Lumbalpunktion bei Influenza: Indikation, Durchführung und Interpretation

Die Lumbalpunktion, auch Liquorpunktion genannt, ist ein diagnostisches und therapeutisches Verfahren, bei dem eine Nervenwasserprobe (Liquor cerebrospinalis) aus dem Rückenmarkskanal entnommen wird. Sie spielt eine wichtige Rolle in der Abklärung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), insbesondere bei Verdacht auf Infektionen. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Lumbalpunktion im Zusammenhang mit Influenza-Infektionen.

Einführung

Das Influenza-Virus ist bekannt für seine grippalen Symptome wie Fieber, Gliederschmerzen und Atemwegsbeschwerden. In seltenen Fällen kann es jedoch auch das ZNS befallen und neurologische Komplikationen verursachen. Die Lumbalpunktion kann in solchen Fällen entscheidend sein, um die Diagnose zu sichern und die geeignete Behandlung einzuleiten.

Indikationen für eine Lumbalpunktion bei Influenza

Eine Lumbalpunktion wird bei Influenza-Patienten mit Verdacht auf ZNS-Beteiligung in folgenden Situationen in Betracht gezogen:

  • Meningitis: Entzündung der Hirnhäute, die sich durch Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit und Fieber äußern kann.
  • Enzephalitis: Entzündung des Gehirngewebes, die zu Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen und neurologischen Ausfällen führen kann.
  • Myelitis: Entzündung des Rückenmarks, die Schwäche, Sensibilitätsstörungen und Blasenfunktionsstörungen verursachen kann.
  • Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM): Eine seltene Autoimmunerkrankung des ZNS, die nach einer Infektion oder Impfung auftreten kann.
  • Atypische neurologische Symptome: Unerklärliche neurologische Symptome im Zusammenhang mit einer Influenza-Infektion, wie z.B. Krampfanfälle, Bewusstseinsveränderungen oder plötzliche Wesensveränderungen.
  • Differentialdiagnostik: Abgrenzung von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen, wie z.B. bakterielle Meningitis oder andere virale Enzephalitiden.

Ein Fallbericht schildert beispielsweise einen 52-jährigen Patienten, der im Rahmen einer Influenza-Infektion eine akute bilaterale Vestibulocochleopathie erlitt. Obwohl klinisch keine neurologische Beteiligung festgestellt wurde und die Lumbalpunktion unauffällig war, verdeutlicht dieser Fall die Notwendigkeit, bei Patienten mit grippalen Symptomen und neurologischen Auffälligkeiten auch an seltene Komplikationen zu denken.

Durchführung der Lumbalpunktion

Die Lumbalpunktion ist ein standardisiertes Verfahren, das in der Regel von einem Arzt durchgeführt wird. Die Vorbereitung und Durchführung umfassen folgende Schritte:

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  1. Aufklärung: Der Patient wird über den Ablauf, die Risiken und den Nutzen der Lumbalpunktion aufgeklärt.
  2. Vorbereitung: Die Blutungsneigung des Patienten wird überprüft, und gegebenenfalls werden blutverdünnende Medikamente abgesetzt. Die Einstichstelle im Bereich der Lendenwirbelsäule wird desinfiziert.
  3. Positionierung: Der Patient sitzt entweder mit gekrümmtem Rücken auf einer Liege oder befindet sich in Seitenlage mit angezogenen Beinen und zum Brustbein geneigtem Kinn. Diese Positionierung erleichtert den Zugang zum Rückenmarkskanal.
  4. Punktion: Der Arzt sticht mit einer dünnen Hohlnadel zwischen dem 3. und 4. oder 4. und 5. Lendenwirbel in den Rückenmarkskanal ein.
  5. Liquorentnahme: Das Nervenwasser tropft durch die Nadel in ein Probengefäß. In der Regel werden 10 bis 15 Milliliter Liquor entnommen.
  6. Abschluss: Die Nadel wird entfernt, die Einstichstelle verbunden, und der Patient sollte für mindestens eine halbe Stunde in Bauchlage ruhen.

Analyse des Liquors

Die entnommene Liquorprobe wird im Labor auf verschiedene Parameter untersucht, die wichtige Hinweise auf die Art und Ursache der Erkrankung liefern:

  • Zellzahl: Erhöhte Zellzahlen können auf eine Entzündung oder Infektion hinweisen.
  • Eiweißgehalt: Ein erhöhter Eiweißgehalt kann auf eine Schädigung der Blut-Hirn-Schranke oder eine Entzündung hindeuten.
  • Glukosegehalt: Ein erniedrigter Glukosegehalt kann auf eine bakterielle Infektion hindeuten.
  • Laktat: Erhöhte Laktatwerte können ebenfalls auf eine bakterielle Infektion hinweisen.
  • Erregerdiagnostik: Mittels PCR (Polymerase-Kettenreaktion) können spezifische Viren, wie z.B. das Influenza-Virus, im Liquor nachgewiesen werden.
  • Antikörper: Der Nachweis von Antikörpern gegen bestimmte Viren im Liquor kann auf eine Infektion des ZNS hinweisen.
  • Weitere Untersuchungen: Je nach klinischem Verdacht können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, wie z.B. die Bestimmung von Zytokinen oder die Suche nach Tumorzellen.

Interpretation der Ergebnisse im Kontext von Influenza

Die Interpretation der Liquorwerte im Zusammenhang mit einer Influenza-Infektion erfordert eine sorgfältige Abwägung der klinischen Symptome, der Anamnese und der übrigen Laborbefunde.

