Leitlinie Migräne und Iberogast: Ein umfassender Überblick

Die Behandlung von Migräne und gastrointestinalen Beschwerden ist ein komplexes Feld, das sowohl schulmedizinische als auch naturheilkundliche Ansätze umfasst. Dieser Artikel beleuchtet die Leitlinien zur Migränebehandlung und die Rolle von Iberogast bei der Linderung von Magen-Darm-Beschwerden, wobei auch aktuelle Entwicklungen und Kontroversen berücksichtigt werden.

Einführung in Migräne und gastrointestinale Beschwerden

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen können von Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und anderen Symptomen begleitet sein. Gastrointestinale Beschwerden, wie Reizdarm oder funktionelle Dyspepsie, sind weit verbreitet und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Migräne: Eine genetisch determinierte Erkrankung

Migräne ist eine stark genetisch determinierte Erkrankung des zentralen Nervensystems. Phänomenologisch ist die Migräne geprägt durch regelmäßig auftretende Symptome, die eine Rhythmik aufweisen. Führend sind Schmerzen, die bei körperlicher Anstrengung stärker werden und nicht auf den Kopf beschränkt bleiben müssen. Sie werden begleitet von unterschiedlichen anderen Phänomenen, wie Fatigue, Übelkeit und Erbrechen, einer erhöhten Empfindlichkeit für äußere Reize sowie emotionalen Veränderungen. Bei der abdominellen Migräne treten Bauchschmerzen auf; diese werden von ähnlichen Symptomen begleitet wie der klassische Migränekopfschmerz. Nach einer gründlichen nichtinvasiven Diagnostik ist die positive Diagnosestellung der erste Therapieschritt. Weitere sind eine Aufklärung über ein biopsychosoziales Krankheitsmodell sowie bei klassischen Migräneattacken eine medikamentöse Attackentherapie.

Triptane in der Migränebehandlung

Triptane sind eine Klasse von Medikamenten, die speziell zur Behandlung von Migräneattacken eingesetzt werden. Sie beeinflussen die Wirkung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn, was zu einer Verengung der Blutgefäße und einer Reduktion der Entzündungsbotenstoffe führt. Triptane wirken schmerzlindernd und verbessern das Allgemeinbefinden.

Wirkungsweise: Triptane gelangen über das Blut ins Gehirn und aktivieren auf Nervenzellen und Blutgefäßen bestimmte Andockstellen für den Nervenbotenstoff Serotonin (5-HT1-Rezeptor). Dadurch verengen sich durch den Migräneanfall geweitete Blutgefäße und es werden weniger Entzündungsbotenstoffe durch die Nervenzellen freigesetzt. Triptane sind demzufolge gefäßverengend, entzündungshemmend und schmerzstillend. Ihr Effekt ist umso besser, je früher sie angewendet werden.

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Anwendung: Die bekannteste Beschwerde, für die ein Triptan zur Anwendung kommt, ist die Migräne-Erkrankung. Nicht immer bedarf es der Einnahme eines Triptans. Bei leichten bis mittleren Schmerzen reichen oft Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure aus. Diese wirken jedoch manchmal nicht wie gewünscht, wenn die Migräneattacken mit schweren Schmerzen einhergehen - in solchen Fällen empfehlen Mediziner Triptane. Ein Migräneanfall kann mit einem Vorboten, der sogenannten Aura, angekündigt werden. Diese kann beispielsweise durch Sehen von Blitzen oder anderen Sehstörungen, Gesichtsfeldausfälle (Skotome) oder einem kribbelnden Gefühl bemerkt werden. Die meisten Triptane wirken nur sehr kurz, gegebenenfalls kommen die Kopfschmerzen teils sogar stärker zurück. Betonung steht auf Migränekopfschmerz. Besteht erst eine Aura ohne Schmerz, sollte bis zum Eintritt des Schmerzes gewartet werden. Treten die Schmerzen erneut innerhalb weniger Stunden auf, kann innerhalb eines Tages eine zweite Dosis verwendet werden, allerdings frühestens 2 Stunden nach der ersten. Weitere Dosen oder höhere Dosen haben keinen Nutzen.

Darreichungsformen: Die häufigste Einnahmeform ist die Tablette. Einige Wirkstoffe sind jedoch auch als Schmelztabletten erhältlich. Diese zergehen im Mund und werden so schnell über die Mundschleimhaut aufgenommen. Davon profitieren Menschen mit Schluckproblemen oder Übelkeit während eines Migräneanfalls. Eine weitere Darreichungsform stellt das Nasenspray dar. Zolmitriptan z.B. Nicht selten erzielt ein eingenommenes Triptan nicht die gewünschte Wirkung. Dann sollte Rücksprache mit dem Arzt gehalten werden, um eine andere Behandlungsform zu finden.

