Das menschliche Gehirn ist in zwei Hälften unterteilt, die jeweils unterschiedliche Funktionen übernehmen. Diese Lateralisierung des Gehirns führt unter anderem dazu, dass Menschen eine bevorzugte Hand haben, wobei die Rechtshänder in der Mehrheit sind. Doch warum ist das so? Warum ist das Gehirn aufgeteilt, und warum überwiegt die Zahl der Rechtshänder? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler seit langem nach.
Die Arbeitsteilung des Gehirns
Die Tatsache, dass das Gehirn aus einer linken und einer rechten Hälfte besteht, ist seit der ersten Obduktion bekannt. Die beiden Hemisphären teilen sich die Arbeit über Kreuz auf: Die rechte Hemisphäre dominiert die linke Körperhälfte und das räumliche Vorstellungsvermögen, während die linke Hemisphäre die rechte Körperhälfte, insbesondere die Geschicklichkeit der rechten Hand sowie die Sprache, kontrolliert. Diese Lateralität führt dazu, dass Menschen zu Rechts- oder Linkshändern werden.
Die linke Gehirnhälfte ist für analytisches, rationales und logisches Denken zuständig. Sie verarbeitet Details und ist für die Sprachproduktion und das Sprachverständnis verantwortlich. Die rechte Gehirnhälfte hingegen ist für synthetisches, ganzheitliches Denken, räumliche Orientierung, bildhafte Vorstellung, das Erkennen von Gesichtern und Melodien sowie für Gefühlsverständnis und Intuition zuständig.
Die Präferenz für eine Hand
Die Präferenz für eine bestimmte Hand findet sich in fast allen menschlichen Verhaltensweisen. So konnte der Bochumer Biopsychologe Onur Güntürkün in einer Studie nachweisen, dass Paare ihren Kopf beim Küssen meist nach rechts drehen. Auch bei Tieren gibt es eine Links- oder Rechtsvorliebe. Viele Vögel suchen mit dem rechten Auge nach Würmern, Honigbienen merken sich Düfte besser mit ihrer rechten Antenne, und Affen fischen in zwei von drei Fällen mit einem Stock in der rechten Hand nach verstecktem Honig.
Theorien zur Entstehung der Lateralität
Lange Zeit dachte man, dass sich die Lateralität erst vor 2,5 Millionen Jahren und nur beim Menschen entwickelt habe, als die Hominiden Ostafrikas erstmals mit der rechten Hand zum Faustkeil griffen. Mit dem Werkzeuggebrauch sei die Geschicklichkeit der Hand weiter gestiegen, so dass schon bald mit ihr auch gestikuliert wurde. Aus den Gesten wiederum habe sich die Sprache entwickelt, die fortan die linke Hirnhälfte besetzte.
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Diese These von der exklusiv menschlichen Lateralität gilt jedoch als erschüttert, seitdem der US-Biologe Phil Clapham die Kiefer von 75 Buckelwalen inspizierte und bei 60 der Meeressäuger deutlich stärkere Abnutzungsspuren an der rechten Seite des Kiefers feststellte - ein klarer Fall von Rechtsmäuligkeit.
Die Forscher vermuten, dass die linke Gehirnhälfte seit jeher routinierte Verhaltensweisen unter gewöhnlichen Umständen kontrolliert, während die rechte Hirnhälfte primär unerwartete Reize verarbeitet. Entsprechend sei die räumliche Wahrnehmung organisiert: Die linke Hirnhälfte sei eher für Details zuständig, die rechte Hälfte blickt aufs große Ganze, zum Beispiel um gefährliche Feinde schnell zu erkennen.
Das Rätsel der Rechtshändigkeit
Ungeklärt bleibt, wieso in allen Kulturen dieser Welt die Rechtshänder dominieren. Wenn es allein um den Vorteil der Asymmetrie ginge, so müsste das Verhältnis von Links- und Rechtshändern bei 50:50 liegen, denn Händigkeit ist zum größten Teil eine erbliche Eigenschaft. Tatsächlich liegt die Linkshänderrate in modernen Industriegesellschaften meist bei zehn bis 15 Prozent.
Forscher versuchen seit Jahrzehnten, spezifische Stärken oder Schwächen von Links- und Rechtshändern zu finden, meist mit bescheidenen Ergebnissen. Für den häufig vermuteten Zusammenhang zwischen Händigkeit und Schulerfolg zeigen sich nur leichte und widersprüchliche Indizien. Klar ist nur, dass es schadet, seiner Links- oder Rechtsnatur nicht zu folgen.
Einige Forscher spekulieren über vorgeburtliche Stressoren, ein schwächeres Immunsystem oder die Folgen sozialen Drucks als mögliche Gründe für den geringeren Anteil an Linkshändern. Unbestritten sind jedoch die Stärken der Linkshänder in Sportarten mit Gegnerkontakt, wo sie einen strategischen Vorteil haben, weil Rechtshänder seltener mit Linkshändern konfrontiert werden als umgekehrt.
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Mythen und Legenden rund um die Händigkeit
Um die Händigkeit ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden. So wird beispielsweise behauptet, dass Linkshänder intelligenter seien als Rechtshänder. Dies stimmt jedoch nicht ganz. Studien haben gezeigt, dass der durchschnittliche IQ von Rechts- und Linkshändern fast identisch ist. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass unter den besonders Hochintelligenten deutlich mehr Linkshänder vorkommen als im Durchschnitt.
Ein weiterer Mythos besagt, dass Linkshänder früher sterben als Rechtshänder. Auch dies ist nicht richtig. Dieser Mythos entstand aufgrund einer fehlerhaften Studie, die die Lebenden nicht berücksichtigte. Unter jungen Menschen gibt es mehr Linkshänder als unter alten, weil die Menschen heutzutage nicht mehr umerzogen werden.
Die Suche nach dem Händigkeit-Gen
Es gibt Familien, in denen Linkshändigkeit gehäuft vorkommt. Die Vermutung liegt also nahe, dass Händigkeit vererbt wird. Allerdings ist die Frage, wie sie vererbt wird, noch nicht geklärt. Es gibt kein einfaches Genmodell, das die Verteilung der Linkshänder erklären kann. Einige Forscher vermuten, dass es ein Gen mit zwei Allelen gibt, von denen das eine für Rechtshändigkeit und das andere für Zufall steht. Jeder, der zwei Kopien des Rechtshändigkeits-Allels hat, wird rechtshändig. Wenn man zwei Kopien des Zufalls-Allels hat, entscheidet der Zufall, ob man Linkshänder oder Rechtshänder wird.
Andere Forscher glauben nicht, dass es ein bestimmtes Gen für Händigkeit gibt, sondern dass andere Mechanismen genetisch festgelegt sind, die ihrerseits die Händigkeit beeinflussen. So wird beispielsweise die visuelle Asymmetrie bei Vögeln nicht im visuellen System festgelegt, sondern durch eine genetische Kombination, die determiniert, dass die Embryonen vor dem Schlupf ihren Kopf nach rechts drehen.
Die Zusammenarbeit der Gehirnhälften beim Sprechen
Die linke und die rechte Gehirnhälfte sind arbeitsteilig fürs Sprechen zuständig. Die linke Hirnhälfte übernimmt die Aufgabe, Wörter zu erzeugen, zusammenzustellen oder zu analysieren, während die rechte Gehirnhälfte dafür zuständig ist, Klangmuster zu interpretieren. Sprache entsteht also durch das Zusammenspiel der rechten und der linken Gehirnhälfte.
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