Plexus Brachialis Nervenläsionen bei Katzen: Ursachen, Diagnose und Therapie

Ein Ausriss des Plexus brachialis ist eine ernste neurologische Verletzung bei Katzen, die oft durch traumatische Ereignisse verursacht wird. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose, Therapie und Prognose dieser Erkrankung und gibt Einblicke in aktuelle Forschungsansätze.

Einführung

Der Plexus brachialis ist ein komplexes Nervengeflecht in der Achselhöhle, das für die motorische und sensorische Versorgung der Vordergliedmaßen verantwortlich ist. Verletzungen dieses Nervengeflechts können zu erheblichen Funktionsstörungen und Beeinträchtigungen der Lebensqualität von Katzen führen.

Grundlagen und Ursachen

Der Plexus brachialis besteht aus Nervenfasern, die aus den Nervenwurzeln der unteren Hals- und oberen Brustwirbelsäule stammen. Diese Nerven versorgen die Muskeln und Haut der Vordergliedmaßen. Ein Ausriss oder eine Beschädigung des Plexus brachialis kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden:

  • Traumatische Ereignisse: Autounfälle, Stürze aus großer Höhe oder Tierkämpfe sind häufige Auslöser.
  • Übermäßige Streckung oder Beugung: Eine extreme Dehnung oder Beugung der Gliedmaßen kann ebenfalls zu einer Verletzung führen.
  • Frakturen und Luxationen: In einigen Fällen können Knochenbrüche oder Gelenkverrenkungen den Plexus brachialis beeinträchtigen.

Symptome

Die Symptome einer Plexus-brachialis-Verletzung können je nach Schweregrad des Nervenschadens variieren:

  • Plötzliche Lahmheit: Eine plötzliche Lahmheit der betroffenen Vordergliedmaße ist ein häufiges Anzeichen.
  • Sensorische Defizite: Die Katze zeigt möglicherweise kein Gefühl in der betroffenen Gliedmaße und reagiert nicht auf äußere Reize.
  • Muskelatrophie: Mit der Zeit kann die Muskulatur der betroffenen Gliedmaße schrumpfen.
  • Schmerzen: Neuropathische Schmerzen können auftreten, oft begleitet von Allodynie.
  • Veränderungen des Gangbildes: Tiere mit radikulärem Schmerz in Verbindung mit Veränderungen der Neuroforamina und Schmerzen im Plexus brachialis ziehen die Gliedmaße oft kurzfristig an.
  • Begleitende neurologische Ausfälle: In schweren Fällen können Blutungen im Rückenmark auftreten, die neurologische Ausfälle der gesamten Körperhälfte zur Folge haben.
  • Selbstverstümmelung: Die Tiere benagen meist ihre gefühllosen Stellen.

Diagnose

Die Diagnose einer Plexus-brachialis-Verletzung beginnt mit einer gründlichen klinischen Untersuchung durch den Tierarzt. Dazu gehören:

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  • Bewegungsfähigkeitsprüfung: Beurteilung der Bewegungsfähigkeit der Gliedmaße.
  • Muskeltonusprüfung: Beurteilung des Muskeltonus.
  • Reflexprüfung: Überprüfung der Reflexe.
  • Detaillierte Anamnese: Erhebung der medizinischen Vorgeschichte des Tieres.

Zusätzlich können bildgebende Verfahren eingesetzt werden:

  • Röntgenaufnahmen: Zum Ausschluss von Frakturen oder Luxationen.
  • Ultraschall: Zur Beurteilung der Weichteile.
  • MRT (Magnetresonanztomographie): Zur detaillierten Darstellung der Nervenstrukturen.

Therapie

Die Behandlung eines Plexus-brachialis-Ausrisses zielt darauf ab, die Funktion der betroffenen Gliedmaße so weit wie möglich wiederherzustellen und Schmerzen zu lindern. Die Therapie kann konservative und chirurgische Maßnahmen umfassen:

  • Konservative Maßnahmen:
    • Ruhe und Bewegungseinschränkung.
    • Physikalische Therapie zur Reduzierung der Muskelatrophie.
    • Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente.
  • Chirurgische Eingriffe:
    • Reparatur oder Rekonstruktion der Nerven (in schweren Fällen).

