Nerven sind wie die feinen Verästelungen eines Baumes, die aus dem Rückenmark entspringen. Sie stellen die Verbindung zwischen Gehirn und Muskeln, Haut sowie inneren Organen her und ermöglichen den Informationsfluss von der „Schaltzentrale“ zu den ausführenden Organen. Werden diese Nerven beschädigt oder zerstört, kann dieser Informationsfluss empfindlich gestört sein, was zu Lähmungen und anderen neurologischen Ausfällen führen kann.
Ursachen von Nervenschädigungen
Nervenschädigungen können vielfältige Ursachen haben. Direkte Verletzungen, Kompressionen, Erkrankungen, Entzündungen oder Toxine können die Nerven schädigen und ihre Funktion beeinträchtigen.
Trauma und Verletzungen
Direkte Verletzungen, wie sie beispielsweise bei Unfällen oder Operationen auftreten können, stellen eine häufige Ursache für Nervenschädigungen dar. Auch Nervenverletzungen, die während Kriegszeiten erlitten werden, sind zu erwähnen. Motorradunfälle sind eine besonders häufige Ursache für Armplexusläsionen. Traumatische Nervenverletzungen treten insgesamt bei etwa 1,6-2 % aller Unfälle auf.
Kompression
Eine anhaltende Kompression von Nerven, beispielsweise durch chronische Muskelverspannungen, kann zu Taubheitsgefühlen, Kribbeln oder Schmerzen führen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem der Nervus medianus im Handgelenk eingeengt wird. Auch Psoashämatome können zu Läsionen von Beinplexus oder N. femoralis führen. Die Meralgia paraesthetica ist das häufigste Kompressionssyndrom der unteren Extremität, gefolgt von der Peroneusdruckschädigung am Fibulaköpfchen.
Systemische Erkrankungen
Bestimmte systemische Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, können Nervenschäden verursachen. Auch Stoffwechselerkrankungen oder ein Vitaminmangel können die Nerven schädigen. Darüber hinaus können Entzündungen oder längere Aufenthalte auf einer Intensivstation eine Polyneuropathie hervorrufen. Aortendissektionen und arteriosklerotisch bedingte Stenosen der A. iliaca interna oder ihrer Äste können ischämische Beinplexusläsionen verursachen.
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Iatrogene Ursachen
Iatrogene Nervenschädigungen entstehen durch medizinische Eingriffe. Dies kann beispielsweise bei zahnärztlichen Eingriffen geschehen, wie im Fall von Verletzungen des Nervus alveolaris inferior bei Implantationen oder Weisheitszahnentfernungen. Auch intraoperative Dehnungsverletzungen bei Hüftoperationen können zu Nervenschäden führen.
Tumoren
Tumoren können durch Kompression oder Infiltration den Beinplexus schädigen. In drei Viertel der Fälle handelt es sich um Primärtumoren im Bereich des kleinen Beckens, sonst um Metastasen eines entfernt lokalisierten Primärtumors.
Symptome von Nervenschädigungen
Die Symptome einer Nervenschädigung können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind und in welchem Ausmaß die Schädigung vorliegt. Mögliche Symptome sind:
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Brennen, stechende oder elektrisierende Missempfindungen, verändertes Tastempfinden, nachlassendes Temperatur- und Schmerzempfinden.
- Motorische Ausfälle: Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelzuckungen, Lähmungen, Koordinationsschwierigkeiten, Muskelschwund.
- Schmerzen: Brennende, stechende, elektrisierende oder pulsierende Schmerzen, die entlang des betroffenen Nervs ausstrahlen können.
- ** vegetative Störungen:** Störungen der Organsteuerung, Probleme mit der Blasenkontrolle, Verdauungsstörungen.
Diagnostik von Nervenschädigungen
Eine sorgfältige Diagnostik ist entscheidend, um die Ursache und das Ausmaß der Nervenschädigung zu bestimmen und eine geeignete Therapie einzuleiten. Zu den wichtigsten diagnostischen Verfahren gehören:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und Untersuchung der neurologischen Funktionen, einschließlich Sensibilität, Motorik und Reflexe.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektroneurographie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Schäden der peripheren Nerven nachzuweisen und ihr Ausmaß zu beurteilen.
- Elektromyographie (EMG): Analyse der Muskelaktivität zur frühen Erkennung von Schädigungen und zur Messung der elektrischen Muskelaktivität.
- Bildgebende Verfahren:
- Magnetresonanztomographie (MRT): Darstellung der Nervenbahnen (Neurografie) und umliegender Strukturen, um beispielsweise Kompressionen oder Tumoren zu identifizieren.
- Computertomographie (CT): Zur Darstellung von Knochenstrukturen und Begleitverletzungen.
