Lithium und Demenzbehandlung: Neue Perspektiven und Forschungsergebnisse

Die Alzheimer-Krankheit, eine der häufigsten Ursachen für Demenz, betrifft Millionen von Menschen weltweit. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden und Präventionsstrategien ist daher von immenser Bedeutung. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Spurenelement Lithium eine entscheidende Rolle bei der Prävention und Behandlung von Demenz spielen könnte.

Die Rolle von Lithium im Gehirn

Lithium ist ein chemisches Element, das in geringen Mengen im menschlichen Körper vorkommt und als Spurenelement eine wichtige Rolle spielt. Es wird in der Psychiatrie zur Behandlung von Stimmungsschwankungen bei Depressionen und bipolaren Störungen eingesetzt. Neuere Studien legen nahe, dass Lithium auch eine schützende Wirkung auf das Gehirn haben und vor Demenzerkrankungen schützen könnte.

Sinkende Lithiumspiegel bei Alzheimer-Erkrankung

Eine Studie aus dem Jahr 2025, veröffentlicht in Nature, lieferte einen möglichen Grund für diese Zusammenhänge. Die Forscher fanden heraus, dass bei Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung oder einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI), die oft eine Vorstufe von Alzheimer ist, niedrigere Lithiumspiegel im Gehirn vorhanden sind als bei gesunden Menschen. Dies deutet darauf hin, dass ein Lithiummangel im Gehirn mit dem Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit in Verbindung stehen könnte.

Amyloid-Beta und Lithiumbindung

Die Studie zeigte auch, dass das im Gehirn vorhandene Lithium an Amyloid-Beta-Ablagerungen bindet, die für Alzheimer typisch sind. Dadurch wird das Lithium nicht mehr frei verfügbar und kann seine schützende Funktion nicht mehr ausüben. Fehlt das Lithium, altern Nervenzellen schneller und werden anfälliger für Schädigungen.

Lithiummangel und seine Auswirkungen auf das Gehirn

In Experimenten mit Mäusen konnte gezeigt werden, dass ein Lithiummangel im Gehirn zu vermehrten Eiweißablagerungen, insbesondere von Amyloid-Beta und Tau-Proteinen, führt. Zudem wurde eine proinflammatorische Aktivierung von Mikrogliazellen, ein Verlust von Synapsen, Axonen und Myelin beobachtet. Diese Veränderungen führten zu einem beschleunigten kognitiven Niedergang bei den betroffenen Mäusen.

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Forschungsergebnisse und Studien

Beobachtungsstudien aus Dänemark und Großbritannien

Erste Hinweise auf die mögliche Schutzwirkung von Lithium vor Demenz gab es bereits in zwei Studien aus Dänemark und Großbritannien. Eine Studie der Universität Kopenhagen aus dem Jahr 2017 beobachtete, dass in Regionen mit höherem Lithiumgehalt im Trinkwasser weniger Menschen an Demenz erkranken. Eine Beobachtungsstudie der Universität Cambridge aus dem Jahr 2022 zeigte, dass Menschen, die aufgrund psychischer Störungen über einen längeren Zeitraum Lithium einnahmen, seltener an Alzheimer und anderen Demenzen erkrankten, obwohl sie aufgrund ihrer psychischen Grunderkrankung eigentlich ein höheres Risiko hatten.

Die Nature-Studie von 2025

Die 2025 in Nature veröffentlichte Studie lieferte weitere Einblicke in die Zusammenhänge zwischen Lithium und Alzheimer. Die Forscher untersuchten menschliches Hirngewebe und führten Experimente an Mäusen durch. Sie stellten fest, dass in von Alzheimer betroffenen Hirnarealen niedrigere Lithiumspiegel zu finden waren als in unbeteiligten Regionen. An Mäusen zeigten sie, dass ein Lithiummangel zur Ablagerung von β-Amyloid und einer Akkumulation von phosphorylierten τ-Proteinen führt, genau wie zu einer proinflammatorischen Aktivierung von Mikrogliazellen, zum Verlust von Synapsen, Axonen und Myelin.

Lithiumorotat: Ein vielversprechender Ansatz

Die Studienergebnisse mit einem Mausmodell legen nahe, dass Lithium - in einer speziellen Form namens Lithiumorotat - das Fortschreiten von Alzheimer nicht nur verlangsamen, sondern in einigen Fällen sogar umkehren kann. Lithiumorotat ist ein Lithiumsalz aus Lithium und Orotsäure. Diese Verbindung vermeidet die Bindung an Amyloid-Plaques und bleibt so im Gehirn verfügbar. In den Tierversuchen wirkte sie bereits in sehr niedriger Dosis und zeigte in so geringer Konzentration keine Anzeichen von Toxizität. An Mausmodellen konnten die Forschenden beobachten, dass sich Gedächtnisleistungen selbst bei älteren Tieren mit fortgeschrittener Erkrankung deutlich verbesserten.

