Lumbalpunktion und Parkinson-Diagnose: Einblick in frühe Erkennung und neue Tests

Die frühzeitige Diagnose ist ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Behandlung vieler Krankheiten, und das gilt auch für Morbus Parkinson. Die Fachwelt feiert derzeit einen neuen Test, der eine besonders frühe Diagnose von Parkinson ermöglichen soll. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung dieses Tests für Patienten und gibt einen umfassenden Überblick über die aktuellen Diagnosemethoden und Forschungsansätze im Bereich der Parkinson-Erkrankung.

Herausforderungen bei der frühen Diagnose von Parkinson

Morbus Parkinson ist nach Demenz-Erkrankungen wie Morbus Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. In Deutschland sind etwa 400.000 Menschen davon betroffen. Obwohl die Lebenserwartung der Betroffenen kaum eingeschränkt ist, entwickeln viele im Laufe der Zeit Pflegebedürftigkeit. Die Krankheit beginnt meist nach dem 50. Lebensjahr, wobei das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter steigt.

Oftmals zeigen sich zunächst unspezifische Frühsymptome wie depressive Verstimmungen, Schlafstörungen, Verstopfung oder ein Verlust des Geruchssinns. In diesem Stadium ist eine Diagnose jedoch schwierig. Meist wird Parkinson erst dann erkannt, wenn die charakteristischen motorischen Symptome wie verlangsamte Bewegungen (Bradykinese), Muskelsteifigkeit (Rigor) und Ruhezittern (Tremor) auftreten. Zu diesem Zeitpunkt sind jedoch bereits viele Nervenzellen im Gehirn verloren gegangen, und der Krankheitsprozess ist schon seit einigen Jahren im Gange.

Der neue Test zur Früherkennung: Nachweis von fehlgefaltetem Alpha-Synuclein

Ein neuer Test soll eine Diagnose bereits vor dem Auftreten der motorischen Symptome ermöglichen. Er basiert auf dem Nachweis einer fehlerhaft gefalteten Form des Proteins Alpha-Synuclein im Nervenwasser (Liquor). Alpha-Synuclein spielt vermutlich eine Rolle bei der Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn. Wenn sich das Protein falsch faltet und verklumpt, lagert es sich an den Nervenzellen ab und beeinträchtigt deren Funktion, was letztendlich zum Zelltod führen kann. Es wird vermutet, dass diese Eiweißablagerungen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Parkinson spielen.

Für den Test, der von einem internationalen Forschungsteam mit Unterstützung der Michael J. Fox-Stiftung entwickelt wurde, wird eine Probe Nervenwasser benötigt. Diese wird im Rahmen einer Lumbalpunktion gewonnen, bei der mit einer speziellen Hohlnadel im unteren Rückenmarkkanal eine Probe entnommen wird.

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Eine Studie, die in der Mai-Ausgabe von Lancet Neurology veröffentlicht wurde, umfasste 1123 Teilnehmer. Ein Teil der Probanden hatte bereits Parkinson, ein anderer Teil trug ein genetisches Risiko für die Erkrankung, und eine dritte Gruppe zeigte allgemeine Beschwerden, die Frühsymptome sein konnten. Auch gesunde Kontrollpersonen nahmen an der Studie teil. Der Test konnte bei 88 Prozent der Parkinson-Patienten das fehlgefaltete Alpha-Synuclein nachweisen. Bei Patienten mit Parkinson und beeinträchtigtem Geruchssinn lag die Nachweisrate sogar bei 99 Prozent, und bei Patienten mit REM-Schlaf-Verhaltensstörung bei 63 Prozent.

Nutzen für Patienten und aktuelle Therapieansätze

Obwohl die Studienergebnisse vielversprechend sind, ist der unmittelbare Nutzen für Parkinson-Patienten derzeit begrenzt. Die Symptome der Erkrankung lassen sich zwar oft gut mit Medikamenten und anderen Therapien kontrollieren, und es werden verschiedene neue Therapieansätze erforscht, darunter bereits zugelassene Medikamente sowie Immun- und Stammzelltherapien. Bisher konnte jedoch keine dieser Therapien das Fortschreiten der Parkinson-Erkrankung aufhalten oder gar stoppen. Eine frühzeitige Diagnose führt daher aktuell nicht zu einer wesentlich effektiveren Behandlung als eine spätere Diagnose.

Ein weiterer Aspekt ist, dass der Test in seiner derzeitigen Form eine Lumbalpunktion erfordert, die mit potenziellen Nebenwirkungen wie Nervenschädigungen verbunden sein kann. Wissenschaftler arbeiten daher an Testvarianten, die das veränderte Alpha-Synuclein auch im Blut nachweisen können. Dr. Annika Kluge vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel hat zusammen mit Kollegen bereits einen solchen Bluttest entwickelt, der sich jedoch noch im experimentellen Stadium befindet und nicht automatisiert durchgeführt werden kann.

