Gewaltstraftaten stellen ein ernstes Problem dar. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland etwa 214.000 Gewaltstraftaten verübt, darunter über 2.000 Morde, 12.000 Vergewaltigungen und andere sexuelle Straftaten sowie 155.000 Körperverletzungen. Diese Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit, die Ursachen und Hintergründe von Aggression und Gewalt besser zu verstehen. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern biologische Faktoren, insbesondere das Gehirn, eine Rolle spielen.
Was ist Aggression?
Aggression ist eine komplexe Emotion, die eine Reihe von Verhaltensweisen und Reaktionen umfasst, die oft feindselig, destruktiv oder gewalttätig sind und typischerweise durch wahrgenommene Bedrohungen oder Frustration ausgelöst werden. Es ist wichtig, zwischen Aggression als Emotion und Aggression als Verhalten zu unterscheiden. Aggressives Verhalten basiert nicht immer auf dem Aggressionsgefühl, sondern kann auch mit Habgier oder Angst zu tun haben. Aggressive Gedanken und Gefühle müssen nicht zwangsläufig zu aggressivem Verhalten führen. Gewalt wird immer zu den aggressiven Verhaltensweisen gezählt, aber dieser Begriff wird nur verwendet, um schwerwiegende Taten zu beschreiben.
Neurobiologische Grundlagen von Aggression
Obwohl Aggression eng mit Gewalttaten verknüpft ist, hat sich die neurobiologische Forschung erst in den letzten 20 bis 30 Jahren wirklich mit diesem Thema befasst. Neue Methoden, die eine hochauflösende Bildgebung des Gehirns ermöglichen, sowie komplexe genetische Analysen haben dazu beigetragen, die anatomischen und funktionalen Bereiche und Abläufe im Gehirn besser zu untersuchen.
Beteiligte Hirnstrukturen
Um herauszufinden, welche Strukturen im Gehirn an der Entstehung von Aggression beteiligt sind, wurden Versuchspersonen Bilder mit aggressivem Motiv gezeigt, während man ihr Gehirn mit dem MRT „beobachtete“. Dadurch wurden unter anderem der präfrontale Cortex (PFC) sowie die Amygdala identifiziert.
Amygdala
Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems. Ihre Hauptaufgabe ist das Verknüpfen von Sinneseindrücken mit Gefühlen. Hier können Liebe und Glück entstehen, aber auch Wut, Neid, Habgier und Ärger. Die wichtigste Emotion, die die Amygdala steuert, ist wohl die Angst. Denn durch sie werden Gefahren richtig beurteilt. Die Gefühle leitet die Amygdala dann (unter anderem) weiter an den PFC. Außerdem ist sie mit dem Hypothalamus verbunden, um entsprechende hormonelle Reaktionen einzuleiten. Neben der direkten Reaktion auf Gefühle werden diese auch gespeichert. So können gefährliche Situationen schneller und eindeutiger erkannt werden. Wenn die Amygdala ausfällt, beispielsweise durch Verkalkung, dann können die Menschen Gesichtsausdrücke nur noch schwer lesen und es treten Gedächtnisprobleme auf.
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Präfrontaler Cortex (PFC)
Im PFC werden dann Handlungen geplant, um auf die Emotionen zu reagieren. Denn der PFC ist zuständig für die Impulskontrolle, Entscheidungsfindung und Handlungsplanung, deswegen nennt man ihn auch oft „das Arbeitsgedächtnis“. Dabei bewertet er Dringlichkeit und Konsequenzen. Der PFC ist reich an dopaminergen Neuronen, die sensibel auf Dopaminmangel reagieren. Eine Hypo-(Unter-)Funktion dieses Bereichs wird auch häufig bei schizophrenen Menschen beobachtet. Die Amygdala wiederum bekommt die Handlungsideen des PFC „vorgeschlagen“ und bewertet auch diese emotional.
Hirnstamm und Hypothalamus
Im Hirnstamm und Hypothalamus sitzen motivierende und aktivierende Systeme, die durch Dopamin-, Noradrenalin- und Serotoninausschüttung den PFC stimulieren, sodass es tatsächlich zu Handlungen kommt. Das ist der normale Kreislauf. Durch einen reibungslosen Ablauf dieser Schritte wird verhindert, dass es zu impulsivem, der Situation unangemessenem Verhalten kommt.