Studie zu leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI)

In einer 12-monatigen Doppelblindstudie wurden Patienten mit einer leichten amnestischen kognitiven Störung (MCI) randomisiert einer Behandlung mit Lithium oder Plazebo zugeteilt. Die Ergebnisse zeigten, dass die kognitive und funktionelle Verschlechterung unter Lithium geringer war als unter Plazebo. Zudem nahm die Konzentration von phosphoryliertem Tau (P-Tau) im Liquor bei den mit Lithium behandelten Patienten ab, während sie unter der Plazebo-Behandlung zunahm. Dies deutet darauf hin, dass Lithium einen protektiven Effekt bei Personen mit erhöhtem Risiko für eine Alzheimer-Demenz haben könnte.

Lithiumorotat im Detail

Lithiumorotat wird in deutlich geringeren Dosierungen eingesetzt als Lithium-Salze bei der Behandlung bipolarer Störungen. Zur Prävention und Behandlung von neuroinflammatorischen Zuständen wird eine viel niedrigere Dosierung empfohlen. Eine tägliche Einnahme von etwa 115 mg Lithium-Orotat, was etwa 5 mg reinem Lithium entspricht, ist ausreichend. Diese Dosierung ist etwa 40-mal geringer als die bei der Behandlung bipolarer Störungen.

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Vorteile von Lithiumorotat gegenüber anderen Lithium-Salzen

Lithium-Orotat bietet mehrere Vorteile gegenüber anderen Lithium-Salzen wie Lithium-Carbonat:

  • Bessere Bioverfügbarkeit: Lithium-Orotat wird effizienter im Darm resorbiert und hat eine längere Halbwertszeit im Körper, was zu stabileren Lithium-Spiegeln führt.
  • Höhere Konzentration im Gehirn: Aufgrund eines speziellen Transportmechanismus wird Lithium-Orotat besser über die Blut-Hirn-Schranke transportiert, was besonders vorteilhaft für die Behandlung von neurologischen und psychischen Erkrankungen ist.
  • Geringere Dosierung erforderlich: Lithium-Orotat benötigt geringere Dosierungen, um die gleichen therapeutischen Effekte zu erzielen, was das Risiko von Nebenwirkungen reduziert.
  • Weniger Nebenwirkungen: Aufgrund der niedrigeren erforderlichen Dosierungen sind die Nebenwirkungen von Lithium-Orotat im Vergleich zu anderen Lithium-Salzen deutlich geringer.
  • Zusätzliche Vorteile von Orotat: Orotat selbst unterstützt die Gehirnfunktion und Gedächtnisleistung, was die positiven Effekte von Lithium-Orotat weiter verstärkt.

Klinische Studien am Menschen sind erforderlich

Ob Lithiumorotat auch beim Menschen Alzheimer vorbeugen oder rückgängig machen kann, ist noch nicht bewiesen. Dafür sind kontrollierte klinische Studien nötig. Bisher gibt es keine klinischen Studien, die belegen, dass Lithium - in welcher Form auch immer - Alzheimer beim Menschen wirksam vorbeugen oder behandeln kann. Die bisherigen Ergebnisse stammen aus Beobachtungsstudien, Tierversuchen und Analysen menschlichen Gewebes.

Warnung vor Selbstmedikation

Bis dahin sollte Lithium nicht eigenständig zur Vorbeugung oder Behandlung eingenommen werden, da Lithium in zu hohen Dosen giftig sein kann. Eine falsche Dosierung kann außerdem gesundheitsschädlich sein, insbesondere für ältere Menschen. Unter anderem deswegen ist die Verwendung von Lithium als Nahrungsergänzungsmittel auch in der Europäischen Union verboten. Eine Einnahme von Lithium oder Lithiumorotat sollte deshalb ausschließlich im Rahmen ärztlich begleiteter Therapien erfolgen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Studienergebnisse sind vielversprechend, aber es besteht noch Forschungsbedarf. Es bedarf aussagekräftiger klinischer Studien, in denen die notwendige Dosis, die Wirkung und Nebenwirkungen von Lithium ausreichend untersucht werden. Sollten sich die Ansätze aus Harvard dabei als auch für den Menschen tauglich erweisen, dürfte es trotzdem noch Jahre dauern, bis sie ihren Weg in die reguläre Behandlung finden.

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