Magnesium bei Migräne: Ein Leitfaden zu Therapie und Prophylaxe

Die Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die aktuelle „S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ aus dem Jahr 2022, herausgegeben von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten. Ein wichtiger Aspekt der Migränebehandlung ist die Prophylaxe, die darauf abzielt, die Häufigkeit, Intensität und Dauer von Migräneattacken zu reduzieren. In diesem Artikel werden wir uns speziell auf die Rolle von Magnesium in der Migräneprophylaxe konzentrieren und die Empfehlungen der Leitlinie sowie aktuelle Studienergebnisse berücksichtigen.

Ziele der Migräneprophylaxe

Die Prophylaxe der Migräne zielt darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen erheblich zu verbessern. Eine medikamentöse Migräneprophylaxe gilt laut Leitlinie als wirksam, wenn bei episodischer Migräne die Anfallshäufigkeit um 50 % oder mehr und bei chronischer Migräne um 30 % oder mehr reduziert wird. Die Indikation für verschreibungsfähige Prophylaxen muss spätestens nach zwei Jahren überprüft werden sowie die Auswahl eines Prophylaktikums in enger Absprache zwischen Betroffenen und behandelndem Fachpersonal erfolgen.

Medikamentöse Optionen zur Migräneprophylaxe

Die Leitlinie empfiehlt verschiedene Medikamente zur Migräneprophylaxe, darunter:

  • Betablocker: Propranolol und Metoprolol haben eine hohe Evidenz für ihre Wirksamkeit. Propranolol reduzierte in einer Metaanalyse die Kopfschmerztage bei episodischer Migräne um durchschnittlich 1,5 Tage pro Monat. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit und arterielle Hypotonie. Absolute Kontraindikationen sind AV-Block, Bradykardie, Herzinsuffizienz, Sick-Sinus-Syndrom und Asthma bronchiale.
  • Kalziumkanalblocker: Flunarizin reduzierte in einer Metaanalyse die Kopfschmerzhäufigkeit um 0,4 Attacken pro 4 Wochen im Vergleich zu einem Placebo. Die Wirksamkeit ist mit der von Propranolol vergleichbar, aber es treten häufiger Nebenwirkungen wie Depression oder Gewichtszunahme auf. Flunarizin sollte nicht bei fokaler Dystonie, Depressionen oder während der Schwangerschaft und Stillzeit eingenommen werden.
  • Antidepressiva: Amitriptylin ist in seiner Wirksamkeit mit Topiramat vergleichbar und zeigte im Vergleich zu einem Placebo eine signifikante Abnahme der Kopfschmerzfrequenz sowie höhere 50%-Responderrate. Die beste Wirkung wird nach viermonatiger Einnahme erreicht. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel und Gewichtszunahme.
  • OnabotulinumtoxinA (Botox): Zugelassen für die Therapie der chronischen Migräne. Es sollte über zwei bis drei Behandlungszyklen im Abstand von drei Monaten eingesetzt werden, bevor über die Wirksamkeit entschieden wird.
  • Antiepileptika: Topiramat hat sich als wirksam in der Prophylaxe der episodischen als auch der chronischen Migräne erwiesen. Allerdings sollte Topiramat zur Prophylaxe von Migränekopfschmerzen nur nach sorgfältiger Abwägung möglicher alternativer Behandlungsmethoden eingesetzt werden, insbesondere bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine hochwirksame Empfängnisverhütung anwenden, da aktuelle Daten darauf hindeuten, dass die Anwendung während der Schwangerschaft schwere angeborene Fehlbildungen und fetale Wachstumsbeeinträchtigungen verursachen könnte. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, kognitive Störungen, Gewichtsabnahme und Parästhesien. Absolute Kontraindikationen umfassen Niereninsuffizienz und -steine.
  • CGRP-Antikörper: Eptinezumab, Fremanezumab und Galcanezumab sind monoklonale Antikörper gegen Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), und Erenumab, ein monoklonaler Antikörper gegen den CGRP-Rezeptor sind in der prophylaktischen Therapie der episodischen und chronischen Migräne einer Behandlung mit Placebo überlegen. Gemäß Zulassung ist der Behandlungserfolg nach drei Monaten zu überprüfen (für Eptinezumab nach sechs Monaten). Aus Wirtschaftlichkeitsgründen gilt, dass CGRP-Antikörper bei episodischer und chronischer Migräne erst eingesetzt werden dürfen, wenn alle bisher zugelassenen Vortherapien nicht wirksam, nicht verträglich oder kontraindiziert sind. Eine Ausnahme davon besteht für Erenumab, das als einziger CGRP-Antikörper bereits nach einer einzigen erfolglosen Vortherapie budgetneutral verordnet werden darf.

Magnesium als Alternative in der Migräneprophylaxe

Neben den genannten medikamentösen Optionen wird Magnesium als eine mögliche Alternative in der Migräneprophylaxe diskutiert. Magnesium ist ein essentieller Mineralstoff, der eine wichtige Rolle bei verschiedenen Körperfunktionen spielt, darunter die Funktion des Nervensystems. Ein Magnesiummangel kann die Anfälligkeit für Spannungskopfschmerzen und Migräne erhöhen.

