigkeiten neu zu erlernen und Selbstständigkeit zu fördern. Sie berücksichtigt viele Bereiche menschlichen Verhaltens und Erlebens und stellt den Patientinnen durch das Phasenkonzept verschiedene individuelle Maßnahmen zur Verfügung.

Krankheitsbilder in der Neurologischen Rehabilitation

In der neurologischen Rehabilitation werdenPatient*innen mit einer Vielzahl von Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems behandelt. Dazu gehören unter anderem:

  • Schlaganfall (Apoplex, Hirninsult): Eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, die zu neurologischen Ausfällen führen kann.
  • Hirnblutung: Das Platzen oder Einreißen eines Blutgefäßes im Gehirn.
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Verletzungen des Gehirns durch äußere Einwirkungen.
  • Multiple Sklerose (MS): Eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.
  • Morbus Parkinson: Eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die vor allem Bewegungsstörungen verursacht.
  • Epilepsie: Eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholteAnfälle gekennzeichnet ist.
  • Polyneuropathie: Eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die zu Sensibilitätsstörungen und Muskelschwäche führen kann.
  • Hirntumore: Neubildungen im Gehirn, die neurologische Ausfälle verursachen können.
  • Entzündliche Hirnerkrankungen: Dazu zählen beispielsweise Meningitis (Hirnhautentzündung) und Enzephalitis (Gehirnentzündung).
  • Rückenmarksverletzungen: Schädigungen des Rückenmarks, die zu Lähmungen undSensibilitätsstörungen führen können.
  • Muskelerkrankungen: Erkrankungen, die die Muskulatur beeinträchtigen, wie z.B. Dystrophie oder Myositis.
  • Hirnleistungsstörungen: Kognitive Einschränkungen wie Konzentrations-, Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen.
  • Post-COVID/Long-COVID-Syndrom: Neurologische Beschwerden im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung.
  • Aneurysmablutungen und Angiomblutungen: Blutungen aufgrund von Gefäßanomalien im Gehirn.
  • Degenerative Systemerkrankungen des Nervensystems: Fortschreitende Erkrankungen, die das Nervensystem abbauen.
  • Extrapyramidale Erkrankungen: Bewegungsstörungen aufgrund von Schädigungen bestimmter Hirnbereiche.
  • Kleinhirnerkrankungen: Erkrankungen des Kleinhirns, die zu Koordinationsstörungen führen können.

Ziele der Neurologischen Rehabilitation

Das Hauptziel der neurologischen Rehabilitation ist es, Patient*innen dabei zu unterstützen, wieder am öffentlichen und sozialen Leben teilzunehmen und ihren Alltag mit größtmöglicher Selbstständigkeit zu bewältigen. Zu den spezifischen Zielen gehören:

  • Förderung der Selbstständigkeit: Unterstützung bei der Rückkehr in den Alltag durch gezielte Maßnahmen zur Wiederherstellung grundlegender Fähigkeiten.
  • Verbesserung motorischer und kognitiver Funktionen: Therapie zur Wiederherstellung von Beweglichkeit, Koordination und Denkprozessen.
  • Wiedererlangung der Kommunikationsfähigkeit: Behandlung von Sprachstörungen, die z. B. nach einem Schlaganfall auftreten können.
  • Schmerzreduktion und Symptomlinderung: Maßnahmen zur Behandlung von Folgebeschwerden neurologischer Erkrankungen.
  • Individuelle Therapieplanung: Anpassung der Reha-Maßnahmen an die persönlichen Bedürfnisse und Fortschritte der Patient*innen.
  • Unterstützung bei der beruflichen und sozialen Wiedereingliederung: Vorbereitung auf den Wiedereinstieg in das Berufsleben oder soziale Aktivitäten.

Phasen der Neurologischen Rehabilitation

Die neurologische Rehabilitation ist in verschiedene Phasen unterteilt, die sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und dem individuellen Rehabilitationsbedarf richten. Die Phasen sind nicht starr, und der Übergang zwischen den Phasen erfolgt fließend, je nach Fortschritt der Patient*innen.

