Magnettherapie bei Migräne: Neue Hoffnung für Patienten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft schwere Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, die häufig von Symptomen wie Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen begleitet werden. Da Migränemedikamente nicht bei jedem Patienten und nicht zu häufig eingesetzt werden dürfen, suchen Wissenschaftler bereits seit langem nach alternativen Therapieformen. Eine solche Therapieform könnte die Magnettherapie sein. In den letzten Jahren hat die Forschung zur Magnettherapie bei Migräne vielversprechende Ergebnisse gezeigt.

Transkranielle Magnetstimulation (TMS) als Therapieansatz

Die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) ist eine nicht-invasive Technologie, bei der mit Hilfe starker Magnetfelder Bereiche des Gehirns sowohl stimuliert als auch gehemmt werden können. TMS wird schon länger als möglicher Ansatz gegen Depressionen, Tinnitus und Parkinson erprobt.

Wie funktioniert sTMS?

Bisher lässt sich nur vermuten, wie sTMS auf das Gehirn wirkt. Die magnetischen Impulse könnten die elektrischen Abläufe im Hirn unterbrechen, die einer Migräne mit Aura zugrunde liegen. Eine kurze transkranielle Magnetstimulation (single-pulse transcranial magnetic stimulation, sTMS) könnte dies verhindern. Die Impulse werden von handlichen Geräten abgegeben, mit denen sich die Patienten selbst behandeln können.

Studienergebnisse zur sTMS bei Migräne

Mit magnetischen Impulsen haben US-Forscher die Schmerzen von Migräne-Patienten lindern können. In ihrer Studie testeten sie die Transkranielle Magnetstimulation mit Einzelimpulsen (sTMS) an insgesamt 267 Teilnehmern gegen Placebo: Das Verfahren befreite 39 Prozent der Probanden von ihren Schmerzen. In der Placebo-Gruppe gaben lediglich 22 Prozent der Teilnehmer an, keine Beschwerden mehr zu haben. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachjournal Lancet Neurology veröffentlicht.

Richard Lipton vom Albert Einstein College of Medicine in New York und seine Kollegen rekrutierten 164 Patienten, die unter Migräne mit Aura litten. Die Probanden bekamen Spezialanfertigungen von Magnetspulen mit nach Hause, mit denen sie sich bei drohenden Kopfschmerzattacken selbst behandeln sollten. Allerdings erhielt die Hälfte der Teilnehmer ohne es zu wissen nur eine Attrappe des Geräts (Placebo), dessen Startknopf jedoch das gleiche knackende Geräusch produzierte wie das echte. Beide Gruppen sollten auftretende Migräneattacken mithilfe der Magnetspule behandeln. Medikamente zur akuten Schmerzbehandlung waren den Probanden während des Testzeitraums von drei Monaten untersagt.

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Das Ergebnis: 39 Prozent der Patienten mit dem echten Gerät berichteten, die Schmerzen seien nach der Behandlung verschwunden und selbst nach 48 Stunden nicht wiedergekehrt. Zwar berichteten auch 22 Prozent der Mitglieder der Placebo-Gruppe, ihre Schmerzen seien verschwunden, jedoch waren es in der Gruppe mit echten Geräten signifikant mehr. Auch andere Migränesymptome wie Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit gingen durch die Behandlung zurück. Die Schmerzbekämpfung funktionierte umso besser, je früher die Magnetspulen vor einer beginnenden Attacke zum Einsatz kamen.

Experteneinschätzungen zur sTMS

Nach Ansicht des Neurologen Hans-Christoph Diener vom Universitätsklinikum Essen könnte die sTMS somit vor allem für Patienten ein großer Fortschritt sein, denen Medikamente wenig oder gar nicht helfen. Bislang wurde die Therapie allerdings nur an Migräne-Patienten mit Aura getestet.

Anwendung der sTMS

Die Patienten sollen das Gerät nach dem Beginn der Aura unterhalb des Os occipitale an den Schädel pressen und den Startknopf drücken. Das Gerät erzeugt dann für die Dauer von weniger als 1 Millisekunde ein 0,9 Tesla (in 1 cm Entfernung) starkes Magnetfeld, welches, so die Theorie, die kortikale Streudepolarisierung unterbricht und im besten Fall die Migräneattacke im Keim erstickt.

