Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die Menschen jeden Alters betreffen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Lehrern, Schülern und Eltern im Umgang mit Epilepsie, insbesondere im schulischen Kontext. Ziel ist es, das Verständnis für die Herausforderungen und Chancen zu verbessern und Wege aufzuzeigen, wie ein inklusiveres Umfeld geschaffen werden kann.
Epilepsie im Klassenzimmer: Eine Fallbeschreibung
Der 42-jährige Berufsschullehrer Matthias L. erlitt nach jahrelanger Anfallsfreiheit während des Unterrichts einen Grand mal-Anfall. Seine Schüler, angehende Kfz-Mechatroniker, alarmierten umgehend die Schulleitung, die einen Notarzt rief. Dieser Vorfall warf Fragen auf: Konnte Matthias L. trotz seiner Epilepsie weiterhin im Theorieunterricht und im Werkstattbereich eingesetzt werden? Die Schule sorgte sich um mögliche Verletzungsrisiken und die Aufsichtspflicht.
Nach diesem Anfall hatte Matthias L. weitere Grand mal-Anfälle und Absencen, was zu einer Krankschreibung führte. Ein stationärer Aufenthalt in einer Epilepsieklinik bestätigte die Diagnose "primär generalisierte idiopathische Epilepsie" und führte zu einer Medikamentenumstellung.
Um Matthias L.s berufliche Zukunft zu sichern, fand ein Ortstermin in der Berufsschule statt. Neben Schulleitung, Integrationsamt, Schwerbehindertenvertreter, Sicherheitsingenieur, Mitarbeitern des Betrieblichen Eingliederungsmanagements und der Epilepsieberatungsstelle wurde erörtert, welche Gefahren durch einen Anfall von Matthias L. entstehen könnten. Grundlage war der medizinische Befund und die seit der Medikamentenumstellung bestehende zweimonatige Anfallsfreiheit.
Zentrales Risiko war die fehlende Aufsicht der Schüler im Falle eines Anfalls. Die Schule hatte geregelt, dass der Klassensprecher den Ausfall des Lehrers melden muss, damit ein Ersatzlehrer die Aufsicht übernimmt. Es wurde untersucht, ob die Schüler bis zum Eintreffen des Ersatzes erhöhten Risiken ausgesetzt wären.
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Die einzelnen Räume für den Praxisunterricht wurden besichtigt, um mögliche Selbstgefährdungsrisiken für Matthias L. und Fremdgefährdungsrisiken für die Schüler zu ermitteln. Die hohe Sicherheitsstandards in der Schule minimierten die Risiken. Lediglich der Umgang mit Benzin und Öl wurde ausgeschlossen, bis ein Jahr Anfallsfreiheit erreicht ist. Da im Praxisunterricht immer ein zweiter Lehrer anwesend ist, der im Notfall die Aufsicht übernehmen kann, und von Berufsschülern ein adäquates Handeln in Notfallsituationen erwartet werden kann, wurde einer Weiterbeschäftigung von Matthias L. zugestimmt.
Zur Sicherheit wurden Notfallpläne mit Erste-Hilfe-Maßnahmen und Notrufnummern in den Unterrichtsräumen ausgehängt. Die Arbeitsmedizinerin erstellte eine Beurteilung, die gefährliche Tätigkeiten bis zum Nachweis eines Jahres Anfallsfreiheit untersagte.
Dank der guten Zusammenarbeit aller Beteiligten konnte Matthias L. seine Tätigkeit als Berufsschullehrer wieder aufnehmen. Seit der Medikamentenumstellung ist er anfallsfrei und unterrichtet die angehenden Kfz-Mechatroniker wieder.
Erfahrungen von Schülern mit Epilepsie
Eine weitere Erfahrung schildert ein Schüler, bei dem die Epilepsie in der 5. Klasse diagnostiziert wurde. Nach häufigen Klinikaufenthalten und Unterricht in der Klinik konnte er nach einem halben Jahr wieder zur Schule gehen. Trotz Schwierigkeiten verbesserte sich die Situation nach einem erneuten Anfall in der 7. Klasse und einem dreimonatigen Aufenthalt in einem Epilepsiezentrum. Durch die individuelle Betreuung der Lehrer konnte er seine Noten verbessern und am Unterricht teilnehmen, obwohl er Konzentrationsschwierigkeiten hatte. Die medikamentöse Behandlung mit Lamotrigin half ihm, die Anfälle zu reduzieren.
