Migräne ist eine weitverbreitete neurologische Erkrankung, die den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. In Deutschland sind fast 15 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer betroffen. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber genetische Faktoren und individuelle Auslöser, sogenannte Trigger, spielen eine große Rolle. In den letzten Jahren rückt ein weiterer potenzieller Auslöser immer stärker in den Fokus: die intensive Nutzung digitaler Medien.
Wie Migräne entsteht: Ein Blick in die Mechanismen
Wie eine Migräneattacke entsteht, ist noch nicht vollständig geklärt. Die führende Theorie besagt, dass die Attacken im Gehirn beginnen, genauer gesagt im Hypothalamus. Dieser wird auch als Taktgeber des Körpers bezeichnet, von hier aus werden Hunger und Schlaf-Wach-Rhythmus bestimmt. Während einer solchen Attacke aktiviert der Hypothalamus den Trigeminusnerv, einen Gesichtsnerv. Dadurch werden Entzündungsbotenstoffe freigesetzt, zum Beispiel das sogenannte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP).
Migräne verläuft typischerweise in vier Phasen:
- Prodromalphase (Vorbotenphase): Stunden bis Tage vor der Attacke können Symptome wie Müdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Heißhunger oder Nackensteifigkeit auftreten. Ein Drittel aller Migräniker ist von diesen Symptomen betroffen.
- Auraphase: Bei ungefähr zehn bis 15 Prozent aller Migräniker treten visuelle oder sensorische Störungen auf - zum Beispiel Flimmern, Zickzacklinien oder Kribbeln.
- Kopfschmerzphase: Es folgen starke, pulsierende Kopfschmerzen, meist einseitig, begleitet von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
- Postdromalphase: Nach der Kopfschmerzphase können sich Betroffene erschöpft und ausgelaugt fühlen.
Die Diagnose basiert hauptsächlich auf der Anamnese und der Beschreibung der Symptome. Migräne kann in jedem Alter auftreten, sogar bei Babys. Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) sind vier bis fünf Prozent der Kinder betroffen.
Digitaler Stress: Ein moderner Auslöser für Kopfschmerzen
Digitaler Stress, auch "Technostress" genannt, gerät immer mehr in den Fokus der medizinischen und gesellschaftswissenschaftlichen Forschung. Er entsteht durch die intensive, bis hin zu permanenten Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Der permanente Zugang zu einer ungeheuer großen Menge und Komplexität an Content kann Stress auslösen.
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Verschiedene Lebensbereiche verlangen uns unterschiedliche Formen der digitalen Interaktion ab. Im Studium, im Beruf und in der Freizeit sind digitale Medien allgegenwärtig. Besonders das Smartphone ist ständiger Begleiter.
Die Auswirkungen von intensivem Smartphone-Gebrauch
Viele Forschungsarbeiten heben einerseits die positiven Aspekte von Smartphones hervor: Durch Smartphones haben wir jederzeit Zugang zu Informationen, Unterhaltung und auch zu einander. Andererseits zeigen sich übereinstimmend Korrelationen von intensivem Smartphone-Gebrauch mit einem erhöhten Aufkommen von Stress.
Eine schwedische Untersuchung mit über 4.000 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren konnte bereits im Jahr 2011 einen Zusammenhang zwischen solchem Stress, der durch intensive Smartphone-Nutzung ausgelöst wird, und dem Auftreten von Schlafstörungen und Depressionssymptomen zeigen.
FOMO und Aufmerksamkeitsökonomie
Neuere Forschungsarbeiten aus dem Bereich der Psychologie kommen zu dem Ergebnis, dass ein entscheidender Faktor, der zu problematischer Smartphone-Nutzung führt, die sogenannte FOMO („fear of missing out“ - Angst, etwas zu verpassen) ist. Die allgegenwärtige Angst, dass andere Menschen bereichernde Erlebnisse haben, die man selbst verpasst, ist ein verhältnismäßig neues Phänomen. Die Forscher sehen die Ursache von FOMO in der permanenten digitalen Verbindung der Nutzer untereinander durch ihre Smartphones und insbesondere die sozialen Medien.
Weitere psychische Kosten, die durch eine permanente digitale Verfügbarkeit entstehen können, betreffen den Bereich der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie. Ständige Notifications auf dem Smartphone reißen uns aus unserer Konzentration. Eine US-amerikanische Untersuchung mit Experimenten an knapp 600 Studierenden aus dem Jahr 2017 konnte zeigen, dass solche wiederkehrenden kurzen Ablenkungen dazu führen, dass wir in der Anwesenheit unseres Smartphones unsere kognitive Leistungsfähigkeit nicht voll ausnutzen können („brain drain hypothesis“). Interessanterweise half es gegen diese kognitiven Einbußen nicht, das Smartphone mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch zu legen, noch, es stumm- oder auszuschalten. Die bloße Anwesenheit des Smartphones führte zum „brain drain“ der Studienteilnehmer.
