Langzeitfolgen von Cannabiskonsum auf das Gehirn: Aktuelle Studien und Erkenntnisse

Die Legalisierung von Cannabis markiert einen gesellschaftlichen Wendepunkt. Was jahrzehntelang als Randphänomen galt, ist heute Teil des öffentlichen Lebens. Spätestens seit der Cannabis-Legalisierung 2024, die Besitz und Eigenanbau für Erwachsene unter bestimmten Bedingungen erlaubt, hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung verschoben. Mit der Freigabe für Erwachsene seit 2024 rücken nicht nur neue rechtliche Rahmenbedingungen in den Fokus, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse über Nutzen und Risiken des Konsums. Doch die gesellschaftliche Normalisierung birgt ihre eigenen Widersprüche. Während Befürworter die Freiheit des Einzelnen betonen und auf vergleichsweise geringe Risiken im Vergleich zu Alkohol verweisen, warnen Fachleute vor einer allzu sorglosen Akzeptanz. Fragen wie diese beschäftigen nicht nur die Wissenschaft, sondern auch immer mehr Konsument:innen selbst: Welche Folgen hat der Konsum von Cannabis? Wie verändert Cannabis die Persönlichkeit? Und was passiert eigentlich im Gehirn bei regelmäßigem Konsum?

Auswirkungen von Cannabis auf die Hirnaktivität

Jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass starker, langfristiger Cannabiskonsum Spuren im Gehirn hinterlässt. Cannabis als Rauschmittel zu konsumieren, beeinflusst dauerhaft die Hirnaktivität bei Aufgaben fürs Arbeitsgedächtnis. Eine groß angelegte US-Studie aus dem Jahr 2025 zeigt: Wer im Laufe seines Lebens intensiv Cannabis konsumiert hat, weist bei Aufgaben, die das Arbeitsgedächtnis fordern, eine geringere Aktivität in zentralen Hirnregionen auf - darunter der dorsolaterale und mediale präfrontale Kortex. Kurzfristiger Konsum war ebenfalls mit einer verringerten Hirnaktivität bei Gedächtnis- und Motorikaufgaben verbunden, allerdings schwächten sich diese Effekte wieder ab.

Ein Team um den Mediziner Joshua L. Gowin von der University of Colorado ließ die Versuchspersonen sieben Aufgaben ausführen, während es die Hirnaktivität mittels funktionaler Magnetresonanztomografie beobachtete. Wie die Fachleute nun in der Fachzeitschrift »JAMA Network Open« berichten, zeigten häufig Cannabis Konsumierende bei der aufs Arbeitsgedächtnis zielenden Aufgabe im Durchschnitt eine geringere Hirnaktivierung. Personen, die in den Tagen vor dem Experiment Cannabis konsumiert hatten, schnitten bei diesem Test messbar schlechter ab. Bei den anderen sechs Aufgaben zeigte sich kein signifikanter Effekt.

Die Ergebnisse der Studie sind schwierig zu interpretieren. Personen mit positivem Urintest zeigten statistisch signifikant geringere Hirnaktivität lediglich bei den Aufgaben fürs Arbeitsgedächtnis - ebenso Personen, die langjährig Cannabis konsumiert hatten. Doch nur diejenigen von ihnen, die in den letzten Tagen Cannabis geraucht hatten, schnitten signifikant schlechter bei der Übung selbst ab, langjährige Nutzer nicht. Die Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass die Hirnaktivität in diesem Test mit Faktoren wie Intelligenz und Bildungserfolg der Versuchspersonen verbunden sei - was dafür spreche, dass die geringere Aktivität bei langjährigen Nutzern ebenfalls Auswirkungen auf die geistige Leistungsfähigkeit habe.

Studie zu Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn

Dank moderner Untersuchungsmethoden können die Auswirkungen des Cannabiskonsums auf den Hirnstoffwechsel heutzutage direkt am Menschen untersucht werden. Wofür früher noch Versuchstiere herhalten mussten, wurden in einer aktuellen Studie „echte“ Kiffer herangezogen. Erstmals konnte am Menschen nachgewiesen werden, dass chronischer Cannabiskonsum die Zahl von Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn reduziert.

