Die frühkindliche Entwicklung ist ein komplexer Prozess, bei dem das Gehirn eine entscheidende Rolle spielt. Insbesondere das limbische System, das emotionale Zentrum des Gehirns, beeinflusst maßgeblich die Persönlichkeitsentwicklung und das Lernverhalten von Kindern. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung des limbischen Systems in der Kindheit, seine Entwicklung und die Auswirkungen von Erfahrungen auf seine Funktion.
Neurobiologische Grundlagen des Lernens in den ersten Lebensjahren
Wie lernen Kleinkinder aus neurobiologischer Sicht, Informationen zu verstehen? Die Gehirnforschung kann immer genauer identifizieren, welche Bereiche für welche Aufgaben im Gehirn zuständig sind. Allerdings kann man bisher nicht feststellen, dass gerade für komplexe Lernleistungen ein bestimmtes Areal zuständig ist. Hier kommt es auf das Zusammenspiel mehrerer Bereiche und Areale an. Das Erlernen der Sprache ist solch ein komplexer Lernvorgang. Sprechen und Verstehen sind komplexe Prozesse, die viel Platz im Gehirn einnehmen. Die linke Hemisphäre ist sprachdominant ab etwa einem Alter von drei Jahren, vorher gibt es eine beidseitige Aktivierung neuronaler Muster bei der Verarbeitung von Sprache. Das Broca-Areal ist für die grammatikalische Informationsverarbeitung und die Sprachproduktion zuständig, und das Wernicke-Areal für die semantische Informationsverarbeitung und das Sprachverstehen. Das Broca-Areal liegt auf der Seite der linken Schläfe und das Wernicke-Areal hinter dem linken Ohr.
Ab dem zweiten Lebensjahr sind interne Repräsentationen zunächst bildhaft, konkret und anschaulich, nehmen aber allmählich immer mehr Symbolelemente in sich auf und weichen damit immer stärker von ihrem realen Vorbild ab. Voraussetzung hierfür sind Wiederholungen, die in bestimmten neuronalen Strukturen und Schaltungen in der Großhirnrinde abgespeichert werden. Dieses erfolgt zwischen dem 15. und 18. Lebensmonat. Im Laufe des 2. Lebensjahres zeigen Kinder oft Interesse an aller Art Bildern. Mit ca. zwei Jahren geht es um das Wiedererkennen vertrauter Objekte. Schaut ein Kind wechselseitig ein Objekt oder auch eine Person oder Situation an, spricht man von Triangulierung oder triangulärem Blickkontakt. Der Blick des Kindes bildet eine Triangel mit den Punkten Kind-Objekt-Bezugsperson. Es liegt etwa ein Ball auf dem Boden. Das Kind schaut zu dem Ball, danach zu der Bezugsperson, dann wieder zum Ball und wieder zur Bezugsperson. Diese kindliche Initiative ist eine Aufforderung zu reagieren. Um den Spracherwerb zu fördern, sollte die Bezugsperson den Ball benennen und immer wieder den Begriff „Ball“ wiederholen. Bei neuem Wissen entstehen neue Nervenzellen, Verbindungen und die Informationen werden gespeichert. Lernprozesse bei Kindern laufen in den ersten sechs Jahren rasant ab, denn manche Bereiche im Gehirn sind in dieser Zeit besonders offen für Veränderungen. Die Nervenzellenverbindungen wuchern nur so, deswegen lernen Kinder so schnell sprechen. Hierfür brauchen sie aber auch ein sprechendes Umfeld. Die Nervenzellenverbindungen müssen trainiert werden. Wenn das nicht der Fall ist, verkümmern sie. Die Zeitspanne der ersten sechs Jahre eines Menschen wird deshalb als sensible Phase der Lernentwicklung bezeichnet. Je mehr sinnlich wahrnehmbare Erfahrungen Kinder in der sensiblen Phase der Lernentwicklung machen, desto stärker wachsen die Gehirnzellen und desto besser können Kinder lernen. Das bedeutet, dass Kompetenzen nicht dadurch gefördert werden, dass man sie in Trainingseinheiten übt. Vielmehr brauchen insbesondere Kinder vielfältige Gelegenheiten, in denen sie sich immer neu bilden können.