  • Virusnachweis: Der direkte Nachweis des Influenza-Virus im Liquor mittels PCR ist beweisend für eine Influenza-bedingte ZNS-Infektion. Allerdings ist der Virusnachweis nicht immer möglich, insbesondere wenn die Lumbalpunktion erst spät im Krankheitsverlauf durchgeführt wird.
  • Entzündungszeichen: Erhöhte Zellzahlen und ein erhöhter Eiweißgehalt im Liquor können auf eine Entzündungsreaktion im ZNS hinweisen. Allerdings sind diese Zeichen nicht spezifisch für Influenza und können auch bei anderen viralen oder bakteriellen Infektionen auftreten.
  • Ausschluss anderer Ursachen: Eine wichtige Rolle der Lumbalpunktion ist der Ausschluss anderer Ursachen für die neurologischen Symptome, wie z.B. eine bakterielle Meningitis, die eine sofortige antibiotische Therapie erfordert.

Risiken und Komplikationen der Lumbalpunktion

Wie bei jedem medizinischen Eingriff birgt auch die Lumbalpunktion gewisse Risiken, über die der Patient vor der Durchführung aufgeklärt werden muss:

  • Kopfschmerzen: Kopfschmerzen sind die häufigste Komplikation nach einer Lumbalpunktion. Sie werden durch den Verlust von Liquorflüssigkeit und den daraus resultierenden Unterdruck im Schädel verursacht. Die Kopfschmerzen können durch Liegen und ausreichende Flüssigkeitszufuhr gelindert werden. In einigen Fällen kann eine Eigenblutinjektion in den Epiduralraum (Blood Patch) erforderlich sein, um das Leck zu verschließen.
  • Rückenschmerzen: Rückenschmerzen an der Einstichstelle sind ebenfalls häufig und in der Regel harmlos.
  • Blutungen: Blutungen an der Einstichstelle oder im Spinalkanal sind selten, können aber zu Nervenschäden führen.
  • Infektionen: Infektionen an der Einstichstelle oder im ZNS sind sehr selten, aber potenziell schwerwiegend.
  • Nervenschäden: Nervenschäden durch die Punktionsnadel sind äußerst selten, können aber zu vorübergehenden oder dauerhaften Sensibilitätsstörungen oder Lähmungen führen.
  • Hirndrucksteigerung: Bei Patienten mit erhöhtem Hirndruck kann eine Lumbalpunktion zu einer Einklemmung des Gehirns führen. Daher ist vor der Lumbalpunktion eine Bildgebung des Gehirns (CT oder MRT) erforderlich, um einen erhöhten Hirndruck auszuschließen.

Differenzialdiagnosen

Es ist wichtig zu beachten, dass neurologische Symptome bei Influenza nicht immer auf eine direkte Virusinfektion des ZNS zurückzuführen sind. Andere mögliche Ursachen sind:

  • Postinfektiöse Enzephalomyelitis (ADEM): Eine Autoimmunreaktion, die nach einer Influenza-Infektion auftreten kann.
  • Guillain-Barré-Syndrom: Eine seltene Autoimmunerkrankung, die zu Muskelschwäche und Lähmungen führen kann.
  • Reye-Syndrom: Eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, die vor allem bei Kindern nach einer Influenza-Infektion auftreten kann und mit Leberversagen und Enzephalopathie einhergeht.
  • Medikamenteninduzierte Nebenwirkungen: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Influenza eingesetzt werden, können neurologische Nebenwirkungen verursachen.
  • Andere Infektionen: Andere virale oder bakterielle Infektionen können ähnliche Symptome wie eine Influenza-bedingte ZNS-Infektion verursachen.

Therapie

Die Therapie einer Influenza-bedingten ZNS-Infektion richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Erkrankung.

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  • Antivirale Therapie: Bei Nachweis des Influenza-Virus im Liquor ist eine antivirale Therapie mit Neuraminidasehemmern (z.B. Oseltamivir) indiziert.
  • Immunmodulation: Bei Autoimmunreaktionen wie ADEM können Kortikosteroide oder andere Immunsuppressiva eingesetzt werden.
  • Symptomatische Therapie: Symptomatische Maßnahmen wie Schmerzmittel, Antipyretika und Antikonvulsiva können zur Linderung der Beschwerden eingesetzt werden.
  • Unterstützende Maßnahmen: In schweren Fällen können unterstützende Maßnahmen wie Beatmung, Kreislaufstabilisierung und Ernährungstherapie erforderlich sein.

Fallbeispiel: Bilaterale Vestibulocochleopathie nach Influenza

Ein 52-jähriger Patient stellte sich mit Fieber, Ohrenschmerzen, blutigem Ausfluss aus dem Ohr, Hörverlust und Drehschwindel vor. Klinisch zeigte sich eine spontan perforierte bullöse hämorraghische Otitis media beidseits und ein Spontannystagmus nach rechts. Eine neurologische Beteiligung konnte klinisch und nach einer Lumbalpunktion ausgeschlossen werden. Im Verlauf wurde eine Influenza-A-Infektion nachgewiesen. Trotz konservativer und operativer Maßnahmen blieb der Hörverlust bestehen, so dass eine Cochleaimplantation beidseits durchgeführt wurde. Dieser Fall unterstreicht die Bedeutung, bei Hörverlust und/oder Vestibularisausfall nach grippalen Symptomen an eine mögliche Influenza-bedingte Ursache zu denken und gegebenenfalls frühzeitig eine Cochleaimplantation in Erwägung zu ziehen, um einer infektiösen Verknöcherung des Labyrinths zuvorzukommen.

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