Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine ernstzunehmende Viruserkrankung, die durch Zeckenstiche übertragen wird und Entzündungen im Gehirn, den Hirnhäuten und dem Rückenmark verursachen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Lumbalpunktion in der Diagnostik der FSME, erklärt die Erkrankung selbst und gibt einen Überblick über Prävention und Behandlung.
Was ist FSME?
Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine Entzündung, die durch das FSME-Virus verursacht wird und Gehirn, Hirnhäute und manchmal auch das Rückenmark befallen kann. Der Name deutet auf die Hauptsaison der Erkrankung hin, obwohl Infektionen inzwischen fast ganzjährig auftreten können. Das FSME-Virus gehört zur Familie der Flaviviren, zu der auch die Erreger des Dengue- und Gelbfiebers zählen.
Übertragung und Risikogebiete
Die Hauptüberträger des FSME-Virus sind Zecken, in Deutschland vor allem der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus). Diese leben in Wäldern, hohem Gras, Gebüsch und losem Laub und werden ab Temperaturen von etwa 6-8°C aktiv, weshalb die Infektionsgefahr von März bis November am größten ist. Der Übertragungsweg ist fast immer ein Zeckenstich. Seltener ist eine Ansteckung durch den Verzehr von unpasteurisierter Rohmilch oder daraus hergestellten Produkten von infizierten Ziegen, Schafen oder Kühen möglich.
Das FSME-Virus ist in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz, den baltischen Staaten, Skandinavien, Polen, Ungarn, Tschechien, Kroatien und Slowenien weit verbreitet. Hochrisikogebiete sind an der Donau um Wien, zwischen Passau und Linz, um St. Pölten und in der Wachau. In Deutschland gibt es Risiko- und Hochrisikogebiete, über die das Robert Koch-Institut informiert. Ein Risikogebiet ist so definiert, dass in einem Zeitraum von einem Jahr mindestens zwei oder innerhalb von fünf Jahren mindestens fünf FSME-Fälle auftreten.
Symptome und Krankheitsverlauf
Die FSME verläuft typischerweise in zwei Phasen, wobei die Inkubationszeit durchschnittlich 7 bis 14 Tage beträgt, in Einzelfällen bis zu 28 Tage.
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Erste Krankheitsphase
Nach der Inkubationszeit treten zunächst unspezifische, grippeähnliche Beschwerden auf, wie:
- Fieber (in der Regel nicht über 38°C)
- Kopfschmerzen
- Abgeschlagenheit
- Gliederschmerzen
- Übelkeit, Erbrechen und Schwindel
Diese erste Phase dauert einige Tage bis eine Woche. Bei vielen Betroffenen (etwa 70 bis 95%) ist die Erkrankung damit überstanden und heilt folgenlos aus. Oft wird die Infektion in diesem Stadium gar nicht als FSME erkannt, sondern für eine harmlose „Sommergrippe" gehalten oder sie verursacht gar keine Beschwerden.
Zweite Krankheitsphase
Bei etwa 10 bis 30% der Infizierten kommt es nach einem beschwerdefreien Intervall von einigen Tagen zu einer zweiten Krankheitsphase. Nun gelangt das Virus ins zentrale Nervensystem und kann verschiedene Bereiche befallen und verschiedene Symptome hervorrufen:
- Hirnhautentzündung (Meningitis): Hohes Fieber, starke Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen.
- Gehirnentzündung (Enzephalitis): Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma, Gleichgewichtsstörungen, Zittern in Armen und Beinen, Sprachstörungen, Verhaltens- und Wesensveränderungen, Krampfanfälle.
- Rückenmarksentzündung (Myelitis): Lähmungen der Arme und Beine, Lähmungen im Schulterbereich, Schluck- und Sprechstörungen, im schlimmsten Fall Atemlähmung.
Je nach Schweregrad der Erkrankung können die Symptome Wochen bis Monate anhalten. Bei älteren Menschen über 60 Jahre verläuft die Erkrankung häufig schwerer als bei jüngeren Erwachsenen und Kindern.
