Schielen, in der Fachsprache als Strabismus bezeichnet, ist eine Augenerkrankung, bei der die Augen nicht parallel ausgerichtet sind. Dies führt dazu, dass die Augen in unterschiedliche Richtungen blicken und unterschiedliche Bilder an das Gehirn senden. Schielen kann verschiedene Ursachen haben und in unterschiedlichen Formen auftreten. Es ist wichtig, Schielen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um Sehprobleme und andere Komplikationen zu vermeiden.
Was ist Schielen?
Schielen, medizinisch Strabismus genannt, liegt vor, wenn die Blickrichtung eines Auges von der des anderen abweicht, insbesondere bei Blick in die Ferne. Die Augen sind nicht auf dasselbe Objekt ausgerichtet. Oftmals besteht auch eine Unfähigkeit, die von beiden Augen empfangenen Bilder im Gehirn zu vereinen. In diesem Fall übernimmt ein Auge die Scharfeinstellung, während das Bild des anderen Auges unterdrückt wird, was zum Schielen führt.
Die Abweichung eines Auges von der normalen Sehachse verhindert die Fusion der Bilder beider Augen. Dies kann auf Begleitschielen oder Lähmungsschielen zurückzuführen sein. Beim Lähmungsschielen liegt eine Augenmuskellähmung vor, wodurch sich der Schielwinkel je nach Blickrichtung verändert. Oftmals wird eine kompensatorische Kopfhaltung eingenommen.
Formen des Schielens
Augenärzte unterscheiden hauptsächlich vier Formen des Schielens:
- Begleitschielen (Innenschielen): Die häufigste Form, bei der das schielende Auge jeder Bewegung des fixierenden Auges folgt, wodurch der Schielwinkel nahezu unverändert bleibt. Die Anlage hierfür ist meist erblich bedingt. Einwärtsschielen, nach innen Schielen, kommt bei etwa drei bis vier Prozent aller Menschen vor.
- Lähmungsschielen: Entsteht durch Schädigungen der Augenmuskeln oder der versorgenden Nerven, beispielsweise durch Unfälle, Schlaganfälle oder Hirntumore.
- Latentes Schielen: Tritt nur unter bestimmten Bedingungen auf, wie Müdigkeit, Stress oder Alkoholeinfluss.
- Sekundäres Schielen: Entsteht als Folge anderer Augenerkrankungen.
Je nach Blickrichtung der schielenden Augen unterscheidet man:
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- Unilaterales oder monolaterales Schielen: Nur ein Auge weicht von der gesunden Blickachse ab.
- Alternierendes Schielen: Die Augen weichen abwechselnd von der Blickachse ab.
- Aussenschielen (Exotropie): Das schielende Auge blickt nach außen.
- Innenschielen: Das schielende Auge blickt in Richtung der Nase.
- Höhenschielen: Das schielende Auge blickt nach oben oder unten.
- Mikrostrabismus: Der Schielwinkel ist so klein, dass er bei flüchtiger Betrachtung nicht auffällt.
Ursachen des Schielens
Die Ursachen für Schielen können vielfältig sein:
- Genetische Prädisposition: Schielen tritt in manchen Familien gehäuft auf. Insbesondere wenn ein Elternteil schielt oder geschielt hat, sollte das Kind innerhalb des ersten Lebensjahres augenärztlich untersucht werden.
- Fehlsichtigkeiten: Nicht korrigierte Weitsichtigkeiten können die Entwicklung von Schielen begünstigen. Eine häufige Ursache des Einwärtsschielens bei Kindern ist beispielsweise auch die Weitsichtigkeit. Um ferne Gegenstände zu sehen, muss das Auge auch beim Blick in die Ferne akkomodieren (anpassen). Damit ist eine Konvergenzbewegung der Augen, eine Ausrichtung der Sehachsen auf einen nahegelegenen Punkt, gekoppelt. Lässt es sich nicht unterdrücken, kommt es zum Einwärtsschielen.
- Defekte Ausbildung der Augenmuskeln: Eine Ursache des Schielens kann eine defekte Ausbildung der Augenmuskeln sein.
- Nervenlähmungen: Ursachen des Lähmungsschielens sind häufig Nervenlähmungen, die spontan oder durch chronische Nervenentzündungen, Tumoren, Aneurysmen oder Durchblutungsstörungen entstehen können.
- Andere Augenerkrankungen: Sekundäres Schielen kann als Folge anderer Augenerkrankungen auftreten.