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Cannabinoid-Rezeptoren spielen bei der Entstehung des für den Cannabiskonsum typischen „High“-Gefühls eine besondere Rolle. Sie sind Teil bestimmter Nervenzellen im Gehirn und haben bei der Reizweiterleitung eine wichtige Funktion. Sie reagieren auf Cannabinoide, wobei zwischen körpereigenen Botenstoffen und dem im Cannabis enthaltenen Tetrahydrocannabinol (THC) unterschieden werden muss. Beim Konsum von Cannabis wird die Reizweiterleitung in diesen Nervenzellen mitunter so stark beeinflusst, dass neben den erwünschten psychoaktiven Effekten auch starke Störungen der Konzentrationsfähigkeit, des Gedächtnisses oder der Zeitwahrnehmung auftreten können.

Im Rahmen der am National Institute of Mental Health und am National Institute on Drug Abuse in den USA durchgeführten Studie sollte nun untersucht werden, welche Auswirkungen chronischer Cannabiskonsum auf die Cannabinoid-Rezeptoren hat. Hierbei wurden 30 starke Cannabiskonsumenten, die sich in einer geschlossenen stationären Einrichtung befanden, mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) untersucht. PET ist ein bildgebendes Untersuchungsverfahren, das detaillierte Einblicke in die Struktur und Funktionsweise des menschlichen Gehirns erlaubt. Verglichen wurden die Cannabiskonsumenten mit 28 anderen Probanden, die bisher noch gar nicht oder nur selten zum Joint gegriffen hatten. Die Untersuchungsergebnisse waren eindeutig: So wiesen die starken Cannabiskonsumenten im Schnitt 20 Prozent weniger Cannabinoid-Rezeptoren auf als Mitglieder der Vergleichsgruppe. Ihr Cannabiskonsum hatte also deutliche Spuren im Gehirn hinterlassen. Darüber hinaus fanden die Forscherinnen und Forscher, dass die Zahl der Cannabinoid-Rezeptoren signifikant mit der Konsumerfahrung zusammenhing: Je länger die Konsumentinnen und Konsumenten kifften, desto weniger Cannabinoid-Rezeptoren konnten in ihrem Gehirn nachgewiesen werden.

Allerdings konnte im Rahmen der Studie auch gezeigt werden, dass sich die Auswirkungen des Konsums wieder abschwächten, wenn dieser eingestellt wurde. So zeigten zusätzliche Hirnuntersuchungen nach einem Monat, dass sich die Zahl der Cannabinoid-Rezeptoren bei ehemaligen Konsumenten wieder deutlich erholte. Cannabiskonsum, so die Ergebnisse der Studie, hat zwar deutliche Auswirkungen auf wichtige Hirnfunktionen - diese Schäden bilden sich jedoch bei längerer Konsumabstinenz wieder zurück.

Langzeitwirkungen auf kognitive Fähigkeiten und psychische Gesundheit

Eine umfassende Übersichtsarbeit von 2013 verdeutlicht, dass Cannabiskonsum sowohl akute als auch langfristige Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit haben kann. Kurzfristig kann Cannabis neben Euphorie und Entspannung auch Angstzustände, Panikattacken und akute psychotische Symptome hervorrufen. Langfristiger, intensiver Konsum steht in Verbindung mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Psychosen, besonders bei frühzeitigem Einstieg. Auch kognitive Beeinträchtigungen, Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme sowie die Ausbildung einer Abhängigkeit sind dokumentiert.

Eine Langzeitstudie aus Neuseeland mit über 1.000 Teilnehmenden zeigt: Wer über viele Jahre hinweg regelmäßig Cannabis konsumiert, hat im mittleren Lebensalter deutlich messbare kognitive Defizite. Langfristige Nutzer verloren im Schnitt 5,5 IQ-Punkte im Vergleich zu ihrer Kindheit und schnitten bei Tests zu Lernen, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit schlechter ab als Gelegenheitskonsumenten oder Nichtkonsumenten. Gleichzeitig wiesen Langzeitkonsumenten kleinere Hippocampus-Volumen auf - jene Hirnregion, die zentral für Lern- und Gedächtnisprozesse ist.

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Persönlichkeitsveränderungen durch Cannabiskonsum

Langfristiger Cannabiskonsum kann die Persönlichkeit verändern. Studien legen nahe: Wer regelmäßig konsumiert, ist oft offener für neue Erfahrungen - gleichzeitig nehmen jedoch Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit und soziale Verträglichkeit ab.

