Das Gehirn ist ein komplexes Organ, das in zwei Hälften unterteilt ist, die jeweils unterschiedliche Funktionen erfüllen. Die linke Gehirnhälfte ist hauptsächlich für logisches Denken, Sprache, Vernunft und die Steuerung der rechten Körperhälfte zuständig. Obwohl beide Gehirnhälften bei den meisten Aufgaben zusammenarbeiten, kann es sinnvoll sein, gezielte Übungen durchzuführen, um die Fähigkeiten der linken Hemisphäre zu verbessern.
Neurozentriertes Training (NZT): Aktivierung des Nervensystems
Das neurozentrierte Training (NZT) ist ein Ansatz, bei dem spezielle Übungen eingesetzt werden, um das Nervensystem und dessen Steuerung zu aktivieren. Es fordert gezielt die Augen, den Gleichgewichtssinn und die Körperwahrnehmung heraus.
Ursprung und Anwendung von NZT
NZT basiert auf der Annahme, dass Bewegung das Ergebnis vieler Prozesse im Gehirn ist und dass diese Prozesse optimiert werden können. Es wird vor allem im Leistungssport, wie Fußball und Tennis, zur Leistungsverbesserung eingesetzt, kann aber auch Bewegungen im Alltag vereinfachen oder verbessern.
Für wen ist NZT geeignet?
NZT kann für Personen geeignet sein, die ihre Beweglichkeit oder Körperhaltung ändern möchten oder unter anhaltenden Schmerzen leiden. Es kann auch bei Nervenschäden durch Diabetes oder Beeinträchtigungen der Augen hilfreich sein. Viele Trainer bieten NZT auch online an.
Wichtiger Hinweis
Es ist wichtig, bei allen Übungen mit kleinen Bewegungen zu beginnen und diese langsam zu steigern.
Lesen Sie auch: Die Auswirkungen der Beschneidung auf das Gehirn
Übungen zur Stärkung der linken Gehirnhälfte
Im Folgenden werden einige Übungen vorgestellt, die dazu beitragen können, die linke Gehirnhälfte zu stärken und die Zusammenarbeit beider Hemisphären zu fördern.
1. Rumpf-Mobilisierung mit Atemübung
- Wozu? Mobilisierung des Rumpfes, Entspannung des Zwerchfells und der Beckenbodenmuskulatur. Die Übung kann auch positive Effekte auf die Orgasmusfähigkeit haben.
- So geht’s: Wirbelsäule aufrichten, das Schambein zum Bauchnabel ziehen. Tief und lang durch die Nase einatmen, dabei die Arme über dem Kopf ausstrecken. Arme gestreckt halten, Wirbelsäule bleibt lang. Nun durch den geöffneten Mund ausatmen, das Schambein bleibt angezogen. Erst am Ende der Ausatmung Becken entspannen und Arme senken. Dabei normal atmen.
- Wie oft? Keine Angabe.
2. Augenmuskeltraining
- Wozu? Gezieltes Training von zwei Augenmuskeln, das die Nackenmuskulatur, Schmerzwahrnehmung und Konzentration positiv beeinflussen kann.
- So geht’s: Linken Arm und Daumen ausstrecken, Daumen mit den Augen fixieren. Den Daumen nun so dicht zur Nase führen, dass der fixierte Bereich noch scharf zu sehen ist. Dann Arm wieder ausstrecken.
- Wie oft? Zehn Wiederholungen, dann den Arm wechseln.
- Wichtiger Hinweis: Die Übung langsam und kontrolliert ausführen, bei Schwindel abbrechen!
3. Dehnung der Muskelkette
- Wozu? Dehnung der Muskelkette vom Rücken bis zu den Zehen und Mobilisierung der Nerven, die Beine und Füße versorgen. Ideal für Vielsitzer.
- So geht’s: Gerade hinsetzen, linkes Bein ausstrecken, Knie durchgedrückt, Ferse auf dem Boden. Mit geradem Oberkörper leicht nach vorn beugen und wieder zurücklehnen. Bein wechseln.
- Variante 1: Den Fuß nach oben ziehen und seine Außenkante Richtung Knie drehen.
- Variante 2: Fuß nach oben ziehen und die Innenkante Richtung Knie.
- Variante 3: Zehen nach vorn strecken und nach innen rotieren.