Die Struktur des Gehirns und seine Entwicklung
Das Gehirn ist ein komplexes Organ, das aus verschiedenen Teilen besteht, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Das Großhirn, das den größten Teil des Gehirns einnimmt, ist für höhere kognitive Funktionen wie Sprache, Denken und Gedächtnis verantwortlich. Das Kleinhirn steuert unbewusst Muskulatur, Motorik und Körperhaltung. Das Zwischenhirn umfasst den Thalamus, der Input sortiert und an spezialisierte Teile des Gehirns weiterleitet, und den Hypothalamus, der lebenswichtige vegetative Funktionen steuert. Der Hirnstamm kontrolliert Atmung, Blutkreislauf, Aufmerksamkeit und Schlaf.
Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) miteinander kommunizieren. Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern und Ionen in den Synapsen.
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Beim Fötus entwickelt sich im Gehirn zunächst eine Unmenge von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt wieder abgebaut wird. So startet ein Neugeborenes mit 100 Milliarden Neuronen, die aber noch klein und wenig vernetzt sind. In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu. Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viel. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht wird.
Die Überproduktion von Synapsen in den ersten wenigen Lebensjahren ermöglicht das schnelle Erlernen ganz unterschiedlicher Verhaltensweisen, Sprachen, Lebensstile usw. Ein großer Teil der weiteren Gehirnentwicklung bei Kindern besteht dann darin, die für ihre Lebenswelt nicht relevanten Synapsen abzubauen und die benötigten Bahnen zwischen Neuronen zu intensivieren. So bestimmt letztlich die Umwelt - das in ihr Erfahrene, Gelernte, Erlebte, Aufgenommene - zu einem großen Teil die Struktur des Gehirns.
Das limbische System: Das emotionale Zentrum des Gehirns
Das limbische System ist ein stark vernetzter Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung von Emotionen, Motivationen, Ich-Erleben, Angst- und Wutreaktionen sowie die Speicherung emotionaler Inhalte zuständig ist. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung und dem Lernverhalten von Kindern.
Entwicklung des limbischen Systems in der Kindheit
Die Entwicklung des limbischen Systems beginnt bereits im Mutterleib und setzt sich in den ersten Lebensjahren fort. Die untere limbische Ebene wird überwiegend durch vorgeburtliche Einflüsse determiniert, wie genetische Einflüsse und Einflüsse während der Schwangerschaft (Lebensstil, Lebensumstände, Ernährung etc.). Grundlegende Persönlichkeitseigenschaften wie Offenheit, Optimismus, Risikobereitschaft oder Kreativität werden in dieser Phase angelegt und sind postnatal kaum beeinflussbar.
Die mittlere Ebene ist jene Ebene der unbewussten und nicht erinnerbaren emotionalen Konditionierungen (bis zum 3. Lebensjahr). Sie betrifft die emotionale Prägung zu Bindungspersonen sowie emotionales Lernen. Welche Lernerfahrungen hat das Kind mit den Bindungspersonen gemacht und welche Emotionen wurden damit verknüpft? Die Lebenserfahrung in den ersten drei Jahren sind prägend, die Grundausrichtung der Persönlichkeit verfestigt sich. Die Erfahrungen sind in Teilen bewusst, werden aber überwiegend nicht erinnert. Das Grundkonzept der Persönlichkeit ist im Kern angelegt.
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Mit Abschluss des 3. Lebensjahres ist die Persönlichkeitsentwicklung demnach bereits so weit fortgeschritten, dass sie “lediglich” auf einer emotional sozialen sowie auf einer kognitiv sprachlichen Ebene noch weiter verfeinert wird. Anders ausgedrückt sind die ersten drei Lebensjahre entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung. Wie nimmt sich das Kind in diesen Jahren wahr? Welche Rolle hat es in der Familie? Wurde es wertgeschätzt? Wurde es geliebt? Wurde es herausgefordert? Wurde es unterstützt? Wurde es zur Selbstständigkeit erzogen? Welche Lebenserfahrungen hat es gemacht? Ist es selbstbewusst etc.? Das Selbstbild, welches das Kind entwickelt, ist entscheidend, wie dessen Persönlichkeitseigenschaften mit Leben gefüllt werden.
