Das Gehirn im Wandel der Zeit: Veränderungen im Alter

Neue Studien geben Einblicke in die Alterungsprozesse unseres Gehirns und wie diese unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflussen. Im Laufe des Lebens unterliegt das Gehirn stetigen Veränderungen, die sowohl normale Alterungsprozesse als auch potenzielle neurodegenerative Erkrankungen widerspiegeln.

Die Entwicklung des Gehirns im Lebensverlauf

Bis zum Alter von etwa 25 Jahren reift das Gehirn kontinuierlich, es wächst und entwickelt sich. Danach beginnt ein langsamer Abbauprozess. Dieser Abbau betrifft nicht alle Bereiche des Gehirns gleichmäßig, sondern manifestiert sich in unterschiedlichem Ausmaß in verschiedenen Regionen.

Interessanterweise zeigen Vergleiche mit Schimpansen, dass zwar ähnliche Bereiche bei Mensch und Tier altern, jedoch beim Menschen gerade jene Areale die größten Alterungseffekte aufweisen, die sich in jüngster Zeit am stärksten verändert haben. Dies deutet darauf hin, dass die letzten entscheidenden Entwicklungen zum Menschen ihren Preis haben könnten.

Das Prinzip "Last in, First out"

Die Erkenntnisse stützen das Prinzip "Last in, first out". Hirnareale, die sich als letztes entwickeln, bauen sich auch als erstes wieder ab. Dazu gehört vor allem die Region des präfrontalen Kortex, der für kognitive Prozesse wie Denken, Planen und Problemlösen maßgeblich ist.

Forschende können zwar relativ gut zeigen, wie das Gehirn altert - Zellen werden weniger, eine Ausdünnung findet statt. Dieser Prozess verläuft jedoch in manchen Bereichen stärker als in anderen.

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Die "Gehirn-Uhr" und ihre Aussagekraft

Ein Forschungsteam aus Chile hat versucht, mithilfe einer "Gehirn-Uhr" vorherzusagen, ob das menschliche Gehirn schneller altert, als sein chronologisches Alter vermuten lässt. Dafür untersuchten sie, wie gut die einzelnen Hirnregionen miteinander agieren. Eine Hirnalterslücke von beispielsweise zehn Jahren bei einer 50-jährigen Person würde bedeuten, dass ihre Gehirnleistung der einer 60-jährigen Person entspricht - ihr Gehirn also älter ist, als es für ihr eigentliches chronologisches Alter vorgesehen wäre.

Einfluss der Lebensweise auf die Gehirnalterung

Das Altern des Gehirns wird auch durch unsere Lebensweise beeinflusst. Umweltverschmutzung, Kultur, sozioökonomische Bedingungen und Ernährung können den Alterungsprozess beschleunigen oder hinauszögern.

Zusätzlich zum normalen Alterungsprozess können neurodegenerative Krankheiten wie Parkinson das Altern beschleunigen, wobei der Unterschied zum normalen Altern oft nicht so groß ist.

Veränderungen der Genaktivität im alternden Gehirn

Forschende am Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben herausgefunden, dass sich die Genaktivität in verschiedenen Zelltypen des Gehirns im Laufe des Lebens verändert. Diese Veränderungen können dazu führen, dass Prozesse nicht mehr so schnell ablaufen wie früher, was Vergesslichkeit im Alter erklären könnte.

Die genetischen Grundvoraussetzungen, die uns anfälliger für das Altern machen, können wir zwar nicht beeinflussen, aber laut Hoffstaedter können wir das Altern etwas hinauszögern.

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Zelltypen und ihre spezifischen Veränderungen

Unser Gehirn besteht aus verschiedenen Zelltypen mit jeweils spezifischen Eigenschaften, Funktionen und Verknüpfungen, die zusammen die komplexen Berechnungen des Gehirns durchführen. Forschende vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben untersucht, wie sich die Aktivität von Genen in den verschiedenen Zelltypen des Gehirns im Laufe des Alterns verändert.

Dafür untersuchten sie Gewebeproben aus 90 Gehirnen von Menschen im Alter zwischen 25 und 85 Jahren, die diese nach ihrem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellten. Sie konzentrierten sich dabei auf Zellen aus dem präfrontalen Kortex, einer Region im Gehirn, die für kognitive Prozesse wie das Denken, Planen und Problemlösen maßgeblich ist.