Fehlfunktionen im System
Einfach beschrieben gibt es in diesem System zwei Stellen, an denen durch Fehlfunktionen Aggression entstehen kann. Zum einen kann es passieren - zum Beispiel durch Läsionen oder ineffiziente Verarbeitung -, dass die Amygdala einen Reiz oder Sinneseindruck aus der Umwelt falsch oder deutlich stärker einstuft, als er eigentlich verdient. Dadurch kann ein Gefühl von Angst entstehen. Und das kann zu einem aggressiven Verteidigungsverhalten führen. Die zweite Stelle, an der Aggression entstehen kann, ist der PFC. Hier werden Impulse kontrolliert und Handlungen geplant. Fehlfunktionen am PFC sind häufig auf Irregularitäten an den Transmittern zurückzuführen, wie zum Beispiel bei der Herstellung, der Wiederaufnahme oder dem Stoffwechsel der Neurotransmitter. Je nach Neurotransmitter und Stelle im System, an der der Fehler auftritt, kann es zu einem fehlgeleiteten Belohnungssystem kommen, das Aggression belohnt. Oder es kann zu einem Verlust der kognitiven Kontrolle kommen, und das führt ebenfalls zu Gewalt.
Ursachen von Fehlfunktionen
Verschiedene Ursachen können den oben beschriebenen Fehlfunktionen zugrunde liegen. Vor allem lassen sich Umweltfaktoren wie Mangelernährung, Medikamente, Unfälle und dergleichen sowie genetische Faktoren unterscheiden. Genetische Faktoren können die Neurotransmitter, ihre Rezeptoren und andere Enzyme beeinflussen. Das kann die Funktion des Serotonin-Systems oder des Dopamin-Systems beeinflussen. Beides sind wichtige Neurotransmitter, die an der emotionalen und rationalen Verarbeitung beteiligt sind. Aber auch Drogen wie Alkohol und Nikotin können die Neurotransmitter stören. Auf der anderen Seite kann es durch Unfälle zur Zerstörung bestimmter Bereiche im Gehirn kommen, wie durch den berühmten Fall des Phineas Gage gezeigt wird.
Der Fall Phineas Gage
Phineas Gage war ein Bauarbeiter, dem bei einer Sprengung eine 1 Meter lange Stange von unten nach oben durch den Schädel schoss. Dabei erlitt der PFC großen Schaden, was zu einer drastischen Verhaltensänderung führte. Er wurde sehr impulsiv, unzuverlässig, sozial ungehemmt und zeigte auch ein eingeschränktes Verständnis von Empathie. Generell wurde in den Jahren seitdem ein großer Zusammenhang von Verletzungen am PFC mit Aggression hergestellt.
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Genetische Faktoren: MAO-A
MAO-A ist ein Enzym, das am Neurotransmitter-Abbau beteiligt ist, vor allem bei Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Es desaminiert Aminosäuren und baut dadurch Neurotransmitter ab. Ist zu wenig von diesem Enzym vorhanden, werden die Neurotransmitter nicht abgebaut und sammeln sich im synaptischen Spalt, sodass es zur Übererregung kommen kann. Mutationen an diesem Gen wurden in vielen Studien in Verbindung mit aggressivem Verhalten gebracht. Es gibt Mutationen, bei denen zu viel des Enzyms exprimiert wird (MAOA-H), und es gibt Varianten, bei denen weniger exprimiert wird (MAOA-L). MAOA-L wurde hierbei mit gesteigerter Aggressivität in Verbindung gebracht. Die Gene für das Enzym liegen auf dem X-Chromosom, wodurch Männer ein höheres Risiko haben, die MAOA-L-Mutation zu tragen. Bei einigen Straftätern hat die Diagnose zu einem verkürzten Urteil geführt.