Die Rolle der Lumbalpunktion in der FSME-Diagnostik
Wenn der Verdacht auf FSME besteht, wird der Arzt zunächst nach den Symptomen fragen und ob sich der Patient in einem FSME-Risikogebiet aufgehalten hat oder sich an einen Zeckenstich erinnern kann. Zur Diagnosesicherung sind folgende Untersuchungen wichtig:
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Blutuntersuchung
Im Blut werden spezifische Antikörper gegen das FSME-Virus nachgewiesen. Besonders aussagekräftig ist der gleichzeitige Nachweis von IgM- und IgG-Antikörpern. Die Antikörper sind allerdings erst etwa zwei bis vier Wochen nach dem Zeckenstich nachweisbar. FSME-spezifische Immunglobulin-M- (IgM) und IgG-Antikörper im Serum (ggf. IgG: Auftreten ca. Ab ca.
Liquoruntersuchung (Lumbalpunktion)
In schweren Fällen wird eine Lumbalpunktion durchgeführt, bei der eine kleine Menge Nervenwasser (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal entnommen wird. Bei einer FSME zeigen sich typische Entzündungszeichen, wie eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen (Pleozytose). Die Nervenwasseranalyse (Lumbalpunktion) sollte bei jedem fieberhaften Infekt mit Zeichen der meningealen Reizung (Nackensteifigkeit) erfolgen.
Bedeutung der Liquoruntersuchung
Die Liquoruntersuchung ist ein entscheidender Schritt in der Diagnostik der FSME, da sie:
- Entzündungszeichen im zentralen Nervensystem direkt nachweist.
- Andere Ursachen für die Symptome ausschließen kann (Differentialdiagnose).
- Den direkten Virusnachweis oder den Nachweis von Antikörpern im Liquor ermöglicht.
- Informationen über den Schweregrad der Entzündung liefert.
FSME-RNA-Nachweis im Liquor (Nervenwasser) mittels PCR - v. a. Akute Krankheitsphase: in ca.
Bildgebende Verfahren
Bei schweren Verläufen oder unklarer Diagnose kann eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns durchgeführt werden. Dieses Verfahren hilft, andere Erkrankungen auszuschließen und kann bei einer FSME manchmal typische Veränderungen im Gehirn zeigen. Ist das zentrale Nervensystem betroffen oder bei unklarer Diagnose kann eine Bildgebung (Kernspintomographie) helfen, Veränderungen an Rückenmark oder Gehirn zu zeigen.
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Differentialdiagnosen
Je nach Ausprägung gibt es zahlreiche andere Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden wie eine FSME verursachen. Dazu gehört an erster Stelle die Herpes-simplex-Gehirnentzündung, weil eine sofortige Behandlung erforderlich ist. Weitere mögliche Differenzialdiagnosen sind Hirnhautentzündungen und Hirnentzündungen anderer Ursachen.
Therapie der FSME
Leider gibt es keine spezifische Therapie gegen das FSME-Virus. Die Behandlung konzentriert sich darauf, die Symptome zu lindern:
- Bettruhe in der akuten Phase
- Schmerzmedikamente bei schweren Verläufen
- Evtl. Behandlung auf der Intensivstation
- Bei Bedarf: Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie
- Bei anhaltenden Beschwerden gegebenenfalls Rehabilitationsmaßnahmen
Gegen die Infektion selbst gibt es bisher keinen Wirkstoff. Ist die Krankheit ausgebrochen, behandeln die Ärzte die Beschwerden mit Schmerzmitteln und fiebersenkenden Medikamenten, z. B. mit Paracetamol oder Metamizol. Bei Lähmungserscheinungen sollte eine frühzeitige, intensivierte und gezielte Ergo- und Physiotherapie erfolgen. Bei Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten kann man mit einem Kognitionstraining weiterhelfen. In schweren Fällen, zum Beispiel bei Atemmuskellähmung, ist eine Behandlung auf der Intensivstation notwendig. Bei länger bestehenden Beschwerden ist ein Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik sinnvoll.
