Aus der Perspektive der Gehirnforschung wird das Thema Führung anders betrachtet, als es gelehrt wird. Entscheidungen werden mit dem Neokortex und dem limbischen System getroffen. Der Neokortex ist für die Ratio zuständig, während das limbische System für alles Unbewusste, das Gefühl, zuständig ist. Der Anteil des Unbewussten ist dementsprechend extrem groß.
Einführung
Der Cortex cerebri, die Großhirnrinde, bedeckt fast das gesamte von außen sichtbare Gehirn und ist stark gefaltet. Er ist durchzogen von zahlreichen Furchen, wodurch voneinander abgrenzbare Bereiche entstehen. Jede Großhirnhälfte (Hemisphäre) gliedert sich in vier von außen sichtbaren Lappen, die Lobi:
- den Stirnlappen (Frontallappen)
- Scheitellappen (Parietallappen)
- Schläfenlappen (Temporallappen)
- Hinterhauptslappen (Okzipitallappen).
Hinzu kommt der Insellappen (Lobus insularis), der tief in der seitlichen Großhirnfurche verborgen liegt und von außen nicht sichtbar ist.
Aufbau und Funktion des Neokortex
Etwa 90 Prozent des Cortex bestehen aus dem evolutionär jungen Neocortex, der durchgehend aus sechs Zellschichten aufgebaut ist. Der Allocortex weist im Gegensatz zum Isocortex nur drei, manchmal sogar nur zwei Schichten auf.
Das Großhirn mit seinen beiden Hemisphären und dem sie verbindenden Balken (Corpus callosum) ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste und größte Teil des Gehirns. Es macht etwa 85 Prozent der gesamten Gehirnmasse aus. Zieht man das innen Großhirnmark - vor allem bestehend aus Nervenfasern und den darin eingebetteten Basalganglien (Nuclei basales) - ab, bleibt die Großhirnrinde, eine zwei bis fünf Millimeter dicke Schicht, die als graue Substanz bezeichnet wird. Sie ist reich an Nervenzellkörpern, die ihr eine rotbraune bis graue Farbe verleihen. Schätzungen gehen von etwa 17 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) in der menschlichen Großhirnrinde aus.
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Im Cortex entsteht aus den Signalen der Sinnesorgane und vorgeschalteter Hirnregionen ein zusammenhängender Eindruck der Umwelt. Zudem kann er Informationen speichern und bildet damit die biologische Grundlage unseres Gedächtnisses. Die typische Struktur des Cortex hat sich in der Stammesgeschichte der Säugetiere langsam zu seiner heutigen Form entwickelt.
Mit der zunehmenden Entwicklung und Verfeinerung der Sinne bei den Säugetieren wurde auch der Neocortex immer komplexer. Er umfasst neben motorischen Feldern zur Steuerung gezielter Bewegungen vor allem große Anteile des sogenannten Assoziationscortex. Im Assoziationscortex werden Informationen aus den vielen Sinnessystemen zu einem umfassenden Bild der Welt zusammengefügt, hier werden auch unsere Aufmerksamkeit und Aktivität geregelt. Dabei verarbeitet der Assoziationscortex nicht nur Sinneseindrücke, die von außen ins Gehirn gelangen, sondern bezieht auch innere Prozesse mit ein - etwa Erinnerungen, Erwartungen oder Gedanken. Auf diese Weise entsteht ein inneres Weltmodell, das unsere Wahrnehmung lenkt und es uns ermöglicht, die Außenwelt im Licht unserer Erfahrungen und Ziele zu interpretieren.
Unter dem Mikroskop zeigt der Neocortex einen typischen sechsschichtigen Aufbau. Je nach Region variiert die genaue Ausprägung dieser Schichten und ist charakteristisch für bestimmte Rindenfelder. Diese zelluläre Organisation bezeichnet man als Zytoarchitektonik. Für eine grobe Orientierung lassen sich die großen Furchen und Lappen heranziehen. Eine präzisere Gliederung geht jedoch auf die Arbeiten von Korbinian Brodmann sowie Cecile und Oskar Vogt zurück. Brodmann unterschied anhand der Feinheiten im zellulären Aufbau beim Menschen 52 Felder, die bis heute als Brodmann-Areale bekannt sind.