Lesen Sie auch: Überblick: Krankheiten des vegetativen Nervensystems

  • Phase A: Akutbehandlung

    • Erste medizinische Versorgung im Krankenhaus oder auf einer Intensivstation, um lebensbedrohliche Zustände zu stabilisieren.
    • Sicherung lebenswichtiger Körperfunktionen wie Atmung und Kreislauf.
  • Phase B: Frührehabilitation

    • Intensive medizinische und therapeutische Betreuung für schwer betroffene Patient*innen, die noch auf umfassende Unterstützung angewiesen sind.
    • Frühzeitiger Beginn rehabilitativer Maßnahmen, oft noch während der Beatmungsphase.
    • Stabilisierung desPatient*innen, Verbesserung der vitalen Funktionen und Vorbereitung auf weitere Rehabilitationsphasen.
  • Phase C: Weiterführende Rehabilitation (Postprimäre Rehabilitation)

    • Patient*innen können bereits aktiv an Therapien teilnehmen, um ihre Selbstständigkeit wiederzuerlangen.
    • Wiedergewinnen von Alltagsfähigkeiten wie Essen und Anziehen.
    • Förderung der Beweglichkeit und kognitiven Fähigkeiten.
  • Phase D: Medizinische Rehabilitation (Anschlussheilbehandlung AHB)

    • Fokus auf die Rückkehr in den Alltag oder ins Berufsleben durch gezielte Therapieprogramme.
    • Steigerung der Alltagsfähigkeiten, um eine weitgehende Selbstständigkeit zu ermöglichen.
  • Phase E: Nachsorge und berufliche Wiedereingliederung

    Lesen Sie auch: Grundlagen des autonomen Nervensystems

    • Ambulante oder teilstationäre Maßnahmen zur langfristigen Stabilisierung und Integration.
    • Soziale und berufliche Wiedereingliederung, wobei der Patient weitgehend selbstständig ist.
  • Phase F: Aktivierende, zustandserhaltende Langzeitpflege

    • Betreuung von Patient*innen, die langfristig auf Pflege und therapeutische Maßnahmen angewiesen sind.
    • Zustandserhaltende Pflege, da aufgrund fehlender Rückbildungstendenz dauerhaft Hilfe benötigt wird.
  • Phase G: Dauerhaft unterstützende Leistungen

Therapieansätze in der Neurologischen Rehabilitation

Die neurologische Rehabilitation umfasst eine Vielzahl von Therapieansätzen, die individuell auf die Bedürfnisse der Patientinnen abgestimmt werden. Ein interdisziplinäres Team aus Ärztinnen, Therapeut*innen und Pflegekräften arbeitet zusammen, um die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten. Zu den wichtigsten Therapiebereichen gehören:

Physiotherapie

Die Physiotherapie zielt darauf ab, die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Bewegungsapparates zu erhalten, zu verbessern oder wiederherzustellen. Dazu gehören:

  • Manuelle Therapie: Behandlung von Funktionsstörungen des Bewegungsapparates.
  • Therapie auf neurophysiologischer Basis: Anwendung von Konzepten wie PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) und Bobath, um dieMotorik zu verbessern.
  • Neurodynamik: Behandlung von Nervenstrukturen, um Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Funktionelle Gehschule: Training desGangbildes, um die Gehfähigkeit wiederherzustellen.
  • Stabilisationstraining: Kräftigung der Rumpfmuskulatur, um die Stabilität zu verbessern.
  • Robotik und computergestützte Geräte: Einsatz von Geräten wie dem Lyra Gangtrainer, Hunova und Balo zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit.
  • Motomedtherapie: Einsatz eines Bewegungstrainers zur Aktivierung der Muskulatur.
  • Laufbandtraining: Training der Ausdauer und Gehfähigkeit auf dem Laufband.

