Kreativität, Gestik und Gehirnforschung: Eine umfassende Betrachtung

Die Erforschung der Kreativität hat sich von der Betrachtung als göttliche Gabe hin zu einem funktionalen Aspekt verschoben. Während Kreativität in der Antike und im Christentum auf höhere Mächte zurückgeführt wurde, wird sie seit der Renaissance zunehmend im Individuum selbst verortet. Im 20. Jahrhundert erweiterte sich der Kreativitätsbegriff und umfasste nicht nur Kunst und Wissenschaft, sondern auch Politik, Wirtschaft und den Alltag jedes Einzelnen.

Kreativität im Wandel der Zeit

Früher wurde Kreativität fast ausschließlich im Kontext des Geniebegriffs diskutiert und war somit einem kleinen, elitären Kreis vorbehalten. Heute gilt jeder Mensch als potenziell kreativ, was jedoch auch eine Kehrseite hat: In einer auf Beschleunigung ausgerichteten Arbeitswelt wird Kreativität oft weniger als Gabe denn als Bringschuld betrachtet. Dies kann zu Leistungsdruck und Entfremdung vom eigenen schöpferischen Potenzial führen.

Ein prominentes Beispiel für den Druck, kreativ sein zu müssen, ist der Fall des amerikanischen Bestsellerautors Jonah Lehrer, der mit seinem Buch "Prousts Madeleine. Hirnforschung für Kreative" berühmt wurde. Später wurde er jedoch überführt, Zitate gefälscht und plagiiert zu haben. Dies zeigt, dass Wissen über die Funktionsweise des kreativen Gehirns allein keine Garantie für erfolgreiche kreative Arbeit ist.

Definition und Förderung von Kreativität

Aufgrund ihrer Vielschichtigkeit wurde bis heute keine allgemeingültige Definition für Kreativität gefunden. Kreativität scheint sich sowohl der totalen Funktionalisierung als auch einer endgültigen Festschreibung zu entziehen. Es lohnt sich daher, sich dem Thema im Sinne der Hirnforschung anzunähern und Bedingungen aufzuzeigen, die dem kreativen Prozess förderlich sind, möglichst losgelöst vom Kontext der Funktionalisierung.

Verhaltensmuster und Sichtweisen kreativer Menschen

Ein Blick auf das Leben und Wirken von Künstlern und Kreativen zeigt unterschiedliche Verhaltensmuster und Sichtweisen, die uns nicht nur zu kreativeren, sondern auch zu zufriedeneren Menschen machen können. Große kreative Leistungen erwachsen häufig aus dem klugen Umgang mit persönlichen Schwächen oder leidvollen Erfahrungen, die in der künstlerischen Be- und Verarbeitung transzendiert werden.

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Der Begriff der "kreativen Köpfe" ist irreführend, da Kreativität in den meisten Fällen nicht nur vom Intellekt, sondern vom Menschen in seiner Körperlichkeit, Emotionalität und persönlichen Geschichte ausgeht.

Neuroplastizität und kreative Leistung

Forschungen zur Neuroplastizität belegen, dass bestimmte Hirnareale stärker oder weniger stark miteinander vernetzt werden, je nachdem, wie wir unser Gehirn nutzen, welche Erfahrungen wir machen, welche Aufgaben wir uns stellen und welche Denkstile wir kultivieren. Die Wahrscheinlichkeit, kreative Leistungen zu erbringen, wird größer, je öfter wir uns an kreative Aufgaben heranwagen und unser Gehirn in jenen Modi arbeiten lassen, die der Freisetzung kreativen Potenzials förderlich sind.

Die beiden Hirnhälften und die Synthese ihrer Denkstile

Eine Minimaldefinition von Kreativität lautet: "Kreativität ist die Neukombination von Informationen." "Geistesblitze" entstehen, wenn die linke, analytisch arbeitende und die rechte, ganzheitlich ausgerichtete Hirnhälfte gleichermaßen in einen Problemlösungsprozess eingebunden sind und sich durch eine Synthese beider Denkstile eine neue Sicht auf die Dinge ergibt. Dem "Geistesblitz" geht in der Regel eine Phase der Entspannung voraus, die sich im EEG in Form von Alphawellen manifestiert.