Medizinische vs. freizeitliche Nutzung

Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen medizinischer und freizeitlicher Nutzung. Beim therapeutischen Einsatz von Cannabis - etwa zur Behandlung chronischer Schmerzen oder Multipler Sklerose - zeigt sich ein ganz anderes Bild: Eine umfassende Metaanalyse mit über 210.000 Teilnehmer:innen ergab, dass psychoseähnliche Nebenwirkungen bei medizinischem Gebrauch deutlich seltener auftreten (nur etwa 1-2 %) als beim Konsum aus rein freizeitlichen Gründen (rund 19-21 %).

Risikominimierung und Empfehlungen

Völlig risikofreien Cannabiskonsum gibt es nicht. Aber: Laut der aktuellen Lower-Risk Cannabis Use Guidelines (LRCUG) lässt sich das Gesundheitsrisiko deutlich senken, wenn man bestimmte Regeln beachtet. Besonders anfällig für gesundheitliche Risiken sind Jugendliche, Schwangere, ältere Menschen und Personen mit psychischen Vorerkrankungen. Für diese Gruppen gilt besondere Vorsicht. Generell empfehlen Expert:innen, nur geprüfte und regulierte Cannabisprodukte aus legalen Quellen zu verwenden - denn sie enthalten weniger Schadstoffe und bieten bessere Kontrolle über Wirkstoffgehalte.

„Wir sehen in Studien und in der medizinischen Praxis, dass viele Patient:innen Cannabis unter ärztlicher Begleitung gut vertragen - besonders, wenn niedrige Dosierungen eingehalten und ein konstantes Einnahmeschema eingehalten wird. Anders als beim unkontrollierten Freizeitkonsum sind die Risiken beim medizinischen Gebrauch deutlich geringer und Nebenwirkungen beschränken sich häufig auf Schwindel, trockenen Mund oder Müdigkeit.

Konsumformen und ihre Auswirkungen

Cannabis zu konsumieren, ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Grundsätzlich gibt es drei Wege: inhalieren, essen oder äußerlich anwenden. Am bekanntesten ist der klassische Joint. Aber auch das Verdampfen, der Verzehr von Edibles oder die Anwendung von Ölen und Cremes gehören längst dazu.

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Die Inhalation ist der schnellste Weg, Cannabis zu spüren. Am häufigsten rauchen Nutzer:innen Cannabis als Joint - eine Mischung aus Tabak und Marihuana oder Haschisch. Auch Pfeifen und Bongs kommen zum Einsatz. Als eine etwas schonendere Alternative gilt das Verdampfen. Mit Vaporizern wird Cannabis nur erhitzt, nicht verbrannt. So entstehen weniger toxische Verbrennungsprodukte, was insbesondere im medizinischen Kontext eine wichtige Rolle spielt.

Wer Cannabis isst oder trinkt, erlebt eine andere Dynamik: Die Wirkung setzt langsamer ein - oft erst nach 30 bis 90 Minuten -, ist dafür aber intensiver und hält deutlich länger an. Klassiker sind Edibles wie Brownies, Kekse, Gummibärchen mit Cannabiszusatz oder Cannabis-Tee. Wichtig: Edibles sollten vorsichtig dosiert werden, denn Überdosierungen können unangenehme Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Angstzustände auslösen.

Cannabis kann auch ganz ohne psychoaktive Wirkung genutzt werden: über die Haut.

Kurzfristige vs. langfristige Risiken

Ein einmaliger Cannabiskonsum gilt für gesunde Erwachsene in der Regel als wenig riskant. Die aktuelle Forschung - etwa eine große US-Studie von 2025 - zeigt, dass kurzfristiger Konsum zwar vorübergehend die Hirnaktivität in Bereichen wie Gedächtnis und Motorik beeinträchtigen kann, diese Effekte sich aber meist wieder zurückbilden und keine bleibenden Schäden hinterlassen. Auch eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2013 bestätigt: Nach einmaligem Konsum können akute Nebenwirkungen wie Angstgefühle, Panikattacken oder Konzentrationsprobleme auftreten. Langfristige Gesundheitsrisiken wie psychische Erkrankungen, Abhängigkeit oder kognitive Defizite sind dagegen überwiegend bei regelmäßigem und intensivem Konsum dokumentiert.