Ob wir etwas hören, sehen oder auf andere Art bewusst wahrnehmen: Die Signale aus den verschiedenen Sinnesorganen landen im Cortex. Eingehende Signale werden von Nervenzellen im Thalamus umgeschaltet und an entsprechende Rindenregionen weitergeleitet.
Das limbische System: Ursprung von Emotionen und Verhalten
Als Limbisches System wird ein entwicklungsgeschichtlich alter Bereich des Gehirns bezeichnet, der sich zwischen dem Neocortex (Teil der Großhirnrinde) und dem Hirnstamm befindet. Es ist das Zentrum aller Emotionen, kontrolliert unsere Äußerungen von Wut, Angst und Freude und hat Einfluss auf das Sexualverhalten, auf vegetative Funktionen des Organismus und auf das Gedächtnis und die Merkfähigkeit.
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Das limbische System ist in verschiedene Bereiche gegliedert.
Kortikale und subkortikale Graubezirke
Zu diesem Bereich gehören der Hippocampus, graue Substanz auf der Oberfläche des Balkens, die Riechrinde im Gyrus hippocampi, der Gyrus cinguli, der Mandelkern (Amygdala) und Septumkerne (subkortikale Kerngebiete im basalen Vorderhirn).
Intramurale Faserzüge
Die intramuralen Faserzüge verbinden die oben genannten Bereiche miteinander. Es gehören dazu das Cingulum (markhaltige Nervenfasern, die auf dem Balken aufliegen und zum Gyrus cinguli und Gyrus hippocampalis ziehen), die Striae longitudinales (ein Teil des Hippocampus), Brocas diagonales Band (Kerngebiet im Vorderhirn, das zum Hippocampus projiziert) sowie ein Faserzug zwischen Hippocampus und der Area entorhinalis (im Gyrus hippocampi).
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Die extramuralen Verbindungen verknüpfen das Limbische System mit Kerngebieten des Mittel- und Zwischenhirns. Es gehören dazu der Fornix (das Dach des dritten Ventrikels im Endhirn unter dem Balken), die Striae terminales (aus der Amygdala kommende Nervenfasern, die zum Hypothalamus und zum Hirnstamm ziehen) sowie Fasern des Mandelkerns mit Verbindungen zum Hypothalamus.
Ein zweiter Bereich der extramuralen Verbindungen ist der Neuronenkreis: Einzelne Fornixfasern ziehen vom Hippocampus zu Thalamuskernen, wo sie nach Umschaltung über andere Areale in den Hippocampus gelangen.
Ein dritter Bereich der extramuralen Verbindungen stellt den Kontakt zum Mittelhirn her - dieser Bereich wird auch Mesolimbisches System genannt. Über Neuronenkreise wird die Verbindung vom Mesolimbischen System zum oben beschriebenen Neuronenkreis hergestellt.
Ein vierter Bereich stellt Verbindungen mit der Formatio reticularis her. Diese laufen über den Fornix, das basale Riechbündel, Mandel- und Septumkerne, die präoptische Region, Striae medullares (Fasern des Hirnstamms an der Wand des vierten Ventrikels) und Bereiche des Zwischenhirns zur Formatio reticularis (graue und weiße Substanz, die vom Hirnstamm zum Rückenmark zieht).
Funktion des limbischen Systems
Unser Limbisches System reguliert das Affekt- und Triebverhalten gegenüber der Umwelt. Alle eingehenden sensorischen Informationen werden im Limbischen System koordiniert und finden hier ihre emotionale Antwort. Besonders eng ist zum Beispiel der Geruchssinn mit dem Limbischen System verknüpft. Auch überlebenswichtige vegetative Funktionen wie Atmung, Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Motivation werden durch unser Limbisches System gesteuert.
Lernvorgänge sind nur möglich, wenn den Inhalten, die gespeichert werden sollen, auch Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Um Wissen über Ereignisse im richtigen Kontext abspeichern und auch wieder abrufen zu können, sich zu erinnern (Langzeitgedächtnis), über früher Erlebtes berichten zu können und die Fähigkeit, sich in einer neuen Umgebung zurecht zu finden, sich orientieren zu können - alle diese Funktionen sind nur über unser Limbische System möglich.
Die Amygdala bewertet innerhalb des Limbischen Systems Gedächtnisspuren (Erinnerungen) mit Emotionen.
Auswirkungen von Schädigungen des limbischen Systems
Wird unser Limbisches System geschädigt, können Erinnerungen nur noch neutral, ohne ihren emotionalen Inhalt, bewertet werden. Die betroffenen Patienten werden gleichgültig, und das soziale Verhalten ist undifferenziert.
