Multiple Sklerose und Krebs: Ein Überblick über Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Therapieansätze

Multiple Sklerose (MS) und Krebs scheinen auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Erkrankungen zu sein. MS ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), während Krebs durch unkontrolliertes Zellwachstum gekennzeichnet ist. Trotz dieser grundlegenden Unterschiede gibt es überraschende Überschneidungen in der Pathophysiologie und den therapeutischen Ansätzen beider Erkrankungen. Immuntherapeutische Strategien, die in der Onkologie entwickelt wurden, eröffnen auch für die MS-Behandlung neue Möglichkeiten, bergen aber auch potenzielle Risiken. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen MS und Krebs und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und klinische Herausforderungen.

Immunologische Grundlagen: Autoimmunität und Tumorrisiko

Das Immunsystem spielt eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern und Tumorzellen. Es ist jedoch auch in der Lage, körpereigene Strukturen anzugreifen, was zu Autoimmunerkrankungen wie MS führen kann. Eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der immunologischen Homöostase spielen regulatorische T-Zellen (Tregs). Diese Zellen unterdrücken überschießende Immunantworten und eliminieren autoreaktive Lymphozyten.

Versagen diese Toleranzmechanismen, kann es zur Autoimmunität und chronischer Entzündung kommen. Chronische Entzündungen können wiederum die Entstehung von Krebs begünstigen, indem sie die Freisetzung von Zytokinen und Chemokinen fördern, die DNA-Schäden verursachen, Tumorsuppressorgene inaktivieren, das Zellwachstum und -überleben fördern, die Angiogenese auslösen und die Invasivität verstärken. Umgekehrt können Tumoren Immun-Checkpoints aktivieren, um der Immunüberwachung zu entkommen, was Autoimmunreaktionen abschwächen kann.

Multiple Sklerose: Immunsuppression und Tumorrisiko

Die MS ist durch eine Entzündung des ZNS gekennzeichnet, bei der Immunzellen die Myelinscheiden der Nervenfasern angreifen. Die MS-Therapie zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Immunsuppressive Medikamente spielen dabei eine wichtige Rolle. Diese Medikamente können jedoch auch das Risiko für Infektionen und maligne Erkrankungen erhöhen.

Mehrere Studien haben das Malignomrisiko bei Patienten mit MS untersucht, insbesondere im Zusammenhang mit verschiedenen krankheitsmodifizierenden Therapien (DMTs). Eine 10-jährige landesweite retrospektive Kohortenstudie analysierte das Krebsrisiko bei 140.649 MS-Patienten im Vergleich zu 562.596 gematchten Kontrollpersonen. Die Ergebnisse zeigten zwar ein leicht erhöhtes Gesamtkrebsrisiko bei MS-Patienten, insbesondere bei Frauen. Das Krebsrisiko variierte dabei mit dem Alter: Es war bei MS-Patienten unter 55 Jahren erhöht und bei Patienten über 65 Jahren reduziert. Allerdings nahmen MS-Patienten seltener an Krebsfrüherkennungsprogrammen teil, insbesondere in höheren Altersgruppen. Die Autoren vermuten, dass das leicht erhöhte Krebsrisiko bei MS-Patienten teilweise auf einen Überwachungsbias zurückzuführen sein könnte.

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Mit Blick auf die eher hochpotenten Wirkansätze sind die bisherigen Daten eher beruhigend. S1P-Rezeptor-Modulatoren wie Fingolimod und neuere Vertreter zeigen Hinweise auf ein leicht erhöhtes Risiko für Hauttumoren, insbesondere Basalzellkarzinome. Für Cladribin wurde ein initial diskutiertes erhöhtes Malignitätsrisiko durch Langzeitdaten relativiert. Die unter B-Zell depletierenden Antikörper diskutierte erhöhte Gefahr für Mammakarzinome konnte in gepoolten Analysen nicht bestätigt werden. Auch für Natalizumab konnte bislang kein erhöhtes Tumorrisiko nachgewiesen werden.

Zusammenfassend liegen derzeit weder Hinweise vor, dass die Diagnose MS als solche mit einem erhöhten Tumorrisiko assoziiert ist, noch gibt es einheitliche Analysen, die auf ein substanziell erhöhtes onkologisches Risiko unter Immuntherapien hindeuten, wobei spezifische Substanzen gezieltes Monitoring erfordern.