Empfehlungen für einen verantwortungsvollen Umgang

Cannabis kann kurzfristig entspannend und euphorisierend wirken, birgt aber insbesondere bei regelmäßigem und frühem Konsum erhebliche Risiken für Gehirn, Psyche und körperliche Gesundheit. Täglicher Cannabiskonsum gilt aus medizinischer Sicht als riskant. Studien zeigen, dass regelmäßiger Konsum das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Psychosen deutlich erhöht. Auch Konzentration, Gedächtnis und Lernfähigkeit können langfristig beeinträchtigt werden. Selbst ein Joint am Tag kann auf Dauer schaden - insbesondere, wenn er schon in jungen Jahren konsumiert wird oder hochpotente THC-Produkte enthalten sind.

Gesetzliche Regelungen und Grenzwerte in Deutschland

Seit dem 22. August 2024 gilt in Deutschland ein gesetzlicher Grenzwert für THC im Straßenverkehr: 3,5 Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum. Wer diesen Wert überschreitet und am Steuer erwischt wird, muss mit einem Bußgeld von 500 Euro und einem Monat Fahrverbot rechnen. Besonders streng sind die Regeln für Fahranfänger:innen und Personen unter 21 Jahren: Für sie gilt ein absolutes Cannabisverbot am Steuer, Verstöße werden mit einem Bußgeld von 250 Euro geahndet. Hinzu kommt das verpflichtende Absolvieren eines besonderen Aufbauseminars für Fahranfänger und die Verlängerung der Probezeit auf 4 Jahre. Auch der gleichzeitige Konsum von Cannabis und Alkohol ist verboten - in diesem Fall drohen 1.000 Euro Bußgeld sowie ein Monat Fahrverbot.

Der Konsum von Cannabis ist in Deutschland seit dem 1. April 2024 unter bestimmten Bedingungen für Erwachsene erlaubt. Das neue Cannabisgesetz (CanG) erlaubt Erwachsenen ab 18 Jahren den Besitz von bis zu 25 Gramm Cannabis zum Eigenkonsum in der Öffentlichkeit und den Anbau von bis zu drei Cannabispflanzen zu Hause. Cannabis wird in Deutschland vor allem von jungen Menschen konsumiert: Besonders häufig greifen 14- bis 24-Jährige (11,4 %) und 25- bis 39-Jährige (8,2 %) zu. Gemäß dem Cannabisgesetz (CanG) ist der öffentliche Konsum von Cannabis in Deutschland an bestimmten Orten verboten, um den Kinder- und Jugendschutz zu gewährleisten. Dazu gehören Schulen, Kinderspielplätze, Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie öffentlich zugängliche Sportstätten und deren Sichtweite. Als Sichtweite gilt ein Abstand von bis zu 100 Metern vom Eingangsbereich dieser Einrichtungen. Auch in Fußgängerzonen ist der Konsum zwischen 7 und 20 Uhr untersagt.

Cannabis und das jugendliche Gehirn

Jugendliche sind durchs Kiffen viel gefährdeter als Erwachsene. Denn das junge Gehirn befindet sich in einer wichtigen Entwicklungs-Phase. Ein ständiges „Fluten“ mit THC stört die Reifeprozesse im Gehirn. Je höher der THC-Gehalt, desto gefährlicher. Wenn Jugendliche regelmäßig kiffen, riskieren sie, dass sich ihre geistige Leistungsfähigkeit verringert. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass der frühe Einstieg in das Kiffen mit Gehirnveränderungen in Zusammenhang steht, die das Risiko für Schizophrenie erhöhen könnten. Ob das Gehirn durch das Kiffen sogar dauerhaft verändert werden kann, wird noch erforscht. Aktuell weisen Studienergebnisse darauf hin, dass dauerhaftes Kiffen die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen stören kann. In anderen Worten: Häufiges Kiffen kann dazu führen, dass Jugendliche sich in ihrer Persönlichkeit nicht weiterentwickeln, sondern in einem „pubertätsähnlichem Zustand“ verharren. Auch ist die Gefahr einer Überdosierung gestiegen. Das liegt zum einen an Cannabis-Züchtungen aus Indoor-Anlagen in Europa. Diese enthalten immer mehr THC. Eine neue Studie zeigt, dass die Cannabis-Sorte Sinsemilla größere Verbreitung findet. Sie hat einen besonders hohen THC-Gehalt. Ein „Horrortrip“ wird bei hohem THC-Gehalt viel wahrscheinlicher. Zum anderen sind künstliche (synthetische) Cannabinoide im Umlauf, die viel stärker als pflanzliche wirken. Diese werden in Kräutermischungen („Spice“) verkauft. Auch andere Folgen von Cannabiskonsum treffen Jugendliche besonders hart. Kiffen führt im Alltag zu Störungen der Konzentration. Aufgaben und Termine können leicht vergessen werden. Wer sich in der Schule oder Ausbildung schlecht konzentrieren kann, bekommt schnell Probleme.

