Lamotrigin zur Behandlung von Spastik: Ein umfassender Überblick

Spastik, definiert als ein geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand der Skelettmuskulatur, entsteht durch Läsionen absteigender motorischer Bahnen im zentralen Nervensystem. Sie kann verschiedene Ursachen haben und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Lamotrigin, ein Antiepileptikum der zweiten Generation, hat sich als vielversprechendes Medikament zur Behandlung von Spastik erwiesen, obwohl seine primäre Anwendung in der Therapie von Epilepsie und bipolaren Störungen liegt.

Einführung

Die Neurologin Dr. Robert Meier eröffnete eine Sitzung mit einer Begrüßung und stellte Dr. Katrin Lorenz vor, die die genaue Funktionsweise von Nervenimpulsen und deren Übertragung auf die Muskulatur erläuterte. Spastik ist ein Zustand gesteigerter Muskelspannung, der oft durch Schädigungen des zentralen Nervensystems verursacht wird. Die Behandlung von Spastik erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapien umfasst.

Ursachen und Diagnose von Spastik

Spastik resultiert aus läsionellen Schädigungen absteigender motorischer Bahnen des zentralen Nervensystems. Die Diagnose umfasst die Anamnese, insbesondere die Suche nach Spastiktriggern.

Lamotrigin: Ein Antiepileptikum mit Potenzial zur Spastikbehandlung

Lamotrigin wird hauptsächlich zur Behandlung von Epilepsien eingesetzt, insbesondere bei Grand-Mal-Anfällen sowie fokalen und psychomotorischen Anfällen bei Patienten ab 12 Jahren. Es ist Mittel erster Wahl bei fokalen Epilepsien und Mittel zweiter Wahl bei Absence-Epilepsien und myoklonalen Anfällen. Für das Lennox-Gastaut-Syndrom kann Lamotrigin bereits ab dem 2. Lebensjahr angewendet werden. Darüber hinaus wird es gegen Depressionen und in der Langzeitprophylaxe von bipolaren Störungen eingesetzt, wenn eine Vorbeugung mit Lithium nicht möglich oder nicht ausreichend wirksam ist.

Wirkmechanismus von Lamotrigin

Lamotrigin fördert die Inaktivierung spannungsabhängiger Natrium- und Calciumkanäle in den Nervenzellen. Dies dämpft die Erregbarkeit der Nervenzellen und verhindert gleichzeitig die Freisetzung der erregenden Neurotransmitter Aspartat und Glutamat. Infolgedessen wird die Erregungskaskade vieler epileptischer Anfälle unterbrochen. Es wird vermutet, dass die positiven Effekte von Lamotrigin auf psychische Erkrankungen, motorische Störungen und Schmerzen ebenfalls durch die verringerte Reizweiterleitung verursacht werden.

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Pharmakokinetik von Lamotrigin

Lamotrigin wird im Darm schnell und vollständig resorbiert. Die maximale Plasmakonzentration wird nach 1,4 bis 4,8 Stunden erreicht, die Halbwertszeit beträgt 15 bis 60 Stunden, abhängig von weiteren, parallel gegebenen Arzneimitteln. Die Ausscheidung erfolgt vorrangig über Biotransformation mit UDP-Glukuronyltransferasen in pharmakologisch unwirksame Metaboliten über den Urin.

Dosierung von Lamotrigin

Die Dosierung von Lamotrigin wird an das Alter der Patienten angepasst und langsam auf die Ziel- oder Erhaltungsdosis gesteigert. Bei einer Monotherapie erhalten Erwachsene in der ersten und zweiten Woche einmal täglich 25 mg Lamotrigin pro Tag. In der dritten und vierten Woche wird die Therapie auf einmal täglich 50 mg gesteigert, bis die Ziel- oder Erhaltungsdosis von 100 bis 200 mg pro Tag erreicht ist.

Nebenwirkungen von Lamotrigin

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Lamotrigin zählen Hautreaktionen mit Ausschlägen, Fleckenbildungen und Juckreiz sowie Sehstörungen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, starke Reizbarkeit und Aggressivität. Eine schwerwiegende Nebenwirkung ist das DRESS-Syndrom (Drug Rash with Eosinophilia and Systemics Symptoms).

Wechselwirkungen von Lamotrigin

Bekannte Wechselwirkungen treten bei folgenden Wirkstoffen auf und machen unter Umständen eine Dosisanpassung notwendig: Kontrazeptiva mit Ethinylestradiol oder Levonorgestrel, Valproat, Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon, Rifampicin, Lopinavir/Ritonavir, Ethinylestradiol/Levonorgestrel-Kombinationen, Atazanavir/Ritonavir, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Topiramat und Olanzapin.