Einfluss genetischer Faktoren
Es gibt sehr viele Mutationen, die zu gesteigerter Aggressivität führen können. Aber wichtig zu bedenken ist, dass unsere Gene nicht allein dafür verantwortlich sind, wie wir handeln. Es gibt seit Jahrzehnten die Debatte des „Nature vs. Nurture“ - also Natur vs. Erziehung. Unsere Gene geben uns nur Prädispositionen in eine Richtung. Erziehung, Erleben und Erfahrungen spielen auch eine große Rolle in unserer Entscheidungsfindung. Nicht jeder Mensch mit einer solchen Mutation wird tatsächlich aggressiv, genauso wie nicht jeder Mensch mit einer Prädisposition zu Krebs auch tatsächlich daran erkrankt.
Sozialisation und Gewalt
Sozialisation beschreibt den Lernprozess und die Entwicklung, die ein Mensch in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt (Familie, Freunde, Gesellschaft, Kultur) durchläuft. Ein großer Faktor, der die Sozialisation bestimmt, ist die Erziehung. Denn Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Wenn sie also in ihrer Kindheit Gewalt erfahren oder beobachten, kann das dazu führen, dass sie dieses Verhalten fälschlicherweise als gut einstufen und nachahmen. Durch Erziehung lässt sich also ein moralischer Kompass etablieren. Ob dieser den gewaltfreien Normen entspricht oder nicht, hängt von den Eltern ab. Es ist also völlig klar, dass die Umwelt, Erfahrungen und Erlerntes auch auf die Neigung zu Aggression als Problemlöser einwirken können. Diese Faktoren darf man bei der Debatte um „Nature vs. Nurture“ nicht vergessen!
Was macht Menschen zu Gewalttätern?
Diese Frage lässt sich nicht einheitlich für jeden Kriminellen beantworten, denn Menschen sind so individuell wie ihre Beweggründe. Aber es gibt Faktoren, die eine Rolle spielen können. Durch Drogen, Unfälle, Medikamente und andere Auslöser können der PFC oder die Amygdala gestört werden, wodurch es zu einer fehlerhaften Verarbeitung von Reizen, impulsiven Reaktionen oder generell nicht an die Situation angepassten Handlungen kommen kann. Neben diesen Fehlfunktionen gibt es aber auch Gen-Mutationen, die eine Prädisposition zu Aggression begünstigen können. Manche Auswirkungen der Mutationen sind so drastisch, dass Straftäter vor Gericht sogar eine leichtere Strafe bekamen. Aber Gene sind nicht die einzigen Faktoren und nehmen einem Menschen nicht seinen freien Willen, beziehungsweise läuft die Diskussion darum, ob sie das tun, noch. Denn die Sozialisation eines Menschen bestimmt auch zu einem nicht kleinen Teil die Verhaltensweisen. Ergo muss man diese Faktoren also für jeden Menschen individuell betrachten.
Hirnforschung in der Rechtsprechung
Seit die Hirnforschung untersucht, wie sich bestimmte Verhaltensweisen im Gehirn aufzeigen lassen, ist die Frage entstanden, ob man solche Erkenntnisse auch als Beweismittel vor Gericht zulassen sollte. Erste Präzedenzfälle gibt es schon, die Forscher selbst sind jedoch meist skeptisch. Man kennt bislang keine Muster, nach denen man Gehirne in Sachen Schuldfähigkeit beurteilen könnte. Zudem ist jedes Gehirn einzigartig - man kann es nur bedingt mit anderen vergleichen. Ein Hirnscan oder ein anderer neurologischer Befund alleine reicht vor Gericht nicht aus, um die Schuldfähigkeit zu klären. Der Richter macht sich ein umfassendes Bild unter Berücksichtigung aller Fakten. Aber natürlich kann etwa ein Verteidiger solche Aufnahmen hinzuziehen, wenn er auf Schuldunfähigkeit plädiert.
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Ausblick
Die Hirnforschung wird künftig in der Rechtsprechung ihren festen Platz einnehmen. Gewalt und traumatische Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn. Die Einsicht, wie wichtig Prävention ist, ist entscheidend. Frühzeitige Auswahl der Risikogruppe mit niedriger Hautleitfähigkeit und Herzrate und intensiver sozialer Betreuung und Omega-3-reicher (Fisch) Ernährung kann die Kriminalitätsrate und auch die Auftrittswahrscheinlichkeit schwerer geistiger Erkrankungen dramatisch reduzieren.
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