Die Frage nach Unterschieden im Gehirn von Mann und Frau beschäftigt die Wissenschaft seit langem. Während populärwissenschaftliche Darstellungen oft stereotype Vorstellungen bedienen, liefert die aktuelle Hirnforschung ein differenzierteres Bild. Es geht um die Dekonstruktion biologistischer Stereotype und die Frage, inwieweit vermeintliche Unterschiede biologisch vorgegeben oder durch gesellschaftliche Einflüsse geprägt sind.
Die Konstruktion von Geschlechterunterschieden in der Hirnforschung
Sigrid Schmitz, Professorin für Gender Studies, betont, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht wertfrei gewonnen werden. Die Hirnforschung, die durch moderne Verfahren wie die Computertomografie Einblicke in das lebende Gehirn ermöglicht, erhebt den Anspruch, komplexe Phänomene neutral abzubilden. Schmitz argumentiert jedoch, dass diesen Abbildungen immer Entscheidungen vorausgehen: Was wird ins Bild gerückt, was ausgeblendet? Somit handele es sich eher um Konstruktionen als um reine Abbildungen.
Sprachliche Fähigkeiten: Eine Domäne der Frau?
Frauen werden oft als sprachlich begabter angesehen. Einige Studien deuten darauf hin, dass Reime und der Wortfluss bei Frauen schneller funktionieren. Ein Erklärungsansatz ist, dass Frauen Sprache mit beiden Hirnhälften verarbeiten, während Männer nur eine Hirnhälfte nutzen. Eine Studie, in der Männer und Frauen Sprachaufgaben lösen mussten, fand jedoch nur bei der Reimunterscheidung Unterschiede in der Hirnaktivität. Zudem zeigten nur 11 von 19 Frauen eine deutliche Aktivität in beiden Hirnhälften. Andere Studien konnten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Sprachaufgaben feststellen. Meta-Analysen, die viele Studien zusammenfassen, bestätigen ebenfalls, dass es keine allgemeingültigen geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt.
Räumliche Orientierung: Eine männliche Stärke?
Räumliches Vorstellungsvermögen wird oft als Domäne der Männer betrachtet, obwohl die wissenschaftlichen Belege dafür nicht eindeutig sind. Eine Studie, in der Probanden ein Computerlabyrinth durchfahren mussten, ergab, dass Frauenhirne Objekte und Landmarken stärker verarbeiteten, während bei Männern die geometrische Orientierung dominierte. Eine andere Studie konnte jedoch keine Unterschiede feststellen. Die Gender-Forscherin kritisiert, dass in der populärwissenschaftlichen Verbreitung oft Studien zitiert werden, die Unterschiede feststellen, und dass aus einzelnen Untersuchungen Schlüsse auf „die Frau“ oder „den Mann“ gezogen werden.
Die Plastizität des Gehirns und der Einfluss von Sozialisation
Studien zeigen, dass die Hirnstruktur keine unveränderliche Gegebenheit ist, sondern sich im Laufe des Lebens verändert. Erwachsene, die früh mehrere Sprachen gelernt haben, aktivieren in jeder Sprache die gleichen Hirnregionen. Wer früh beidhändig Klavier spielt, trainiert die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften und kann als Erwachsener mit beiden Händen ähnlich präzise agieren. Auch die gesellschaftliche Sozialisation beeinflusst die Leistungen von Männern und Frauen. Der sogenannte Stereotype Threat, die Angst, einem negativen Stereotyp zu entsprechen, kann die Leistung beeinträchtigen. Wenn eine Aufgabe als Test zur räumlichen Orientierung präsentiert wird, lösen Männer sie schneller, aber nicht unbedingt besser.
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Unterschiede in der Vernetzung des Gehirns
Eine Studie der University of Pennsylvania untersuchte die Verbindungen im Gehirn von fast 1000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dabei zeigte sich, dass Männer mehr Verknüpfungen innerhalb der Hirnhälften haben, während Frauen mehr Verbindungen zwischen den beiden Hirnhälften aufweisen. Dies könnte bedeuten, dass Männer besser darin sind, Informationen innerhalb einer Hirnhälfte zu verarbeiten, während Frauen besser darin sind, Informationen zwischen den Hirnhälften zu integrieren. Im Kleinhirn war es jedoch umgekehrt: Männer hatten mehr Verbindungen zwischen den Hemisphären, Frauen innerhalb der Hemisphären. Die Unterschiede verstärkten sich im Laufe der Entwicklung.
Hormonelle Einflüsse
Hormone spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Funktion des Gehirns. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum untersuchte den Einfluss von Sexualhormonen auf die kognitiven Fähigkeiten von Frauen. Dabei zeigte sich, dass Frauen während der Lutealphase, wenn die Sexualhormone ihren Tiefpunkt erreichen, bei visuell-räumlichen Aufgaben schlechter abschnitten. Dies deutet darauf hin, dass Sexualhormone die Aktivität der Hirnhälften beeinflussen können.
Gendermedizin: Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin
Die Gendermedizin befasst sich mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Entstehung, Verlauf und Behandlung von Krankheiten. So zeigen sich beispielsweise beim Herzinfarkt deutliche Unterschiede in der Symptomatik. Männer erleben oft einen Vernichtungsschmerz, während Frauen häufig unspezifische Symptome wie Übelkeit, Oberbauchschmerzen oder Rückenschmerzen haben. Auch beim Schlaganfall gibt es Unterschiede: Frauen werden öfter im komatösen Zustand eingeliefert und haben langfristig stärkere Einschränkungen.
Asymmetrie des Gehirns
Obwohl das Gehirn in zwei Hälften geteilt ist, ist es nicht genau spiegelbildlich. Manche Funktionen werden eher auf der linken Seite verarbeitet, andere eher auf der rechten. Diese Lateralisation ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und des Forschungszentrums Jülich haben untersucht, wie sich Asymmetrien entlang von funktionellen Gradienten entwickeln. Dabei zeigte sich, dass es feine Unterschiede in der Anordnung der Hirnregionen auf der linken und rechten Seite gibt. Auf der linken Seite sind die Regionen zur Sprachverarbeitung am weitesten entfernt von denen für Sehen und Wahrnehmung, während auf der rechten Seite das Netzwerk für Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis am weitesten entfernt von den sensorischen Regionen ist. Die individuellen Unterschiede in dieser Anordnung sind teilweise genetisch bedingt.
Die Rolle von Stereotypen und gesellschaftlichen Einflüssen
Stereotype können die Leistung von Männern und Frauen beeinflussen. Ein Experiment der Universität Wien zeigte, dass die Matheleistung von Kindern in IQ-Tests unterschiedlich ausfiel, je nachdem, ob sie vor dem Test instruiert wurden, dass Jungen und Mädchen gleich begabt in Mathematik sind oder nicht. In der Gruppe ohne Instruktionen zeigten sich die üblichen Geschlechtsunterschiede, während in der Gruppe mit Instruktionen die Unterschiede verschwanden. Dies unterstreicht, dass der soziale Kontext eine wichtige Rolle spielt.
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