Die Forschenden konnten erstmals die Veränderung der Genaktivität einzelner Zelltypen im Laufe des Alterns untersuchen. „Wir konnten nachweisen, dass sich die Aktivität in allen Zelltypen im Laufe des Alterns verändert, aber nicht unbedingt in den gleichen Genen“, fasst Studienleiterin Anna Fröhlich das Ergebnis zusammen.

In allen Zelltypen verändert sich die Aktivität von Genen, die wichtig für die synaptische Übertragung, also die Kommunikation zwischen den Neuronen sind, mit dem Altern. Genauso wandelt sich die Aktivität in Genen, die an der sogenannten mRNA-Prozessierung, also bei der Herstellung von Proteinen, beteiligt sind, im Laufe des Alterungsprozesses.

Vergleich mit der Alzheimer-Erkrankung

Da das Alter der größte Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer ist, verglichen die Forschenden die altersbedingten Veränderungen in der Genexpression mit Veränderungen bei der Alzheimer-Erkrankung. Sie fanden weitreichende Überlappungen in bestimmten Zelltypen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass kontinuierliche, nicht-krankhafte Veränderungen ab einem gewissen Zeitpunkt eine Schwelle überschreiten und sozusagen ins Pathologische umschlagen. Besonders interessant ist, dass ein bestimmter Zelltyp von hemmenden Neuronen sowohl durch Altern als auch bei der Alzheimer-Demenz besonders stark betroffen zu sein scheint.

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Die untersuchten Gewebeproben stammten von Menschen mit und ohne psychiatrische Erkrankung. Ein Vergleich dieser zwei Gruppen zeigte Unterschiede in der biologischen Alterung: Das Genexpressions-Alter von Menschen mit psychiatrischer Erkrankung war beschleunigt, das heißt, dass sie „biologisch gesehen“ älter waren. Dies könnte daran liegen, dass sich die Aktivität mancher Gene nicht nur im Alter verändert, sondern auch durch psychiatrische Erkrankungen beeinflusst wird, wie die WissenschaftlerInnen zeigen konnten.

Die Rolle von microRNAs bei neurodegenerativen Erkrankungen

Wissenschaftler*innen der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des „Scripps Research Institute“ in Kalifornien, USA, erforschen in einem gemeinsamen Projekt die Rolle winziger Moleküle, sogenannter microRNAs, die bei der Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer eine entscheidende Funktion übernehmen. Ziel ist es, neue Ansätze zur Früherkennung und Behandlung dieser Erkrankungen zu finden.

Je älter die Menschen werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Hirnerkrankungen wie zum Beispiel Parkinson oder Alzheimer entwickeln. Diese Erkrankungen sind durch den Untergang von Nervenzellen gekennzeichnet und werden somit auch als neurodegenerative Erkrankung bezeichnet. Bisher ist jedoch unklar, welche Faktoren für das Absterben der Nervenzellen verantwortlich sind.

Eiweiße, auch Proteine genannt, sorgen dafür, dass die menschlichen Zellen funktionieren und lebensfähig sind. Hierzu müssen die Proteine zum richtigen Zeitpunkt in entsprechender Menge gebildet und korrekt gefaltet werden, um ihre Funktion ausüben zu können. Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt haben, werden sie abgebaut und bei Bedarf neue Proteine gebildet. Dieser Prozess von der Bildung bis zum Abbau sowie das Zusammenspiel der einzelnen Proteine untereinander ist ein dynamischer Prozess, der mit zunehmendem Alter fehleranfälliger wird.

Ein Team von Forschenden um Dr. Eugenio F. Fornasiero, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Neuro- und Sinnesphysiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), konnte in Kooperation mit Ass. Prof. Dr. Giordano Lippi, Assoziierter Professor in der Abteilung Neurowissenschaften am „Scripps Research Institute“, USA, bereits in vorangegangenen Studien im Tiermodell zeigen, dass einige Proteine, die mit neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung stehen, im gealterten Gehirn nicht mehr so effizient ausgetauscht werden. Dieser mangelnde Austausch erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine Anreicherung der Proteine in den Nervenzellen des Gehirns und mögliche Schäden auf molekularer Ebene. Dies passiert bereits, bevor die Krankheit in Erscheinung tritt. Da die Proteinmengen im Gehirn aber unverändert bleiben, müssen Mechanismen eine Rolle spielen, die mit einer gestörten Bildung, Faltung oder einem unzureichenden Abbau der Proteine in Zusammenhang stehen.

Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass winzige Moleküle, sogenannte microRNAs (miRNAs), die Herstellung und den Abbau bestimmter Proteine steuern. Die miRNAs sind wahrscheinlich entscheidend am Erhalt des Proteingleichgewichts in den Nervenzellen beteiligt. In älteren Gehirnen scheinen insbesondere die durch miRNAs regulierten Proteinen unzureichend erneuert zu werden, welches an einer Fehlsteuerung der miRNAs liegen könnte. Die Labore von Dr. Fornasiero und Ass. Prof. Dr. Lippi haben hierzu eigens Instrumente entwickelt, um die miRNAs im Detail zu untersuchen und zu verstehen, wie sie den korrekten Austausch von Proteinen im Gehirn steuern.

„Wir möchten mit diesen Untersuchungen mögliche Therapieansätze finden, um neurodegenerative Hirnerkrankungen frühzeitig zu erkennen und diese schneller behandeln oder vielleicht sogar verhindern zu können“, sagt Dr. Fornasiero.

Der Forschungsschwerpunkt an der UMG liegt auf der Untersuchung der Proteinstabilität im lebenden Organismus. Hierzu werden aktuell Proben gesammelt, in denen die miRNA-Funktion sowohl in jungen als auch in alten Gehirnen gestört ist. Ziel ist es, die grundlegende Rolle von miRNAs bei der Regulierung des Gleichgewichts zwischen Proteinproduktion und -abbau im Gehirn zu verstehen. Zudem sollen die Untersuchungen Erkenntnisse liefern, wie eine miRNA-Fehlsteuerung die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen begünstigt.

Veränderungen in der Hirnsubstanz

Das Alter macht auch vor den grauen Zellen nicht halt. In den reifen Jahren bauen sie unterschiedlich stark ab. Das macht sich auch bei den geistigen Fähigkeiten bemerkbar. Die graue Hirnsubstanz nimmt etwa bis zum 12. Lebensjahr zu, bevor sie sich allmählich wieder ausdünnt. Betroffen von dem Verlust sind vor allem der präfrontale Cortex und der Hippocampus, die für exekutive Funktionen und das Langzeitgedächtnis unerlässlich sind. Die weiße Hirnsubstanz gewinnt etwa bis zum Alter von etwa 40 bis 50 Jahren an Volumen. Dann schrumpft auch sie wieder. Unter dem Substanzverlust leidet möglicherweise die mentale Verarbeitungsgeschwindigkeit. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnarealen lässt in ihrer Effizienz nach.

Ursachen für den Schwund sind vermutlich die Veränderung von Nervenzellen, die Schrumpfung von Nervenfortsätzen sowie der Verlust von synaptischen Verbindungen. Mit zunehmendem Alter finden sich auch vermehrt Ansammlungen von Tau-Proteinen. Sie sind möglicherweise für das Absterben von Nervenzellen verantwortlich. Das reife Gehirn ist aber in der Lage, gewisse Defizite zu kompensieren.

Mit steigendem Alter geht es mit dem Botenstoff Dopamin drastisch bergab. Er spielt eine wichtige Rolle bei Bewegungskontrolle, Motivation und Lernen. Studien haben unter anderem herausgefunden, dass die Dopamin-Synthese im Striatum im Alter abnimmt. Andere Untersuchungen fanden, dass die Dichte an Rezeptoren - also Empfangsstationen - für Dopamin abnimmt. Der Verlust an Dopamin könnte für viele neurologische Symptome verantwortlich sein, die sich mit zunehmendem Alter bemerkbar machen: die zunehmende Steifheit der Bewegungen, aber auch Einbußen bei der geistigen Flexibilität.

Kompensationsmechanismen des alternden Gehirns

Trotz des altersbedingten Abbaus von Hirnmasse ist das Gehirn in der Lage, gewisse Defizite zu kompensieren. So kommen beispielsweise Erfahrung und über Jahrzehnte hinweg erworbenes Wissen älteren Menschen im Arbeitsleben zugute.

