Epilepsie ist eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland etwa 500.000 Menschen betroffen sind. Bei Kindern gibt es sowohl Epilepsien, die als eigenständige Krankheit auftreten, als auch Formen, die mit anderen Grunderkrankungen einhergehen. Die Behandlung von Epilepsie hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, wobei sowohl medikamentöse als auch chirurgische Optionen zur Verfügung stehen. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Entwicklungen in der Epilepsiebehandlung, wobei der Fokus auf der Arbeit von Lisa Neumayr und anderen innovativen Therapieansätzen liegt.
Lisa Neumayrs Forschung zur homonymen Hemianopsie
Lisa Neumayr, gefördert von der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung, hat ihre Promotion mit summa cum laude an der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen abgeschlossen. Ihre Forschung konzentrierte sich auf die homonyme Hemianopsie, eine Störung des Gesichtsfelds, die als Folge eines operativen Eingriffs im Gehirn zur Behandlung von Epilepsie auftreten kann. Betroffene können nur den jeweils linken oder rechten Bereich eines Bildausschnitts wahrnehmen. Neumayr betont die Wichtigkeit, Gesichtsfelddefekte insbesondere vor einer Operation zu erkennen. Solche Operationen werden oft bei Kindern angewendet, deren Epilepsie medikamentös nicht eingestellt werden kann. In diesen Fällen kann das Gehirnareal, das für die Anfälle verantwortlich ist, abgetrennt oder entfernt werden, um fortschreitende Schädigungen des Nervensystems und schwerwiegende Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung zu verhindern.
Bedeutung der Diagnose vor und nach der Operation
Wenn sich die Sehbahn im Bereich des Eingriffs befindet, kann es zu einer Hemianopsie kommen. Liegt eine solche schon vor der Operation vor, erleichtert dies die Entscheidung für den empfohlenen Behandlungsschritt. Tritt sie erst danach auf, kann man mit der richtigen Therapie viele Probleme beim Sehen zumindest mildern. Neumayr konnte in einer Studie zeigen, dass sich Kinder sechs Monate nach einer solchen Operation an die Situation angepasst haben, auch wenn sie immer noch länger für die Suche nach bestimmten Bilddetails brauchen als vor einem Eingriff.
Herausforderungen bei der Diagnose bei Kindern
Besonders bei Kindern ist es im Vorfeld mitunter schwierig, eine Hemianopsie zu diagnostizieren. Bestimmte Fragen zum Seheindruck können sie oft nicht zuverlässig beantworten, und andere gängige Testverfahren haben sich aufgrund der geringen Aufmerksamkeitsspanne bislang ebenfalls nicht etablieren können. Lisa Neumayr hat sich daher auch mit einem sogenannten Kampimeter beschäftigt, einem neuen Untersuchungsgerät, das mit Lichtreizen arbeitet. Ihren Untersuchungen zufolge kann diese Art der Diagnostik schon bei Kleinkindern effektiv eingesetzt werden. „Bei zwei Dritteln meiner Probanden habe ich so ein konkretes Testergebnis erhalten“, erzählt sie. „Parallel dazu habe ich untersucht, inwieweit bestimmte äußere Kennzeichen wie Schielen oder eine bestimmte Kopfhaltung Indikatoren für eine Hemianopsie sein können.
Aktuelle Tätigkeit und Dankbarkeit für die Förderung
Inzwischen arbeitet Lisa Neumayr als Kinderärztin im Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung ist sie aber weiterhin verbunden: „Ich bin überaus dankbar für das Stipendium, das mir erlaubt hat, ein Freisemester zu nehmen und mich in dieser Zeit voll und ganz auf meine Promotion zu konzentrieren“, sagt sie. „Es gibt nicht viele Kinderärzte, die sich auch mit Augenheilkunde beschäftigen, so dass meine Arbeit schon ungewöhnlich war. Ich hoffe, dass sich daraus noch mehr entwickelt.
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Innovative Therapieansätze und Forschungsergebnisse
Die Forschung im Bereich der Epilepsie konzentriert sich nicht nur auf die Behandlung von Begleiterkrankungen wie der homonymen Hemianopsie, sondern auch auf die Entwicklung neuer Therapieansätze, die direkt auf die Anfallskontrolle abzielen.
Tiefe Hirnstimulation
Ein vielversprechender Ansatz ist die tiefe Hirnstimulation (THS). Dabei werden Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert, um die neuronale Aktivität zu modulieren und Anfälle zu reduzieren. Studien haben gezeigt, dass die THS, insbesondere im anterioren Nucleus thalami, die Anfallshäufigkeit signifikant verringern und die Lebensqualität der Patienten verbessern kann.
Medikamentöse Therapien
Obwohl viele Patienten mit Antiepileptika (AEDs) gut behandelt werden können, gibt es immer noch eine erhebliche Anzahl von Menschen, deren Anfälle nicht ausreichend kontrolliert werden können. Für diese Patienten sind neue AEDs und Kombinationstherapien von entscheidender Bedeutung. In den letzten Jahren wurden mehrere neue AEDs entwickelt, die unterschiedliche Wirkmechanismen haben und möglicherweise besser verträglich sind als ältere Medikamente.
