Leukämie: Die Rolle der Lumbalpunktion in Diagnose und Therapie

Die Leukämie ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems, die durch eine unkontrollierte Vermehrung von unreifen Blutzellen im Knochenmark gekennzeichnet ist. Eine frühzeitige und präzise Diagnose ist entscheidend für den Therapieerfolg. Neben Blut- und Knochenmarkuntersuchungen spielt die Lumbalpunktion, insbesondere bei bestimmten Leukämieformen, eine wichtige Rolle.

Was ist eine Lumbalpunktion?

Bei der Lumbalpunktion, auch Liquor- oder Spinalpunktion genannt, handelt es sich um ein diagnostisches Verfahren, bei dem eine kleine Menge Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis) aus dem Rückenmarkskanal entnommen wird. Dies geschieht meist im Bereich der Lendenwirbelsäule (Lumbalbereich), seltener im oberen Abschnitt der Halswirbelsäule (Subokzipitalpunktion).

Warum wird eine Lumbalpunktion bei Leukämie durchgeführt?

Eine Lumbalpunktion wird vor allem bei Verdacht auf eine akute lymphatische Leukämie (ALL) oder bestimmte Untergruppen der akuten myeloischen Leukämie (AML) durchgeführt. Der Grund dafür ist, dass bei diesen Leukämieformen die Hirnhäute nicht selten von Leukämiezellen befallen sind. In solchen Fällen ist es notwendig, zusätzlich zur Blut- und Knochenmarkuntersuchung auch den Nervenwasserkanal im Bereich der Lendenwirbelsäule zu punktieren, um festzustellen, ob Leukämiezellen in die Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) eingedrungen sind.

ZNS-Prophylaxe bei ALL

Unabhängig von einem nachgewiesenen Befall des zentralen Nervensystems (ZNS) durch Leukämiezellen erfolgt bei allen ALL-Patienten zusätzlich eine vorbeugende Behandlung des ZNS. Dazu werden regelmäßig Chemotherapeutika in das Nervenwasser (Liquor) injiziert. Mit der ZNS-Prophylaxe wird in der Regel bereits in der Vorphase der Therapie begonnen und sie erstreckt sich über die gesamte Behandlungsdauer bis hin zur Erhaltungstherapie. Ziel dieser Maßnahme ist es, mögliche versteckte Leukämiezellen im ZNS zu beseitigen und so ein von dort ausgehendes Rezidiv zu vermeiden.

Wie läuft eine Lumbalpunktion ab?

Die Lumbalpunktion wird in der Regel von spezialisierten Fachärzten wie Neurologen oder Neurochirurgen entweder ambulant in einer Praxis oder in einer speziellen Klinik durchgeführt.

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Vorbereitung

Vor einer Lumbalpunktion prüft der Arzt, ob die Blutgerinnung normal ist, um Blutungen vorzubeugen, die die Nerven im Bereich der Einstichstelle schädigen könnten. Der Arzt holt das Einverständnis der Person ab, was bedeutet, dass dieser dem Verfahren schriftlich zustimmen muss. Ohne Einwilligung kann eine Lumbalpunktion nicht durchgeführt werden.

Durchführung

Die Person befindet sich entweder im Sitzen in vorgebeugter Position (Katzenbuckel) mit von einer Behandlungsliege herabhängenden Beinen oder im Liegen in Seitenlage mit ebenfalls abgerundetem Rücken. Durch die gebeugte Position ist die Wirbelsäule in der Lende gedehnt, wodurch zwischen den einzelnen Wirbeln mehr Platz entsteht. Die ideale Stelle für die Punktion liegt zwischen dem 3. und 4. oder dem 4. und 5. Lendenwirbelkörper (LWK). Um den geeigneten Bereich zu finden, tastet der Arzt horizontal entlang des Beckenkamms zur Wirbelsäule hin. In ihrer Mitte sind die herausstehenden Dornfortsätze der Wirbel spürbar. Seitlich der Dornfortsätze ist eine größere Lücke, ein Wirbelloch, durch das der Arzt die Punktionsnadel bis zum Rückenmarkskanal hindurchführt. Die Haut wird an der Einstichstelle betäubt und desinfiziert. Nach dem Einstich schiebt die Ärztin oder der Arzt die Nadel etwa 3 bis 4 Zentimeter tief zwischen zwei Wirbel bis nahe ans Rückenmark vor. Bei der Punktionsnadel handelt es sich um eine spezielle Hohlnadel, die von außen durch die Haut in den Spinalkanal eingeführt wird (Punktion). Dabei durchsticht die Nadel zunächst das Bindegewebe, das um den Spinalkanal liegt. Direkt darunter liegen die Hirnhäute (Meningen), in deren Zwischenraum sich das Hirnwasser und der Liquorraum befindet. Das Nervenwasser tropft von selbst durch die Hohlnadel in ein Röhrchen. Meistens werden 10 bis 15 Milliliter Nervenwasser entnommen. Zum Schluss wird die Nadel vorsichtig herausgezogen und die Einstichstelle mit etwas Druck verbunden, damit sich die Wunde schnell wieder schließt.

Dauer

Insgesamt dauert eine Punktion etwa eine Viertelstunde.