Ergotherapie

Die Ergotherapie hat als Ziel, Tätigkeiten des alltäglichen Lebens zu verbessern. Hierzu zählen beispielsweise das Waschen und Ankleiden, Essen richten, Ausüben von Freizeitaktivitäten sowie die beruflichen Fähigkeiten. Um diese zu steigern, werden folgende Behandlungskonzepte angeboten:

Lesen Sie auch: Detaillierte Informationen zu peripheren Nervenerkrankungen

  • Modifizierte C.I.M.T. (Constraint-Induced Movement Therapy): Förderung des Gebrauchs der betroffenen Extremität durch Einschränkung der gesunden Extremität.
  • Armbasistraining und Armfähigkeitstraining: Verbesserung derFunktion der Arme und Hände.
  • Mobilisationsbehandlungen: Verbesserung der Beweglichkeit der Gelenke.
  • Training von Sensibilität und feinmotorischen Fähigkeiten: Verbesserung derSensibilität und Feinmotorik der Hände.
  • Training von Kraft und Ausdauer: Steigerung der Kraft und Ausdauer der Muskulatur.
  • Training von Geschicklichkeit, Bewegungskoordination und Gleichgewicht: Verbesserung der Koordination und des Gleichgewichts.
  • Training von kognitiven Fähigkeiten: Verbesserung von Gedächtnis, Konzentration und Aufmerksamkeit.
  • Traditionelle Therapieverfahren: Anwendung von Konzepten wie Bobath, PNF und Perfetti.
  • Gangschule mit und ohne Hilfsmittel: Training desGangbildes mit oder ohne Hilfsmittel.
  • Gleichgewichtstraining: Verbesserung des Gleichgewichts.
  • Haushaltstraining: Training vonAlltagstätigkeiten im Haushalt.
  • Wasch- und Anziehtraining: Training der Körperpflege und des Ankleidens.
  • LSVT-BIG: Spezielle Therapie für Parkinson-Patienten zur Verbesserung der Beweglichkeit.
  • Spiegeltherapie: Einsatz eines Spiegels, um die Wahrnehmung der betroffenen Extremität zu verbessern.
  • Betreute Essgruppen: Unterstützung beim Essen und Trinken.
  • Arbeitsplatztraining: Vorbereitung auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz.
  • Armstudio: Einsatz von robotik- und computergestützter Therapie zur Verbesserung derArmfunktion.

Logopädie

Die Logopädie behandelt Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen, Stimmstörungen sowie Fazialisparesen. Zu den Zielen gehören:

  • Verminderung der sprachlichen Symptomatik.
  • Verbesserung der kommunikativen Kompetenz.
  • (Wieder-) Aufbau von Sprachverständnis, Wortfindung und Satzbau.
  • Verbesserung der Artikulation und Sprechflüssigkeit.
  • Verminderung von Schluckstörungen.
  • Ermöglichung einer komplikationslosen Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme.
  • Anbahnung von Stimmgebung in Koordination mit der Atmung.
  • Verbesserung von Heiserkeit.
  • Erwerb einer belastungsfähigen Stimme.
  • Verhinderung einer lebensgefährlichen Pneumonie.

Neuropsychologie

Die Neuropsychologie behandelt kognitive Einschränkungen wie Konzentrations-, Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen. Auf Basis einer individuellen Diagnostik wird die passende Therapie ermittelt. Diese erfolgt einzeln oder in störungsspezifischen Gruppen sowie über Computertraining. Zu den Angeboten gehören:

  • Hypothesengeleitete neuropsychologische Diagnostik.
  • Beurteilung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit.
  • Moderne computergestützte kognitive Funktionstherapie.
  • Psychotherapeutisch orientierte Einzelberatungen.
  • Hilfe bei der Krankheitsverarbeitung.
  • Angehörigenberatung.
  • Psychoedukation zu Themen wie psychische Gesundheit im Alltag und am Arbeitsplatz.
  • Entspannungsverfahren.

Psychologische Therapie

Die psychologische Therapie hilft Patient*innen, besser mit den Folgen ihrer Erkrankung zurechtzukommen. Psychologische Beratung und Behandlung in Einzelgesprächen, Gruppentherapie zur Schmerzbewältigung, Gruppentherapie zur Stressreduktion und krankheitsspezifische Gesprächsgruppen tragen dazu bei, psychische Probleme zu bewältigen, die mit der Erkrankung im Zusammenhang stehen.