Die Vision: Ein Screening-Test für die Früherkennung von Parkinson

Trotz der aktuellen Einschränkungen betrachten Experten die frühe Diagnose als ein wichtiges Werkzeug für die Forschung. Der Test ermöglicht es, Patienten zu identifizieren, bevor sie typische Beschwerden entwickeln. Dies eröffnet neue Möglichkeiten zur Erforschung von Behandlungsansätzen, die früher ansetzen und möglicherweise erfolgreicher sind als Therapien, die erst später greifen.

Die Lumbalpunktion im Detail

Wenn im Gehirn oder Rückenmark etwas nicht stimmt, lassen sich Spuren im Nervenwasser feststellen - mittels Lumbalpunktion und Liquoranalyse. Das Nervenwasser umfließt Gehirn und Rückenmark. Bei einer Lumbalpunktion entnimmt man es aus dem Inneren des Wirbelsäulenkanals. Am häufigsten führt man die Nadel zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel ein (lumbal). Diese liegen im Bereich des unteren Rückens. Die Punktion ist nicht sehr schmerzhaft. Wenn der Raum mit dem Nervenwasser erreicht ist, tropft es heraus und sammelt sich in einem Röhrchen. Üblicherweise sitzt der Patient leicht nach vorne gekrümmt, wenn das Nervenwasser entnommen wird. Manche Erkrankte können nicht sitzen. Dann findet die Lumbalpunktion in Seitenlage mit angezogenen Knien statt. Manchmal liegen Untersuchte auf dem Bauch. Man durchleuchtet sie während der Lumbalpunktion mit Röntgen-Strahlen. Dann kann die Ärztin genau sehen, wie sie die Nadel führen muss.

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Wenn etwas Nervenwasser entnommen ist, folgt die Liquoranalyse als nächster Schritt. Das Nervenwasser wirkt wie eine Art Spülflüssigkeit für Gehirn und Rückenmark. Bestimmte Zellen im Gehirn produzieren und erneuern das Nervenwasser laufend. Das Nervenwasser ist normalerweise klar wie Wasser. Es enthält nur wenige Zellen, vor allem Lymphozyten. Diese kommen auch im Blut vor und sind wichtig für das Immunsystem. Ist im Gehirn und Rückenmark etwas entzündet, steigt der Anteil an Zellen und anderen Bestandteilen im Nervenwasser. Die genaue Menge gibt Hinweise auf die Ursache. Das können etwa Bakterien, Viren, Parasiten und Pilze sein. Auch Autoimmun-Entzündungen können aus solchen Veränderungen erkannt werden. Zu diesen gehört unter anderem die Multiple Sklerose. Einen ersten Hinweis darauf können bestimmte Symptome oder eine Magnet-Resonanztomographie (MRT) geben.

Gehirn und Rückenmark sind neben dem Nervenwasser von drei Hirnhäuten ummantelt. Blutungen in den Zwischenräumen lassen sich sehr präzise durch Lumbalpunktion und Liquoranalyse feststellen. Dies ist besonders bei kleinen Blutungen wichtig. Auch bei degenerativen Krankheiten des Hirns sind Lumbalpunktion und Liquoranalyse hilfreich. Die Liquoranalyse kann zudem entartete Zellen aufspüren. Diese zeigen, dass Hirnhäute oder Hirnkammern von Tumorzellen befallen sind. Im Gehirn gibt es vier dieser Kammern. Die wichtigsten Werte liegen nach wenigen Stunden vor.

Kontraindikationen und Risiken der Lumbalpunktion

Lumbalpunktion und Liquoranalyse kommen in einigen Fällen nicht infrage. Bei bestimmten Krankheiten kann der Druck im Gehirn erhöht sein, etwa bei einem großen Gehirntumor. Im Verdachtsfall stellen das eine CT oder MRT vor der Punktion fest. Auch bei stark erhöhter Blutungsneigung sollte keine Lumbalpunktion durchgeführt werden. Meistens kommt diese durch Medikamente zustande. Einfache Blutverdünner wie Aspirin oder Clopidogrel sind in Ordnung.