Offenheit für unterschiedliche Denkstile und ein Zustand entspannter Wachheit, bei dem das Gehirn auf der Alphafrequenz arbeitet, sind also zwei Aspekte, die dem kreativen Denken förderlich sind.

Körperliche Aktivität und Kreativität

Joyce Carol Oates beschreibt in einem Beitrag in der New York Times, wie ausgiebiges Gehen oder Joggen den Schreibprozess beflügeln kann. Vermutlich schwingt ihr Gehirn beim mühelosen Joggen in jenem Zustand des entspannten Wachträumens in der Alphafrequenz, die der Problemlösung vorausgeht, und nach einem anstrengenden Vormittag linkshirnigen Arbeitens treten die tendenziell rechtshirnigen Verarbeitungsmechanismen auf den Plan und leisten ihren Beitrag zum erfolgreichen Schreibprozess. Moderates Ausdauertraining wirkt positiv auf Gehirn und Psyche, da durch die Muskelaktivität vermehrt Wachstumsfaktoren produziert werden, welche die Durchblutung und den neuronalen Umbau erleichtern.

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Wahrnehmung und Kreativität

Die Anbindung an körperliche Aktivitäten, die den Menschen in direkten Kontakt oder gar in Interaktion mit seiner Umwelt bringt, ist Voraussetzung unterschiedlichster Arten kreativer (Erkenntnis-)Prozesse. Oft ist es die besonders feingestimmte Wahrnehmung, welche Künstler und Kreative von vielen anderen Menschen unterscheidet. Diese ist jedoch kein angeborenes Talent, sondern eine Fähigkeit, die im Laufe des Lebens mehr oder weniger bewusst trainiert und kultiviert wird.

Die Designerin Inge Druckrey betont, wie wichtig es ist, das "Sehen" zu lernen, bevor man sich theoretisch mit einer Materie auseinandersetzt. Diese Ansicht lässt sich auf weitere Lebenszusammenhänge ausdehnen: Was wäre, wenn uns für eine theoretische Auseinandersetzung mit persönlichen und globalen Problemen die Voraussetzungen fehlen, bevor wir gelernt haben, unser Auge zu trainieren und wirklich zu sehen?

"Denken mit den Händen"

Das Innovationsberatungsunternehmen IDEO setzt auf die Technik des "Denken mit den Händen", bei der Designer innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl relativ grober Prototypen schaffen. Die Prototypen fungieren als "Verkörperung" von Ideen, die eine konkrete - und eben auch taktile - Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Problem ermöglichen. Studien belegen, dass bereits das Gestikulieren "beim Denken helfen kann". Gestikulieren reduziert die kognitive Belastung beziehungsweise setzt kognitive Ressourcen frei.

Der Dichter als Gärtner

Stanley Kunitz, ein vielfach preisgekrönter Lyriker, illustriert in seinem letzten Buch, "The Wild Braid", wie sich die Tätigkeiten des Dichtens und des Gärtnerns gegenseitig nähren und beeinflussen. Für Kunitz ist der Garten "der Kosmos in Miniatur" und eine "verdichtete Parabel menschlicher Erfahrung". Eines der immer wiederkehrenden Themen im Werk des Dichters ist die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod.

Kreativität als Überlebensinstinkt

Oft sind es grundlegende Fragen, die Künstler umtreiben, und die kreative Arbeit erweist sich dabei in vielen Fällen als Suche nach den Antworten. Die amerikanische Schriftstellerin Amy Tan sieht eine familiäre Tragödie als ein auslösendes Ereignis für ihre Entwicklung hin zu einer Karriere als Schriftstellerin. Sie begann, sich Fragen zu stellen, die bis heute ihr Werk strukturieren und formen.

