Lichttherapie bei Migräne: Studien, Wirkungsweisen und Anwendungsmöglichkeiten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen sind, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Charakteristisch für Migräne sind periodisch wiederkehrende Kopfschmerzen, die oft von Symptomen wie Übelkeit, Sehstörungen und extremer Lichtempfindlichkeit (Photophobie) begleitet werden. Die Lichtempfindlichkeit kann so stark sein, dass Betroffene sich in dunkle Räume zurückziehen und soziale Kontakte meiden. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden, die über die herkömmliche medikamentöse Therapie hinausgehen, ist daher von großer Bedeutung. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend das Potenzial der Lichttherapie, insbesondere der Grünlichttherapie, bei der Linderung von Migräneschmerzen und der Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens von Migränepatienten untersucht.

Grünlichttherapie: Was ist das?

Die Grünlichttherapie ist eine spezielle Form der Lichtanwendung, bei der gezielt grünes Licht im Wellenlängenbereich von etwa 525 Nanometern eingesetzt wird. Im Gegensatz zu weißem oder blauem Licht, das von vielen Migränepatienten als belastend empfunden wird, wird grünes Licht oft als angenehm und beruhigend wahrgenommen.

Wie funktioniert Grünlichttherapie? Drei Wege, wie Grünlicht das Gehirn beeinflussen kann

Die Wirkungsweise der Grünlichttherapie ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass grünes Licht auf verschiedene Weise das Gehirn beeinflussen kann:

  1. Förderung körpereigener Opioide und Endorphine: Studien haben gezeigt, dass Grünlicht die Ausschüttung körpereigener Opioide wie Endorphine steigern kann. Diese Stoffe wirken stimmungsaufhellend und fördern das emotionale Gleichgewicht. Sie helfen dem Körper, auf Stress zu reagieren - auf ganz natürliche Weise.
  2. Beruhigung über das GABA-System: Grünlicht kann die Aktivität des beruhigenden Neurotransmitters GABA erhöhen. GABA spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Angstzuständen, Schlaf und Muskelentspannung.
  3. Reduktion der elektrischen Aktivität in Retina und Cortex: Messungen mit dem Elektroretinographen (ERG) deuten darauf hin, dass grünes Licht im Vergleich zu anderen Lichtfarben die geringsten elektrischen Signale in der Retina und im Cortex verursacht. Dies könnte erklären, warum grünes Licht von vielen Migränepatienten als weniger belastend empfunden wird.

Studienlage: Was sagt die Wissenschaft zur Grünlichttherapie bei Schmerzen und Stimmung?

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der Grünlichttherapie bei Migräne ist noch begrenzt, aber vielversprechend.

  • Eine Studie der Harvard Medical School in Boston aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Migränepatienten durch grünes Licht weniger Schmerzen wahrnehmen, während blaues, gelbes, rotes und weißes Licht die Schmerzen verstärken können.
  • Eine Pilotstudie mit Fibromyalgie-Patient:innen zeigte, dass nach regelmäßiger Exposition gegenüber Grünlicht die Schmerzintensität um rund 40 % sank. Gleichzeitig verbesserten sich Schlaf, Stimmung und allgemeines Wohlbefinden.
  • Eine tierexperimentelle Studie an Ratten ergab, dass grünes LED-Licht die Schmerzschwelle erhöht und die thermische und mechanische Hyperalgesie bei Ratten mit einer Verletzung der Spinalnerven aufhebt. Die Forscher vermuten, dass die schmerzlindernde Wirkung von grünem Licht auf einer erhöhten Ausschüttung von Enkephalinen im zentralen Nervensystem beruht.
  • Neue Forschungsdaten aus den USA deuten darauf hin, dass grünes Licht die Symptome während eines Migräneanfalls lindern kann. In einer Studie mit Nutzern von Schmalband-Grünlichtlampen (NbGL) besserte sich der Kopfschmerz bei 55 % aller Migräneattacken. Die Lichtempfindlichkeit verbesserte sich bei 53 % aller Migräneattacken mit Nutzung der Lampe, und Angstzustände verbesserten sich bei 34 % aller Migräneattacken. Allerdings wiesen die Autoren auf Einschränkungen hin, wie z.B. fehlende einheitliche Kriterien für die Migränediagnose und eine fehlende Kontrollgruppe.

Für wen ist Grünlichttherapie besonders geeignet?

Grünlichttherapie könnte vor allem Menschen helfen, die unter folgenden Beschwerden leiden:

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  • Migräne und andere Kopfschmerzarten
  • Chronische Schmerzen
  • Stress
  • Erschöpfung
  • Innere Unruhe
  • Emotionales Ungleichgewicht

Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass grünes Licht nicht nur körperliche Beschwerden lindern, sondern auch die Stimmung verbessern, innere Unruhe reduzieren und das emotionale Gleichgewicht fördern kann.

Weitere Therapieansätze bei Migräne

Neben der Grünlichttherapie gibt es noch weitere nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen für Migräne, wie zum Beispiel:

  • Rotlichttherapie: Studien deuten darauf hin, dass Rotlichttherapie ebenfalls bei der Linderung von Migräne- und Kopfschmerzen helfen kann.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneanfälle zu reduzieren.
  • Vermeidung von Auslösern: Viele Migränepatienten reagieren empfindlich auf bestimmte Auslöser wie Stress, bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol, Schlafmangel oder Wetterwechsel. Das Führen eines Migräne-Tagebuchs kann helfen, individuelle Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
  • Digitale Therapie: Apps wie "M-sense Migräne" können Patienten dabei unterstützen, ihre Migräne zu dokumentieren, Auslöser zu identifizieren und Entspannungsübungen durchzuführen.

Photophobie bei Migräne: Neue Therapieansätze

Menschen mit Migräne leiden häufig unter einer erhöhten Lichtempfindlichkeit (Photophobie). Bislang wird in erster Linie geraten, helles Licht zu meiden. Eine Studie an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien untersucht jedoch einen neuen Ansatz: die Desensibilisierung des Gehirns gegenüber Lichtreizen durch gezielte Exposition gegenüber "Flackerlicht". Die Studie vergleicht diese Methode mit der Lichtdeprivation (Aufenthalt in einem abgedunkelten Raum), um herauszufinden, welche Therapieform für wen geeignet ist.

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