- Wie oft? Keine Angabe.
4. Beckenboden-Mobilisierung
- Wozu? Mobilisierung des Beckenbodens. Gut für alle, die (zu) viel sitzen.
- So geht’s: Aufrecht hinsetzen, beide Füße entspannt auf dem Boden. Zuerst das Becken lockern, indem erst das Schambein zum Bauchnabel gezogen und dann ein leichtes Hohlkreuz erzeugt wird. Fünf Mal wiederholen. Danach abwechselnd ein Knie nach vorn schieben, das andere nach hinten, jeweils fünf Mal. Darauf achten, dass das Becken in der Mitte bleibt.
- Variante: Oberkörper gemeinsam mit den Knien rotieren.
- Wie oft? Keine Angabe.
5. Zungenmuskulatur-Entspannung
- Wozu? Entkrampfung von Wirbelsäule, Kiefer und Nacken durch eine lockere Zungenmuskulatur.
- So geht’s: Lippen sanft geschlossen, die Zungenspitze zeigt leicht nach oben und vollführt dann langsame Kreise im Uhrzeigersinn. Die Kreise jede Runde größer werden lassen. Dreimal wiederholen, dann die Richtung ändern. Der Kiefer bleibt statisch und entspannt.
- Wie oft? Keine Angabe.
6. Augen- und Kopfbewegungen
- Wozu? Lockerung von Schulter und Nacken und Hilfe bei Kopfschmerzen. Die Augen haben einen Einfluss auf den Gleichgewichtssinn und den Bewegungsumfang.
- So geht’s: Aufrecht hinstellen, linken Arm und Daumen ausstrecken. Einen Punkt auf dem Daumen fixieren. Nun gleichzeitig Augen, Kopf und Arm langsam nach oben und unten bewegen, nach rechts und links, von oben rechts nach unten links und diagonal von oben links nach unten rechts. Anschließend Seite wechseln.
- Wie oft? Zehn Wiederholungen. Erst mal sitzend, später stehend ausführen.
7. "Hase und Jäger"
- Wozu? Diese Übung soll die Kommunikation zwischen den beiden Hirnhälften verbessern und die Körperwahrnehmung stärken.
- So geht's: Forme mit der linken Hand das Peace-Zeichen (Hase) und mit der rechten eine Pistole (Jäger). Diese richtest du auf deine andere Hand. Wechsle nun gleichzeitig die Positionen.
8. Kreise mit der Zunge (Neuroathletik)
- Wozu? Diese Übung hilft, beide Hirnhälften zu stimulieren und Stress zu reduzieren. Die Zunge hat einen direkten Einfluss auf die gerade Haltung des Kopfs und die Spannung im Kiefer.
- So geht's: Nimm die Zungenspitze vor die Schneidezähne und halte die Lippen geschlossen. Lass die Zungenspitze einige Male im Uhrzeigersinn kreisen. Wechsle die Seite und lass die Zungenspitze entgegen dem Uhrzeigersinn kreisen.
9. Folge dem Buchstaben (Neuroathletik)
- Wozu? Mit dieser Übung trainierst du gezielt die Muskelstränge in den Augen. Die Augen gelten in der Neuroathletik als wichtigstes bewegungssteuerndes Element.
- So geht's: Stell dich gerade hin und nimm einen länglichen Gegenstand, zum Beispiel einen Stift, in eine Hand, halte den Gegenstand senkrecht. Male mit dem Stift in der Hand den Buchstaben H in die Luft: Bewege den Stift nach rechts, dort auf und ab, dann zurück in die Mitte, führe den Stift nach links, bewege ihn dort auf und ab, dann über die Mitte zurück. Führe diese Bewegung mehrmals aus und folge dem Stift nur mit deinen Augen, der Kopf wird nicht gedreht.
10. Perspektivenwechsel (Neuroathletik)
- Wozu? Diese Übung ist besonders gut für Personen geeignet, die viel am Bildschirm arbeiten: Sie dient dazu, die verschiedenen Augenmuskeln zu trainieren, anstatt nur starr auf den Computer zu blicken.
