Die Sepsis, umgangssprachlich auch als Blutvergiftung bekannt, stellt eine der weltweit führenden infektionsbedingten Todesursachen dar. Sie entsteht, wenn das Immunsystem aufgrund einer Infektion überstimuliert wird und dadurch lebenswichtige Organe geschädigt werden. Die Folgen einer Sepsis können gravierend sein und zu langfristigen Behinderungen führen. In diesem Artikel werden die Ursachen von Lähmungen im Zusammenhang mit einer Sepsis detailliert beleuchtet.
Sepsis: Eine Definition
Eine Sepsis ist keine Vergiftung im eigentlichen Sinne, sondern eine lebensbedrohliche Organdysfunktion, die durch eine fehlregulierte Körperantwort auf eine Infektion verursacht wird. Ausgehend von einem Krankheitsherd breiten sich Erreger im ganzen Körper aus. Die Infektion kann durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten ausgelöst werden. Diese gelangen zum Beispiel durch eine äußerlich sichtbare, entzündete Wunde in den Körper. Mitunter leiden Betroffene bereits an einer Infektion wie einer Lungenentzündung oder einem Harnwegsinfekt. Bleibt diese Infektion nicht lokal im Körper begrenzt und gelangen die Erreger durch die Blutbahn in den gesamten Organismus, wird es gefährlich.
Die übermäßige Immunreaktion führt zu Entzündungsreaktionen, die lebenswichtige Organe schädigen und zum Organversagen führen können. Besonders gefährdet sind Lunge, Niere, Leber und verschiedene Gewebe. Eine Sepsis kann sich zu einem septischen Schock entwickeln, bei dem die Kreislauffunktion gestört ist und der Blutdruck abfällt.
Statistische Daten zur Sepsis
In Deutschland wurden in einer Erhebung 240.470 Fälle von Sepsis, schwerer Septikämie oder septischem Schock in Kliniken erfasst. Die Sterblichkeit bei diesen Patienten betrug rund 25 Prozent, wobei die Sterblichkeit bei schwerer Sepsis allein bei 43 Prozent lag. Bei Patienten mit septischem Schock lag die Sterblichkeit sogar bei fast 60 Prozent. Ein Großteil der Überlebenden erleidet ein oft schweres Post-Sepsis-Syndrom (PSS). Am Universitätsklinikum Jena zeigte eine Nachbeobachtung, dass sechs Monate nach der Entlassung die Sterblichkeit auf knapp 60 Prozent angestiegen war. Bis zu drei Viertel der geretteten Sepsispatienten klagen noch jahrelang über ernste, vorwiegend neu auftretende gesundheitliche Beeinträchtigungen mit folgenschweren Einschränkungen.
Ursachen von Lähmungen bei Sepsis
Lähmungen bei Sepsis-Patienten können verschiedene Ursachen haben:
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- Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP): Die CIP ist eine häufige Komplikation bei Sepsis und anderen schweren Erkrankungen. Sie betrifft die peripheren Nerven und führt zu Muskelschwäche, Sensibilitätsstörungen und Lähmungen. Die genauen Ursachen der CIP sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass Entzündungsmediatoren, Durchblutungsstörungen und Stoffwechselentgleisungen eine Rolle spielen.
- Critical-Illness-Myopathie (CIM): Die CIM ist eine Muskelerkrankung, die ebenfalls häufig bei Sepsis-Patienten auftritt. Sie führt zu Muskelschwäche und -abbau. Auch hier sind die genauen Ursachen noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass Entzündungsmediatoren, Inaktivität und bestimmte Medikamente eine Rolle spielen.
- Septische Enzephalopathie: Die septische Enzephalopathie ist eine Hirnfunktionsstörung, die bei Sepsis auftreten kann. Sie kann zu Verwirrtheit, Desorientierung, Krampfanfällen und Lähmungen führen. Die Ursachen der septischen Enzephalopathie sind vielfältig und umfassen Entzündungen, Durchblutungsstörungen und Stoffwechselentgleisungen im Gehirn.
- Direkte Schädigung von Nerven oder Muskeln: In seltenen Fällen können Nerven oder Muskeln direkt durch die Infektion oder die Entzündungsreaktion geschädigt werden. Dies kann beispielsweise durch Abszesse oder Thrombosen verursacht werden.