Prognose
Die Prognose hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. Die meisten Fälle mit isolierter Hirnhautentzündung heilen folgenlos aus. Bei Gehirn- oder Rückenmarksbeteiligung können jedoch bei etwa 20 bis 30% der Patienten neurologische Defizite zurückbleiben. Etwa ein Prozent der Erkrankten verstirbt. Bei der Mehrzahl der Patienten heilt die Krankheit glücklicherweise vollständig wieder aus.
Komplikationen
Die Viruserkrankung kann in seltenen Fällen mit Komplikationen verbunden sein. Liegt ein biphasischer Krankheitsverlauf vor, handelt es sich bei 5-10% der Patienten um eine (Meningo-)Enzephalomyelitis, die mit einem komplizierten Verlauf und eine schlechteren Prognose einhergeht.
Prävention: Schutz vor FSME
Da keine ursächliche Behandlung verfügbar ist, ist die Vorbeugung umso wichtiger.
FSME-Impfung
Die wirksamste Vorbeugung ist die FSME-Impfung, die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Menschen empfohlen wird, die in FSME-Risikogebieten leben oder dorthin reisen und sich dort im Freien aufhalten. Der volle Impfschutz erfordert drei Impfdosen, gefolgt von Auffrischungen alle drei bis fünf Jahre (je nach Alter). Die Impfung ist gut verträglich und schützt gegen alle FSME-Virustypen. Die FSME-Impfung schützt übrigens nur vor der FSME, nicht vor anderen zeckenübertragenen Erkrankungen wie der Lyme-Borreliose.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts empfiehlt allen Reisenden in und Bewohnern von Risikogebieten diese Impfung. Die Kosten für die FSME-Impfung werden von den gesetzlichen Krankenkassen für Bewohner von Risikogebieten übernommen. Die meisten Krankenkassen bezahlen eine FSME-Impfung auch als Reiseimpfung.
Impfschemata
- Konventionelles Impfschema: Die ersten beiden FSME-Impfungen erhalten Sie je nach verwendetem Impfstoff im Abstand von 2 Wochen bis 3 Monaten. Die dritte Impfung erfolgt nach weiteren 5-12 oder nach 9-12 Monaten. 2 Wochen nach der zweiten Impfung setzt der vorübergehende Impfschutz bereits ein, der für die laufende Saison zunächst ausreichend ist. Die Grundimmunisierung schützt mindestens 3 Jahre vor der Erkrankung und ist nach der dritten Impfung abgeschlossen. Bei weiterbestehender Indikation sollte nach 3 Jahren eine erste Auffrischimpfung erfolgen. Weitere Auffrischimpfungen sind in der Regel im Abstand von 5 Jahren nötig.
- Schnellimmunisierung: Ist ein schneller Impfschutz gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis nötig, kommt dieses spezielle Impfschema zum Einsatz. Auch hier hängt das Impfschema vom verwendeten Impfstoff ab. Beispielweise können die ersten beiden Impfungen dabei im Abstand von einer Woche erfolgen. Die dritte erfolgt zwei Wochen nach der zweiten FSME-Impfung, also drei Wochen nach der ersten Impfung. Ein verlässlicher, aber nur vorübergehender Impfschutz, besteht ab dem Tag der letzten Impfung (etwa nach 3 Wochen). Alternativ ist es möglich, die beiden ersten Impfungen in einem Abstand von zwei Wochen zu verabreichen und eine dritte Impfung nach 5-12 Monaten. Eine erste Auffrischimpfung wird nach 3 Jahren notwendig. Weitere Auffrischimpfungen (bei Menschen unter 50 Jahren) sind erst wieder nach 5 Jahren zu empfehlen. Bei Personen ab 50 Jahren ist der Impfschutz jedoch nur sicher, wenn die Auffrischung weiterhin alle 3 Jahre stattfindet, denn in dieser Altersklasse reagiert das Abwehrsystem schwächer auf die Impfung.