Mögliche Nebenwirkungen der sTMS

Die FDA wies darauf hin, dass Schwindel als Nebenwirkung auftreten kann. Insgesamt sind jedoch die Nebenwirkungen sehr mild und ihr Auftreten sehr unwahrscheinlich. Es gibt nur wenige Berichte über Nebenwirkungen wie Sinusitis, Sprachstörungen und Schwindel. Die FDA empfiehlt, dass das Gerät nicht häufiger als einmal pro 24 Stunden eingesetzt wird. Es ist nur für Personen über 18 Jahre zugelassen. Das Gerät sollte nicht bei Patienten eingesetzt werden, die metallische Gegenstände im Kopfbereich oder im Oberkörper tragen, dies gilt insbesondere auch für Herzschrittmacher oder Hirnstimulatoren.

Repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS)

Die Behandlung von Migräne mit repetitiver transkranieller Magnetstimulation (rTMS) ist eine nicht-invasive, aufkommende Methode, die darauf abzielt, die Häufigkeit, Intensität und Dauer von Migräneanfällen zu verringern. rTMS kann bestimmte Hirnregionen modulieren, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Migräne beteiligt sind, und wird sowohl zur Akuttherapie als auch zur Prophylaxe eingesetzt.

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Ziele der rTMS-Behandlung bei Migräne

Die rTMS-Therapie zielt darauf ab:

  • Verringerung der Migränehäufigkeit: rTMS soll die Frequenz der Migräneanfälle reduzieren.
  • Reduktion der Schwere und Dauer von Anfällen: Die Behandlung soll dazu beitragen, die Intensität der Schmerzen und die Dauer der Migräneattacken zu verkürzen.
  • Prophylaxe gegen zukünftige Attacken: Durch die regelmäßige Anwendung kann rTMS prophylaktisch eingesetzt werden, um die Gesamthäufigkeit der Migräneanfälle zu senken.
  • Reduktion der Medikamentenabhängigkeit: Die Anwendung von rTMS kann dazu beitragen, den Bedarf an Migränemedikamenten zu reduzieren, insbesondere bei Patienten, die unter starken Nebenwirkungen leiden.

Zielregionen der Stimulation

Die Zielregionen für die Behandlung von Migräne mit rTMS sind bestimmte Hirnregionen, die mit der Migräneaura und den Kopfschmerzen in Verbindung stehen:

  • Okzipitaler Kortex: Der visuelle Kortex (im hinteren Bereich des Gehirns) wird häufig als Zielregion für rTMS bei Migräne gewählt, insbesondere bei Patienten, die eine Aura (visuelle Vorzeichen von Migräne) erleben. Eine niedrigfrequente Stimulation (1 Hz) des okzipitalen Kortex zielt darauf ab, die übermäßige Aktivierung in dieser Region zu dämpfen und damit Migräneanfälle zu verhindern.
  • Dorsolateraler präfrontaler Kortex (DLPFC): Der DLPFC wird ebenfalls oft stimuliert, da er mit der Schmerzverarbeitung und der emotionalen Reaktion auf Schmerzen verbunden ist. Hochfrequente rTMS (10-20 Hz) kann helfen, die Schmerztoleranz zu erhöhen und die Angst vor bevorstehenden Anfällen zu reduzieren.
  • Motorischer Kortex: Manchmal wird der primäre motorische Kortex (M1) als Zielregion verwendet, um neuropathische Schmerzen zu modulieren und die Schmerzschwelle zu erhöhen.

Behandlungsprotokoll

  • Stimulationsfrequenz und Intensität:
    • Niedrigfrequente Stimulation (1 Hz) des okzipitalen Kortex wird verwendet, um die neuronale Übererregbarkeit zu dämpfen und die Aktivität in diesem Bereich zu reduzieren. Dies wird in der Regel bei der Behandlung von akuten Migräneanfällen oder zur Prophylaxe verwendet.
    • Hochfrequente Stimulation (10-20 Hz) des DLPFC kann eingesetzt werden, um die allgemeine Schmerztoleranz zu erhöhen und den emotionalen Stress im Zusammenhang mit Migräne zu verringern.
  • Anzahl und Dauer der Sitzungen:
    • Für die akute Behandlung von Migräne kann eine einzelne Sitzung von 10-30 Minuten ausreichend sein, während die prophylaktische Anwendung von rTMS über mehrere Wochen hinweg (typischerweise 20-30 Sitzungen) erfolgt.
  • Individuelle Anpassung:
    • Die Häufigkeit und Dauer der Behandlung kann je nach Schweregrad der Migräne und dem Ansprechen des Patienten angepasst werden. Prophylaktisch orientierte Behandlungen können über mehrere Monate verteilt sein.