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Digitaler Stress und Kopfschmerzen: Ein Teufelskreis
Dass Stress ein entscheidender Faktor bei der Entstehung von Kopfschmerzen und Migräne ist, sind sich Mediziner einig. Digitaler Stress kann die Kopfschmerzbelastung von Betroffenen verschlimmern.
Eine aktuelle, groß angelegte deutsche Studie zu digitalem Stress bei Arbeitnehmern mit über 5.000 Studienteilnehmern konnte zeigen, dass 55 Prozent der Befragten, die sich als stark digital gestresst bezeichneten, unter regelmäßigen Kopfschmerzen litten, während es unter den weniger Belasteten ‚nur‘ 30 Prozent waren. Ebenfalls 25 Prozentpunkte höher war der Anteil derjenigen, die mit nächtlichen Schlafstörungen zu kämpfen hatten. Allgemein körperlich erschöpft fühlten sich 38 Prozent der digital Gestressten - 22 Prozentpunkte mehr als bei den weniger Gestressten - und die emotionale Erschöpfung war um 27 Prozentpunkte höher.
Der Schmerzmediziner Jansen sieht in den vielen Stunden, die wir vor digitalen Endgeräten verbringen, einen doppelten Stressor. "Wir sind dadurch einem Dauerbeschuss von negativen Informationen ausgesetzt: Krieg in Europa, schwierige wirtschaftliche Situation, unberechenbare Politik international und national. Diese Nachrichten kommen über alle möglichen Kanäle und Netzwerke und prasseln quasi im Sekundentakt auf uns ein. Das bedeutet gleichzeitig externer und interner Stress: Wir haben Dauerängste, fühlen uns dauerbedroht, die Kommunikation wird von Schreckensszenarien bestimmt. Angst führt zu einer vermehrten Freisetzung von Stresshormonen."
Die digitale Welt fordert ihren gesundheitlichen Tribut. Immer mehr Menschen geben die stetige Bildschirmnutzung als Auslöser von Stress und Kopfschmerzen an, zeigt der aktuelle Kopfschmerz- und Migräne-Report des Thomapyrin®-Herstellers Opella. Bei dieser repräsentativen Umfrage von Bilendi wurden 3300 Betroffene zwischen 18 und 79 Jahren im Zeitraum vom 17. bis 28. März 2025 zu ihren Kopfschmerzen befragt. So geben 37 Prozent der Befragten an, zwischen zwei und vier Stunden täglich am Handy zu verbringen. Bei weiteren 11 Prozent sind es sogar mehr als 4 Stunden. Außerdem sitzen 28 Prozent länger als 4 Stunden pro Tag am Computerbildschirm. Besonders hoch sind die Handyzeiten bei den jungen Menschen.
Eine viel beachtete Studie aus dem vergangenen Jahr, deren Daten während der Corona-bedingten Homeschooling-Phasen erhoben wurden, belegte eine Korrelation zwischen der Dauer digitaler Bildschirmexposition und der Zunahme von Kopfschmerzepisoden. Außerdem gebe es Hinweise darauf, dass die häufige Nutzung von Smartphone und Tablet den Kopf stärker belastet als Computerarbeit oder Fernsehen, informierte Jansen, der auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin ist.
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Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen: Ein wachsendes Problem
Experten machen insbesondere den übermäßigen Medienkonsum und mangelnde Bewegung dafür verantwortlich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche an Kopfschmerzen leiden. Eine aktuelle Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt, dass mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland die sozialen Medien riskant oder krankhaft nutzt. Im internationalen Vergleich zählt Deutschland zu den Spitzenreitern. Nach einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verbringen 15-Jährige hierzulande 48 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm, das sind fast sieben Stunden am Tag.
Viele Jugendliche, die in die Kopfschmerz-Sprechstunde kommen, verbringen täglich fünf bis sieben Stunden vor einem Bildschirm. Gleichzeitig fehlt es an Bewegung und einer gepflegten Langeweile, einer Zeit, in der sie einfach mal spielen, faulenzen, malen, in der Natur sind. Studien belegen, dass die Zunahme der Kopfschmerzen eng mit zu wenig Bewegung verknüpft ist.
Das stundenlange Gucken auf Bildschirme mit vorgebeugtem Körper und starrer Kopfhaltung kann eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kopfschmerzen spielen.
Präventionsstrategien und Behandlungsmöglichkeiten
Auch wenn für das Erforschen der genauen Zusammenhänge von digitalem Stress und seinen möglichen gesundheitlichen Folgen noch viel Arbeit geleistet werden muss, kann man dem aktuellen Stand der Wissenschaft schon einmal entnehmen, dass wir uns der zunehmenden Eroberung fast all unserer Lebensbereiche durch die digitalen Medien nicht völlig unachtsam hingeben sollten.