Studien deuten darauf hin, dass ältere Menschen bei komplexeren Aufgaben im Vergleich zu jüngeren Freiwilligen zusätzliche Hirnareale aktivieren, um schwierige Aufgaben erfolgreich zu meistern.

Schichtspezifische Veränderungen in der Hirnrinde

Forschende des DZNE, der Universität Magdeburg und des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung an der Universität Tübingen haben herausgefunden, dass das menschliche Gehirn weniger als gedacht und schichtweise altert - jedenfalls in dem für den Tastsinn zuständigen Bereich der Hirnrinde.

Mittels Magnetresonanztomografie (MRT) konnten die Forschenden diesen Bereich der Hirnrinde mit bislang unerreichter Genauigkeit vermessen. Sie nutzen dafür einen besonders leistungsfähigen Scanner mit einer Magnetfeldstärke von sieben Tesla, so dass sie filigrane Hirnstrukturen etwa von der Größe eines Sandkorns abbilden konnten. Insgesamt rund 60 Frauen und Männer im Alter zwischen 21 und 80 Jahren wurden untersucht.

„Bisher hatte man außer Acht gelassen, dass der primäre somatosensorische Cortex aus einem Stapel mehrerer, quasi hauchdünner Gewebeschichten besteht, von denen jede ihre eigene Architektur und Funktion hat. Wir haben nun festgestellt, dass diese Schichten unterschiedlich altern. Obwohl die Hirnrinde insgesamt dünner wird, bleiben manche ihrer Schichten stabil oder sind im Alter überraschenderweise sogar dicker. Mutmaßlich, weil sie besonders beansprucht werden und ihre Funktionalität dadurch erhalten bleibt.

Die einzelnen Schichten wurden anhand ihres Gehalts an Myelin unterschieden. Diese Substanz ist für die Übertragung von Nervensignalen von Bedeutung. „Die mittlere Schicht ist quasi die Eingangstür für haptische Reize, in den darüber liegenden Schichten finden weitere Verarbeitungsprozesse statt“, sagt Kühn. „Bei sensorischen Impulsen etwa von der Hand kümmern sich die oberen Schichten insbesondere um das Zusammenspiel benachbarter Finger. Das ist wichtig beim Greifen von Gegenständen. Mit unseren Probanden haben wir daher auch Tests zur taktilen Empfindlichkeit und motorischen Fähigkeit der Hand durchgeführt.

Nur die tiefer liegenden Schichten der Hirnrinde zeigten altersbedingten Abbau: Bei älteren Studienteilnehmenden waren sie dünner als bei jüngeren Menschen. In den unteren Schichten des Cortex findet sogenannte Modulation statt: Die Signale des Tastsinns werden hier je nach Kontext verstärkt oder abgeschwächt.

Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise darauf, dass Mechanismen in den tiefen Hirnschichten sich dem altersbedingten Funktionsverlust zu einem gewissen Grad widersetzen. „Obwohl die tiefen Schichten der Hirnrinde mit zunehmendem Alter dünner wurden, nahm ihr Myelin-Gehalt überraschenderweise zu. Bei Vergleichsstudien an Mäusen haben wir diese Effekte ebenfalls beobachtet. Wir haben dann herausgefunden, dass der Anstieg des Myelins darauf zurückgeht, dass bestimmte Nervenzellen vermehrt vorkommen“, so Kühn. „Von diesen ist bekannt, dass sie sich positiv auf die Modulation von Nervenimpulsen auswirken. Sie schärfen sozusagen das Signal. Offenbar wirken Kompensationsmechanismen der zellulären Degeneration teilweise entgegen. In Hinblick auf Prävention wäre es interessant zu erforschen, ob sich diese Mechanismen gezielt fördern und erhalten lassen.

Gedächtnisverlust im Alter: Normal oder Anzeichen einer Demenz?

Viele Menschen machen sich über 50 Gedanken über ihr Gedächtnis im Alter - erfährt jede:r zwangsläufig Gedächtnisverlust im Alter? Gedächtnisprobleme und kleine Blackouts können verunsichern. Es stimmt, unser Gehirn verändert sich mit den Jahren und viele werden im Alter etwas vergesslicher. Diese Veränderungen gehören zum normalen Alterungsprozess - ähnlich wie körperliche Veränderungen. Doch wichtig ist: Gewisse Gedächtnisprobleme sind nicht automatisch Anzeichen einer Demenz. Im normalen Alterungsprozess bleibt Ihre Gehirnleistung in der Regel ausreichend, um den Alltag gut zu meistern.

