Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch vielfältige Symptome und Krankheitsverläufe gekennzeichnet ist. Viele MS-Patienten suchen ergänzend zu konventionellen Therapien nach unkonventionellen Behandlungsmethoden, darunter spezielle Diäten und Nahrungsergänzungsmittel. In diesem Zusammenhang rückt die Alpha-Liponsäure (ALA) zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Studien und Erkenntnisse zur Rolle der Alpha-Liponsäure bei Multipler Sklerose, ihre potenziellen neuroprotektiven Wirkungen und ihre Anwendung in der Praxis.
Multiple Sklerose: Eine Krankheit mit vielen Gesichtern
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), die sich durch eine Vielzahl von Symptomen und Verlaufsformen auszeichnet. Jeder MS-Erkrankte zeigt einen eigenen Verlauf, weshalb die Multiple Sklerose auch als Krankheit mit 1.000 Gesichtern bezeichnet wird. Die Erkrankung verläuft bei etwa 85 Prozent der Betroffenen schubförmig mit weitgehend beschwerdefreien Phasen zwischen den Schüben.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen der Multiplen Sklerose sind nach wie vor nicht vollständig geklärt. Zu den diskutierten Faktoren gehören neben einer genetischen Disposition auch Umweltfaktoren wie ein chronischer Vitamin-D-Mangel oder Rauchen. Als sicher gilt, dass Autoimmunreaktionen eine zentrale Rolle spielen: Aufgrund einer Fehlsteuerung im Immunsystem greifen Abwehrzellen das Myelin an, das eine schützende Hülle um die Nervenfasern bildet.
Diagnostik
Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist für die Diagnostik einer Multiplen Sklerose unverzichtbar. Denn sie ist derzeit das einzige bildgebende Verfahren, mit dem MS-bedingte Veränderungen von Gehirn und Rückenmark bereits in einem sehr frühen Stadium sicher nachgewiesen werden können. Eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) wird durchgeführt, um Entzündungszellen sowie bestimmte Muster von Antikörpern, sogenannte isolierte oligoklonale Bande (OKB), nachzuweisen. Für eine sichere Diagnose müssen die aktuellen McDonald-Kriterien (2017) erfüllt sein, die auf dem Konzept der zeitlichen und räumlichen (örtlichen) Dissemination beruhen.
Symptome
Eine Multiple Sklerose kann sich durch die unterschiedlichsten Erstsymptome ankündigen. Es gibt jedoch einige Symptome, die zu Beginn der Erkrankung besonders oft auftreten. Bei 20 bis 30 Prozent stehen im Anfangsstadium (meist einseitige) Gefühlsstörungen in den Beinen oder Störungen der Sensibilität wie Taubheitsgefühle oder Ameisenkribbeln in anderen Regionen wie Rumpf und/oder Arme im Vordergrund.
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Verlauf
Der Krankheitsverlauf der Multiple Sklerose ist bei etwa 85 Prozent der Betroffenen schubförmig mit weitgehend beschwerdefreien Phasen zwischen den Schüben. Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen nimmt die Erkrankung von Beginn an einen fortschreitenden (progredienten) Verlauf, der eine kontinuierliche Verschlechterung der Beschwerden mit einer Zunahme der Einschränkungen zur Folge hat.
Therapie
Die Ziele der schulmedizinischen Therapie sind: MS-Schübe zu verhindern, ein Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und Behinderungen möglichst lange hinauszuzögern. Die Therapie umfasst:
- Die Behandlung eines akuten Schubs, meist mit einer Kortisonstoßtherapie.
- Eine Immuntherapie, die einen direkten Einfluss auf das Immunsystem und damit auf die entzündlichen Prozesse nimmt, indem sie entweder verändernd (immunmodulierend) oder dämpfend (immunsuppressiv) wirkt.
- Die symptomatische Therapie, die gezielt zur Linderung der vorherrschenden Symptome eingesetzt wird.
Die Rolle von oxidativem Stress bei Multipler Sklerose
Oxidativer Stress spielt in der Pathophysiologie der Multiplen Sklerose eine wichtige Rolle. Oxidativer Stress entsteht durch ungünstige Sauerstoffreaktionen (Oxidation) innerhalb des Zellstoffwechsels und ein sich dadurch entwickelndes Ungleichgewicht zwischen Radikalfängern (Antioxidantien) und freien Radikalen zugunsten der letztgenannten. Schädigungen entstehen, wenn sich über eine längere Zeit eine zu hohe Konzentration der freien Radikalen bildet. Auswirkungen von dauerhaftem oxidativem Stress sind besonders schädlich für das Gehirn, was an einer dort vermehrten Produktion von Sauerstoffradikalen bei gleichzeitig verminderter Aktivität und Kapazität antioxidativer Schutzsysteme liegt. In der Folge entstehen oxidative Proteinmodifikationen, es werden entzündliche Veränderungen hervorgerufen und der neuronale Zelltod ausgelöst.
Alpha-Liponsäure: Ein vielversprechendes Antioxidans
Die Alpha-Liponsäure (auch Thioctsäure, ALA) ist eine körpereigene schwefelhaltige Fettsäure mit starken antioxidativen Eigenschaften. Als eine der wichtigsten Antioxidantien im Organismus schützt sie die Mitochondrien vor oxidativem Stress. Im Gegensatz zu anderen Antioxidantien ist sie sowohl wasser- als auch fettlöslich, kann dadurch die Blut-Hirn-Schranke überwinden und ist als Bestandteil jeder Zelle für die zelleigene Energieproduktion unerlässlich. Als Radikalfänger fördert sie auch die Wiederherstellung von anderen Antioxidantien im Körper.