Wichtige Hinweise: Triptane sind nicht für jeden Patienten geeignet. Um Wechselwirkungen oder verstärkte/verminderte Wirkungen von Arzneimitteln zu vermeiden, sollte Ihr Arzt immer informiert werden, wenn Sie weitere Medikamente einnehmen, kürzlich eingenommen haben oder einnehmen wollen. Wenn gleichzeitig Arzneimittel gegen Depressionen eingenommen werden, muss der Arzt vor Anwendung eines Triptanes informiert sein. MAO-Hemmer (z.B. SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) oder SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) zur Behandlung von Depressionen, können zu vermehrten unerwünschten Wirkungen führen. Wird ein Triptan zu häufig eingenommen, können Ihre Kopfschmerzen chronisch (dauerhaft) werden.

Pestwurz als alternative Migränearznei

Pestwurz (Petasites hybridus) wird seit dem Altertum eingesetzt und hat sich als hochwirksam gegen Migräne erwiesen. Neben dem heilwirksamen Inhaltsstoff Petasin enthält die Pflanze aber leberschädigende und möglicherweise krebserregende Pyrrolizindin-Alkaloide. Deshalb ist eine Behandlung mit dem selbst hergestellten Pflanzensud nicht empfehlenswert. Das Präparat dagegen enthalte die riskanten Stoffe nicht. „Das Mittel steht als Migränearznei inzwischen sogar in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie“, sagt Stange. Diese ungeheure Chance habe die Firma leider bislang nicht genutzt. Betroffene Migräne-Patienten müssten sich die Pillen meist in Eigenregie via Internet bestellen.

Iberogast: Pflanzliche Hilfe bei Magen-Darm-Beschwerden

Iberogast ist ein pflanzliches Arzneimittel, das zur Linderung von funktionellen Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt wird. Es enthält eine Kombination aus neun Heilpflanzen, die synergistisch wirken, um verschiedene Aspekte der Verdauung zu verbessern.

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Zusammensetzung und Wirkungsweise

Iberogast enthält Auszüge aus:

  • Bittere Schleifenblume (Iberis amara): Schützt vor Magenkrämpfen und Sodbrennen.
  • Weitere Heilpflanzen: Ergänzen die Wirkung und tragen zur Linderung von Beschwerden bei.

Das Medikament enthält neun Heilpflanzen, darunter Auszüge der Bitteren Schleifenblume (Iberis amara), die vor Magenkrämpfen und Sodbrennen schützen. „Da hat die Firma in die Forschung investiert und so hat das Mittel in den vergangenen Jahren einen Siegeszug in der Gastroenterologie angetreten“, berichtet Stange. „Selbst Kollegen, die sonst keine Naturheilmittel einsetzen, verschreiben das.“

Anwendung und Indikationen

Iberogast wird traditionell bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden wie Reizdarmsyndrom, funktioneller Dyspepsie, Blähungen, Bauchschmerzen und Übelkeit eingesetzt. Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für rezeptfreie Arzneimittel wie Iberogast® Classic und Iberogast® Advance, sofern sie auf einem Grünen Rezept verordnet werden.

Forschung und Studienlage

Die Wirksamkeit und Sicherheit von Iberogast sind in zahlreichen klinischen Studien nachgewiesen worden. Diese Studien haben gezeigt, dass Iberogast die Symptome von Magen-Darm-Beschwerden signifikant reduzieren und die Lebensqualität der Patienten verbessern kann.

  • Radke M., Vinson B., Lehmann, Eckehard: Functional gastrointestinal disorders in children: Effectivity, safety, and tolerability of the herbal preparation STW-5 (Iberogast®) in general practice. DOI: 10.1016/j.ctim.2022.102873.
  • Gundermann, K.-J., B. Vinson and S. Hänicke: “Die funktionelle Dyspepsie bei Kindern - eine retrospektive Studie mit einem Phytopharmakon.” Päd, 2004.
  • Ottilinger, B., Storr, M., Malfertheiner, P., & Allescher, H.D.: (2013). STW 5 (Iberogast) - a safe and effective standard in the treatment of functional gastrointestinal disorders.