- So geht's: Nimm einen Stift und setze dir darauf eine Markierung, zum Beispiel durch einen Sticker. Halte den Stift eine Armlänge vor dich hin. Fixiere die Markierung mit den Augen und danach einen anderen Punkt im Raum, zum Beispiel ein Bild an der Wand. Wechsle mit den Augen zwischen der Markierung auf dem Stift und dem entfernten Fixpunkt hin und her.
11. Laufe eine Acht (Neuroathletik)
- Wozu? Mit dieser Übung trainierst du deine Koordinationsfähigkeiten in Kombination mit den Augenmuskeln.
- So geht's: Stell dich gerade hin mit ausreichend Platz, suche einen Punkt im Raum, zum Beispiel ein Bild an der Wand, und richte deinen Blick auf diesen Punkt. Laufe jetzt die Schlingenfigur der Zahl Acht ab. Achte darauf, mit deinem Oberkörper immer in Richtung des Fixpunkts zu bleiben und ihn fest im Blick zu behalten.
Neuroathletik: Gehirntraining für Sportler und mehr
Neuroathletik ist ein Trainingskonzept, das darauf abzielt, das neurologische System zu optimieren und dadurch die athletische Leistung zu verbessern. Durch gezielte Übungen sollen die neuronalen Verbindungen gestärkt werden, die die motorischen Fähigkeiten und die Wahrnehmung von äußeren Reizen beeinflussen.
Wie funktioniert Neuroathletik?
Neuroathletisches Training konzentriert sich nicht auf die körperliche Stärkung, sondern auf die Verarbeitung von externen Reizen. Es soll die benötigten Gehirnareale stimulieren und Limitierungen auflösen, die durch den natürlichen Schutzmechanismus des Gehirns entstehen können.
Vorteile von Neuroathletik
- Verletzungsprävention: Studien deuten darauf hin, dass neuroathletisches Training die Verletzungsprävention unterstützen kann.
- Verbesserte Reaktionsschnelligkeit: Untersuchungen zeigen, dass die Trainingsform die Reaktionsschnelligkeit verbessern kann.
- Leistungssteigerung: Eine Studienanalyse des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig deutet auf eine Leistungssteigerung durch Neuroathletik hin.
- Verbesserte Feinmotorik und Koordination: Neuroathletik kann die Feinmotorik, Koordination und räumliche Wahrnehmung verbessern.
Die drei Systeme der Neuroathletik
Um Reize aus der Umgebung aufzunehmen und darauf zu reagieren, nutzt der Körper drei Systeme:
- Visuelles System: Verarbeitet Informationen, die mit den Augen wahrgenommen werden.
- Vestibuläres System: Zuständig für den Gleichgewichtssinn.
- Propriozeptives System: Nimmt die Position und Bewegung des Körpers im Raum wahr.
Neuroathletik im Alltag
Auch wenn man kein Leistungssportler ist, kann man von Neuroathletik profitieren. Die Übungen lassen sich leicht in den Alltag integrieren, beispielsweise in der Mittagspause oder abends vor dem Spiegel.
Lesen Sie auch: Gehirn-Zusammenarbeit
Weitere Möglichkeiten zur Stärkung der linken Gehirnhälfte
Neben den genannten Übungen gibt es weitere Möglichkeiten, die linke Gehirnhälfte zu trainieren und die Zusammenarbeit beider Hemisphären zu fördern:
- Logik- und Denkspiele: Übungen der Kategorie schlussfolgerndes Denken trainieren die Logik, Deduktion und Induktion.
- Aufgaben mit der nicht-dominanten Hand erledigen: Da die linke Gehirnhälfte die rechte Hand steuert, können Linkshänder davon profitieren, einfache Aufgaben wie das Zähneputzen mit der rechten Hand zu erledigen.
- Musizieren: Das Spielen eines Instruments fördert die Vernetzung beider Gehirnhälften.
- Sprachen lernen: Das Erlernen einer neuen Sprache fordert die kognitiven Fähigkeiten und stärkt die linke Gehirnhälfte.
- Kreative Tätigkeiten: Obwohl die rechte Gehirnhälfte oft mit Kreativität in Verbindung gebracht wird, erfordern auch kreative Tätigkeiten wie Schreiben, Zeichnen oder Malen die Zusammenarbeit beider Hemisphären.
Lesen Sie auch: Was Sie über Kribbeln und Taubheit wissen müssen
tags: #linke #gehirnhalfte #starker