Mal einen Namen oder Termin vergessen, das kann uns allen passieren, gerade im Alter. Das ist zunächst kein Grund zur Panik. Bei einer Demenz wie Alzheimer hingegen treten Gedächtnislücken gehäuft und systematisch auf. Häufig leidet zuerst das Kurzzeitgedächtnis, während alte Erinnerungen noch abrufbar sind. Entscheidend ist: Demenzbedingte Vergesslichkeit verschlimmert sich im Verlauf von Monaten stetig und beginnt den Alltag spürbar einzuschränken.

Normale Altersvergesslichkeit bedeutet, dass Sie zwar ab und zu etwas vergessen, aber im Großen und Ganzen orientiert bleiben und Ihren Tag selbstständig meistern können. Auffällig wird es hingegen, wenn jemand wiederholt wichtige Ereignisse oder kürzlich Geschehenes vergisst, Gespräche immer wieder von vorn beginnen muss oder merkliche Wortfindungsstörungen auftreten, die früher nicht da waren.

Wichtig: Einzelne Ausrutscher bedeuten nicht gleich Alzheimer. Jeder sucht mal nach dem richtigen Wort oder vergisst einen Namen.

Geistige Fitness im Alter fördern

Auch wenn das Gehirn natürlichem Alterungsstress unterliegt, sind wir dem nicht hilflos ausgeliefert. Demenz-Prävention ist möglich! Ein aktiver Lebensstil kann dazu beitragen, geistige Fähigkeiten lange zu erhalten. Getreu dem Motto „Use it or lose it“ sollten Sie Ihr Gehirn regelmäßig fordern - und zwar auf Weisen, die Freude machen.

Was bedeutet das konkret?

  • Geistig aktiv bleiben: Lernen Sie Neues - zum Beispiel eine Fremdsprache, ein Musikinstrument oder ein anderes Hobby. Neue Herausforderungen halten die grauen Zellen fit.
  • Sozial engagieren: Pflegen Sie Kontakte zu Familie, Freund:innen, Nachbarschaft oder schließen Sie sich Gruppen an.
  • Entspannung & Stressabbau: Stress kann das Gedächtnis beeinträchtigen.

Selbst wenn bereits eine leichte kognitive Beeinträchtigung (engl.: MCI) festgestellt wurde, gilt: Trainieren Sie weiter!

Akute Verwirrtheit und ihre Ursachen

Wenn ältere Menschen plötzlich verwirrt wirken, denkt man schnell an Demenz. Doch Verwirrtheit ist nicht gleich Demenz! Ein sogenanntes Delir - also ein plötzlicher Verwirrtheitszustand - hat oft körperliche Ursachen: Dehydrierung, Infektionen (z. B. Harnwegsinfekte), Medikamentenwirkungen oder Operationen können solche Zustände auslösen. Manchmal können auch psychische Faktoren eine Rolle spielen: Eine Depression oder großer seelischer Stress können bei älteren Menschen scheinbare Demenzsymptome hervorrufen.

Deshalb gilt: Bleiben Sie aufmerksam, aber behalten Sie einen klaren Kopf bei der Interpretation. Verwirrtheit ist ein Warnsignal, aber keineswegs ein Beweis für Demenz.

Umbauphasen des Gehirns im Lebensverlauf

In bestimmten Lebensabschnitten vollzieht das menschliche Gehirn große Umbauphasen. Ab dem neunten Lebensjahr beginnt die zweite Phase. Im Laufe eines Lebens verdrahtet sich das Gehirn zufolge fünfmal umfassend neu. Im Alter von im Mittel etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren gebe es Wendepunkte der neuronalen Vernetzung, berichtet ein Forschungsteam im Fachmagazin »Nature Communications«. Die Neuverdrahtung gehe jeweils mit verschiedenen Denkweisen im Zuge von Wachstum, Reifung und Alterung einher.