Parallel zu den ersten beiden Ebenen entwickeln sich in der oberen limbischen Ebene sowie der kognitiv-sprachlichen Ebene “höhere Prozesse” bis in das Erwachsenenalter hinein. Die oberste limbische Ebene steht für das bewusste emotional-soziale Lernen. Die Prozesse, die innerhalb der oberen limbischen Ebene stattfinden, sowie die kognitiv-sprachliche Ebene sind maßgeblich davon beeinflusst, wie sich die Persönlichkeit in den ersten beiden Ebenen entwickelt. Daher ist entscheidend, welches Selbstbild und Selbstverständnis die Kinder in den ersten Lebensjahren entwickeln.
Die Rolle von Bindungserfahrungen für das limbische System
Positive Bindungs- und Beziehungserfahrungen führen zur Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin im limbischen System. Das Gehirn wird praktisch mit positiven Gefühlen „gedüngt“, und es entsteht ein inneres Skript, in dem ein Kind diese positiven Erfahrungen abspeichert. Dabei benötigt es viele von diesen positiven Bindungserfahrungen, um eine eigene Empathiefähigkeit zu entwickeln. Die frühe Bindungsbeziehung bildet die Grundlage dafür, dass die tief im Inneren des Gehirns erzeugten Emotionen vom Kind identifiziert und beschrieben werden können und das Kind lernt, mit anderen mitzufühlen.
Im Gegensatz zu Wertschätzung, liebevoller Zuwendung und Ansprache nimmt ein Kind jede Ermahnung, Maßregelung, Bewertung persönlich. Jede verbale Attacke auf das Kind bedeutet aus Sicht des Kindes ein Kämpfen um die eigene Identität, die persönliche Integrität. Stresshormone werden im limbischen System ausgeschüttet, und es entsteht eine massive Spannung. Der bereits vorhandene innerpsychische Druck steigt signifikant.
Temperament und Persönlichkeit
Die vorgeburtliche Prägung des Temperaments und die Bindungserfahrungen formen gemeinsam die Hirnentwicklung und hierdurch die kindliche Persönlichkeit. Es gibt Säuglinge, die ein Temperament haben, welches eine sichere Bindungsbeziehung von vornherein erschwert. Die Mutter kann ein sehr fürsorgliches und feinfühliges Verhalten zeigen und sich sehr vorbildlich um ihr Kind kümmern, und dennoch gibt es Kinder, die reizbarer und leichter überfordert sind. Dieses hängt unmittelbar mit den Stoffen wie Serotonin, Dopamin, Acetylcholin, Noradrenalin, Oxytocin und weiteren zusammen, die das Gefühlsleben eines Kindes beeinflussen und somit auch sein Verhalten. Kinder mit einem schwierigen Temperament benötigen noch viel mehr eine liebevolle und feinfühlige Person, die ihnen bei der Regulation ihres Stresszustandes zur Seite steht.
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Weiterhin haben verschiedene Langzeitstudien ergeben, dass eine sichere Bindung den Kindern soziale Kompetenz vermittelt und aus ihnen unabhängige und selbstdenkende, starke Persönlichkeiten macht.
Lernen und das limbische System
Lernen findet durch ganzheitliches Erleben statt, indem Kinder persönliche Beziehungen zu Dingen, Menschen und Vorgängen aufbauen. Kinder lernen in Beziehungen! Kinder benötigen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit vor allem Erwachsene mit einer hohen sozialen und emotionalen Kompetenz. Daneben benötigen Kinder auch Freiräume, um selbst Erfahrungen machen zu können.
Mit den erlebten Erfahrungen kann ein Kind selbst entscheiden, was es interessiert, und kann gemachte Lernerfahrungen mit bereits abgespeichertem Wissen verknüpfen.
