Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, von denen etwa jeder siebte Mensch in Europa betroffen ist. Diese Erkrankungen können sich chronifizieren und beeinträchtigen das tägliche Leben erheblich. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Behandlung von Angststörungen ist oft langwierig, aber die Erfolgsquote ist im Vergleich zu anderen psychischen Störungen sehr hoch. Neben Psychotherapie spielt auch die Pharmakotherapie eine wichtige Rolle. In diesem Artikel werden die Zusammenhänge zwischen dem limbischen System, der Wirkung von Paroxetin und anderen vielversprechenden psychopharmakologischen Ansätzen bei der Behandlung von Angststörungen beleuchtet.
Angststörungen: Eine Übersicht
Angst ist eine natürliche Emotion, die für das Überleben notwendig ist. Sie wird erst dann zur Störung, wenn sie unangemessen stark ist und die Lebensqualität beeinträchtigt. Man unterscheidet verschiedene Hauptstörungsbilder:
- Agoraphobie: Angst vor Situationen, aus denen eine Flucht schwierig wäre.
- Soziale Phobie: Angst vor negativer Bewertung durch andere.
- Spezifische Phobie: Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen (z.B. Klaustrophobie, Arachnophobie).
- Panikstörung: Wiederkehrende Panikattacken mit vegetativen Symptomen wie Herzrasen, Atemnot und Schwindel.
- Generalisierte Angststörung (GAS): Ständige Anspannung und übermäßige Sorgen.
Angst kann auch als Begleiterkrankung bei körperlichen Erkrankungen auftreten, insbesondere bei onkologischen und kardiovaskulären Erkrankungen. Angst gilt zudem als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Das limbische System und seine Rolle bei Angst
Das limbische System spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewertung und Regulation von Emotionen und Verhalten. Es umfasst verschiedene Hirnstrukturen wie den Hippocampus, die Amygdala und Teile des Hypothalamus. Insbesondere die Amygdala ist an der Entstehung und Verarbeitung von Angst beteiligt. Zahlreiche Neurotransmitter, darunter Serotonin, GABA und Glutamat, sind auf molekularer Ebene an der Entstehung und Verarbeitung von Angst beteiligt.
Serotonin und das limbische System
Besonders viele Serotonin-Rezeptoren findet man im limbischen System. Studien an Tiermodellen haben gezeigt, dass sowohl ein Mangel als auch ein Überschuss an Serotonin zu einem verstärkten Angstverhalten führen kann. Eine Dysfunktion des serotonergen Systems wird daher mit der Pathogenese von Angststörungen in Verbindung gebracht.
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GABA und das limbische System
Die GABA ist der potenteste zentrale inhibitorische Botenstoff und reagiert auf komplexe Weise mit anderen zentralen Neurotransmittern. Sie ist an der Regulation von Schlaf und emotionalem Erleben beteiligt. Es gibt Hinweise darauf, dass möglicherweise eine Fehlfunktion des Rezeptors oder auch ein veränderter Metabolismus der GABA mit der Entstehung pathologischer Angst in Verbindung stehen.
Paroxetin: Ein SSRI zur Behandlung von Angststörungen
Paroxetin gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). SSRI erhöhen die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt, indem sie die Wiederaufnahme von Serotonin in die präsynaptische Zelle hemmen. Dies führt zu einer verstärkten Aktivierung der Serotonin-Rezeptoren im Gehirn, insbesondere im limbischen System.
Wirkmechanismus von Paroxetin
Durch die Erhöhung des Serotoninspiegels beeinflusst Paroxetin die Aktivität der Amygdala und anderer Hirnregionen, die an der Angstverarbeitung beteiligt sind. Dies kann zu einer Reduktion von Angstsymptomen führen. Paroxetin ist für die Behandlung verschiedener Angststörungen zugelassen, darunter Panikstörung, soziale Phobie und generalisierte Angststörung.
Weitere SSRI und SNRI
Neben Paroxetin sind auch andere SSRI wie Escitalopram und Sertralin sowie selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Venlafaxin und Duloxetin für die Behandlung von Angststörungen zugelassen. Diese Medikamente wirken ebenfalls auf die Neurotransmitter-Systeme im Gehirn und können Angstsymptome reduzieren.
Weitere pharmakologische Therapieansätze
Neben SSRI und SNRI gibt es weitere pharmakologische Therapieansätze zur Behandlung von Angststörungen:
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- Benzodiazepine: Wirken angstlösend, spannungslösend und sedierend, sollten aber wegen des Risikos für Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung nur kurzfristig eingesetzt werden.
- Pregabalin: Ein Calciumkanal-modulierendes Antikonvulsivum, das bei der generalisierten Angststörung eingesetzt werden kann.
- Opipramol, Hydroxyzin und Buspiron: Weitere Substanzen mit unterschiedlichen pharmakologischen Wirkungsmechanismen, die bei der generalisierten Angststörung zugelassen sind.
- Clomipramin: Ein trizyklisches Antidepressivum, das bei der Panikstörung als Therapie der zweiten Wahl eingesetzt werden kann.
- Moclobemid: Ein reversibler Monoaminoxidase-(MAO-)Hemmer, der bei der sozialen Phobie eingesetzt werden kann.
Neue oder vielversprechende psychopharmakologische Ansätze
Trotz der Verfügbarkeit wirksamer Medikamente sprechen nicht alle Patienten gut auf die Therapie an. Daher werden neue pharmakologische Wirkstrategien und Substanzen erforscht. Einige interessante Ansatzpunkte sind:
- Glutamat-System: Modulation der glutamatergen Aktivität durch NMDA-Rezeptor-Antagonisten wie Ketamin oder Lanicemin.
- Endocannabinoid-System: Einsatz von Cannabispräparaten wie CBD oder Inhibitoren des Endocannabinoid-Abbauenzyms FAAH.
- Neuropeptid-Systeme: Modulation der Aktivität von Neuropeptiden wie Vasopressin, Oxytocin oder Orexin.
- Spannungsabhängige Ionenkanäle: Angriff an spannungsabhängigen Ionenkanälen.
- Phytopharmakologische Ansätze: Einsatz von Lavendelölextrakt Silexan bei allgemeinem Angstgefühl.
Psychotherapie als wichtige Ergänzung
Bei einer Angststörung sollte prinzipiell jede Pharmakotherapie von einer Psychotherapie begleitet werden. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich als sehr effektiv erwiesen. Sie hilft den Betroffenen, eingefahrene Verhaltensmuster, Gedanken und Gefühle sowie die damit verbundenen Ängste zu erkennen und durch gezielte Übungen zu verändern.
Weitere psychotherapeutische Verfahren
Je nach Schweregrad und Form der Angsterkrankung kann auch eine psychoanalytische Therapie sinnvoll sein. Hier werden tiefer liegende seelische Probleme, die den Ängsten zugrunde liegen, aufgedeckt und therapeutisch bearbeitet.
Bedeutung der Diagnose und Behandlung
Angststörungen sind weit verbreitet und können das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Es ist daher wichtig, dass diese Erkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Eine Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie kann den Betroffenen helfen, ihre Ängste zu überwinden und ihre Lebensqualität zu verbessern.
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