Wenn Hände regelmäßig einschlafen, kribbelig oder taub werden, steckt nicht immer eine harmlose Ursache dahinter. Oftmals ist es ein vorübergehendes Phänomen, doch wenn die Beschwerden häufiger auftreten, kann mehr dahinterstecken. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen für ein langfristig andauerndes Taubheitsgefühl und gibt Hinweise, wann ärztlicher Rat eingeholt werden sollte.
Einführung in das Taubheitsgefühl
Taubheitsgefühle, auch Hypästhesie genannt, sind eine Verminderung des Berührungsempfindens der Haut. Betroffene haben das Gefühl, dass ein bestimmter Bereich der Haut teilweise oder gänzlich ohne Empfinden ist. Es kann sich in verschiedenen Formen äußern, wie taktiler Hypästhesie (herabgesetztes Berührungs- und Druckempfinden), Thermhypästhesie (abgeschwächtes Hitze- oder Kälteempfinden), Hypalgesie (verringerte Schmerzempfindlichkeit) oder Pallhypästhesie (weniger wahrgenommene Vibrationen).
Ursachen von Taubheitsgefühlen
Die Ursachen für Taubheitsgefühle sind vielfältig und reichen von harmlosen Auslösern bis hin zu ernsthaften Erkrankungen. Eine Durchblutungsstörung im betroffenen Körperteil oder eine Nervenschädigung können die Ursache sein. Die Dauer des Taubheitsgefühls kann bereits einen Hinweis auf die Ursache geben.
Mechanische Ursachen
Eine häufige Ursache für vorübergehende Taubheitsgefühle ist eine ungünstige Körperhaltung, die einen Nerv abklemmt. Dies kann beispielsweise beim Schlafen auf dem Arm oder bei langem Sitzen in einer bestimmten Position geschehen. In solchen Fällen verschwindet das Taubheitsgefühl meist schnell wieder, sobald der Druck auf den Nerv nachlässt.
Karpaltunnelsyndrom
Andauernde Taubheitsgefühle in der Hand und den Fingern können auf ein Karpaltunnelsyndrom hindeuten. Der Karpaltunnel befindet sich im Handgelenk und wird von Sehnen und dem sogenannten Mittelnerv (Medianusnerv) durchzogen. Ist er zu eng, entsteht Druck auf den Mittelnerv, was zu Taubheit und Empfindungsstörungen führen kann. Häufig beginnen die Missempfindungen an den Fingerspitzen von Daumen-, Zeige- und Mittelfinger. Die Beschwerden treten zudem in der Regel nachts oder nach Handarbeit auf.
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HWS-Syndrom und Bandscheibenvorfall
Auch ein HWS-Syndrom, bei dem es zu verschleißbedingten Veränderungen der Wirbel oder zu Entzündungen im Bereich der Halswirbelsäule kommt, kann zu Taubheitsgefühlen und Kribbeln in Armen und Nackenbereich führen. Generell sind Veränderungen der Wirbelsäule wie ein Bandscheibenvorfall mögliche Auslöser von Missempfindungen im Körper. Dabei ist entscheidend, in welchem Bereich die Wirbelsäule betroffen ist. Abhängig davon sind Auswirkungen an verschiedenen Körperstellen spürbar. Taubheitsgefühle oder Kribbeln im Arm, häufig begleitet von Schmerzen, können auf einen Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule (HWS) hindeuten. Dabei wird durch den Vorfall der Bandscheibe eine Nervenwurzel abgeklemmt, was zu den Symptomen führen kann.
Polyneuropathie
Taubheitsgefühle gelten als typisches Symptom für eine Polyneuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems. Diese tritt zum Beispiel häufiger bei Menschen mit Diabetes mellitus als sogenannte diabetische Polyneuropathie auf. Dabei ist die Empfindsamkeit der Füße deutlich vermindert, sodass es unbemerkt zu ernsten Verletzungen kommen kann.