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Nach dem fast völligen Verschwinden der Poliomyelitis ist das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) in unseren Breiten die häufigste Ursache für akute generalisierte Lähmungen. Die ersten klinischen Symptome des GBS treten in etwa zwei Drittel der Fälle ein bis vier Wochen nach Infektionen der Atemwege oder des Magendarmtraktes auf. Der am häufigsten nachgewiesene Erreger ist Campylobacter jejuni (C. jejuni). Eine zuvor durchgemachte Infektion mit C. jejuni geht mit einem schwereren Verlauf und einer schlechteren Prognose des GBS einher.
Risikofaktoren für Lähmungen bei Sepsis
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für Lähmungen bei Sepsis-Patienten erhöhen:
- Schwere der Sepsis: Je schwerer die Sepsis ist, desto höher ist das Risiko für Komplikationen wie CIP, CIM und septische Enzephalopathie.
- Dauer der Intensivbehandlung: Je länger ein Patient auf der Intensivstation behandelt werden muss, desto höher ist das Risiko für CIP und CIM. Dies liegt unter anderem daran, dass die Patienten während der Intensivbehandlung oft immobilisiert sind und bestimmte Medikamente erhalten, die das Risiko für diese Komplikationen erhöhen können.
- Vorerkrankungen: Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen, wie z.B. Diabetes, Nierenerkrankungen oder neurologischen Erkrankungen, haben ein höheres Risiko für Lähmungen bei Sepsis.
- Geschwächtes Immunsystem: Ein geschwächtes Immunsystem, beispielsweise infolge von Tumoren, Organtransplantation oder therapeutischer Immunsuppression, erhöht die Anfälligkeit für schwere Infektionen und somit auch das Sepsis-Risiko.
- Hoheres Lebensalter: Ältere Menschen sind anfälliger für Sepsis und haben ein höheres Risiko für Komplikationen.
- Infektionen mit bestimmten Erregern: Einige Erreger, wie z.B. bestimmte Bakterien und Viren, sind eher mit Lähmungen assoziiert als andere.
Symptome von Lähmungen bei Sepsis
Die Symptome von Lähmungen bei Sepsis können je nach Ursache und Schweregrad variieren. Häufige Symptome sind:
- Muskelschwäche: Die Muskelschwäche kannGeneralisiert oder lokalisiert sein. Sie kann sich in Schwierigkeiten beim Gehen, Aufstehen oder Heben von Gegenständen äußern.
- Sensibilitätsstörungen: Sensibilitätsstörungen können sich als Kribbeln, Taubheit oder Schmerzen äußern. Sie könnenGeneralisiert oder lokalisiert sein.
- Reflexverlust: Die Reflexe können abgeschwächt oder nicht auslösbar sein.
- Atembeschwerden: In schweren Fällen kann es zu Atemlähmung kommen, die eine künstliche Beatmung erforderlich macht.
- Schluckbeschwerden: Schluckbeschwerden können zu Aspiration und Pneumonie führen.
- ** vegetative Funktionsstörungen:** Störungen des vegetativen Nervensystems können zu Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen und Störungen der Schweißproduktion führen.
Diagnose von Lähmungen bei Sepsis
Die Diagnose von Lähmungen bei Sepsis erfordert eine sorgfältige neurologische Untersuchung und den Einsatz verschiedener diagnostischer Verfahren:
- Klinische Untersuchung: Der Arzt wird die Muskelkraft, Sensibilität, Reflexe und Koordination des Patienten untersuchen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektrophysiologische Untersuchungen, wie z.B. die Elektroneurographie (ENG) und die Elektromyographie (EMG), können helfen, die Funktion der Nerven und Muskeln zu beurteilen.
- Bildgebende Verfahren: Bildgebende Verfahren, wie z.B. die Magnetresonanztomographie (MRT), können helfen, Schädigungen des Gehirns, des Rückenmarks oder der Nerven zu erkennen.
- Liquoruntersuchung: Eine Liquoruntersuchung kann helfen, Entzündungen oder Infektionen des zentralen Nervensystems nachzuweisen.
Therapie von Lähmungen bei Sepsis
Die Therapie von Lähmungen bei Sepsis zielt darauf ab, die Ursache der Lähmung zu behandeln, die Symptome zu lindern und dieFunktion des Patienten zu verbessern:
- Behandlung der Sepsis: Die wichtigste Maßnahme ist die Behandlung der Sepsis selbst. Dies umfasst die Gabe von Antibiotika, die Stabilisierung des Kreislaufs und die Unterstützung der Organfunktionen.