Insgesamt ist die Lumbalpunktion ein risikoarmer Eingriff. Von 100 Patienten haben 5 bis 10 anschließend Kopfschmerzen. Das ist am ehesten bei einem größeren Nervenwasserverlust der Fall. Der Grund dafür kann sein, dass nach der Entfernung der Nadel noch Liquor aus dem kleinen Loch in der Hirnhaut ins Gewebe tropft. Die Kopfschmerzen treten meist innerhalb der ersten zwei Tage nach der Punktion auf. Sie verstärken sich typischerweise beim Aufrichten und klingen nach vier bis fünf Tagen ab. Gegen die Schmerzen hilft viel zu trinken, Koffein oder das Medikament Theophyllin. Äußerst selten halten die Beschwerden länger an. Der Grund kann dann ein bleibendes kleines Leck im Rückenmarkskanal sein. Extrem selten treten bei 1 von 2.000 behandelten Personen weitere Probleme auf. Dazu gehören Blutungen oder Infektionen an der Punktionsstelle oder an den Hirnhäuten.

Weitere Ansätze zur Früherkennung von Parkinson

Neben dem Nachweis von fehlgefaltetem Alpha-Synuclein gibt es weitere vielversprechende Ansätze zur Früherkennung von Parkinson:

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  • Alpha-Synuclein-Seed-Amplification-Assays (SAA): Diese Methoden können geringste Mengen des fehlgefalteten Proteins nachweisen, indem sie es in vitro zunächst vermehren und dann mittels Fluoreszenzfärbung detektieren. Studien haben gezeigt, dass der Assay Personen mit Geruchsverlust als Frühsymptom mit hoher Sensitivität erkennt.

  • Bluttests zur Identifizierung von Proteinen: Forscher arbeiten an Bluttests, die mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) Eiweiße identifizieren, die auf Parkinson hinweisen. Ein solcher Test könnte eine einfache und kostengünstige Möglichkeit zur Früherkennung der Erkrankung darstellen.

  • PET-Tracer zur Visualisierung von Alpha-Synuclein-Ablagerungen: Neue PET-Tracer binden spezifisch an Alpha-Synuclein-Ablagerungen im Gehirn. Dies ermöglicht es Forschern, pathologische Veränderungen frühzeitig zu erkennen und von anderen Erkrankungen wie Alzheimer abzugrenzen.

  • Untersuchung des Immunsystems und des Darmmikrobioms: Studien deuten darauf hin, dass Veränderungen im Immunsystem und im Darmmikrobiom als Biomarker für Parkinson dienen könnten.

Differentialdiagnose: Abgrenzung von anderen Erkrankungen

Es ist wichtig, Parkinson von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen. Dazu gehören:

  • Atypische Parkinson-Syndrome (APD): Diese sind seltener als Morbus Parkinson, schreiten aber schneller voran und führen mit höherer Wahrscheinlichkeit zum Tod.

  • Normaldruckhydrozephalus (NPH): Diese Erkrankung ist durch eine Trias aus Gangstörung, Harninkontinenz und dementieller Entwicklung gekennzeichnet.

  • Essentieller Tremor (ET): Im Gegensatz zum Parkinsontremor ist der essentielle Tremor ein Aktionstremor, der bei aktiver Ausführung einer Tätigkeit auftritt.

  • Vaskuläres Parkinsonsyndrom: Dieses kann im Rahmen einer chronischen Durchblutungsstörung auftreten.

  • Sekundäre Parkinsonsyndrome: Diese können durch Traumata, Enzephalitis, Tumore oder Intoxikationen verursacht werden.

Therapie von Morbus Parkinson

Neurodegenerative Erkrankungen können bisher nicht geheilt, die degenerativen Prozesse nicht gestoppt werden. Ihr Fortschreiten und ihre Auswirkungen sind aber mit Medikamenten positiv beeinflussbar, z. B. L-DOPA, Dopaminagonisten, MAO-Hemmern etc. Wesentlicher Bestandteil der Parkinson-Therapie ist immer, gemeinsam mit Patient:innen und Angehörigen ein sehr individuelles therapeutisches Konzept zu entwickeln, das in Zusammenarbeit mit einer neurologischen Praxis weitergeführt werden kann. Denn die Behandlung ist eine Dauertherapie und daher ambulant. Mittlerweile werden immer häufiger auch andere Bewegungsstörungs-Erkrankungen identifiziert, die Folge einer Fehlaktivität des Immunsystems sind, also Autoimmunerkrankungen. Dazu gehört das z. B. das Stiff-Person-Syndrom. Dabei kommt es zu einer Versteifung der Extremitäten, teilweise auch der Rumpfmuskulatur, mit Fehlhaltungen und deutlich gestörten Bewegungsabläufen. Es ist wichtig eine derartige Störung von den neurodegenerativen oder genetischen Erkrankungen abzugrenzen, da hier durch Immuntherapeutika die Ursache selbst bekämpft werden kann. Medikamente sind z. B. Cortison, i.v.

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