Niemand wird die großen Vorteile leugnen wollen, die die Digitalisierung für viele Bereiche unseres Lebens mit sich bringt und eine Rückkehr zur vordigitalen Zeit ist sicher nicht die richtige Forderung. Das Smartphone ganz aus dem Leben zu verbannen, ist unrealistisch und in letzter Konsequenz wohl auch für kaum jemanden wünschenswert. Eine Option aber, die uns allen bleibt, ist „Digital Detox“:
- Öfter mal für einige Stunden das Handy aus dem Raum verbannen - zum Beispiel beim Lernen fürs Studium, Lesen in der Freizeit oder auch zum Schlafen.
- Das Handy gar nicht erst mitnehmen auf die Wanderung oder zum Konzert.
Neben der Reduktion des Medienkonsums gibt es weitere Möglichkeiten, Migräne vorzubeugen und zu behandeln:
Nicht-medikamentöse Ansätze
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation, Yoga, Selbstachtsamkeits-Training können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet spezielle Entspannungsmedien, die von Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Hartmut Göbel entwickelt wurden.
- Regelmäßiger Ausdauersport: Aerobes Ausdauertraining mit einer Herzfrequenz von 64-76 Prozent der maximalen Herzfrequenz hat sich als besonders wirksam erwiesen.
- Ernährung: Eine kohlenhydratreiche Ernährung mit komplexen Kohlenhydraten (Kartoffeln, Reis, Vollkornprodukte) und Omega-3-Fettsäuren kann die Energieversorgung der Nervenzellen verbessern und Entzündungen reduzieren. Regelmäßige Mahlzeiten und ein stabiler Blutzuckerspiegel sind ebenfalls wichtig.
- Schlaf: Ein regelmäßiger Schlaf- und Wachrhythmus stabilisiert den Energieumsatz in den Nervenzellen.
- Migräne-Tagebuch: Ein sorgfältig geführtes Migräne-Tagebuch über Wochen oder Monate hilft, Auslöser zu erkennen und wirksame Gegenmaßnahmen zu finden.
Medikamentöse Behandlung
- Akuttherapie: Bei akuten Migräneattacken werden Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Naproxen eingesetzt. Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es auch spezielle Migränemedikamente, sogenannte Triptane. Sie wirken gefäßverengend und hemmen entzündliche Prozesse. Für Patienten, die Triptane nicht vertragen, bieten Medikamente wie Ditane eine Alternative. Kombinationspräparate mit Koffein haben sich ebenfalls bewährt.
- Prophylaxe: Zur Vorbeugung von Migräneanfällen können Betablocker, Antidepressiva und Antikonvulsiva eingesetzt werden. Eine neuere Entwicklung in der Migräneprophylaxe sind CGRP-Antikörper, die entzündliche Prozesse blockieren und besonders für Patienten mit häufigen Anfällen geeignet sind. Seit März sind auch einige Vertreter der sogenannten Gepante in Europa zugelassen. Dabei handelt es sich um eine Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen nicht nur vorbeugen, sondern auch im Akutfall helfen sollen.
Spezielle Therapie für Kinder
Häufig wird Migräne bei Kindern übersehen und mit Schulangst verwechselt. Oft helfe bereits das richtige Verhalten zum Beginn einer Attacke, wie Ruhe und Schlaf. Außerdem gibt es Medikamente, um stark betroffenen Kindern helfen zu können. Die Progressive Muskelentspannung für Kinder ist ein professionelles klassisches Entspannungstraining für Kids, das von der Schmerzklinik Kiel entwickelt wurde.
Wann ist eine ärztliche Abklärung notwendig?
Es gibt zahlreiche wichtige Gründe für eine ärztliche Abklärung:
- Kopfschmerzen treten erstmals auf und man hat keine klare Diagnose.
- Sie bessern sich nicht, obwohl man rezeptfreie Schmerzmittel versucht hat.
- Sie beeinträchtigen den Schlaf, das Aktivitätsniveau oder die Arbeit.
- Sie werden häufiger, schwerer, und die Behandlung funktioniert nicht mehr.
- Die Schmerzen treten plötzlich wie noch nie auf und werden schnell vernichtend stark.
- Sie werden von einem steifen Nacken und/oder Fieber begleitet.
- Sie gehen mit Gedächtnisreduktion, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Krampfanfall, Ohnmacht, Verwirrung oder Persönlichkeitsveränderungen einher.
- Sie beginnen nach einer Verletzung, insbesondere am Kopf.
- Sie werden von Schwäche, Taubheit, Sehstörungen und Gelenkschmerzen begleitet.