Defekte im Limbischen System behindern das Abspeichern von Gedächtnisinhalten und Erinnerungen. Krankheiten wie das Korsakow-Syndrom nach Alkoholmissbrauch oder die Alzheimer-Krankheit sind zum Teil eine Folge von Störungen im Limbischen System. Hier sind die Schaltkreise, die zu Hirnarealen führen, welche die Übertragung in die Großhirnrinde ermöglichen, gestört. Gedächtnisstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Phobien können ebenfalls oft auf Schädigungen des Limbischen Systems zurückgeführt werden.
Bei Schizophrenie lässt sich oftmals eine verringerte Aktivität des Frontalhirns nachweisen, die mit einer Dysfunktion des Limbischen Systems einhergeht.
Unser Limbisches System kann Tumoren, Blutungen und Entzündungsherde entwickeln. Die möglichen Folgen sind dranghafte sexuelle Handlungen und Aggressivität (hemmungslose Wutausbrüche) ohne adäquaten Anlass.
Das Zusammenspiel von Neokortex und limbischem System bei Entscheidungen
93-97 % unserer Entscheidungen treffen wir mit dem limbischen System, mit unserem Unbewussten. Der Mensch ist per se immer eher in der Bedrohungsecke bei Veränderungen. Im Leben ist die Sinngebung der wohl wichtigste Punkt, damit Menschen auch in schwierigen Situationen überleben können.
Der Verstand (Neocortex) sagt dem Gefühl (Limbisches System) was zu tun ist. Die reflexhafte Aufmerksamkeit ist der Bottom Up Mechanismus, der uns aus einem bestimmten Gefühl heraus Entscheidungen treffen lässt. Dies geschieht oft automatisiert und unbewusst. In Wirklichkeit wird unserem rationalen Verstand schon lange vor seiner bewussten Entscheidung von unten diktiert, wie er sich entscheiden sollte.
Die vier Ebenen der Persönlichkeit
Das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit geht von vier anatomischen Gehirnebenen aus, deren neueste Formulierung man im Buch „Warum es so schwierig ist, sich und andere zu verändern“ findet. Das Modell stellt drei limbische Ebenen (untere, mittlere, obere) und die sprachlichkognitive Ebene vor. Das limbische System insgesamt gilt als „Entstehungsort von Affekten, Gefühlen, Motiven, Handlungszielen, Gewissen, Empathie, Moral und Ethik“ (Roth/Ryba 2016, S. 129).
- Die untere limbische, vegetativ-affektive Ebene kontrolliert biologische Funktionen, steuert grundlegende affektive Verhaltensweisen und Handlungen.
- Die mittlere limbische Ebene entwickelt sich wie die untere bereits vor und in der ersten Zeit nach der Geburt.
- Die obere limbische Ebene repräsentiert Aktivitäten bestimmter Areale des limbischen Cortex, die mit Körperwahrnehmung verknüpft sind und das bewusste Selbst, einschließlich sozialer Anteile von Denken, Fühlen sowie Moral, Ethik (Gewissen, Über-Ich; Roth/Ryba, S. 132) und Empathie entwickeln.
- Die kognitiv-sprachliche Ebene, die wechselwirkt mit den vorherigen, ist hauptsächlich im oberen und mittleren Stirnhirn, im präfrontalen Cortex lokalisiert und entwickelt sich zeitgleich mit der dritten Ebene, also etwa ab dem dritten Lebensjahr, wenn sich kognitive und sprachliche Fertigkeiten auszubilden beginnen.
Praktische Implikationen für Führung und Selbstmanagement
Um nun das volle Potenzial der Mitarbeiter ausschöpfen zu können, sollten Organisationen laut Melanie limbischer gestaltet werden. Extrinsische Motivation motiviert kurzfristig, schadet aber langfristig, weil das System nicht nachhaltig ist. Führung hat auch den Job, professionelle Nähe zu stärken. Ein ganz wichtiges Thema in der Führung ist Fairness und Solidarität.
Um aus diesen mitunter teils schon zombiehaften Automatismen zu erwachen, braucht es eine gezielte Stärkung der willentlich aktiven Aufmerksamkeit. Die gute Nachricht: diese Aufmerksamkeit lässt sich ähnlich wie die eines Muskels trainieren.
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