- Ultraschall: Hochauflösende Nervensonografie zur Untersuchung der Armnerven und des Plexus brachialis.
- Laboruntersuchungen: Zur Abklärung möglicher systemischer Ursachen, wie Diabetes mellitus oder Vitaminmangel.
- Nervenbiopsie: In seltenen Fällen zur Bestimmung der Ursache der Schädigung.
Therapie von Nervenschädigungen
Die Therapie von Nervenschädigungen zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Funktionsfähigkeit wiederherzustellen. Die Behandlungsstrategie richtet sich nach der Art und dem Ausmaß der Nervenschädigung sowie den individuellen Bedürfnissen des Patienten.
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Konservative Therapie
- Schmerzmittel: Zur Linderung von Nervenschmerzen können verschiedene Medikamentengruppen eingesetzt werden, darunter nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Opioide und spezielle Medikamente gegen neuropathische Schmerzen (z.B. Antidepressiva, Antikonvulsiva).
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit.
- Ergotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben und Anpassung der Umgebung.
- Elektrotherapie: Stimulation der Muskeln mit elektrischem Strom, um Muskelschwund zu verzögern.
- Vitamin-B-Komplexe: B-Vitamine, insbesondere B1, B6 und B12, spielen eine wichtige Rolle für die Nervenfunktion und können die Regeneration unterstützen.
- TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation): Schmerzlinderung durch elektrische Impulse, die über Elektroden auf die Haut abgegeben werden.
- Nahrungsergänzungsmittel: Keltican und Doloctan sind Nahrungsergänzungsmittel, die speziell für die Unterstützung bei Nervenschäden entwickelt wurden und eine Kombination von Vitaminen (B1, B6, B12) sowie weiteren Inhaltsstoffen wie Alpha-Liponsäure oder Myo-Inositol enthalten.
Operative Therapie
Eine Operation kann erforderlich sein, wenn die konservative Therapie nicht ausreichend wirkt oder wenn eine spontane Reinnervation unwahrscheinlich ist. Mögliche Operationsverfahren sind:
- Neurolyse: Freilegung von eingeengtem Nervengewebe, um den Druck auf den Nerv zu reduzieren.
- Nerventransplantation: Ersatz eines beschädigten Nervenabschnitts durch einen Nerv aus einem anderen Körperbereich (autologe Nerventransplantation) oder durch einen Spendernerv (allogene Nerventransplantation).
- Nerventransfer: Verlagerung von gesunden Nervenästen zu beschädigten Ästen innerhalb des Plexus (intraplexaler Nerventransfer) oder von außerhalb des Plexus (extraplexaler Nerventransfer).
- Muskeltransplantation: Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt (Ersatzoperation).
- Rekonstruktion mit Nervenleitstrukturen: Verwendung von Nervenleitstrukturen (z.B. Nervenröhrchen), um das Nervenwachstum zu fördern.
Weitere Therapieansätze
- Regenerative Medizin: Einsatz von Stammzellen (z.B. aus Fettgewebe gewonnenen Stammzellen), um die Nervenregeneration zu unterstützen.
- Medikamentöse Therapie: Riluzol kann die Zellsurvival und das Neuritenwachstum fördern. Aminopyridine können zur Behandlung neurologischer Erkrankungen eingesetzt werden und die funktionelle Erholung unterstützen. FK506 kann die Neuroprotektion und lokale Regeneration fördern.
- Immunmodulation: Tacrolimus kann die Immunantwort modulieren und epidurale Narbenbildung verhindern.
Rehabilitation und Prognose
Nach einer Nervenschädigung ist eine umfassende Rehabilitation wichtig, um die Funktionsfähigkeit wiederherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern. Die Rehabilitation kann Physiotherapie, Ergotherapie, Schmerztherapie und psychologische Unterstützung umfassen.
Die Prognose einer Nervenschädigung hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Ursache und das Ausmaß der Schädigung, das Alter des Patienten und die Qualität der Behandlung. In einigen Fällen kann eine vollständige oder teilweise Genesung erreicht werden, während in anderen Fällen dauerhafte Einschränkungen verbleiben können.
Prävention von Nervenschädigungen
Einige Nervenschädigungen lassen sich durch präventive Maßnahmen vermeiden. Dazu gehören:
- Vermeidung von Verletzungen: Tragen von Schutzausrüstung bei risikoreichen Aktivitäten, wie z.B. Motorradfahren oder Extremsportarten.
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Vermeidung von einseitigen Belastungen und Fehlhaltungen.
- Kontrolle von Risikofaktoren: Behandlung von Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus und Vermeidung von schädlichen Einflüssen wie Alkohol und Nikotin.
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