Schutz vor Zeckenstichen
- Tragen Sie in Risikogebieten lange, helle Kleidung. Auf heller Kleidung können Sie Zecken leichter entdecken.
- Verwenden Sie Zeckenschutzmittel (Repellents) auf Haut und Kleidung.
- Meiden Sie Zeckenorte: Halten Sie sich möglichst nicht in hohem Gras und Unterholz auf. Zecken sitzen bodennah in der Vegetation, und zwar vor allem in einer Höhe von 30-60 cm. Sie fallen also nicht von den Bäumen, wie häufig behauptet wird.
- Auf Zecken kontrollieren: Suchen Sie nach dem Spazierengehen oder Wandern Ihre Haut nach Zecken ab, vor allem die Kniekehle, Arme, Hals und Kopf und Intimbereich.
- Nicht hilfreich ist es, Klebstoff, Nagellack oder ähnliches auf die Zecke zu geben. Damit erhöhen Sie lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass die Zecke den Speichel und damit die Viren in die Wunde gibt.
- Entfernen Sie die Zecke umgehend am besten mit einer Pinzette oder einem Instrument zur Zeckenentfernung. Greifen Sie die Zecke mit der Zeckenpinzette so nah wie möglich an der Haut, an der Stichstelle und ziehen Sie sie langsam und gerade heraus. Desinfizieren Sie die Einstichstelle. Die Zecke nicht zusammendrücken oder verdrehen (sonst besteht die Gefahr, dass infizierter Speichel in die Wunde gelangt). Auf keinen Fall Hausmittel (z. B. Öl) benutzen, da auf diese Weise ebenfalls infizierter Speichel in den Körper gelangen kann.
Schutz von Haustieren
Achten Sie darauf, dass Ihr Haustier keine Zecken mit nach Hause bringt. Vorbeugend wirken sogenannte Spot-on-Lösungen, die direkt auf die Haut aufgebracht werden oder spezielle Zeckenhalsbänder. Inzwischen gibt es auch Tabletten, die bis zu 3 Monate lang gegen Zecken wirken. Die Wirkstoffe der Tabletten schaden den Zecken jedoch in der Regel erst nach dem Biss. Damit verhindern die Tabletten die Kranheitsübertragung an Hund oder Katze. Wird die Zecke jedoch nur im Fell mitgebracht, nimmt sie den Wirkstoff nicht auf und kann sich noch ein anderes Opfer suchen.
Fallbeispiel
Die 39-jährige Hanna leidet seit zwei Tagen an heftigen Kopfschmerzen und fühlt sich sehr abgeschlagen - mit Fieber bis 40°C. Sie habe seither das Bett nicht mehr verlassen können. Sie ist sonst sehr sportlich. Auch der Nacken schmerze sehr und fühle sich extrem steif an. Vor zwei Wochen habe sie auf dem Donauradweg eine Fahrradtour unternommen und sich dabei einen Zeckenstich eingefangen. Einen Impfschutz gegen Zecken habe sie nicht.
Dieses Fallbeispiel verdeutlicht die typischen Symptome und den möglichen Verlauf einer FSME-Erkrankung nach einem Zeckenstich in einem Risikogebiet.
Fazit
Die FSME ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die durch Zecken übertragen wird und zu schweren Entzündungen des zentralen Nervensystems führen kann. Die Lumbalpunktion spielt eine zentrale Rolle in der Diagnostik, um die Erkrankung zu bestätigen und andere Ursachen auszuschließen. Die beste Vorbeugung ist die FSME-Impfung, insbesondere für Menschen, die in Risikogebieten leben oder sich dort aufhalten. Zusätzlich sollten Maßnahmen zum Schutz vor Zeckenstichen ergriffen werden. Bei Verdacht auf FSME ist eine schnelle ärztliche Abklärung unerlässlich, um frühzeitig mit der symptomatischen Behandlung beginnen zu können.
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