Weitere Therapieangebote

  • Physikalische Therapie: z.B. Kälte- und Wärmetherapie, Elektrotherapie (Stimulationsbehandlung), Ultraschall, Hydro- und Balneotherapie, Lymph- und Entstauungstherapie sowie Massagen.
  • Bewegungs- und Sporttherapie: Zur Verbesserung von Ausdauer, Kraft, Koordination, Beweglichkeit und Schnelligkeit werden individuell abgestimmte Gruppentherapien wie Funktionsgymnastik, Ausdauertraining, Krafttraining und Wassergymnastik angeboten.
  • Ernährungsberatung: Speziell auf Patient*innen mit Schluckstörungen abgestimmt, mit Beratung zu geeigneten Nahrungskonsistenzen.
  • Sozialberatung: Unterstützung bei Fragen der beruflichen Wiedereingliederung, der Vorbereitung und Anregung zu berufsfördernden Leistungen, der Lösung von Problemen im häuslichen Umfeld und bei der Vermittlung von Pflegeplätzen und ambulanter Pflegehilfe.
  • Tiergestützte Therapie: Einsatz von Tieren, insbesondere Therapiehunden, zur Förderung des Wohlbefindens und zur Unterstützung der Therapie.
  • Berufliche Rehabilitation (MBOR): Unterstützung bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz nach neurologischen Erkrankungen.
  • Patientenschulung und Gesundheitstraining: Vermittlung von Informationen undStrategien, um eigenverantwortlich mit der Erkrankung umzugehen.
  • Neuraltherapie und Reflexbehandlungen: Ergänzende Therapieangebote zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung.
  • Akupunktur: Traditionelle chinesische Behandlungsmethode zur Schmerzlinderung undEntspannung.
  • Hippotherapie: Neurophysiologische Krankengymnastik auf dem Pferd.
  • Qi Gong: Meditative Atem- und Bewegungstherapie.

Spezielle Therapieprogramme

Einige Reha-Zentren bieten spezielle Therapieprogramme für bestimmte Krankheitsbilder an. Dazu gehören beispielsweise:

  • Sprachintensiv Therapieprogramm: Für Patient*innen mit chronischer Aphasie, mit intensiver logopädischer Einzel- und Gruppentherapie sowie Computertherapie.
  • Reha mit Schwerpunkt Sprache: Therapieprogramm für Patient*innen mit Aphasie im Rahmen der stationären Rehabilitation.
  • LSVT (Lee Silverman Voice Treatment) Hybrid: Spezialisierte Therapie für Parkinson-Patient*innen, die die Therapieprogramme LSVT LOUD (Stimme) und LSVT BIG (Bewegung) kombiniert.

Voraussetzungen für eine Neurologische Reha

Eine neurologische Reha wird für Patient*innen empfohlen, die nach einer Erkrankung oder Schädigung des Nervensystems Unterstützung bei der Wiederherstellung ihrer körperlichen, kognitiven oder motorischen Fähigkeiten benötigen. Grundlegende Voraussetzungen für eine neurologische Reha sind:

  • Rehabilitationsbedarf: Es muss eine Einschränkung der Selbstständigkeit, Mobilität oder Alltagsbewältigung vorliegen.
  • Rehabilitationsfähigkeit: Die Patient*innen müssen aktiv an den Therapien teilnehmen können und eine ausreichende Belastbarkeit aufweisen.
  • Rehabilitationsprognose: Durch gezielte Maßnahmen muss eine Verbesserung des Gesundheitszustandes oder eine Stabilisierung zu erwarten sein.
  • Ärztliche Verordnung: Eine neurologische Reha wird von Ärzt*innen verordnet und erfordert eine medizinische Einschätzung.
  • Kostenübernahme: Die Genehmigung erfolgt durch Krankenkassen, Rentenversicherungsträger oder andere Kostenträger.

tags: #krankheitsbilder #neurologische #reha