»Die Phasen liefern wichtige Hinweise, wozu unser Gehirn in verschiedenen Lebensabschnitten am besten geeignet oder wann es am anfälligsten ist«, erklärte Alexa Mousley von der Universität Cambridge. Für die Studie wertete das Team rund 3800 Datensätze von bis zu 90 Jahre alten Menschen ohne bekannte neurologische Erkrankungen aus. »Daraus haben wir vier wichtige topologische Wendepunkte im Laufe des Lebens identifiziert - im Alter von etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren«, erklärt die Forschungsgruppe. Mit jeder dieser Altersstufe beginnt eine neue Epoche in der Entwicklung, die mit charakteristischen altersbedingten Veränderungen im Aufbau des Gehirns einhergeht.

In der ersten Phase von der Geburt bis etwa zum neunten Lebensjahr wird die Vielzahl im Gehirn eines Babys übermäßig produzierter Synapsen reduziert, wie die Forschenden erklären. Erhalten bleiben die aktiver genutzten Verbindungen zwischen den Neuronen.

Alltagshilfen bei Gedächtnisproblemen

Wenn Sie sich bei sich oder jemandem in Ihrer Familie Sorgen über Gedächtnisprobleme machen, lassen Sie diese ärztlich abklären. Zum einen, weil Vergesslichkeit oder Orientierungsprobleme immer auch andere Ursachen haben können, zum Beispiel einen Altershirndruck, einen Tumor oder eine Depression. Nicht jede Vergesslichkeit weist auf eine Demenz hin. Viele Menschen erleben im Alter normale Gedächtnisveränderungen - hier können kleine Alltagshilfen spürbar entlasten:

  • Einkaufs- und To-do-Listen nutzen: Das Aufschreiben unterstützt das Gedächtnis und gibt im Tagesablauf Orientierung und Sicherheit.
  • Handyalarme oder Wecker stellen: Erinnerungen für Termine oder die Medikamenteneinnahme sind eine einfache und zuverlässige Stütze.
  • Feste Plätze für wichtige Dinge etablieren: Wenn Schlüssel, Brille oder Geldbeutel immer am gleichen Ort liegen, erspart dies lästiges Suchen und verringert Stress.
  • Routinen entwickeln: Wiederkehrende Abläufe - zum Beispiel bestimmte Aufgaben regelmäßig am selben Wochentag oder zur gleichen Uhrzeit - entlasten das Gedächtnis und erleichtern die Orientierung.

Schichtspezifische Alterung der Hirnrinde: Neue Erkenntnisse aus Tübingen

Vergesslichkeit, schlechtere Wahrnehmung, nachlassende Konzentrationsfähigkeit: Diese Begriffe werden häufig mit dem Alterungsprozess in Verbindung gebracht. Der Grund: Die Hirnrinde wird dünner - ein charakteristisches Merkmal des menschlichen Alterns. Erstmals ist es nun Tübinger Forschenden gelungen, mittels innovativen Bildgebungs- und Berechnungsmethoden die verschiedenen Schichten der Hirnrinde separat voneinander zu untersuchen und die Veränderungen der Hirnrindenschichten im Laufe des Alters zu messen.

Häufig wird in der Alterungsforschung jedoch außer Acht gelassen, dass die Hirnrinde selbst aus sechs verschiedenen Schichten besteht, die jeweils eigene Funktionalitäten und eine eigene Anatomie aufweisen. So werden hereinkommende Signale zunächst in den mittleren Schichten verarbeitet und zur Weiterleitung dann in die oberen Schichten integriert. Die tieferen Schichten spielen insbesondere für die Filterung von Informationen eine Rolle, notwendig bei Konzentration oder Multitasking. Bislang konnte nur schwer untersucht werden, wie die altersbedingte Degeneration sich auf die einzelnen Schichten auswirkt - und wie die Degeneration ältere Menschen konkret im Alltag beeinträchtigt.

Unter Leitung von Prof. Dr. Esther Kühn, Professorin an der Medizinischen Fakultät Tübingen und Forschungsgruppenleiterin am Hertie Institut für klinische Hirnforschung, ist es Tübinger Forschenden gelungen, die Dicke verschiedener Hirnschichten separat am lebenden Menschen zu messen.

Mittels des Einsatzes von Ultrahochfeld Magnetresonanztherapie (MRT) und der Kombination mit neuen Berechnungsmethoden zur Bestimmung der Hirnrindenschichten entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstaunliches: Nur die tieferen Schichten der Hirnrinde nehmen mit dem Altern ab, nicht aber die mittleren und oberflächlichen Schichten.

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