Manfred Spitzer und die digitalen Medien: Eine kritische Auseinandersetzung

Professor Manfred Spitzer, ein bekannter Neurowissenschaftler und Psychiater, hat sich in der Vergangenheit kritisch über die Auswirkungen digitaler Medien geäußert. Seine Aussagen, wie "Baller- und Gewaltspiele aller Art sollten komplett verboten werden" und die Behauptung, dass digitale Medien zur "digitalen Demenz" führen und das Lernen behindern, haben eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst. Dieser Artikel setzt sich kritisch mit Spitzers Thesen auseinander und beleuchtet verschiedene Perspektiven auf die Rolle digitaler Medien in unserer Gesellschaft.

Spitzers Kritik an digitalen Medien

Spitzer argumentiert, dass der Konsum digitaler Medien, insbesondere von Computerspielen, negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Er befürchtet, dass Gewaltspiele zu Aggressivität führen und dass die ständige Verfügbarkeit von Informationen im Internet die geistige Leistungsfähigkeit reduziert, da man ja "alles googeln" könne.

Einige seiner Zitate verdeutlichen seine ablehnende Haltung:

  • "Die immer wieder laut werdende Behauptung, da würde eine unheimliche Kompetenz mit neuen Medien entstehen, die stimmt einfach nicht!"
  • "Meine Empfehlung an die Eltern ist ganz klar: Beschränkung. Je später die Kinder damit anfangen, desto besser ist es. Es gibt so viele tolle Sachen, die man als Mensch lernen kann. Warum die Zeit vertun mit digitalem langweiligem Schnickschnack, der einen im Leben nicht weiterbringt?"
  • "Computer sind zunächst mal dem Lernen hinderlich, weil sie uns geistige Arbeit abnehmen."

Gegenpositionen und differenzierte Betrachtung

Während Spitzers Warnungen durchaus ernst zu nehmen sind, ist es wichtig, eine differenzierte Perspektive einzunehmen und die potenziellen Vorteile digitaler Medien zu berücksichtigen.

Medienkompetenz statt Verbote

Anstatt pauschale Verbote zu fordern, plädieren viele Experten für eine Förderung der Medienkompetenz. Kinder und Jugendliche sollten lernen, wie sie digitale Medien verantwortungsvoll nutzen können. Dies beinhaltet den kritischen Umgang mit Informationen, den Schutz der Privatsphäre und die Fähigkeit, die Vor- und Nachteile verschiedener Medienangebote abzuwägen.

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Digitale Medien als Lernwerkzeuge

Die Aussage, dass Computer dem Lernen grundsätzlich hinderlich seien, ist in dieser Pauschalität nicht richtig. Computer können das Lernen auf vielfältige Weise unterstützen. Sie ermöglichen einen schnelleren Zugriff auf Informationen, fördern die Kreativität und ermöglichen die Zusammenarbeit mit anderen Lernenden.

Ein Beispiel hierfür ist das Schreiben von Aufsätzen am Computer. Durch die schnellere Tippgeschwindigkeit bleibt mehr Zeit, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen und das Ergebnis mit Freunden zu teilen, um Verbesserungsvorschläge zu erhalten.

Digitale Medien im Berufsleben

In der heutigen Arbeitswelt ist der Umgang mit Computern unerlässlich. Daher ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig lernen, wie sie diese Technologie effektiv nutzen können. Digitale Kompetenzen sind in nahezu jedem Beruf erforderlich und eröffnen vielfältige Karrieremöglichkeiten.

Ursache und Wirkung

Spitzer zitiert eine neuseeländische Langzeitstudie, die einen direkten Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Bildung herstellt. Es ist jedoch wichtig, zu hinterfragen, ob es sich tatsächlich um eine Kausalität handelt. Möglicherweise sind sowohl hoher Fernsehkonsum als auch eine schlechte Bildungskarriere Folgen von Armut oder anderen sozialen Faktoren.

Alkoholprävention als Vergleich

Spitzer vergleicht den Umgang mit digitalen Medien mit dem Umgang mit Alkohol. Er argumentiert, dass Kinder und Jugendliche nicht in der Lage seien, verantwortungsvoll mit digitalen Medien umzugehen, und dass daher eine strikte Beschränkung erforderlich sei.

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Ein sinnvollerer Ansatz wäre jedoch, Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien zu schulen, ähnlich wie es bei der Alkoholprävention der Fall ist. Dies würde ihnen helfen, die Risiken und Chancen digitaler Medien besser einzuschätzen und einen verantwortungsvollen Umgang zu entwickeln.

Manfred Spitzer: Person und Werk

Manfred Spitzer, geboren 1958, leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter die Bestseller "Lernen", "Vorsicht Bildschirm!" und "Digitale Demenz". Von 2004 bis 2013 moderierte er die wöchentliche Sendereihe "Geist & Gehirn" auf Bayern Alpha.

Sein Werk umfasst ein breites Spektrum an Themen, von den Grundlagen des Lernens bis hin zu den Auswirkungen digitaler Medien auf das Gehirn. Spitzer ist ein Verfechter einer evidenzbasierten Pädagogik und setzt sich für eine kritische Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken neuer Technologien ein.

Schwerpunkte seiner Forschung

Spitzers Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Neuroimaging und kognitive Neurowissenschaften. Er untersucht die Auswirkungen von Musik auf die Entwicklung von Kindern und die Veränderungen in der Behandlung psychischer Erkrankungen.

Kritik an seiner Arbeitsweise

Ein Kritikpunkt an Spitzers Arbeit ist, dass er seine Thesen oft sehr pointiert und zugespitzt formuliert. Dies kann dazu führen, dass seine Aussagen missverstanden werden oder eine übermäßige Panikmache erzeugen. Es ist wichtig, seine Argumente kritisch zu hinterfragen und die potenziellen Vorteile digitaler Medien nicht außer Acht zu lassen.

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Seine wichtigsten Werke

Zu Spitzers bekanntesten Werken gehören:

  • Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens (2002): In diesem Buch untersucht Spitzer die neurobiologischen Grundlagen des Lernens und gibt Empfehlungen für eine effektive Gestaltung von Lernprozessen.

  • Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft (2005): Hier warnt Spitzer vor den negativen Auswirkungen des übermäßigen Konsums elektronischer Medien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

  • Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen (2012): In diesem Buch argumentiert Spitzer, dass die Nutzung digitaler Medien zu einem Verlust kognitiver Fähigkeiten führt.

  • Geist im Netz: Modelle für Lernen, Denken und Handeln (1996): Spitzer untersucht Modelle für Lernen, Denken und Handeln im Kontext des Internets.

  • Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft (2018): Spitzer analysiert die Gefahren der Smartphone-Nutzung für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft.

Die Psychiatrische Universitätsklinik Ulm

Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm, die sich auf die Behandlung psychischer Erkrankungen spezialisiert hat. Die Klinik legt Wert auf ein freundliches Ambiente und eine patientenorientierte Betreuung.

Forschungsschwerpunkte der Klinik

Die Klinik ist international sichtbar in den Bereichen Neuroimaging und kognitive Neurowissenschaften. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Erforschung der Auswirkungen musikalischer Früherziehung.

Veränderungen in der Behandlung psychischer Erkrankungen

Spitzer berichtet von Veränderungen in der Behandlung psychischer Erkrankungen. So habe die Psychotherapie im Vergleich zu früher an Bedeutung gewonnen. An der Klinik werden jährlich 18 Psychologinnen und Psychologen zu Therapeuten ausgebildet.

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