Lecanemab: Wirkung, Nebenwirkungen und Aktuelle Perspektiven in der Alzheimer-Behandlung

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten Herausforderungen für das Gesundheitswesen dar. Mit dem Fortschreiten der Forschung rücken neue Therapieansätze in den Fokus, die nicht nur die Symptome lindern, sondern auch die Ursachen der Erkrankung bekämpfen sollen. Ein solcher Ansatz ist Lecanemab, ein Antikörper, der in den USA, Japan, China, Süd-Korea, Israel und seit April 2025 auch in der Europäischen Union zugelassen ist. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Lecanemab, seine potenziellen Nebenwirkungen und die aktuellen Diskussionen um seinen Nutzen in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit.

Einführung in Lecanemab

Lecanemab, vermarktet unter dem Namen Leqembi, ist ein künstlich hergestellter Antikörper, der speziell dafür entwickelt wurde, die für die Alzheimer-Krankheit typischen Amyloid-Beta-Plaques im Gehirn anzugreifen. Diese Plaques, bestehend aus verklebten Eiweißen, werden als eine der Hauptursachen für die Schädigung von Nervenzellen im Gehirn angesehen. Lecanemab zielt darauf ab, diese Plaques zu reduzieren und so den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Wirkungsweise von Lecanemab

Lecanemab ist ein sogenannter monoklonaler Antikörper. Er wirkt im Gehirn auf Prozesse, die an der Entstehung und Fortentwicklung der Alzheimer-Erkrankung beteiligt sind, und setzt somit bei einer zentralen Ursache der Erkrankung an. Der Antikörper bindet an lösliches Beta-Amyloid, sodass sich dieses nicht absetzen kann. Durch die Bindung an die Bausteine des Eiweißmülls markiert Lecanemab diese als körperfremd und vermittelt dem Immunsystem, dass es den Müll abholen soll.

Anwendungsgebiet von Lecanemab

Lecanemab ist für die Behandlung von Erwachsenen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) und einer leichten Demenz aufgrund von Alzheimer vorgesehen. Die Behandlung mit Lecanemab erfolgt durch Fachärztinnen und -ärzte für Neurologie oder für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie müssen mit der Behandlung von Menschen mit Alzheimer-Krankheit vertraut sein und zeitnah einen Termin für eine Magnetresonanz-Tomografie (MRT) anbieten können.

Auswahl der geeigneten Patienten

Nicht jeder Patient mit Alzheimer kommt für eine Lecanemab-Therapie in Frage. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat die Zulassung des Medikaments an strenge Auflagen gekoppelt. Zu den Kriterien gehört, dass die Betreffenden Alzheimer nur in einem frühen Stadium - mit einer leichten kognitiven Störung oder leichten Demenz - haben dürfen. Außerdem braucht es einen Nachweis für die krankhaften Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, ein aktuelles MRT-Bild und einen Gentest.

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Genetische Voraussetzungen

Ein Gentest soll ausschließen, dass eine Patientin oder ein Patient eine doppelte Kopie des sogenannten ApoE4-Gens besitzt - bei Menschen mit dieser erblichen Anlage ist das Risiko für Hirnblutungen und Hirnschwellungen unter der Therapie deutlich erhöht. Menschen mit zwei Kopien dieses Gens (ApoE4-Homozygote) haben ein erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen und können deshalb nicht mit Leqembi behandelt werden. Der Gentest macht die Therapie sicherer.

Weitere Ausschlusskriterien

Ausgeschlossen von der Behandlung mit Lecanemab sind auch Personen, die starke Blutverdünner (Antikoagulanzien) einnehmen. In Kombination mit dem Medikament steigt das Risiko für eine Hirnblutung deutlich.

Studienergebnisse und Wirksamkeit

Die Wirksamkeit von Lecanemab wurde in mehreren klinischen Studien untersucht. Die Ergebnisse der Phase-3-Studie CLARITY AD, an der fast 1.800 Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder milder Demenz aufgrund von Alzheimer teilnahmen, zeigten, dass Lecanemab den Krankheitsverlauf um etwa 27 Prozent verlangsamen kann. Die Menge an Beta-Amyloid war in der Lecanemab-Gruppe ebenfalls geringer.