Tumortherapie: Checkpoint-Inhibitoren und Autoimmunreaktionen

Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI) haben die onkologische Therapie revolutioniert und ermöglichen bei vielen Tumorarten eine verbesserte Immunabwehr gegen Krebszellen. Diese Medikamente blockieren Signalwege, die den Tumor vor der Erkennung und Zerstörung durch das patienteneigene Immunsystem schützen. Die klinisch bedeutsamsten Zielstrukturen stellen CTLA-4, PD-1 und PD-L1 dar, die die T-Zell-Aktivität gegen Tumoren massiv verstärken.

Mit dem weit verbreiteten Einsatz rücken die immunvermittelten Nebenwirkungen (irAEs, immune-related adverse events) stärker in den Fokus. Diese Autoimmunreaktionen können im Zuge der Mobilisierung gegen Tumorzellen vermehrt auftreten. Die Sorge vor irAEs hat im klinischen Alltag dazu geführt, dass insbesondere bei bekannter Autoimmunerkrankung wie der MS solche Therapien eher zurückhaltend angewendet wurden. Interessanterweise zeigen neueste Studien, dass diese Sorge vor einer Verstärkung der zugrunde liegenden Aktivität der MS unter ICI nicht gerechtfertigt ist. Im Gegensatz dazu scheinen bei Autoimmunerkrankungen, die periphere neuromuskuläre Strukturen betreffen, ICI eher zu einer deutlichen Krankheitsprogression zu führen, was unser (noch) fehlendes Verständnis von kompartmentspezifischer Inflammation und deren Modulation untermauert.

Therapieansätze: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die langjährige erfolgreiche Nutzung von Immuntherapien in der Onkologie hat maßgeblich dazu beigetragen, ähnliche Wirkmechanismen auch für die Behandlung der MS zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Während sich die MS-Therapie lange auf breitere Immunsuppression mit nur mäßigem Erfolg konzentrierte, zeigen gezieltere Strategien aus der Tumortherapie großes Potenzial, insbesondere in der B-Zell-Modulation.

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B-Zell-Therapie

Die CD20-B-Zell-Depletion wurde ursprünglich in der Onkologie zur Behandlung von B-Zell-Lymphomen entwickelt und ist bereits ein etablierter Behandlungsansatz in der MS-Therapie. In der Onkologie werden dabei Anti-CD20-Therapien eingesetzt, um maligne B-Zellen zu depletieren, während bei MS autoreaktive B-Zellen supprimiert werden. Rituximab, Ocrelizumab, Ofatumumab und Ublituximab gehören zur Klasse der Anti-CD20-Antikörper, unterscheiden sich jedoch in Struktur, Epitopbindung und Effektormechanismen, was klinisch relevante Implikationen für ihre Anwendung in der Neurologie und Onkologie hat.

Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren

Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTKi) wurden ursprünglich in der Onkologie zur Behandlung von B-Zell-Malignomen entwickelt und hemmen die Signaltransduktion von B-Zell-Rezeptoren. BTK-Inhibitoren stellen jedoch auch eine neue Klasse oraler Therapeutika in der MS-Forschung dar, die sowohl auf die periphere B-Zell-vermittelte Immunantwort als auch - dank ihrer Fähigkeit zur Überwindung der Blut-Hirn-Schranke - auf zentrale Entzündungsvorgänge im ZNS wirken könnten.

CAR-T-Zell-Therapie

Chimäre Antigenrezeptor-T-Zell-Therapien (CAR-T) stellen einen innovativen immuntherapeutischen Ansatz dar, der ursprünglich in der Hämatologie zur gezielten Elimination maligner B-Zellen entwickelt wurde. Bei dieser Therapie werden T-Zellen des Patienten gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen erkennen und zerstören können. CAR-T-Zell-Therapien zeigen in der Onkologie vielversprechende Ergebnisse und werden derzeit auch für die Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie MS untersucht.

