Leitlinie Krampfanfall bei Alkoholentzug: Ein umfassender Überblick

Alkoholentzug kann eine schwerwiegende Entzugssymptomatik hervorrufen, die in ihrem Maximum zu Krampfanfällen führen kann. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Diagnose und Behandlung von Krampfanfällen im Zusammenhang mit Alkoholentzug, unter Berücksichtigung aktueller Leitlinien und Forschungsergebnisse.

Einführung

Alkoholabhängigkeit ist ein weit verbreitetes Problem mit erheblichen gesundheitlichen und sozialen Folgen. In Österreich sind schätzungsweise 350.000 Menschen alkoholabhängig, und weitere 850.000 haben ein problematisches Konsummuster. Ein plötzlicher oder stark reduzierter Alkoholkonsum bei abhängigen Personen kann zu einem Alkoholentzugssyndrom führen, das von milden Symptomen wie Tremor und Angstzuständen bis hin zu schweren Komplikationen wie Krampfanfällen und Delirium tremens reichen kann.

Ursachen und Risikofaktoren

Ein Krampfanfall (epileptischer Anfall) entsteht durch eine überschießende Entladung von Neuronen im Gehirn. Alkohol wirkt als sogenannte „dirty drug“ an zahlreichen Stellen auf vielfältige Weise im Gehirn. Primär wirkt Alkohol hemmend auf den exzitatorischen N-Methyl-D-Aspartat(NMDA)-Glutamat-Rezeptor und fördernd auf den inhibitorischen -Aminobuttersäure- A(GABAA)-Rezeptor. Durch den Wegfall dieser Alkoholwirkung, die insgesamt zentral dämpfend ist, kommt es im Entzugssyndrom zu zentraler und vegetativer Erregung.

Mehrere Faktoren können das Risiko für Krampfanfälle während des Alkoholentzugs erhöhen:

  • Schwere der Alkoholabhängigkeit: Je höher der Alkoholkonsum und die Konsumdauer, desto größer ist das Risiko für Entzugssymptome und Komplikationen.
  • Vorherige Entzugsanfälle: Patienten, die bereits in der Vergangenheit Entzugsanfälle erlitten haben, haben ein höheres Risiko, erneut Anfälle zu entwickeln.
  • Komorbide Erkrankungen: Das Vorliegen anderer Erkrankungen wie Epilepsie, Hirnverletzungen oder Lebererkrankungen kann das Risiko für Entzugsanfälle erhöhen.
  • Psychische Erkrankungen: Psychische Grunderkrankungen sind häufig. Deren integrierte/ gleichzeitige Behandlung ist essenziell für eine erfolgreiche Suchttherapie.
  • Weitere Substanzen: Entzug oder Abusus von Suchtmitteln (z.B.

Diagnose

Die Diagnose von Krampfanfällen im Zusammenhang mit Alkoholentzug basiert auf der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und gegebenenfalls zusätzlichen Untersuchungen. Es ist wichtig, andere Ursachen für Krampfanfälle auszuschließen, wie z.B. Epilepsie, Hirnverletzungen oder Stoffwechselstörungen.

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  • Anamnese: Eine detaillierte Anamnese des Alkoholkonsums, der Entzugssymptome und der Vorerkrankungen ist entscheidend. Da Patienten ihren Alkoholkonsum oftmals „herunterkorrigieren“, sollte man möglichst auch einen Angehörigen oder Freund fragen. Wichtig ist es, das Trinkmuster zumindest der vorangegangenen fünf Tage sowie den Zeitpunkt der letzten Alkoholaufnahme zu kennen.
  • Körperliche Untersuchung: Die körperliche Untersuchung kann Anzeichen von Alkoholentzug wie Tremor, Schwitzen, Tachykardie und Bluthochdruck aufdecken. Ein orientierender Neuro-Status (Paresen? Pupillenstatus/Herdblick?) sollte erfolgen.
  • Laboruntersuchungen: Laboruntersuchungen können helfen, andere Ursachen für Krampfanfälle auszuschließen und den Schweregrad des Alkoholentzugs zu beurteilen. Zu den relevanten Parametern gehören Blutzucker, Elektrolyte, Leberwerte, Nierenwerte und ein toxikologisches Screening.
  • EEG: Ein Elektroenzephalogramm (EEG) kann durchgeführt werden, um die Hirnaktivität zu überwachen und epileptiforme Entladungen zu identifizieren. Das EEG spielt bei der Diagnosestellung und beim Therapiemonitoring von non-konvulsiven SE und zum Ausschluss bzw. Nachweis psychogener nichtepileptischer Anfälle eine wesentliche Rolle.
  • CCT (v.a. bei neu aufgetretenem epileptischem Anfall und/oder SHT) oder unklarer fokaler Neurologie (DD: Todd’sche Parese) sollte erfolgen.

Differenzialdiagnosen

Epileptische Anfälle müssen von Gelegenheitskrämpfen abgegrenzt werden. Dies sind im Kindesalter z.B. Fieberkrämpfe und bei Erwachsenen Krämpfe bedingt durch Alkohol- oder Drogenabusus oder Dehydration.

Die Differentialdiagnostik umfasst:

  • Epilepsie: Epileptische Anfälle können durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter genetische Veranlagung, Hirnverletzungen und Stoffwechselstörungen.
  • Konvulsive Synkope: (Kurze) krampfartige Entäußerungen bei Kreislaufstillstand → Vitalfunktionen prüfen, wenn Symptome enden!
  • Dissoziativer Krampfanfall: Auch: „psychogener Krampfanfall“, „PNES“ (psychogenic non-epileptic seizure), „PNEA“ (psychogenic non-epileptic-attack). Unterschiedlichste Symptomatik ohne Auffälligkeiten im EEG.
  • Andere Ursachen: Zerebrale Raumforderungen (z.B. Ischämien (bspw. Hypoxie (z.B.