- Risikofaktoren während Schwangerschaft und Geburt: Frühgeburt und Sauerstoffmangel während der Geburt können Risikofaktoren sein.
- Kinderkrankheiten oder Unfälle: Schweres Fieber, seelische Krisen oder Kopfverletzungen können plötzliches Schielen auslösen.
- Einseitige Trübung der Augenlinse: Auch Augenentzündungen, Verletzungen oder Tumore können Schielen verursachen.
Symptome des Schielens
Schielen ist oft auf den ersten Blick erkennbar, da beide Augen nicht in die gleiche Richtung blicken. Allerdings ist die Fehlstellung nicht immer offensichtlich. Eltern können folgende Anzeichen bei ihrem Kind beobachten:
- Häufiges Zukneifen der Augen
- Schiefhalten des Kopfes
- Ungeschicklichkeit oder Stolpern
- Sehen von Doppelbildern
- Verschwommenes Sehen
- Fehlstellung der Augen
- Zukneifen oder Abdecken eines Auges
Zusätzlich zu den sichtbaren Symptomen kann Schielen zu weiteren Problemen führen:
- Sehschwächen: Schielen führt oft zu verschwommenem Sehen.
- Verlust des dreidimensionalen Sehens: Durch die unterschiedlichen Bilder, die an das Gehirn gesendet werden, kann das räumliche Sehen beeinträchtigt werden.
- Kopf-, Nacken- und Gesichtsschmerzen: Angestrengtes Sehen kann zu Schmerzen im Bereich von Augen und Nase führen.
- Schwachsichtigkeit (Amblyopie): Bei einseitigem Schielen kann das mitlaufende Auge die Sehkraft nahezu komplett verlieren, insbesondere bei Kindern, wenn der Strabismus nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Die Krankheit entwickelt sich schon im Säuglingsalter bzw. in der frühen Kindheit. Oft liegt eine frühkindliche Entwicklungsstörung ohne erkennbaren pathologischen Augenbefund. Ausgelöst wird die einseitige Schwachsichtigkeit durch unkorrigiertes Schielen, durch Liderkrankungen oder eine angeborene Linsentrübung, grauer Star. Seltener sind Verletzungen der Netzhaut oder des Sehnervs die Ursache.
Diagnose des Schielens
Die Diagnose von Schielen erfolgt in den meisten Fällen durch eine augenärztliche Untersuchung. Dabei werden verschiedene Tests durchgeführt, um das Ausmaß des Schielens zu bestimmen:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und erkundigt sich nach familiären Vorbelastungen.
- Sehtest: Die Sehschärfe beider Augen wird überprüft.
- Abdecktest: Ein Auge wird abgedeckt, um die Reaktion des anderen Auges zu beurteilen.
- Untersuchung der Augenbeweglichkeit: Die Beweglichkeit der Augen wird geprüft.
- Messung des Schielwinkels: Der Schielwinkel wird apparativ gemessen und in Grad bestimmt.
Es ist wichtig, Schielen frühzeitig zu erkennen, da die Zusammenarbeit von Auge, Sehnerv und Gehirn erst etwa mit dem 12. Lebensjahr vollständig ausgereift ist. Je früher Schielen erkannt wird, desto besser sind die Behandlungschancen.
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Behandlung des Schielens
Die Behandlung von Schielen zielt darauf ab, Sehstörungen zu beheben, die Sehkraft zu erhalten und das Ausmaß des Schielens nach Möglichkeit zu korrigieren. Die Art der Therapie hängt von der Ursache und Ausprägung des Schielens ab. Folgende Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung:
- Brille: Bei mehr als der Hälfte der Kinder ist eine nicht korrigierte Fehlsichtigkeit (meist Weitsichtigkeit) der Grund für ein Innenschielen. Die Brille korrigiert die Sehschwäche sowie das Schielen oder verringert es zumindest maßgeblich. Bei Kindern ist die Behandlung des Schielens mittels Brille schon im Baby-Alter möglich.
- Okklusionstherapie (Abkleben): Bei einer Okklusionstherapie wird bei Kindern das gesunde Auge mit einem Augenpflaster abgeklebt. Ziel ist es, das schwächere, schielende Auge zu trainieren und seine Sehschärfe zu verbessern. Betroffene tragen das Augenpflaster aber nicht permanent, sondern nur in bestimmten Rhythmen. Die augenärztliche oder orthoptische Fachkraft legt dieses Intervall individuell fest. Somit ist es ausgeschlossen, dass das eigentlich gesunde Auge eine Schwachsichtigkeit entwickelt.