Die Auswirkungen von Kindesmisshandlung auf das limbische System
Kindesmisshandlung in einer für die Hirnentwicklung entscheidenden Phase kann unauslöschliche Spuren in der Struktur und Funktion des Gehirns hinterlassen. Anscheinend löst die Misshandlung eine Flut molekularer und neurobiologischer Wirkungen aus, die die neurale Entwicklung unwiderruflich verändern.
Die Folgen von Kindesmisshandlung
Die Folgen der Kindesmisshandlung können in jedem beliebigen Alter auf unterschiedlichste Weise zu Tage treten. Innerlich können sie als Depression, Angst, Selbstmordgedanken oder posttraumatische Belastungsstörungen erscheinen; ebenso können sie nach außen als Angriffslust, Erregbarkeit, Straffälligkeit, Überaktivität oder Drogenmissbrauch zum Ausdruck kommen. Ein mit früher Misshandlung eng verbundenes psychiatrisches Erscheinungsbild ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Forschungsergebnisse zu Kindesmisshandlung und dem limbischen System
Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Kindesmisshandlung die Entwicklung des limbischen Systems verändern kann. Die Amygdala kann in einen Zustand erhöhter elektrischer Erregbarkeit geraten, und der noch unreife Hippocampus kann durch eine Überschwemmung mit Stresshormonen beschädigt werden.
Studien mittels Kernspintomografie haben einen Zusammenhang zwischen früher Misshandlung und einer Verkleinerung des erwachsenen Hippocampus nachgewiesen; auch die Amygdala war manchmal kleiner als normal.
Das limbische System in der Adoleszenz
In der Zeit der Adoleszenz gerät die Beziehung von Jugendlichen und Erwachsenen oft aus dem Gleichgewicht. Aus neurowissenschaftlicher Sicht liegt das Charakteristikum der Adoleszenz in einem ungleichen Wachstum zweier Instanzen des zentralen Nervensystems: dem limbischen System und dem präfrontalen Kortex. Das limbische System verwaltet unsere Emotionen und wirkt in Prozessen der Belohnung, der Motivation und des Lernens. Der präfrontale Kortex ist in alle höheren geistigen Leistungen involviert.
Das ungleiche Entwicklungstempo dieser beiden Funktionseinheiten unseres Gehirns erzeugt eine Dysbalance. Vereinfacht gesagt dominiert das limbische System während dieser Zeit den präfrontalen Kortex. Das Belohnungssystem als Teil des limbischen Systems reagiert in dieser Lebensphase besonders stark auf positive und intensive Reize, gerade auch auf solche, die mit Risikoerfahrungen verbunden sind.
Wut und das limbische System
Wenn Kinder wegen vermeintlicher Kleinigkeiten explodieren, können wir Erwachsene das häufig nicht nachvollziehen. Selten erreichen wir die Kinder mit Erklärungen oder guten Ratschlägen. Wut hat wie jede Emotion seine Berechtigung, sie ist sogar ein wesentlicher Baustein eines gesunden Menschseins. Wieso aber werden Kinder so von ihren Gefühlen und gerade der Wut übermannt? Ein Grund ist, dass ihr Gehirn einfach noch nicht so entwickelt ist, dass sie ihre Gefühle kontrollieren können.
Bei einem Kind im Wutanfall übernimmt das limbische System und der Hirnstamm die Steuerung. Das Gehirn wird quasi von den Emotionen übermannt. Es erlebt großen Stress und das deutet das Gehirn als (reale) Gefahr. Nun übernehmen die Schaltkreise die Steuerung, die evolutionär uns einen guten Dienst erwiesen haben und unser Überleben gesichert haben: Kampf oder Flucht. Ja, das Kind kennt nur noch Kampf oder Flucht (oder notfalls Erstarrung). Der Neokortex ist währenddessen größtenteils wie abgeschaltet. Im Wutanfall sind Kinder im wahrsten Sinne des Wortes „außer sich“ - sie sind außerhalb des Bereichs des Gehirns, der bewusst steuert. Was Kinder jetzt brauchen, ist eine gehirngerechte Begleitung!
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