Weitere Ursachen
Weitere mögliche Ursachen für Taubheitsgefühle sind:
- Muskelverspannungen im Nackenbereich
- Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus
- Nährstoffmangel, zum Beispiel ein Vitamin-B12-Mangel
- Schlaganfall und Herzinfarkt
- Guillain-Barré-Syndrom
- Nervenschädigungen
- Bandscheibenvorfall in der LWS
- Ischias
- Falsches Schuhwerk
- Morton Neurom
- Fehlstellungen
- Tarsaltunnelsyndrom
- Muskelverhärtungen
Vitaminmangel als Ursache
Ein Mangel an bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen kann ebenfalls zu Taubheitsgefühlen führen. Diese Nährstoffe sind unverzichtbar für die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper, und ein Mangel wirkt sich direkt auf die Nerven aus.
Vitamin B12
An erster Stelle steht Vitamin B12. Es ist essenziell für die Bildung von Nervenzellen und roten Blutkörperchen. Ein ausgeprägter Mangel führt zu Taubheitsgefühlen in Händen und Füßen, oft begleitet von Müdigkeit, Schwäche oder Gleichgewichtsstörungen. Erwachsene benötigen täglich rund 2,4 Mikrogramm Vitamin B12, ältere Menschen meist etwas mehr, da die Aufnahmefähigkeit mit den Jahren sinkt. Ein besonderes Risiko haben Veganer und Vegetarier, da B12 fast ausschließlich in tierischen Produkten vorkommt. Auch Menschen mit Magen- oder Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder nach Magenoperationen nehmen das Vitamin schlechter auf. In diesen Fällen können angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel helfen, den Bedarf zu decken und neurologische Schäden vorzubeugen.
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Weitere Vitamine
Auch andere Defizite spielen eine Rolle: Ein Mangel an Folsäure (Vitamin B9) beeinträchtigt die Nervenleitbahnen und kann neurologische Beschwerden verstärken (eher gelegentlich). Vitamin E schützt Nervenzellen; ein Mangel führt selten zu Taubheitsgefühlen, meist bei Störungen der Fettaufnahme. Seltener können auch Defizite der Vitamine B1 (Thiamin) und B6 (Pyridoxin) mit Kribbeln oder Parästhesien einhergehen.
Tabelle: Vitamine und ihre Rolle bei Taubheitsgefühlen
| Vitamin | Typische Zeichen bei Mangel | Wichtige Quellen |
|---|---|---|
| Häufig: Vitamin B12 | Taubheitsgefühle/Kribbeln in Händen und Füßen, Müdigkeit, Gangunsicherheit, Konzentrationsprobleme | Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte; angereicherte Produkte |
| Gelegentlich: Folsäure (Vitamin B9) | Neurologische Störungen, Erschöpfung, Blutbildveränderungen | Grünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, angereicherte Lebensmittel |
| Selten: Vitamin E | Neuropathie-ähnliche Beschwerden, Muskelschwäche, Koordinationsprobleme (v. a. bei Fettmalabsorption) | Nüsse, Samen, pflanzliche Öle |
| Selten: Vitamin B1 (Thiamin) | Kribbeln, periphere Neuropathie, Schwäche | Vollkorn, Hülsenfrüchte, Schweinefleisch |
| Selten: Vitamin B6 (Pyridoxin) | Parästhesien, Reizbarkeit; auch Überversorgung kann Nerven reizen | Fisch, Kartoffeln, Bananen, Vollkorn |
Diagnose von Taubheitsgefühlen
Um herauszufinden, wodurch das Taubheitsgefühl entsteht, benötigt der Arzt einige Informationen von Betroffenen, wie zum Beispiel:
- Wann ist das Taubheitsgefühl zum ersten Mal aufgetreten?
- Hält die Hypästhesie seitdem an oder verschwindet sie zwischendurch wieder?
- Tritt die Hypästhesie ein- oder beidseitig auf?
Entscheidend ist auch, ob das Taubheitsgefühl nach einem bestimmten Vorfall aufgetreten ist, beispielsweise nach einer ungeschickten Bewegung oder nach einem Unfall. Ein wichtiger Aspekt für die Diagnose sind außerdem mögliche Vorerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes mellitus, die bei einer Hypästhesie als mögliche Ursache infrage kommen. Zusätzlich wird versucht, mithilfe einer körperlichen Untersuchung genauer herauszufinden, welcher Bereich von dem Taubheitsgefühl betroffen ist. Sind nur einige Finger oder die ganze Hand betroffen? Fühlen sich mehrere Stellen am Körper taub an oder kribbeln? Auf diese Weise lassen sich mögliche Nervenschädigungen oft schon aufspüren. Um neurologische Ausfälle festzustellen, werden zudem die Eigenreflexe, das Gehör, die visuelle Wahrnehmung (der Sehsinn) und der Gleichgewichtssinn der Betroffenen geprüft.