Inklusion von Schülern mit Epilepsie: Herausforderungen und Chancen
Mit der zunehmenden Inklusion von Schülern mit Behinderungen kommen immer mehr Kinder mit Epilepsie in Regelschulen. Eine Umfrage unter Lehrern und Erziehern in Sachsen ergab, dass viele nicht wissen, wie sie sich bei einem Anfall verhalten sollen oder welche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen sind. Ein Drittel der Befragten hatte aktuell epilepsiekranke Schüler, und jeder achte hatte bereits einen Anfall miterlebt.
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Die Umfrage zeigte Wissensdefizite über Epilepsie bei Pädagogen. Viele wussten nicht, wie man Notfallmedikamente verabreicht oder welche Verhaltensweisen (z.B. das Einführen harter Gegenstände in den Mund oder das Fixieren des Kindes) vermieden werden sollten. Die Forscher forderten mehr gesetzliche Klarheit und bessere Informationen für Pädagogen.
Wenn Epilepsie die schulische Laufbahn beeinflusst
Ein weiteres Beispiel zeigt, wie sich Epilepsie auf die schulische Leistung auswirken kann. Der Sohn eines Paares im Autismus-Spektrum hatte aufgrund seiner neuen Epilepsieerkrankung und häufigen Klinikterminen schlechtere Noten in der 10. Klasse. Trotz guter Leistungen in der Vergangenheit erhielt er keine Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe. Die Eltern kritisierten die fehlende Unterstützung durch die Lehrer und die starre Notenvergabe.
Es folgte ein Austausch mit anderen Betroffenen, die Ratschläge gaben, wie man mit der Situation umgehen kann. Es wurde empfohlen, sich beim Schulamt über Autismusbeauftragte zu informieren, sich bei der Lebenshilfe beraten zu lassen und einen Nachteilsausgleich für den Sohn zu beantragen. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die Zulassung zur gymnasialen Oberstufe erst mit dem Realschulabschluss feststeht und dass es wichtig ist, das Gespräch mit der Schulleitung zu suchen.
Erfahrungen von Eltern
Eine Mutter berichtet, dass sie ihr Kind nicht mehr beaufsichtigen musste als ihre anderen Kinder. Ein wichtiges Thema war das Selbstständigwerden, insbesondere die eigenständige Tabletteneinnahme. Trotz der Herausforderungen versucht die Tochter, ihren Berufswunsch zu verwirklichen.
Vor der Erkrankung hatte die Familie keine Erfahrung mit Epilepsie. Die Angst vor Grand mal-Anfällen war groß. Die Krankheit ist unberechenbar und schwer steuerbar, was die Planung erschwert. Die Behandlung erfolgt oft nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Insgesamt wird die Krankheit als negativ empfunden, da sie das Leben der Tochter unnötig erschwert.
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Epilepsie und Berufswahl
Eine Bekannte mit Absencen-Epilepsie beschrieb die Krankheit als "fiesen Gegner" im Zusammenhang mit Lernen und Schule. Trotzdem ist es vielen Epileptikern dank Medikamente möglich, ein normales Leben zu führen, einschließlich Berufstätigkeit, Familie und Führerschein. Es gibt zwar Einschränkungen bei der Berufswahl, aber viele Möglichkeiten stehen offen.
Tipps für Lehrer im Umgang mit Schülern mit Epilepsie
- Information: Informieren Sie sich umfassend über Epilepsie, ihre Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und Notfallmaßnahmen.
- Kommunikation: Sprechen Sie mit den Eltern und dem Schüler über die Erkrankung und individuelle Bedürfnisse.
- Notfallplan: Erstellen Sie einen Notfallplan, der im Falle eines Anfalls greift.
- Medikamente: Klären Sie, ob und wie Notfallmedikamente verabreicht werden dürfen.
- Erste Hilfe: Lernen Sie die grundlegenden Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem epileptischen Anfall.
- Inklusion: Schaffen Sie ein inklusives Umfeld, in dem sich der Schüler wohl und akzeptiert fühlt.
- Austausch: Sprechen Sie mit anderen Lehrern, die Erfahrung mit Schülern mit Epilepsie haben.
- Ruhe bewahren: Bleiben Sie im Falle eines Anfalls ruhig und besonnen.
- Dokumentation: Dokumentieren Sie jeden Anfall und informieren Sie die Eltern.