Physiotherapie als wichtiger Bestandteil der Behandlung

Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Rehabilitation von Katzen mit Plexus-brachialis-Läsionen. Sie umfasst verschiedene Techniken und Übungen, die darauf abzielen, die Beweglichkeit wiederherzustellen, die Muskulatur zu stärken und Schmerzen zu lindern.

Fallbeispiel Silva: Die 2-jährige Katze Silva erlitt bei einem Autounfall eine Radialislähmung infolge einer Plexus-brachialis-Läsion. Nach der tierärztlichen Erstversorgung wurde sie physiotherapeutisch behandelt.

Befunderhebung:

  • Komplette Entlastung der linken Vorderxtremität.
  • Einknicken der Pfote ab dem Carpalgelenk.
  • Überköten beim Auffußen.
  • Verzögerter Flexorreflex.
  • Muskelatrophie der Strecker und Beuger.
  • Schmerzempfindlichkeit im Bereich der Wirbelsäule.

Behandlungsplan:

  • Drei Mal wöchentlich physiotherapeutische Behandlung.
  • Tägliches Trainingsprogramm für zuhause.
  • Manuelle Massage, Bürsten- und Igelballmassage.
  • Passive Bewegungen aller Gelenke.
  • Spezielle Behandlung nach neurophysiologischen Aspekten.
  • Einsatz von AmpliVet synchro® und Novafon®.
  • Aktives Bewegungstraining mit Hürden und Leckerlis.
  • Clickertraining zur Förderung von Streckung und Beugung.

Verlauf:

  • Silva zeigte eine gute Kooperation bei den Behandlungen.
  • Nach 3,5 Wochen erste vorsichtige Schritte auf dem linken Fuß.
  • Homöopathische Mittel und Schmerzprogramme nach einem "Anfall".
  • Zunehmend häufigeres Auftreten mit der linken Vorderextremität.
  • Nach 5 Wochen Freigang möglich.

Danksagung:

Die erfolgreiche Genesung von Silva wurde durch das Vertrauen und die Geduld des Tierhalters sowie die frühzeitige physiotherapeutische Behandlung ermöglicht.

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Weitere Therapieansätze:

  • Elektrotherapie: AmpliVet synchro® arbeitet mit moduliertem Mittelfrequenzstrom und kann Nervenfasern, Muskelfasern und Bindegewebe regenerieren.
  • Schallwellentherapie: Novafon® kann Schmerzen reduzieren und sensomotorische Störungen positiv beeinflussen.
  • Homöopathie: Kann unterstützend bei Schmerzen und Entzündungen eingesetzt werden.

Prognose und Nachsorge

Die Prognose für Katzen mit einem Plexus-brachialis-Ausriss hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Ausmaß der Nervenschädigung: Bei vollständiger Durchtrennung der Nerven ist die Prognose schlechter.
  • Zeitpunkt der Behandlung: Eine frühzeitige Diagnose und Therapie verbessern die Chancen auf eine erfolgreiche Genesung.
  • Individuelle Faktoren: Alter, allgemeiner Gesundheitszustand und die Fähigkeit zur Regeneration spielen eine Rolle.

Eine kontinuierliche Überwachung und Anpassung der Therapie sind entscheidend für den Erfolg.

Prävention

Die Prävention eines Ausrisses am Plexus brachialis konzentriert sich auf die Minimierung von Risiken, die zu Traumata führen können:

  • Sichere Umgebung: Gefahrenquellen beseitigen.
  • Beaufsichtigung im Freien: Insbesondere in verkehrsreichen Gebieten.
  • Sicheres Katzengeschirr: Zur Kontrolle bei Spaziergängen.
  • Regelmäßige Tierarztbesuche: Zur Überwachung des allgemeinen Gesundheitszustands.
  • Ausgewogene Ernährung: Für starke Muskeln und Knochen.

