Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Obwohl die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig verstanden sind, werden Faktoren wie genetische Veranlagung, Reizverarbeitung im Gehirn und bestimmte Trigger als Auslöser diskutiert. Eine ausgewogene und regelmäßige Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung und Vorbeugung von Migräneattacken. Die ketogene Diät, eine kohlenhydratarme und fettreiche Ernährungsform, hat in den letzten Jahren Aufmerksamkeit als mögliche alternative Therapieoption für Migränepatienten erregt.
Was ist Migräne?
Migräne ist mehr als nur einseitige Kopfschmerzen, wenngleich bis heute nicht hinreichend geklärt ist, was genau Migräne ist und was ihre Ursachen sind. Allerdings lässt sich bei Migräneanfällen eine Erweiterung und Reizung der Blutgefäße im Gehirn feststellen. Ebenso lassen sich Trigger-Faktoren ausmachen (bestimmte Lebensmittel, Alkohol, Hungerphasen, u. Zu den Kopfschmerzen kommt bei manchen Patienten noch eine Aura dazu. Dieser Auraphase geht bei manchen Patienten noch eine Phase voraus, die von Müdigkeit, Gereiztheit und Heißhunger gekennzeichnet ist und sich somit in ihrer Symptomatik deutlich von der Aura unterscheidet. Diese Phasen treten nicht bei allen Migränepatienten auf und vor allem die Auraphase ist höchst individuell und die Symptome von Patient zu Patient unterschiedlich. Die Phase, die hingegen alle Patienten betrifft, ist die der Kopfschmerzen.
Ursachen und Triggerfaktoren von Migräne
Die Forschung ist sich bis heute uneinig, was Migräne genau ist. Man kann jedoch festhalten, dass es sich grundsätzlich um eine Überlastung der Nervenzellen- und fasern handelt. Diese Überlastung provoziert eine Stress- oder Entzündungsreaktion, die sich in der Erweiterung der Blutgefäße äußert. Da zu den Trigger-Faktoren neben emotionalen Stresssituationen, Schlafmangel oder dem Wetter z. B. auch bestimmte Lebensmittel gehören, ist es für Migränepatienten wichtig, auf ihre Ernährung zu achten.
Die ketogene Diät: Ein Überblick
Bei ketogener Ernährung wird der Kohlenhydratanteil der Nahrung drastisch eingeschränkt, damit andere Energiereserven genutzt werden. Gespeichertes Fett wird in der Leber zu Ketonkörpern umgewandelt und als neue Energiequelle für das Gehirn und andere Organe nutzbar gemacht. Die ketogene Diät ist aber keine nicht unbedingt reine Low-Carb-Diät, sondern oft eher eine Low-Carb-High-Fat-Diät (wenig Kohlenhydrate, viel Fette), bei der die eingesparten Kohlenhydrate bewusst durch einen vermehrten Konsum von Fetten ausgeglichen werden. Solche fettreichen Diäten kommen vor allem in der Behandlung von Epilepsie zum Einsatz.
Was passiert aber nun im Körper, wenn der Kohlenhydratanteil der Nahrung so rapide eingeschränkt wird? Der Körper ist, um seine Organe und speziell das Gehirn weiter mit Energie zu versorgen, gezwungen andere Reserven zu nutzen. In der Leber werden dann also die vielen über die Nahrungsaufnahme zugeführten Fette in Ketonkörper umgewandelt, die dann alternativ zu Kohlenhydraten bzw. Glukose von den Organen und dem Gehirn als Energiequelle genutzt werden können. Die Umstellung auf eine ketogene Ernährung beinhaltet eine drastische Umstellung des Stoffwechsels, was nicht ohne Nebenwirkungen einhergeht. Typische Begleiterscheinungen sind häufig ein veränderter Mundgeruch, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, teils auch Übelkeit oder Erbrechen.