- Immunmodulation: In einigen Fällen kann eine Immunmodulation erforderlich sein, um die überschießende Immunreaktion zu dämpfen. Hierzu können beispielsweise Immunglobuline oder Kortikosteroide eingesetzt werden. Beim Guillain-Barré-Syndrom (GBS) gründet sich die spezifische Therapie mitPlasmaaustausch oder hochdosierten intravenösen Immunglobulinen auf die immunologischentzündliche Pathogenese der Erkrankung. Kortikosteroide allein helfen beim GBS nicht.
- Physiotherapie und Ergotherapie: Physiotherapie und Ergotherapie sind wichtige Bestandteile der Behandlung von Lähmungen. Sie helfen, die Muskelkraft, Koordination undFunktion des Patienten zu verbessern.
- Logopädie: Logopädie kann bei Schluckbeschwerden helfen.
- Psychologische Betreuung: Psychologische Betreuung kann helfen, die psychischen Belastungen durch die Sepsis und die Lähmungen zu bewältigen.
- Rehabilitation: Nach der Akutbehandlung ist oft eine Rehabilitation erforderlich, um dieFunktion des Patienten weiter zu verbessern und ihm zu helfen, in seinAlltagsleben zurückzukehren. Die verschiedenen Verfahren einer Anschlussheilbehandlung (AHB) sollen dazu beitragen, die PSS-Beschwerden nach einer Sepsis zu lindern. Die Maßnahmen reichen von ambulanter Physio- und Ergotherapie bis hin zu fachneurologischer und/oder -psychologischer Betreuung in spezialisierten Rehaeinrichtungen. Grundsätzlich sollte die Behandlung auf die vorherrschenden Beschwerden fokussieren.
Prävention von Lähmungen bei Sepsis
Die beste Prävention von Lähmungen bei Sepsis ist die Vermeidung von Infektionen und die frühzeitige Behandlung von Infektionen:
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- Impfungen: Schutzimpfungen gehören zu den wichtigsten Präventionsmaßnahmen. Sie sind vor allem für immungeschwächte und chronisch kranke Menschen unerlässlich. Die ständige Impfkommission (STIKO) am Robert- Koch-Institut empfiehlt die Impfung gegen Haemophilus influenza Typ B (Hib), die jährliche Grippeimpfung sowie die Impfungen gegen Pneumokokken und Meningokokken. Die Grippeimpfung ist vor allem für ältere und immunschwache Menschen zu empfehlen, da diese ein besonders hohes Risiko haben, an einer schweren Grippe mit folgender Lungenentzündung und einer daraus resultierenden Sepsis zu erkranken.
- Hygiene: Aufseiten der Hygiene sind grundsätzlich akribisches Händewaschen und gründliches Reinigen und Desinfizieren von Wunden unerlässlich.
- Frühzeitige Behandlung von Infektionen: Infektionen sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden, um eine Ausbreitung der Erreger im Körper zu verhindern.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Risikofaktoren für Sepsis, wie z.B. ein geschwächtes Immunsystem, sollten vermieden werden.
- Bewegung: Insgesamt bewegen wir uns zu wenig. Regelmäßige Bewegung kann helfen, das Immunsystem zu stärken und das Risiko für Infektionen zu senken.
Post-Sepsis-Syndrom (PSS)
Patienten, die eine Sepsis (teilweise mit Schock assoziiert) überleben, können oft erst nach mehreren Wochen nach Hause entlassen werden. Viele Patienten mit PSS benötigen eine umfangreiche orale Medikation, unter anderem Analgetika zur Schmerzlinderung, Hypnotika gegen Schlafstörungen (überbrückungsweise und möglichst kurz dauernd) und Psychopharmaka, vor allem Antidepressiva und Anxiolytika. Freiverkäufliche »Stärkungsmittel« im weitesten Sinn wie Ginseng, Taigawurzel oder Rosenwurz, die üblicherweise auch gegen das Erschöpfungssyndrom Fatigue versuchsweise eingesetzt werden, können möglicherweise auch die Folgeerscheinungen des PSS kupieren (bisher nicht evidenzbasiert!).
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