Magnesium und seine Wirkung auf das Nervensystem

Magnesium moduliert die NMDA-Rezeptoren im Nervensystem, die für die Schmerzübertragung zuständig sind. Eine übermäßige Aktivierung dieser Rezeptoren kann die neuronale Erregbarkeit erhöhen und die Schmerzwahrnehmung verstärken. Magnesium blockiert die NMDA-Rezeptoren und dämpft so die Schmerzwahrnehmung. Darüber hinaus reduziert Magnesium die Freisetzung proinflammatorischer Substanzen, die bei der Schmerzentstehung eine Rolle spielen.

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Studienlage zu Magnesium und Migräne

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass ein Magnesiummangel mit einer erhöhten Anfälligkeit für Spannungskopfschmerzen und Migräne korreliert. Interventionsstudien, in denen eine Magnesiumsupplementierung im Vergleich zu Placebo geprüft wurde, sind ebenfalls bekannt. Eine intravenöse Magnesiumtherapie von ein bis zwei Gramm Magnesiumsulfat kann beim akuten Migräneanfall hilfreich sein. Die orale Magnesiumsupplementierung hat sich vor allem in der Migräneprophylaxe bewährt. Durch Tagesdosen von bis zu zweimal 300 mg traten in verschiedenen Studien im Vergleich zu Placebo weniger Anfälle auf, die zudem auch in der Schmerzintensität abgenommen haben und zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität führten.

Empfehlungen zur Magnesiumeinnahme

Die S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ stuft Magnesium in einer Tagesdosis von 600 mg als mögliche Migräneprophylaxe ein, betont aber eine zu geringe Evidenzlage. Dennoch könnte eine Magnesiumsupplementierung eine nebenwirkungsarme Alternative zu anderen Medikamenten sein.

Weitere Studien und Erkenntnisse

  • Eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigte, dass eine Kombination aus hochdosiertem Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 die Ausprägung von Migränesymptomen gegenüber Placebo deutlich und signifikant senkt und damit die Lebensqualität erhöht.
  • Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2018 kam zu dem Schluss, dass Magnesium in der Migräneprophylaxe ähnlich wirksam sein kann wie Valproat, jedoch ohne dessen Nebenwirkungen.
  • Eine Studie aus dem Jahr 2021 zeigte, dass Magnesiumoxid in Kombination mit Natriumvalproat in der Prävention von Migräne wirksam ist.

Individuelle Magnesiumdosis

Die Konzentration des Plasma-Magnesiums ist direkt abhängig von der oral zugeführten Dosis. Im Einzelfall muss die Dosis deutlich gesteigert werden, um messbare Effekte zu erzielen. Es ist ratsam, den Magnesiumstatus im Serum zu kontrollieren und einen eventuellen Magnesiummangel gezielt zu beheben (Zielgröße: 0.85 mmol/L).

Vorteile von Magnesium

Die Akzeptanz und Verträglichkeit einer Magnesiumtherapie werden als äußerst positiv bewertet. Besonders empfehlenswert sind organische Verbindungen des Biofaktors, wie beispielsweise Magnesiumorotat, aufgrund ihrer guten Bioverfügbarkeit.

Nicht-medikamentöse Ansätze zur Migräneprophylaxe

Neben medikamentösen und supplementären Maßnahmen gibt es auch verschiedene nicht-medikamentöse Ansätze zur Migräneprophylaxe:

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  • Psychologische Verfahren: Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren (KVT) können dazu dienen, kognitive Muster umzulernen, den Umgang mit Stress zu verbessern, Erwartungshaltungen zu verändern und den Lebensstil entsprechend anzupassen.
  • Edukation: Beratung und Aufklärung über die Diagnose, Pathomechanismen und Therapieoptionen sind essenziell wichtig. Ein verbessertes Verständnis der Erkrankung kann auch einen verbesserten Umgang damit herbeiführen.
  • Entspannungsverfahren: Autogenes Training, Achtsamkeit, progressive Muskelrelaxation oder Hypnose können allein oder in Kombination mit medikamentösen Prophylaktika angewendet werden. Sie zielen darauf ab, das Missverhältnis der Energiereserven wiederherzustellen.
  • Regelmäßiger Ausdauersport: Häufiger Ausdauersport (etwa dreimal pro Woche für ca. 30 Minuten) kann positive Effekte haben und das allgemeine Lebens- und Körpergefühl verbessern.
  • Ernährung: Eine ketogene- und niedrig-glykämische Ernährungsweise werden als diätetische Ansätze zur Migränebehandlung diskutiert.

Digitale Unterstützung bei der Migräneprophylaxe

Digitale Anwendungen wie Apps und Telemedizin können die Diagnostik und Therapie der Migräne insbesondere durch Verlaufs- und Erfolgskontrollen unterstützen. Integrierte Kopfschmerzkalender sind von zentraler Bedeutung, um Begleitsymptome zu dokumentieren. Die Wirksamkeit der digitalen nicht-medikamentösen Migräneprophylaxe App sinCephalea wurde in einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) nachgewiesen.

Topiramat und Schwangerschaft: Eine wichtige Warnung

Topiramat ist zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne Empfängnisverhütung kontraindiziert. Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass eine pränatale Exposition des Fetus bzw. Embryos gegenüber Topiramat mit einem erhöhten Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen verbunden ist.

Selbstmedikation bei Migräne und Kopfschmerz

Die Selbstmedikation von Kopfschmerzen ist weit verbreitet. Die Empfehlungen der DMKG zur Selbstmedikation bei Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp berücksichtigen nur arzneiliche Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen nach Art und Dosierung, die in Deutschland nicht der ärztlichen Verschreibungspflicht unterliegen.

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