Einschränkungen der Wirksamkeit

Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse warnen Fachleute vor überzogenen Hoffnungen. Der Effekt für die Patienten ist überschaubar, denn ihre Erkrankung schreitet weiter fort - nur eben etwas langsamer. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kommt in einer Nutzenbewertung zu dem Ergebnis, dass Lecanemab gegenüber den bestehenden Therapiestandards in Deutschland keinen nachgewiesenen Vorteil bietet.

Mögliche Nebenwirkungen von Lecanemab

Die Behandlung mit Lecanemab kann mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden sein. Typisch für Antikörpertherapien, die sich gegen die Amyloid-Plaques richten, sind sogenannte ARIA, Amyloid-related Imaging Abnormalities - Auffälligkeiten in der Bildgebung. Dahinter verbergen sich Hirnschwellungen oder Hirnblutungen.

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ARIA - Amyloid-bedingte Bildgebungsanomalien

ARIA können symptomlos verlaufen oder mit Kopfschmerzen, Schwindel, Lähmungen und Krampfanfällen einhergehen. In der Studienphase kam es zu Todesfällen, von denen einige mit der gleichzeitigen Einnahme von Gerinnungshemmern in Verbindung gebracht wurden.

Infusionsbedingte Reaktionen

Häufige Nebenwirkungen sind infusionsbedingte Reaktionen wie Fieber, grippeähnliche Beschwerden und Übelkeit.

Regelmäßige MRT-Kontrollen

Aufgrund der möglichen Nebenwirkungen sind während der Behandlung mit Lecanemab regelmäßige MRT-Untersuchungen des Gehirns erforderlich, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen.

Ablauf der Lecanemab-Therapie

Die Therapie mit Lecanemab ist zeitintensiv und geht mit vielen Untersuchungen einher. Wer alle Hürden vom Amyloid-Nachweis bis zum Gentest genommen hat, muss alle 14 Tage für eine einstündige Infusion in die Klinik kommen und anschließend zur Nachbeobachtung bleiben.

Kosten der Therapie

Die Kosten für die Lecanemab-Therapie sind hoch. In Europa könnten rund 30.000 Euro pro Jahr und Patient oder Patientin zusammenkommen. Bezahlt wird sie zunächst im Rahmen einer vom Hersteller des Medikaments durchgeführten Sicherheitsstudie, in der alle mit Lecanemab behandelten Patientinnen und Patienten registriert sein müssen.

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Aktuelle Diskussionen und Bewertungen

Die Zulassung von Lecanemab hat in der Fachwelt und Öffentlichkeit zu intensiven Diskussionen geführt. Während einige Experten die Zulassung als wichtigen Fortschritt in der Alzheimer-Behandlung begrüßen, weisen andere auf den begrenzten Nutzen und die potenziellen Risiken hin.

Nutzenbewertung durch das IQWiG

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat in einer Nutzenbewertung untersucht, ob Lecanemab bei Patientinnen und Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Alzheimer-Demenz Vorteile gegenüber dem bisherigen Therapiestandard bietet. Das IQWiG kommt zu dem Ergebnis, dass ein Zusatznutzen von Lecanemab gegenüber dem bisherigen Therapiestandard in Deutschland nicht belegt ist.

Stellungnahmen aus der Ärzteschaft

Die Auswertung des IQWiG stößt allerdings auch auf methodische Kritik aus der Ärzteschaft. So wird etwa die methodische Vorgehensweise des IQWiG bei der Nutzenbewertung kritisiert. Mit anderen Kollegen betonte er vor allem den individuellen Nutzen und den Einsatz des Medikaments in Absprache zwischen Ärztinnen beziehungsweise Ärzten und Patienten.

Fazit und Ausblick

Lecanemab ist ein neues Medikament, das in den USA, Japan, China, Süd-Korea, Israel und der EU zur Behandlung der frühen Alzheimer-Krankheit zugelassen ist. Es zielt darauf ab, die für die Alzheimer-Krankheit typischen Amyloid-Beta-Plaques im Gehirn zu reduzieren und so den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Chancen und Herausforderungen

Die Zulassung von Lecanemab bietet neue Hoffnung für Patienten und ihre Familien, ist aber auch mit Herausforderungen verbunden. Die hohen Kosten, die potenziellen Nebenwirkungen und die Notwendigkeit einer frühzeitigen Diagnose erfordern eine sorgfältige Abwägung und individuelle Therapieplanung.

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