Eigenschaften und Wirkmechanismen
Alpha-Liponsäure (ALA) hat sich in den letzten Jahren als bemerkenswerte Substanz für die Neuroprotektion etabliert. Als potentes Antioxidans neutralisiert Alpha-Liponsäure freie Radikale und schützt Nervenzellen vor oxidativem Stress. Im Gegensatz zu anderen Antioxidantien kann sie die Blut-Hirn-Schranke überwinden und somit direkt im zentralen Nervensystem wirken. Alpha-Liponsäure moduliert zudem Entzündungsprozesse durch Hemmung des Transkriptionsfaktors NF-κB, verbessert die Insulinsensitivität und schützt die Mitochondrien vor Schäden.
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Anwendungsbereiche
ALA wird bereits seit einigen Jahren in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt:
- Entgiftung: Aufgrund ihrer chelatierenden Eigenschaften hat sie sich in der Entgiftung (etwa zur Ausleitung metallischer Stoffe wie Blei, Quecksilber, Kupfer und Platin) oder bei akuten Intoxikationen wie Pilzvergiftungen bewährt.
- Diabetische Neuropathie: Aufgrund einer verbesserten Durchblutung der Nervenenden wird sie bei der Therapie diabetischer Neuropathien angewendet.
- Adipositas: Sie wird bei Adipositas unterstützend gegeben.
- Multiple Sklerose: Sie hat auch für die Multiple Sklerose - und hier im Besonderen die SPMS - in einigen Studien am Mensch gute Ergebnisse gezeigt. Auch für andere neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson laufen Studien.
Vorkommen und Dosierung
ALA kommt in Nahrungsmitteln (etwa Spinat, Brokkoli und Tomaten sowie Fleisch und Innereien) natürlich (die sogenannte R-Form) vor, während Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel oftmals auch ein Gemisch aus R- und S-ALA enthalten können. Für die Behandlung der diabetischen Neuropathie werden üblicherweise Dosierungen von 600-1200 mg Alpha-Liponsäure täglich empfohlen. Bei Multipler Sklerose haben sich höhere Dosierungen von 1200 mg täglich als wirksam erwiesen.
Sicherheit und Verträglichkeit
Alpha-Liponsäure gilt allgemein als sicher und gut verträglich. Gelegentlich können milde Nebenwirkungen wie gastrointestinale Beschwerden, Hautausschläge oder Kopfschmerzen auftreten, besonders bei höheren Dosierungen.
Studienlage zur Alpha-Liponsäure bei Multipler Sklerose
Bereits im Jahr 2005 konnten Yadav et al. in einer Pilotstudie am Menschen die antientzündliche Wirkung der ALA sowie eine reduzierte Anzahl von eingewanderten T-Zellen in das ZNS belegen. Die Arbeit von Salinthone et al. im Jahr 2010 bestätigte diese Ergebnisse. Aus dem Jahr 2016 bzw. 2017 stammen wichtige Studien von Spain et al., die bei einer zweijährigen Gabe von täglich 1.200 mg R-ALA eine deutliche Verringerung (um etwa 68 Prozent) der Gehirnatrophie-Rate im Vergleich zur Placebogruppe aufzeigen konnte. ALA erwies sich hier als neuroprotektiv, sicher und gut verträglich - lediglich Magen-Darm-Beschwerden traten gelegentlich auf. Im Vergleich zur Placebogruppe in Spains Untersuchung konnte bei den Teilnehmenden auch eine verbesserte Gangsicherheit und weniger Stürze sowie eine Verbesserung der Fatigue und der Kognition festgestellt werden. Diese Beobachtungen wurden durch die Studien von Loy et al. im Jahr 2018 sowie Liu et al. im Jahr 2019 bestätigt. Entsprechend lag einer umfangreichen Auswertung von Cuniffe et al. Das günstige Nebenwirkungsprofil aus den Studien von Spain et al. wurde zwischenzeitlich auch durch verschiedene Phase 2- und 3-Studien bestätigt.
Pilotstudie von Dr. Rebecca Spain
In einer randomisierten doppelblinden Pilot-Studie der Oregon Health & Science University School of Medicine in Portland/Oregon beobachteten Forscher rund um Dr. Rebecca Spain, dass die Alpha-Liponsäure den Verlauf der sog. sekundär progredienten Multiplen Sklerose (SPMS) verlangsamen kann. Die Teilnehmer hatten über zwei Jahre hinweg täglich 1.200 mg Alpha-Liponsäure eingenommen. Anschliessend stellten die Forscher fest, dass bei Patienten, die an der SPMS litten, die Gehirnatrophie (Gehirnschwund) im Vergleich zur Placebogruppe deutlich verringert werden konnte.
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Persönliche Erfahrungen und Perspektiven
Einige MS-Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit der Einnahme von Alpha-Liponsäure. So schildert ein Betroffener, wie er durch die Auseinandersetzung mit den persönlichen Einflussfaktoren und die Anpassung seines Lebensstils, einschließlich der Einnahme von Alpha-Liponsäure, sein Immunsystem wieder in Homöostase bringen konnte. Er betont jedoch, dass es weder Wundermittel noch eine Wunderdiät gibt und jede Maßnahme individuell zu betrachten ist.
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