Kontraindikationen von Lamotrigin

Bei einer Überempfindlichkeit gegen Lamotrigin oder sonstige Bestandteile des jeweiligen Präparates ist die Anwendung von Lamotrigin kontraindiziert. Während der Schwangerschaft sollte Lamotrigin nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden, da es das Risiko von kongenitalen Fehlbildungen erhöhen kann. Da Lamotrigin in die Muttermilch übergehen kann, sollten die Nutzen und Risiken des Stillens während einer Lamotrigintherapie abgewogen werden.

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Weitere Therapieansätze bei Spastik

Neben Lamotrigin gibt es weitere medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapieansätze zur Behandlung von Spastik.

Medikamentöse Therapie

  • Baclofen: Ein Antispastikum, das die Muskelspannung reduziert. Bei ausgeprägter Spastik kann Baclofen auch intrathekal über eine Medikamentenpumpe verabreicht werden, um eine stärkere Wirkung bei geringeren Nebenwirkungen zu erzielen.
  • Tizanidin: Ein Alpha-2-adrenerger Agonist, der ebenfalls die Muskelspannung senkt.
  • Diazepam: Ein Benzodiazepin, das eine muskelrelaxierende Wirkung hat.
  • Dantrolen: Ein Muskelrelaxans, das direkt auf die Skelettmuskulatur wirkt.
  • Botulinumtoxin: Kann lokal in betroffene Muskeln injiziert werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie: Umfasst Dehnübungen, Kräftigungsübungen und andere Techniken zur Verbesserung der Beweglichkeit und Funktion.
  • Ergotherapie: Hilft Patienten, ihre Aktivitäten des täglichen Lebens trotz der Spastik auszuführen.
  • Orthesen: Können zur Stabilisierung von Gelenken und zur Verbesserung der Haltung eingesetzt werden. In einem Fall wurde gute Erfahrung mit einer Orthese zum Geradestellen der Zehen gemacht, wodurch eine Operation erspart wurde.
  • Wärme- und Kälteanwendungen: Können zur Linderung von Muskelverspannungen eingesetzt werden.
  • Entspannungstechniken: Können helfen, Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.

Invasive Therapien

  • Selektive dorsale Rhizotomie: Ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem selektiv Nervenfasern durchtrennt werden, die zur Spastik beitragen.
  • Tiefe Hirnstimulation: Kann in seltenen Fällen bei besonders schwerwiegenden Schmerzsyndromen erwogen werden, die auf andere Therapien nicht angesprochen haben.
  • Rückenmarkstimulation: Ein Verfahren, bei dem Elektroden in den Epiduralraum eingebracht werden, um das Rückenmark zu stimulieren und die Weiterleitung schmerzhafter Impulse zum Gehirn zu hemmen.
  • Spinalganglienstimulation: Ein Verfahren, bei dem eine Elektrode in das Austrittsloch der Nervenwurzel geführt wird, um das Spinalganglion zu stimulieren.
  • Periphere Nervenstimulation: Eine Therapieoption bei chronischen Schmerzsyndromen, die eindeutig einem bestimmten Nerv zugeordnet werden können.
  • Motorkortexstimulation: Ein Stimulationsverfahren, bei dem eine Elektrode über der motorischen Region des Gehirns eingebracht wird, um den Kortex zu stimulieren.

Spezifische Erkrankungen und Spastik

  • Rett-Syndrom: Eine genetische Erkrankung, die hauptsächlich Mädchen betrifft und mit Spastik einhergehen kann. Die Referentin empfahl, bei Verkrampfung der Blase und Harnstau einen Neuro-Urologen aufzusuchen, z. B. in Rummelsberg.
  • Multiple Sklerose (MS): Spastik ist ein häufiges Symptom bei MS. Neben den oben genannten Therapien können auch Paroxysmale Symptome auftreten, die mit Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin oder Lamotrigin behandelt werden können. Bei MS-bedingter Ataxie kann Physiotherapie, Ergotherapie und der Einsatz von Hilfsmitteln sinnvoll sein. Medikamente sind wenig hilfreich, aber Clonazepam, Propranolol, Primidon oder Ondansetron können bei Tremor eingesetzt werden.

Off-Label-Use von Lamotrigin

Der Off-Label-Use von Lamotrigin und anderen Anfallssuppressiva bietet zusätzliche Behandlungsoptionen, birgt aber auch Herausforderungen und Risiken. Es fehlen häufig klinische Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit, und es kann Unsicherheit bezüglich Dosierungen bestehen. Behandler müssen Patienten oder ihre Sorgeberechtigten umfassend über die potenziellen Risiken informieren und eine informierte Zustimmung einholen.

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