Fallbericht: Chemotherapie und MS

Die Behandlung von Krebs bei Patienten mit MS kann eine besondere Herausforderung darstellen. Die Chemotherapie, die häufig zur Behandlung von Krebs eingesetzt wird, kann das Immunsystem schwächen und somit das Risiko für Infektionen erhöhen. In einigen Fällen können Chemotherapeutika auch neurologische Nebenwirkungen verursachen, die die Symptome der MS verschlimmern können.

Ein Fallbericht beschreibt die Behandlung einer Patientin mit MS, bei der eine Chemotherapie zur Behandlung von Krebs eingesetzt wurde. Die Chemotherapie an sich war für die MS kein Problem. Allerdings führten die zusätzlichen Medikamente, die während der Chemo gegeben wurden, zu Problemen. Die Chemo-Zyklen wurden so angepasst, dass keine Gabe von Immunstimulanzien notwendig war. Taxane führten auch bei Nicht-MS-Patienten häufig zu Missempfindungen / Taubheit in Händen und/oder Füßen. Die Patientin reagierte darauf sehr extrem. Sie hatte massive Schmerzen, zum einen Neuralgien (heftige, einschiessende Schmerzen) an diversen Stellen, zum anderen einen dauerhaften Schmerz in den Beinen der sich bis zum Po hochzog. Der Onkologe meinte, das wäre schon ne extreme Reaktion und wäre vermutlich auf die MS zurückzuführen. Nachdem es nach jeder Gabe noch schlimmer wurde, hat er dann die Chemo komplett abgebrochen. Aus seiner Sicht war der therapeutische Nutzen im Vergleich zum Risiko dauerhafter ernster Schäden nicht mehr gegeben.

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Biomarker zur Diagnose und Verlaufskontrolle

Biomarker sind messbare Indikatoren im Körper, die Rückschlüsse auf Krankheiten oder deren Verlauf zulassen. Bei Multipler Sklerose können bestimmte Marker helfen, den Krankheitsstatus besser einzuschätzen und individuelle Therapien zu optimieren.

Magnetresonanztomographie (MRT)

Die MRT ist erste Wahl bei der Diagnose von MS.

Oligoklonale Banden (OKB)

Dieser klassische Biomarker ist neben MRT wichtig für die Diagnose von MS.

Neurofilament-Leichtketten (NfL)

NfL könnten als Marker für neuronale Schäden und daher für die Krankheitsaktivität bei Patienten mit MS eine zentrale Rolle einnehmen. NfL werden in den Liquor bzw. ins Blut freigesetzt, wenn Nervenzellen des ZNS zerstört werden.

Gliales fibrilläres saures Protein (GFAP)

GAFP ist ebenfalls ein Filamentprotein, das in einer bestimmten Zellart, den sogenannten Astrozyten (Sternzellen), im zentralen Nervengewebe vorkommt.

Extrazelluläre Vesikel (EVs)

Diese kleinen Partikel im Blut und Liquor enthalten Proteine, die mit der Krankheitsaktivität in Verbindung stehen.

Serum-basierte Biomarker wie sCD40L und Zytokine

Diese Biomarker werden intensiv erforscht, um ihre Rolle bei der Vorhersage von MS-Schüben und -Progression zu untersuchen. Zusätzlich werden weitere Liquortests, wie zum Beispiel der Aquaporin-4-Antikörper-Test, eingesetzt, um andere Erkrankungen wie Neuromyelitis optica (NMO) auszuschließen.

Psychosoziale Aspekte

Lebensbedrohliche Erkrankungen wie Krebs sind fast immer mit schweren psychischen Belastungen und Stress verbunden - und dies sowohl für den erkrankten Patienten wie auch für seinen Partner oder seine Partnerin. Nicht selten sind diese Belastungen so schwerwiegend, dass sie zur Trennung oder Scheidung führen. Eine US-amerikanische Studie hat in diesem Zusammenhang jetzt eine überraschende Entdeckung gemacht: Bei einer schwer wiegenden Erkrankung (wie Krebs oder Multiple Sklerose) ist das Risiko einer Trennung oder Scheidung zehn mal so hoch wenn die Partnerin bzw. Ehefrau betroffen ist. Frauen sind offensichtlich eher bereit, sich für den kranken Partner aufzuopfern und eine pflegende und sozial unterstützende Rolle zu übernehmen, während Männer sich von dieser Aufgabe häufiger überfordert fühlen und ihre Partnerin verlassen.

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