Nach der Punktion

Nach dem Eingriff verbleiben Betroffene noch für mindestens eine Stunde liegend in der Praxis oder Klinik. Danach werden sie vom Arzt auf mögliche Verletzungen oder Schäden untersucht. Dabei überprüft der Arzt beispielsweise, ob die betreffende Person ihre Beine normal bewegen kann. Wichtig ist, danach für mindestens eine Stunde zu liegen, sich ungefähr 24 Stunden zu schonen und viel zu trinken. Weil ein Bluterguss im Wirbelkanal auf Nerven drücken kann, kontrolliert die Ärztin oder der Arzt einige Stunden später die Einstichstelle und ob man die Beine bewegen kann. Normalerweise bleibt man bei einer Lumbalpunktion mindestens 1 Stunde, meist aber bis zu 4 Stunden in der Klinik oder Praxis.

Was wird bei einer Lumbalpunktion untersucht?

Das entnommene Nervenwasser wird im Labor auf verschiedene Parameter untersucht, um festzustellen, ob Leukämiezellen vorhanden sind oder ob andere Auffälligkeiten vorliegen.

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Zellzahl und Zusammensetzung

Im Labor wird analysiert, ob die Zahl der Zellen im Nervenwasser oder die Zusammensetzung seiner Bestandteile wie Eiweiße, Glukose und Laktat, verändert ist. In der Regel ist es klar wie Wasser; ist es blutig oder trüb, kann das ein Zeichen für eine Blutung oder eine Entzündung im Gehirn sein.

Zytologische Untersuchung

Die Zellen im Liquor werden mikroskopisch untersucht, um festzustellen, ob Leukämiezellen vorhanden sind und um welche Art von Zellen es sich handelt.

Immunphänotypisierung

Mit Hilfe spezieller Antikörper können bestimmte Oberflächenmerkmale der Zellen im Liquor identifiziert werden, um den Leukämietyp genauer zu bestimmen.

Molekulargenetische Untersuchungen

In manchen Fällen werden auch molekulargenetische Untersuchungen durchgeführt, um Veränderungen im Erbgut der Zellen im Liquor nachzuweisen.

Risiken und Komplikationen einer Lumbalpunktion

Normalerweise birgt die Lumbalpunktion keine größeren Risiken. Im unteren Bereich der Lendenwirbelsäule enthält der Wirbelkanal nur noch Flüssigkeit, da das Rückenmark bereits weiter oben endet. Es kann deshalb nicht verletzt werden.

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Häufige Nebenwirkungen

Einige Stunden oder auch Tage nach der Punktion kann es zu Kopfschmerzen, Übelkeit, einem hohen Puls oder niedrigem Blutdruck kommen. Medizinisch wird dies als „postpunktuelles Syndrom“ zusammengefasst. Diese Nachwirkungen klingen aber in der Regel nach etwa fünf Tagen ab. Die Kopfschmerzen sind auf den gefallenen Hirndruck zurückzuführen, oft kommen sie zusammen mit Übelkeit, niedrigem Blutdruck oder einem hohen Puls. Diese Symptome werden auch „postpunktuelles Syndrom“ genannt und es verschwindet innerhalb von wenigen Tagen wieder, wenn die betreffende Person nach dem Eingriff ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt und sich mindestens einen Tag lang schont. In manchen Fällen, vor allem wenn aus der Einstichstelle Hirnwasser austritt, können diese Kopfschmerzen sich verstärken und andauern.

Seltene Komplikationen

Für kurze Zeit können Schmerzen auftreten: beim Einstich und falls die Nadel tiefer im Gewebe eine Nervenwurzel berührt. Dann strahlt der Schmerz in ein Bein aus, klingt aber sofort wieder ab. Komplikationen treten bei einer Lumbalpunktion nur selten auf. Die größte Gefahr geht von einer Verletzung des Rückenmarks aus. Kommt es zu einer Verletzung, können beispielsweise Lähmungen oder gestörte Reflexe die Folge sein. Auch Einblutungen in den Rückenmarkskanal ausgehend von der Einstichstelle können ähnliche Beschwerden auslösen.

Wann darf eine Lumbalpunktion nicht gemacht werden?

In einigen Fällen beziehungsweise bei manchen Personen ist eine Lumbalpunktion nicht möglich. Dazu zählen vor allem Menschen mit einer Blutungsneigung oder Gerinnungsstörung sowie jene, die eine Infektion an der Punktionsstelle zum Beispiel durch Hauterkrankungen oder Verletzungen haben.

Knochenmarkpunktion vs. Lumbalpunktion

Die Knochenmarkpunktion ist übrigens nicht zu verwechseln mit einer Lumbalpunktion (auch »Rückenmark­punktion« genannt), bei der im Bereich der Lendenwirbelsäule Nervenwasser entnommen wird. Während bei der Knochenmarkspunktion im Beckenknochen etwas Knochenmark rausgezogen wird, wird beim Rückenmark in den Rückenmarkskanal punktiert. Das ist der Raum in der Wirbelsäule, wo die Flüssigkeit das Rückenmark umfließt. Diese Flüssigkeit wird gewonnen, um zu untersuchen, ob hier Leukämiezellen sind. Der Nervenstrang wird dabei nicht berührt oder verletzt. Die Punktion wird dort durchgeführt, wo kein Rückenmark mehr ist. Es ziehen noch Nerven durch, aber das Rückenmark hört weiter oben auf. Deshalb wählt man diesen Ort unten in der Lendenwirbelsäule. In seltenen Fällen muss man an der Halswirbelsäule punktieren, aber das ist ein sehr viel komplexerer Prozess. Deshalb macht man das fast nie.

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