- Es ist darauf zu achten, dass die Abdeckung des Auges niemals zu lange andauert, da dies nämlich dann zur Schwachsichtigkeit des abgedeckten, also des gesunden, „intakten“ Auges führen kann. Die Dauer der Abdeckung hängt von dem Alter des Kindes ab: bei sehr jungen Kindern ist nur eine stundenweise Abdeckung empfohlen. Im weiteren Verlauf entspricht das Lebensalter des Kindes der Abdeckungsdauer, sprich bei einem vierjährigen Kind wird das führende Auge vier Tage lang abgedeckt, damit das schwächere Auge „geschult“ wird. Nach den vier Tagen wird eine Pause von 24h eingelegt und beide Augen werden offengelassen. Anschließend folgt dann wieder die Abdeckung des Auges für vier Tage.
- Schieloperation (Strabismus-OP): Je nach Art und Ausprägung des Schielens kann eine Strabismus-OP infrage kommen. Bei einer Operation gegen das Schielen wird die Fehlstellung des Auges korrigiert, indem die Augenmuskeln so präpariert werden, dass die Augen wieder annähernd parallel blicken. Es wird eine Lockerung des zu stark wirkenden Augenmuskels angestrebt und eine Kürzung der Gegenseite. Schieloperationen besitzen nur geringe Risiken und haben gute Erfolgschancen. Meist werden sie nach einer Überweisung des Augenarztes in einer Augenklinik unter Vollnarkose durchgeführt. Die Nebenwirkungen kurz nach der Schieloperation können leichte Schmerzen oder ein Fremdkörpergefühl sein, besonders beim Bewegen der Augen. In der ersten Woche nach der Operation ist oft die Bindehaut am Auge gerötet und geschwollen. In manchen Fällen muss ggf. ein erneuter operativer Eingriff erfolgen, wenn die erste Operation nicht ausreichend erfolgreich war, um die Schielerkrankung zu behandeln. Dies hängt unter anderem von der Art und Stärke der Augenfehlstellung ab.
- Therapie von Lähmungsschielen: In der Therapie von Lähmungsschielen kommt es zunächst darauf an, den Auslöser zu finden und diese Grunderkrankung zu behandeln. In vielen Fällen bildet sich das Lähmungsschielen dann zurück. Nicht selten kommt es innerhalb eines Jahres aber auch zu Spontanheilungen. In leichten Fällen von anhaltendem Lähmungsschielen kommen Brillen mit Prismen zum Einsatz.
- Stereoskopische Übungen: Lange waren die Meinungen darüber geteilt, ob man das Schielen durch Übungen mit Spezialgeräten - stereoskopischen Übungen, beseitigen kann und ob es durch Behandlung des schwachsichtigen Auges mit einem besonderen Augenspiegel gelingt, die Schwachsichtigkeit zu behandeln. Heute weiß man, dass eine frühe Abdeckbehandlung sehr wichtig ist.
Mögliche Folgen unbehandelten Schielens
Unbehandeltes Schielen kann zu ernsthaften Folgen und Problemen führen:
- Dauerhafte Beeinträchtigung des Sehvermögens: Unbehandeltes Schielen kann das Sehvermögen wie auch das schielende Auge dauerhaft beeinträchtigen.
- Beeinträchtigung der räumlichen Wahrnehmung: Auch die räumliche Wahrnehmung, das beidäugige Sehen können davon negativ beeinflusst werden, was Auswirkungen auf die motorische Entwicklung des Kindes haben kann.
- Psychische Belastung: Schielen kann die Psyche des Kindes beeinträchtigen.
- Schwachsichtigkeit: Eigentlich müsste ein solches Schielen zu Doppelbildern führen. Weil aber das Gehirn in der Lage ist, das Bild des nicht scharf einstellenden Auges zu unterdrücken, stellt sich die Schwachsichtigkeit auf diesem Auge ein. Der Zustand bleibt auf Dauer bestehen, wenn er nicht behandelt wird.
Prävention von Schielen
Eine sichere Vorbeugung von Schielen ist nicht möglich. Um anhaltende Sehstörungen zu vermeiden, sollte Schielen so früh wie möglich erkannt und untersucht werden. Dazu gehört beispielsweise die Vorsorgeuntersuchung im Rahmen der U-Untersuchungen für Kinder. Auffällig gewordene Kinder sollten dann unbedingt zu einer auf Kinder spezialisierte Augenarztpraxis, möglichst mit angegliederter Sehschule, überwiesen werden.