Epilepsiechirurgie
Für Patienten, bei denen eine medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist, kann eine Epilepsiechirurgie eine Option sein. Dabei wird das Anfallszentrum im Gehirn entfernt oder von anderen Hirnregionen isoliert. Die prächirurgische Diagnostik ist entscheidend, um die Chancen und Risiken eines solchen Eingriffs abzuschätzen. Das Epilepsiezentrum Münster-Osnabrück bietet hierfür eine umfassende Diagnostik an, einschließlich Video-EEG-Monitoring, um Anfälle jederzeit erfassen zu können.
Ketogene und modifizierte Atkins-Diät
Eine weitere Therapieoption ist die ketogene Diät oder eine modifizierte Atkins-Diät. Diese Diäten sind fettreich, kohlenhydratarm und proteinmoderat und können bei einigen Patienten die Anfallshäufigkeit reduzieren. Das Epilepsiezentrum Münster-Osnabrück bietet Beratung, Einleitung und Kontrolle dieser Diäten an.
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Vagusnervstimulation
Die Vagusnervstimulation (VNS) ist eine weitere nicht-medikamentöse Therapieoption. Dabei wird ein Gerät implantiert, das den Vagusnerv stimuliert und so die Anfallshäufigkeit reduzieren kann. Das Epilepsiezentrum Münster-Osnabrück bietet auch die Implantation von Vagusnerv-Stimulatoren an.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Eine umfassende und ganzheitliche Behandlung von Epilepsie erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Im Stationsbereich Epilepsie des Epilepsiezentrums Münster-Osnabrück sorgt ein Team von speziell weitergebildeten Pflegenden, Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeiterinnen/Case-Managerinnen für eine solche umfassende Betreuung.
Kinderbuch über Epilepsie
Daniela Abele hat das Kinderbuch „Lisa und die besondere Sache“ geschrieben, das die Diagnose und die Therapie mit Bildern von Regina Damala anschaulich an Kinder und Eltern vermittelt. In dem Buch geht es um Lisa, ein ganz normales Mädchen, das mit ihren sechs Jahren von „der besonderen Sache mit dem komplizierten Namen: E-pi-lep-sie“ erzählt. Dabei kommen sowohl Ängste und Sorgen als auch Gelassenheit, Neugier und Lebensfreude beim Erfahren von und im Umgang mit Epilepsie zum Ausdruck. Kindgerecht werden Untersuchungsmethoden und Behandlungsmöglichkeiten dargestellt. Einfühlsam wird vermittelt, dass Lisa - als Betroffene - nicht allein mit ihrer Krankheit ist. Ihre Eltern und ihre Schwester Emily sind für das kleine Mädchen wichtige Begleiter, ebenso der neue Freund Yoshi.
Dravet-Syndrom und besondere Herausforderungen im Sommer
Das Dravet-Syndrom ist eine seltene, schwere Epilepsieform, die meist im ersten Lebensjahr neu auftritt. Für Kinder mit diesem Syndrom kann Hitze zum Problem werden, denn sie löst unter Umständen Anfälle aus. So stellt der Sommer sie und ihre Familien oft vor besondere Herausforderungen. Damit auch sie den Sommer genießen und Ferienspaß haben können, gibt es Hilfsmittel und ein paar Dinge zu beachten.
Neurologische Versorgung im Klinikum Darmstadt
Die neurologische Klinik des Klinikums Darmstadt versorgt alle Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen auf einer großen Normalstation, überregional zertifizierten Stroke-Unit, neurologisch geleiteter Intensivstation und Ermächtigungsambulanz. Als Neurozentrum legt die Klinik einen besonderen Schwerpunkt auf vaskuläre Erkrankungen. Patient*innen mit Epilepsie und Bewegungserkrankungen bietet die Klinik neben der Möglichkeit der ambulanten Behandlung für schwer zu diagnostizierende oder behandelbare Fälle eine Epilepsie- und Parkinsonkomplexbehandlung an.
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Aktuelle Forschungsprojekte
Die Forschung im Bereich der Epilepsie ist weiterhin sehr aktiv. Aktuelle Forschungsprojekte konzentrieren sich auf verschiedene Aspekte der Epilepsie, von der Identifizierung optimaler Ziele für die Stimulation zur Anfallsunterdrückung bis hin zur Untersuchung der Rolle von Myelinisierung bei fokalen kortikalen Dysplasien.
Langzeit-Hippocampus-Stimulation
Eine Studie von Kleis et al. (2025) untersuchte die langfristige Hippocampus-Stimulation mit niedriger Frequenz zur Linderung von fokalen Anfällen, Gedächtnisdefiziten und synaptischer Pathologie bei epileptischen Mäusen.
Myelinisierung bei fokaler kortikaler Dysplasie
Donkels et al. (2024) untersuchten die Dysregulation der Myelinisierung bei fokaler kortikaler Dysplasie Typ II des menschlichen Frontallappens.
Optogenetische Silencer
Kleis et al. (2022) charakterisierten und applizierten einen neuartigen Kaliumkanal-basierten optogenetischen Silencer im gesunden und epileptischen Maus-Hippocampus.
Hippocampus-Stimulation mit niedriger Frequenz
Paschen et al. (2020) zeigten, dass die Hippocampus-Stimulation mit niedriger Frequenz die Anfallsentstehung in einem Mausmodell der mesialen temporalen Lappenepilepsie verhindert.