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Der Umgang mit schmerzhaften Erfahrungen

Das Leben vieler kreativer Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass sie keine Scheu haben, sich mit beängstigenden und schmerzhaften Erfahrungen auseinanderzusetzen. Diese Fähigkeit, im Angesicht des Schmerzes offen zu bleiben und sich einer Erfahrung hinzugeben, ermöglicht es, außergewöhnliche Werke zu schaffen.

Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)

Forscher haben herausgefunden, dass Kreativität gezielt gefördert werden kann. Peter Turkeltaub setzte Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) bei Freiwilligen ein, um den frontopolaren Cortex des Gehirns zu stimulieren - eine Region, die mit der Kreativität in Verbindung gebracht wird. Dabei verbesserten die Teilnehmer ihr Ergebnis nicht durch das Hinzufügen von sinnlosen Lösungen. Für die Wissenschaftler ist damit erneut bestätigt, dass Kreativität kein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal ist. Kreatives Denken sei vielmehr eine dynamische Eigenschaft, die sich durch kognitives Training aber auch äußere Einflüsse auf das Gehirn verändern lasse. Die Forscher warnen jedoch vor einem unkontrollierten Einsatz von tDCS.

Gesten und Kreativität

Gesten sind Nachahmungen von Handlungen, Objekten oder ihren Eigenschaften. Neurowissenschaftler vermuten, dass Gesten unabhängig von der Sprache konzeptionalisiert werden. Das Forschungsprojekt "Towards a grammar of gesture: evolution, brain, and linguistic structures" untersuchte die neurobiologischen Grundlagen des Gestikulierens und die Relevanz redebegleitender Gesten für die Sprache. Die Forscher konnten zwei Haupttypen von Gesten unterscheiden: singuläre und rekurrente.

"Heureka"-Momente und Kreativität

Wissenschaftler haben Mathematiker beim Problemelösen beobachtet, um herauszufinden, was sich in den Augenblicken vor einem "Heureka"-Moment abspielt. Sie stellten fest, dass sich das Verhalten der Mathematiker in den Minuten vor einer plötzlichen Eingebung veränderte. Es wurde plötzlich erratisch. "Diese Art des assoziativen oder kombinatorischen Denkens ist ein Kennzeichen von Kreativität", schreiben die Forschenden.

Kreativität und psychische Erkrankungen

Studien deuten darauf hin, dass Kreativität, Schizophrenie und bipolare Störung gemeinsame genetische Wurzeln haben. Menschen, die zu nationalen künstlerischen Gesellschaften gehörten, wiesen höhere genetische Risikowerte für Schizophrenie und Bipolare Störung auf als die Allgemeinbevölkerung.

Kreativität in der Arbeitswelt

Kreativ zu denken ist in der modernen Arbeitswelt eine wichtige Fähigkeit. Unternehmen, die auf Innovationen setzen, sollten ihren Beschäftigten einen angemessenen Zeitrahmen für Kreativität anbieten und verschiedene Kreativitätstechniken einsetzen. Führungskräfte sollten berücksichtigen: Ohne Kreativität gibt es weder Problemlösungen noch Verbesserungen.

Kreativitätsniveaus

James C. Kaufman und Ronald A. Beghetto unterscheiden vier Kreativitätsniveaus:

  1. Big-C: Kreativität herausragender Persönlichkeiten, die die Welt verändern.
  2. Little-C: Alltägliches kreatives Denken, das dazu beiträgt, Probleme zu lösen.
  3. Pro-C: Kreativität, die Expertenwissen, jahrelange Praxis und ein herausragendes Niveau erfordert.
  4. Mini-C: Die anfängliche kreative Idee oder Einsicht, die ein Individuum hat.

Kreativitätstechniken

Zum Einsatz kommen verschiedene Kreativitätstechniken, darunter das Brainstorming, die Analogiebildung und Assoziationen.

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