Kontroverse um Schöllkraut und Leberschäden

In den letzten Jahren gab es Kontroversen um das in Iberogast enthaltene Schöllkraut, da es in Verbindung mit Leberschäden gebracht wurde. Im Umfeld des Bayer-Konzerns gab es Ermittlungen wegen eines Todesfalls nach der mutmaßlichen Einnahme von Iberogast. Problematisch ist offenbar das in dem Produkt enthaltene Schöllkraut. Schon 2008 hatten dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rund 50 Fall­berichte aus Deutschland vorgelegen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Leber­schäden und Schöllkraut vermutet wurde. Die Behörde forderte in der Folge Hersteller von Produkten mit mindestens 2,5 Mikro­gramm Schöllkraut pro Tagesdosis auf, ihre Beipackzettel um entsprechende Hinwei­se zu ergänzen. Der Iberogasthersteller, zu jener Zeit noch Steigerwald, legte jedoch Widerspruch ein. Auch als Bayer das Produkt übernahm, lehnte es eine Ergänzung des Beipackzettels für längere Zeit ab. Erst im September 2018 lenkte Bayer ein.

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Bayer hat nach eigenen Darstellung aus der Presse erfahren, dass die Staatsanwalt­schaft in Bezug auf einen Todesfall aus dem vergangenen Jahr ermittelt, bei dem eine Patientin eine Leberschädigung erlitt und an den Komplikationen einer nachfolgenden Lebertransplantation starb. „Das Ermittlungsverfahren richtet sich ‚gegen unbekannt‘. Einzelheiten des Ermittlungsverfahrens sind Bayer nicht bekannt“, teilte der Konzern dem Deutschen Ärzteblatt auf Nachfrage mit.

Allerdings habe Bayer den erwähnten Fall, der im Zusammenhang mit der Einnahme von Iberogast aufgetreten war, „intensiv und umfassend analysiert“. Die Analyse habe gezeigt, „dass dies höchstwahrscheinlich eine idiosynkratische Reaktion war - eine äußerst seltene, dosisunabhängige Reaktion auf Substanzen, die in der Regel von Menschen sicher toleriert werden“, heißt es in der Bayer-Stellungnahme. Idiosynkrati­sche Reaktionen seien substanzunabhängig und könnten generell nicht ausgeschloss­en werden.

Der Konzern betonte, die Wirksamkeit und Sicherheit von Iberogast sei bei mehr als 7.000 erwachsenen Teilnehmern in prospektiven klinischen Studien nachgewiesen und bei der Behandlung von mehr als 82 Millionen Patienten seit der Markteinführung im Jahr 1960 bestätigt worden. „Das Nutzen-Risiko-Profil von Iberogast ist weiterhin positiv“, so der Konzern.

Es ist wichtig zu beachten, dass die meisten Fälle von Leberschäden im Zusammenhang mit Schöllkraut bei unsachgemäßer Anwendung oder Überdosierung aufgetreten sind. Patienten sollten die empfohlene Dosierung einhalten und bei Auftreten von Symptomen wie Gelbsucht, Müdigkeit oder Bauchschmerzen einen Arzt aufsuchen.

Alternativen zu Metoclopramid und Domperidon

Für Metoclopramid (MCP) und Domperidon beschloss die europäische Arzneimittelbehörde EMA deutliche Einschränkungen der Indikationen und Dosierungsempfehlungen. Die Behandlung der funktionellen Dyspepsie und Refluxerkrankung mit gleichzeitigen Oberbauchbeschwerden kann ersatzweise mit pflanzlichen Kombinationspräparaten mit belegtem Nutzen wie STW 5 (Iberogast®) erfolgen.

Naturheilmittel im Wandel der Zeit

Pflanzliche Arzneimittel, auch Phytopharmaka genannt, dürfen dann nur noch verkauft werden, wenn sie registriert und zugelassen sind. Für diese müssten die Hersteller die Unbedenklichkeit nachweisen und belegen, dass aufgrund einer mindestens 30-jährigen Erfahrung eine Wirksamkeit erwartet werden kann. Aus Sicht von Karin Kraft, Vorsitzende der Gesellschaft für Phytotherapie und Professorin für Naturheilkunde in Rostock, verschwindet aufgrund des neuen EU-Rechts keine wertvolle Medizin vom Markt. „Es gab zunächst große Aufregung, vor allem in Kreisen, die sich juristisch nicht gut auskennen“, sagt sie. Deutschland habe bei der Zulassung pflanzlicher Arzneimittel eine lange Tradition. Das deutsche Arzneimittelgesetz garantiere dadurch eine Qualität, auf die die Patienten auch ein Recht hätten.

Die Rolle der Forschung

Nach Stanges Beobachtung sind es teilweise sehr traditionsreiche Unternehmen, die sich scheuen, sehr viel Geld in die klinische Forschung zu stecken. Es gebe noch immer die Haltung, alles was aus „Gottes Apotheke“ kommt, könne man den gläubigen Menschen ungeprüft weiterreichen. „Diese Mentalität halte ich für falsch“, sagt er. „Forschung muss ein ganz normaler Kostenfaktor werden. Der Verbraucher hat Anrecht auf ein in seinen Wirkungen untersuchtes Produkt.“

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