Umkehrung von Alterungsprozessen im Gehirn durch niedrigdosiertes Cannabis?

Eine niedrigdosierte Langzeitgabe von Cannabis kann nicht nur Alterungsprozesse im Gehirn umkehren, sondern hat auch eine Anti-Aging-Wirkung. Dies konnten Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn mit einem Team der Hebrew University (Israel) jetzt bei Mäusen zeigen. Den Schlüssel dafür fanden sie in dem Proteinschalter mTOR, dessen Signalstärke Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit und Stoffwechselprozesse im gesamten Organismus hat. Informationen über die Verfügbarkeit oder Knappheit von Ressourcen sind für die Regulierung des Stoffwechsels von entscheidender Bedeutung. Dabei fasst das sogenannte Metabolom als komplexes Reaktionsnetzwerk alle Stoffwechseleigenschaften einer Zelle oder eines Gewebes zusammen. In höheren Organismen ist das Protein mTOR (Mechanistic Target of Rapamycin) die zentrale Drehscheibe für das Zellwachstum und den Stoffwechsel. Als ein empfindliches intrazelluläres Energiesensor-System hat dessen Aktivität durch die Regulierung des Zellstoffwechsels einen großen Einfluss auf die Alterung. Eine Verringerung der mTOR-Aktivität durch kalorienarme Ernährung, intensive körperliche Betätigung oder pharmakologische Behandlung hat somit prinzipiell eine allgemeine Anti-Aging-Wirkung.

Die Alterung des Gehirns geht neben einem veränderten Stoffwechsel auch mit einer verringerten Fähigkeit neuronale Verbindungen zu verändern, der so genannten synaptischen Plastizität, einher. Deshalb kann sich eine verringerte mTOR-Aktivität aber auch negativ auf das alternde Gehirn auswirken, indem sie die Ausbildung neuer Synapsen an einer Nervenzelle und damit auch die kognitiven Fähigkeiten verringert. „Daher könnten Anti-Aging-Strategien, die auf der Verringerung der mTOR-Aktivität basieren, nicht nur unwirksam, sondern sogar kontraproduktiv gegen die Gehirnalterung sein. In unserer aktuellen Arbeit haben wir nun eine Strategie gefunden, um dieses Dilemma zu lösen“, sagt Prof. Dr.

Ob Veränderungen der mTOR-Signalübertragung und des Metaboloms mit den positiven Auswirkungen auf das alternde Gehirn in Verbindung stehen, war dabei eine offene Frage geblieben. „Wir konnten nun zeigen, dass die Behandlung mit THC eine gewebeabhängige und doppelte Wirkung auf die mTOR-Signalübertragung und das Metabolom hat“, sagt Dr. Andras Bilkei-Gorzo vom Institut für Molekulare Psychiatrie am UKB, der auch an der Universität Bonn forscht. So führte die THC-Behandlung im Gehirn zu einem vorübergehenden Anstieg der mTOR-Aktivität und des Gehalts an Zwischenprodukten, die an der Energieproduktion und an Aminosäuren beteiligt sind. Unerwarteterweise fanden die Bonner Forschenden andererseits eine ähnlich starke Verringerung der mTOR-Aktivität von Mäusen im Fettgewebe und des Gehalts an Aminosäuren und Kohlenhydratmetaboliten im Blutplasma wie nach einer kalorienarmen Diät oder nach intensiven körperlichen Aktivitäten. „Wir kamen zu dem Schluss, dass eine langfristige THC-Behandlung zunächst eine kognitionsfördernde Wirkung hat, indem sie die Energie- und synaptische Proteinproduktion im Gehirn erhöht, gefolgt von einer Anti-Aging-Wirkung durch eine Verringerung der mTOR-Aktivität und der Stoffwechselprozesse in der Peripherie“, sagt Bilkei-Gorzo.

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