Therapie

Die Therapie von Krampfanfällen im Zusammenhang mit Alkoholentzug zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren, Komplikationen zu verhindern und den Alkoholentzug zu behandeln. Die Behandlung kann ambulant oder stationär erfolgen, abhängig vom Schweregrad des Entzugs und dem Vorliegen von Komorbiditäten.

Akuttherapie des Krampfanfalls

Die Akuttherapie eines Krampfanfalls unterscheidet sich zwischen einem noch andauernden und einem bereits abgeschlossenen Anfall.

  • Andauernder Krampfanfall: Krampf medikamentös durchbrechen→ Midazolam i.n / i.m. oder i.v.→ Lorazepam i.v.
  • Abgeschlossener Krampfanfall: Die Behandlung erfolgt nach dem ABCDE-Schema. Sicherung der Atemwege (evtl.

Ein epileptische Anfall, welcher länger als 5 Minuten anhält, oder mehr als 2 aufeinanderfolgende Anfälle über einen Zeitraum von mehr als 5 Minuten ohne Wiedererlangen des Bewusstseins, werden als Status epilepticus bezeichnet stellen ein dringend therapiebedürftiges Notfallbild dar!

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Als Medikament kommt bei den meisten Rettungsdiensten Midazolam aufgrund seiner umfangreichen Applikationswege zum Einsatz.

  • für Erwachsene

    • intranasal / intramuskulär: Ampulle Midazolam 15 mg / 3 ml

      • Richtdosis: >40 kgKG = 10 mg i.n. / i.m., <40-13 kgKG = 5 mg i.n. / i.m.
      • Dosierung pro kgKG: 0,2 mg/kgKG i.n.
    • intravenös: Midazolam 5 mg / 5 ml

      • Richtdosis: >40 kgKG = 10 mg i.v., <40-13 kgKG = 5 mg i.v.

Medikamentöse Behandlung des Alkoholentzugs

Benzodiazepine sind als GABAA-Rezeptoragonisten unbestritten die 1. Wahl in der Alkoholentzugsbehandlung, weil sie sowohl die Komplikation eines epileptischen Anfalls als auch die eines Delirs am besten verhindern können. Die S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen empfiehlt eine klare Präferenz von Benzodiazepinen mit langer Halbwertszeit (Diazepam oder Nitrazepam).

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Wegen der hepatischen Metabolisierung von Diazepam kann bei starker Leberfunktionsstörung auf ein nur hepatisch konjugiertes und renal ausgeschiedenes Benzodiazepin zurückgegriffen werden. Wegen der ebenfalls relativ langen Halbwertszeit wäre dabei Nitrazepam der Vorzug zu geben.

Antipsychotika wie Haloperidol werden beim akuten Alkoholdelir mit Wahn- oder Halluzinationen empfohlen, sollen aber aufgrund der fehlenden eigenen Wirkung auf vegetative Entzugssymptome mit z.B. kombiniert werden.

in diesen Fällen können bei Entzugssyndromen auch Antiepileptika als Monotherapie oder symptomorientiert in Kombination z.B. eingesetzt werden.

bei Lebererkrankungen mit Einschränkung der Leberfunktion werden Benzodiazepine mit kürzerer Halbwertszeit und geringer Verstoffwechslung in der Leber (z.B. Oxazepam) bevorzugt.

Stationäre vs. Ambulante Behandlung

Die Entscheidung, ob eine stationäre oder ambulante Behandlung erforderlich ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

Indikation für stationäre Behandlung:

  • Fehlschlagen eines vorhergegangenen ambulanten Entzugsversuchs
  • Vorliegen einer Epilepsie
  • Psychiatrische Begleiterkrankung (inklusive zusätzlicher Süchte)
  • Schwere somatische Begleiterkrankungen
  • Große Trinkmenge (Risiko für starke Entzugssymptomatik)
  • Soziales Umfeld, das die Entzugsbehandlung erschwert

Indikation für ambulante Behandlung:

  • Einfacher Entzug ohne große psychische und körperliche Begleiterkrankungen
  • Soziales Umfeld, das die Entzugsbehandlung unterstützt

Weitere Maßnahmen

Neben der medikamentösen Behandlung können weitere Maßnahmen erforderlich sein, um den Patienten während des Entzugs zu unterstützen:

  • Flüssigkeitszufuhr: Ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist wichtig, um Dehydration zu vermeiden.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann helfen, den Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen.
  • Psychosoziale Unterstützung: Psychosoziale Unterstützung kann den Patienten helfen, mit den psychischen Belastungen des Entzugs umzugehen und langfristige Abstinenz zu erreichen. Kurzinterventionen zur Reduktion von problematischem Alkoholkonsum sollen im Rahmen der medizinischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung umgesetzt werden.

Rezidivprophylaxe

Naltrexon und Acamprosat sind weiterhin Mittel der Wahl in der medikamentösen Rezidivprophylaxe, Baclofen ist eine Option bei komorbider Angststörung („off-label“), Disulfiram ist nur in ganz bestimmten Spezialindikationen zu erwägen.

Prävention

Präventive Maßnahmen können dazu beitragen, Alkoholabhängigkeit und damit verbundene Komplikationen wie Krampfanfälle zu verhindern. Dazu gehören:

  • Aufklärung: Aufklärung über die Risiken des Alkoholkonsums und die Anzeichen von Alkoholabhängigkeit.
  • Früherkennung: Früherkennung von problematischem Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit.
  • Intervention: Frühzeitige Intervention bei Personen mit problematischem Alkoholkonsum.

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