Je nach vermuteter Ursache der Hypästhesie können weitere Untersuchungen notwendig sein, so zum Beispiel:
- Computertomographie (CT)
- Magnetresonanztomographie (MRT)
- Dopplersonographie der Gefäße
- Elektroneurographie (ENG)
- Röntgenuntersuchung
- Blutuntersuchung
- Liquoruntersuchung
Therapie von Taubheitsgefühlen
Bei einem Taubheitsgefühl richtet sich die Therapie nach der jeweiligen Ursache. Ist das Taubheitsgefühl das Begleitsymptom einer bestehenden Grunderkrankung, ist die zielgerichtete Behandlung dieser Krankheit erforderlich. Einige Beispiele sind:
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- Polyneuropathie: Die Therapie hängt davon ab, welche Form dieser Erkrankung vorliegt. Eine angeborene Polyneuropathie beispielsweise kann bisher nicht ursächlich behandelt werden, die Behandlung konzentriert sich deswegen vor allem auf eine Linderung der Beschwerden. Eine diabetische Polyneuropathie erfordert hingegen vor allem eine optimale Einstellung des Blutzuckers und den kompletten Verzicht auf Alkohol.
- Vitaminmangel: Liegt ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure vor, bessern sich die Symptome unter Umständen, wenn man den Mangel ausgleicht.
- Bakterielle Infektion: Tritt die Hypästhesie infolge einer bakteriellen Infektion (zum Beispiel Borreliose) auf, hilft eine Therapie mit Antibiotika.
- Gürtelrose: Wenn das Taubheitsgefühl mit Gürtelrose zusammenhängt, behandelt der Arzt diese zumeist mit dem Wirkstoff Aciclovir.
- Bandscheibenvorfall: Ist ein Bandscheibenvorfall die Ursache der Hypästhesie, besteht die Therapie vor allem darin, die Wirbelsäule zu entlasten - zum Beispiel durch eine Stufenbettlagerung. Um die Schmerzen zu lindern, verabreichen Fachleute mitunter entzündungshemmende Schmerzmittel (zum Beispiel aus der Gruppe der NSAR) oder Glukokortikoide und Mittel zur Muskelentspannung (Muskelrelaxanzien). Um langfristig die Rückenmuskulatur zu kräftigen, empfiehlt sich anschließend eine Physiotherapie.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Wer regelmäßig taube Hände verspürt, sollte die Symptome ernst nehmen. Eine Blutuntersuchung klärt, ob ein Mangel vorliegt (zum Beispiel B12 und Folsäure; bei Bedarf weitere B-Vitamine). Besonders ältere Menschen sowie Personen mit veganer Ernährung oder chronischen Magen-Darm-Erkrankungen profitieren von einer frühzeitigen Diagnose. Wichtig: Taubheitsgefühle können auch durch mechanische Ursachen entstehen, etwa beim Karpaltunnelsyndrom oder durch Nervenreizungen an der Halswirbelsäule; seltener stecken Störungen des Mineral- und Hormonhaushalts dahinter, zum Beispiel Kalziummangel im Zusammenhang mit Vitamin-D-Mangel oder der Nebenschilddrüse. Sollten einseitig Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen in Arm oder/und Bein auftreten, kann ein lebensgefährlicher Schlaganfall vorliegen. Weitere Anzeichen sind oft Sprach- und Sehstörungen sowie Schwindel und Kopfschmerzen. In diesem Fall sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden.
Vorbeugung
Viele Ursachen für Taubheitsgefühle lassen sich durch einen gesunden Lebensstil vermeiden. Dazu gehören:
- Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen
- Regelmäßige Bewegung zur Förderung der Durchblutung
- Vermeidung von übermäßigem Alkoholkonsum
- Ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, um Fehlhaltungen zu vermeiden
- Regelmäßige Pausen bei sitzenden Tätigkeiten, um Muskelverspannungen vorzubeugen
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