Wirkungsweise von rTMS bei Migräne

Die Wirkung von rTMS bei Migräne beruht auf der Modulation der neuronalen Aktivität in den betroffenen Hirnregionen, die für die Entstehung der Migräneanfälle eine Rolle spielen:

  • Hemmung der kortikalen Übererregbarkeit: Viele Patienten mit Migräne haben eine erhöhte neuronale Erregbarkeit, besonders im okzipitalen Kortex. Niedrigfrequente rTMS wirkt hemmend auf die neuronale Aktivität und reduziert die übermäßige Erregbarkeit, die zu Migräneanfällen führen kann.
  • Modulation der Schmerzverarbeitung: Die Stimulation des DLPFC und des motorischen Kortex beeinflusst die Schmerzverarbeitung und kann die Schmerztoleranz erhöhen. Dies geschieht durch die Modulation der Aktivität in schmerzverarbeitenden Netzwerken, was zu einer Verringerung der empfundenen Schmerzintensität führen kann.
  • Förderung der endogenen Schmerzhemmung: rTMS kann die Freisetzung endogener Neurotransmitter wie Dopamin und Endorphine fördern, die eine natürliche Schmerzhemmung bewirken und die Symptome der Migräne lindern.

Studienlage und Ergebnisse

  • Reduktion der Migränefrequenz: Studien zeigen, dass rTMS die Häufigkeit von Migräneanfällen signifikant reduzieren kann, insbesondere bei regelmäßiger prophylaktischer Anwendung. Patienten berichten oft, dass die Anfälle seltener auftreten und weniger intensiv sind.
  • Linderung akuter Anfälle: Für die akute Behandlung von Migräneanfällen kann eine einzelne niedrigfrequente Sitzung des okzipitalen Kortex die Schwere der Attacke lindern und die Dauer des Anfalls verkürzen. Einige Patienten erleben bereits kurz nach der Behandlung eine deutliche Schmerzlinderung.
  • Verbesserte Lebensqualität: Patienten, die rTMS als prophylaktische Maßnahme verwenden, berichten von einer verbesserten Lebensqualität, weniger Abhängigkeit von Medikamenten und einer besseren Fähigkeit, am täglichen Leben teilzunehmen.

Nebenwirkungen und Risiken

rTMS ist im Allgemeinen gut verträglich und sicher, auch bei der Behandlung von Migräne. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:

  • Kopfschmerzen und Kopfhautreizungen: Während oder nach der Behandlung kann es zu leichten Kopfschmerzen oder einem Ziehen in der Kopfhaut kommen. Diese Beschwerden sind jedoch meist mild und von kurzer Dauer.
  • Schwindel: Einige Patienten berichten von leichtem Schwindel nach der Behandlung, der in der Regel innerhalb kurzer Zeit verschwindet.
  • Krampfanfälle: Das Risiko für Krampfanfälle ist äußerst gering, insbesondere bei Verwendung von niedrigfrequenter Stimulation und unter Einhaltung der Sicherheitsprotokolle.

Kombination mit anderen Therapien

rTMS wird oft in Kombination mit anderen Migränebehandlungen eingesetzt:

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  • Medikamentöse Prophylaxe: Die Kombination von rTMS mit Migräneprophylaxe-Medikamenten (wie Betablocker oder Antikonvulsiva) kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken weiter reduzieren. Für Patienten, die auf Medikamente nicht ansprechen oder Nebenwirkungen haben, bietet rTMS eine vielversprechende Alternative.
  • Akutmedikamente: Bei akuten Migräneattacken kann rTMS als Ergänzung zu Triptanen oder anderen Akutmedikamenten verwendet werden, um die Wirksamkeit zu steigern.
  • Verhaltenstherapie und Entspannungstechniken: rTMS kann auch mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen wie Biofeedback, Stressmanagement und Entspannungstechniken kombiniert werden, um die allgemeine Anfälligkeit für Migräneanfälle zu verringern.

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