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Erfahrungen mit der ketogenen Diät bei Migräne
Es gibt Fallbeispiele, die davon berichten, dass eine ketogene Diät zu völliger Schmerzfreiheit geführt habe. Bericht von R. Der amerikanische Arzt Strahlman berichtet in der Fachzeitschrift Headache von seiner Frau, die seit Kindesalter an starker Migräne litt. Weder Medikamente noch Veränderungen in der Ernährung oder dem Lebensstil brachten einer Linderung der Beschwerden. Im Erwachsenenalter litt sie fast täglich unter Kopfschmerzen. Die entscheidende Veränderung trat nach ihrer zweiten Schwangerschaft ein: Aufgrund von Übergewicht durch die Schwangerschaft begann sie eine kohlenhydratarme, aber proteinreiche Diät unter ärztlicher Aufsicht. Die Ketose setzte trotzdem ein, da die Leber das körpereigene Fett umwandeln konnte. Strahlman berichtet, dass seine Frau bereits zu Beginn der Ketose vollkommen schmerzfrei war. Sie behielt diese Diät 7 Monate bei, bevor sie nach und nach wieder mehr Kohlenhydrate zu sich nahm (auch Trigger-Lebensmittel wie Schokolade oder Alkohol).
Strahlman wollte mit seinem Beitrag dazu anregen, die Forschung hinsichtlich der Wirkung von einer ketogenen Diät bei Migräne weiter voranzutreiben, da er aufgrund seiner persönlichen Erfahrung überzeugt davon war, dass diese Ernährungsumstellung der Grund für die Beschwerdefreiheit seiner Frau war. Allerdings gibt es keine Studien, die diese Annahme hinreichend unterstützen, auch wenn es im Internet eine Reihe von Ratgebern und persönlichen Erfolgsberichten gibt. Die ketogene Diät gilt an sich als ungefährlich - die Vorteile scheinen die Nachteile zu überwiegen. Allerdings gilt hier wie bei jeder anderen Ernährungsumstellung auch, dass jeder Mensch anders auf diese Veränderungen reagiert und diese Diät nicht für jeden geeignet ist.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur ketogenen Diät und Migräne
Neue Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Migräne ein Energie-Defizitsyndrom des Gehirns mit Fehlsteuerung des Energieumsatzes in den Mitochondrien der Nervenzellen ist. Dieses führt zu einer Kaskade von neurologischen Symptomen. Mittels Magnetresonanzspektroskopie (MRS) konnten zahlreiche Substanzen analysiert werden, welche im Energiestoffwechsel beteiligt sind. Diese schließen Laktat, Magnesium und Adenosintriphosphat ein. Studien haben Veränderungen im Hypothalamus, Thalamus und im Hirnstamm identifiziert. Diese legen eine endokrine Entstehung der Migräne nahe. Oxidative Stresslevel übersteigen dabei die antioxidativen Fähigkeiten der Nervenzellen. Die Migräneattacke unterstützt dabei möglicherweise die Wiederherstellung des ausgeglichenen Energiehaushaltes des Gehirns. Sie reduziert schädigenden oxidativen Stress.
In der aktuellen Leitlinie “Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ werden zuckerarme, fettarme und ketogene Diäten als möglicherweise wirksam bei Migräne eingestuft.
Massimiliano Caprio von der San Raffaele Roma Open University in Rom, Italien, verglich in einer aktuellen Studie die VLCKD mit der hypokalorischen ausgewogenen Diät (hypocaloric balanced diet, HBD) bei Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 27 kg/m2 und hochfrequenter episodische Migräne (HFEM; 8-14 Migränetage monatlich). Die 75 Teilnehmer der prospektiven kontrollierten Studie wurden entweder in die VLCKD-Gruppe oder die HBD-Gruppe randomisiert. Im Studienzeitraum von 24 Wochen erhielten die Teilnehmer der VLCKD-Gruppe zunächst für 8 Wochen eine VLCKD, gefolgt von einer kalorienarmen Diät in Woche 9-12 und einer HBD in den verbleibenden Wochen des Untersuchungszeitraumes. Die Teilnehmer der HBD-Gruppe erhielten über den gesamten Studienzeitraum eine HBD.
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Beim primären Endpunkt, der Änderung der monatlichen Migränetage (monthly migraine days, MMDs) in den Wochen 5-8 im Vergleich zur Baseline, zeigte sich die VLCKD der HBD in Woche 8 überlegen (p = 0,008). Der Trend setzte sich auch in Woche 12 unter der kalorienarmen Diät der VLCKD-Gruppe und in Woche 24, in der alle Teilnehmer die gleiche Ernährungsintervention erhielten, fort (Woche 12: p = 0,007; Woche 24: p = 0,042). Die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Teilnehmer wurde mittels Short Form Health Survey-36 (SF-36) gemessen. Auch hier schnitt die VLCKD-Diät besser ab. In der Gruppe verbesserten sich die Werte des SF-36 in Woche 8 und 12, während dies in der HBD-Gruppe nur in Woche 12 der Fall war. Die Gewichtsreduktion war in der VLCKD-Gruppe in Woche 8 (p = 0,002) und Woche 12 (p = 0,020) signifikant höher. Die Gewichtsabnahme wurde in der VLCKD-Gruppe bis zum Ende des Studienzeitraumes gehalten, während in der HBD-Gruppe eine leichte Gewichtszunahme zu verzeichnen war.