Erwachsene sollten regelmäßig (wenigstens alle 2 Jahre) zum Augenarzt gehen. Je früher Hinweise auf eine Sehstörung erkannt werden, umso aussichtsreicher ist die Behandlung. Bei unerwartet auftretenden Sehstörungen sollten Sie in jedem Fall zum Arzt gehen. Plötzliche Doppelbilder beispielsweise können Anzeichen eines Schlaganfalls sein.
Schielen und Bildschirmzeit
Eine Untersuchung an Kindern und Jugendlichen in einem Alter zwischen sieben und sechszehn Jahren, die zu schielen begonnen hatten, hat zeigen können, dass die Nutzung des Smartphones Einfluss auf die Entstehung des Schielens haben könne. Der Abstand des Geräts zum Gesicht bzw. Anschließend ist ein Verzicht der Handynutzung für zwei Monate erteilt worden. Der Verzicht der Handynutzung beendete das Schielen. Daraus lässt sich schließen, dass ein Zusammenhang zwischen einer zu häufigen Handynutzung und Schielen existiere. Kinder sollten nicht länger als dreißig Minuten auf ihr Handy schauen und bei den ersten Anzeichen für das Schielen, von einer Handynutzung zunächst absehen. Zudem gibt es auch weitere ähnliche Studien, die belegen, dass Kinder und Jugendliche, die zu viel Zeit vor dem Fernseher, dem Computer, der Playstation-, Nintendo-Spielkonsole verbringen, ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit aufweisen. Hin und wieder eine Auszeit ohne Computer und Technik tut also nicht nur der Seele gut, sondern auch den Augen.
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Wann ist Schielen ein Notfall?
Bei jedem vierten Kind, das plötzlich schielt oder Doppelbilder sieht, diagnostizieren Ärztinnen und Ärzte in der Notaufnahme eine lebensbedrohliche Erkrankung. Menschen, die zu viel Alkohol getrunken haben oder sehr müde sind, fangen mitunter plötzlich zu schielen an - in solchen Fällen sind die Auslöser bekannt und im Prinzip harmlos.
Hinter neu aufgetretenem Schielen oder Doppelbilder-Sehen kann aber auch eine ernsthafte Erkrankung stecken:
- Bewegungsstörung der Augen: Bewegen sich die Augen nicht symmetrisch-gleichmäßig, handelt es sich oft um einen Notfall, da häufig die Hirnnerven gelähmt sind, die die Augenmuskeln steuern. Ursache einer solchen Lähmung können Hirnblutungen, Hirntumoren, Hirndruck oder ein Schlaganfall sein. Kinder, die mit akutem Schielen infolge einer Augenbewegungsstörung in die Notaufnahme kommen, leiden am häufigsten an einem Hirntumor.
- Doppelbilder nach Unfällen: Akuter Handlungsbedarf besteht ebenfalls, wenn Doppelbilder nach Unfällen auftreten, etwa einem Sturz von einem Trampolin. Zeigt sich dann auch noch ein blaues Auge, liegt wahrscheinlich eine Augenhöhlenfraktur vor, die bei Kindern innerhalb von 24 Stunden operiert werden muss. Auch wenn sich nach einem Schlag aufs Auge Doppelbilder einstellen, müsse sofort die augenärztliche Notfallambulanz aufgesucht werden.
- Plötzliches Schielen bei Erwachsenen über 65: Bei Erwachsenen, die älter als 65 Jahre sind, ist die Ursache für neu aufgetretenes Schielen hingegen meist eine vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn.
Kosten der Schielbehandlung
Dauerhaftes Schielen bei Kindern müssen augenärztliche oder orthoptische Fachkräfte unbedingt behandeln, um eine Schwachsichtigkeit zu verhindern. Die Krankenkassen übernehmen daher die Kosten der Schielbehandlung. Erwachsene sollten vor dem Beginn der Behandlung des Schielens bei ihrer Krankenkasse nachfragen, welche Kosten sie übernimmt. Meist bezahlt sie einen Teil der Schielbehandlung, etwa eine Brille bei starker Fehlsichtigkeit. Gibt es eine Indikation für eine Schieloperation, erstattet die Krankenkasse die Kosten. Das Gleiche gilt für notwendige Augenuntersuchungen beim Schielen.