Aktuelle Forschung

Die Forschung konzentriert sich auf die Regeneration von Nervengewebe durch:

  • Stammzellen: Studien zeigen, dass Stammzellen das Potenzial haben, geschädigte Nerven zu reparieren und die Funktionalität teilweise wiederherzustellen.
  • Biomaterialien: Diese Materialien dienen als Gerüst, das das Wachstum neuer Nervenzellen unterstützt.
  • Genetische Forschung: Analyse genetischer Faktoren, die die Anfälligkeit für Nervenschäden beeinflussen.
  • Neurotrophine und Wachstumsfaktoren: Moleküle, die das Überleben und Wachstum von Nervenzellen fördern.
  • Fortschrittliche Bildgebungstechniken: Zur detaillierten Visualisierung der Nervenschädigung und Überwachung des Heilungsverlaufs.
  • Neuroprotektive Substanzen: Substanzen, die das Absterben von Nervenzellen nach einer Verletzung verhindern können.
  • Multimodale Ansätze: Kombination von chirurgischen Eingriffen mit physikalischer Therapie und medikamentöser Unterstützung.

Fallschilderung Nola - ein Katzenbaby mit Schwimmer-Syndrom (Flat Puppy Syndrome)

Im Herbst 2017 kam eine Tierhalterin mit einem 4 Wochen jungen British Kurzhaar Katzenbaby in die Praxis. Die kleine Nola war eines von drei Geschwistern, zwei waren leider kurz nach der Geburt gestorben. Nola´s Entwicklung war zunächst scheinbar normal. Doch in der 2. bis 3. Lebenswoche erkannte die Tierhalterin, dass Nola offensichtlich Probleme im Bewegungsapparat hat.

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Obwohl die Bewegungen in den ersten Lebenswochen noch ungeschickt erscheinen, können Katzenbabys sich ab etwa dem 17. Lebenstag auf allen Vieren fortbewegen und ab dem 25. Tag, also zwischen der 3. und 4., Woche richtig laufen.

Nicht so Nola.

Die physiotherapeutische Befunderhebung

Mit ihren Vorderextremitäten stand Nola aufrecht, doch dies funktionierte nicht mit ihren Hinterextremitäten. Sie befanden sich in einer Froschhaltung, also nach hinten ausgestreckt. Nola versuchte immer wieder, ihre Hinterextremitäten zum Körper in Richtung Bauch zu ziehen, doch sie rutschte bei jedem Versuch nach hinten weg.

Bei der Befunderhebung stellte ich fest, dass ihre Reflexe in Ordnung waren. Der Flexorreflex, der Stellreflex und die Sensibilität der Hinterextremitäten und der Kopfnerven waren ohne Befund. Vom Verhalten her war Nola geistig wach und aufmerksam, sie krabbelte umher, putzte sich, fuhr die Krallen aus und konnte schon fauchen „wie eine Große“. Die Tierhalterin berichtete außerdem, dass Nola sich beim Schlafen von selbst auf die Seite legt.

Nach dem Bericht der Tierhalterin gegenüber dem Tierarzt wurde keine weiterführende Untersuchung bei Nola durchgeführt, es gab somit keine tierärztliche Diagnose. Befunderhebung und Symptomatik sprachen für ein Syndrom:Schwimmer-Syndrom, auch Flat Puppy Syndrome genannt.

Exkurs Schwimmer-Syndrom (Flat Puppy Syndrome)

Das Schwimmer-Syndrom ist eine Symptomatik, die bei Hundewelpen und Katzenbabys im Alter von 10 bis 16 Tagen auftreten kann. Eine genaue Ursache ist nicht bekannt, vermutet werden laut Tierärzten und Fachliteratur eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung der Nervenfunktion, aber auch eine ungünstige Haltung auf rutschigem Boden und eine zu schnelle Gewichtszunahme. Alle Hunde- und Katzenrassen können vom Schwimmer-Syndrom betroffen sein, vermehrt jedoch kurznasige (sogenannte brachizephale) Hunderassen wie Boxer, kleine Hunde wie der Dackel, Hunde mit kurzen Beinen und breitem Brustkorb wie die Englische Bulldogge, aber auch Irish Setter, Cocker Spaniel, Berner Sennenhund und bei Katzen z. B. die British Kurzhaar.

Symptomatik

Wenn die betroffenen Welpen und Kitten mit dem Laufen beginnen, kommen sie - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht auf die Beine. Sie sind nicht in der Lage, ihre Extremitäten aufzustellen und sich gehend fortzubewegen. Beim Versuch sich aufzustellen, rudern sie im Liegen mit den Extremitäten herum und rutschen immer wieder nach hinten weg und liegen wie ein Frosch da.

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