In der VLCKD-Gruppe zeigte sich eine signifikante Reduktion folgender Entzündungsparameter in Woche 12 der Studie: C-reaktives Protein, Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis, Gesamtzahl der Leukozyten. Die Forscher untersuchten weiterhin den Effekt der Ernährungsinterventionen auf das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, welches bei Adipositas verstärkt aktiviert wird und auch eine Rolle in der Pathophysiologie der Migräne spielt. Die Aldosteron-Plasmaspiegel waren in beiden Gruppen in Woche 8 signifikant erhöht, mit einer stärkeren Ausprägung in der VLCKD-Gruppe. Die Elektrolyt-Spiegel und die Renin-Plasmaspiegel wurden in beiden Gruppen zu keinem Zeitpunkt beeinflusst.
Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten
Grundsätzlich gilt bei Migräne, dass ausreichende und regelmäßige Flüssigkeitszufuhr wichtig ist, ebenso wie die Vermeidung von Hungerphasen und eine ausreichende Aufnahme von Kohlenhydraten - damit der Blutzuckerspiegel nicht sinkt. Bei den Kohlenhydraten sollten schnell verwertbare vermieden werden. Anstelle von Toast oder Weißbrot sollte bspw. Vollkornbrot gegessen werden, da es den Körper länger und konstanter mit Energie versorgt. Eine kohlenhydratarme Diät scheint somit auf den ersten Blick für Migränepatienten eher kontraproduktiv zu sein.
Viele Argumente sprechen laut Schwickert-Nieswandt außerdem für eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, die beispielsweise in Nüssen, Leinsamen, Chiasamen und Fisch zu finden sind.
Migräne-Betroffene sollten deshalb (schnelle) Kohlenhydrate meiden. Der Vorteil einer Ernährung mit niedrig-glykämischen Lebensmitteln ist, dass Blutzucker- und Insulinspiegel konstant bleiben und so Stress und Energiemangel durch Blutzuckerschwankungen reduziert werden. Aber auch eine low carb (high fat) Ernährung und die ketogene Ernährung können bei Migräne hilfreich sein. Bei letzterer werden zusätzlich Ketonkörper gebildet, welche vom Gehirn als alternative Energiequelle genutzt werden können. Zusätzlich können Ketonkörper antientzündlich wirken. Bei Migräne wird auch eine entzündliche Ursache vermutet.
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Die Rolle von Triggern und individuellen Reaktionen
Insgesamt sollten Lebensmittel als Auslöser von Kopfschmerzattacken nicht überbewertet werden, da noch zahlreiche andere Faktoren abgesehen von der Ernährung eine Rolle spielen können. Dennoch lohnt es sich, genau zu beobachten, ob und welche Lebensmittel Schmerzattacken triggern. Eine Auslassdiät ist erst sinnvoll, wenn ein Nahrungsmittel eindeutig als persönlicher Trigger identifiziert ist.
Medikamentöse und nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe
Zur Prophylaxe von Migräne stehen verschiedene medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung. In den letzten Jahren wurde das therapeutische Armamentarium durch die Einführung der Antagonisten des an der Migräne-Entstehung beteiligten CGRP-Systems deutlich erweitert. Doch die Medikamente wirken nicht bei allen Patienten und viele Betroffene wünschen sich zunehmend auch nicht medikamentöse Maßnahmen. Hier kommen Ernährung und Körper-Geist-Interventionen wie Entspannungstechniken, Yoga & Co. ins Spiel.
Limitationen und zukünftige Forschung
Die Limitationen der Studie sind die geringe Teilnehmerzahl und das monozentrische Setting. Die Studie wurde während der COVID-19-Pandemie durchgeführt, was laut den Autoren einen Einfluss auf die Einhaltung der Ernährungsvorgaben gehabt haben könnte. Laut der Studienautoren sind allerdings weitere Studien mit größeren Stichproben und prospektivem, kontrollierten Design erforderlich, um die Ergebnisse zu bestätigen.