Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken äußert, oft begleitet von neurologischen und vegetativen Begleitsymptomen. Diese Attacken können das zentrale Nervensystem stark belasten und zu Erschöpfung führen.
Was ist Migräne?
Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Sie ist eine funktionelle Störung der Reizverarbeitung im Gehirn, die zu einer Übererregbarkeit bestimmter Hirnregionen führt. Entzündungsprozesse entlang der Hirngefäße und eine gestörte Regulation von Botenstoffen spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne zu den zehn am stärksten behindernden Krankheiten weltweit.
Symptome der Migräne
Die Symptome einer Migräne sind vielfältig und individuell unterschiedlich. Zu den Hauptsymptomen gehören:
- Starke, meist einseitige Kopfschmerzen: Diese Kopfschmerzen sind oft pulsierend oder pochend und verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
- Vegetative Begleitsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu (Photophobie) und Lärmempfindlichkeit (Phonophobie) treten häufig auf.
- Migräne-Auren: Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten treten neurologische Vorboten in Form von Flimmern vor den Augen, Sehstörungen, Sprachfindungsstörungen oder Gefühlsstörungen auf.
Eine Migräne kann in vier verschiedene Stadien mit jeweils unterschiedlichen Symptomen eingeteilt werden:
- Vorphase (Prodromalstadium): Stunden bis zwei Tage vor einem Anfall können Anzeichen wie Stimmungsschwankungen, Heißhunger oder Appetitlosigkeit auftreten.
- Aura-Phase: Sehstörungen, sensible Störungen oder motorische Störungen können auftreten.
- Kopfschmerzphase: Starker, einseitiger Kopfschmerz tritt zusammen mit Übelkeit, Erbrechen sowie Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen auf.
- Rückbildungsphase: Müdigkeit, Erschöpfung und Reizbarkeit können auftreten.
Ursachen der Migräne
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen jedoch davon aus, dass es sich um eine multifaktorielle Erkrankung handelt, bei der genetische Veranlagung und Umweltfaktoren zusammenwirken. Eine genetische Komponente mit polygenetischer Disposition gilt als relativ gesichert. Einige der betroffenen Gene spielen bei der Regulation neurologischer Schaltungen eine Rolle, andere beim oxidativen Stresslevel. Über welche biologischen Mechanismen die Mutationen eine Migräne im Detail begünstigen, ist bislang nicht geklärt.
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Triggerfaktoren
Etwa 90 Prozent der Migränepatienten können interne oder externe Faktoren als Auslöser der Kopfschmerzattacken benennen. Diese Trigger sind von Mensch zu Mensch verschieden. Häufig werden Schlafmangel und Stress als migränefördernd angegeben, bei Frauen ist ein direkter Zusammenhang mit der Menstruation oder Ovulation zu beobachten. Auch sollen bestimmte Nahrungs- und Genussmittel (insbesondere Käse, Rotwein, Schokolade, Zitrusfrüchte, Nikotin, Coffein und Alkohol), Fasten oder Flüssigkeitsmangel einen Migräneanfall provozieren können.
Häufige Triggerfaktoren im Überblick:
- Hormone: Zyklus, Eisprung, Pille, Wechseljahre
- Ernährung: Alkohol, Koffeinentzug, unregelmäßige Mahlzeiten, Schokolade, Käse
- Stress: Anspannung, Entspannungs-Migräne
- Wetter: Wetterumschwünge
Neurogene Entzündungshypothese
Nach aktueller Lehrmeinung in der Migräneforschung ist die neurogene Entzündungshypothese in Verbindung mit einer neuronalen Überaktivität am wahrscheinlichsten. Demnach verändern biochemische Impulse und mechanische Reize die neuronale elektrische Aktivität im Gehirn. Genauer vermittelt die retrograde Ausschüttung von Neuropeptiden und vasoaktiven Substanzen wie Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), Stickstoffmonoxid (NO), Substanz P (SP) und vasoaktives intestinales Peptid (VIP) aus den Axonendigungen von Aδ- und C‑Fasern eine perivaskuläre neurogene Entzündung der meningealen Blutgefäße. Eine zentrale pathophysiologische Bedeutung wird dem vasodilatativ wirkenden CGRP zugeschrieben.
Pathomechanismus der Aura
Bei etwa einem Drittel der Betroffenen geht der Kopfschmerzattacke eine Aura voraus. Pathophysiologisch scheint eine „cortical spreading depression“ (CSD) verantwortlich zu sein. Hierbei vermindert eine sich langsam (wenige Millimeter pro Sekunde) über den Kortex ausbreitende neuronale und gliale Depolarisation die neuronale Aktivität und führt zu entsprechenden Symptomen der betroffenen Hirnregion.
Migräne und das zentrale Nervensystem
Migräne wird als eine Fehlsteuerung im zentralen Nervensystem vermutet. Die Erkrankung führt zu einer erhöhten Reizverarbeitung und Entzündungsreaktion im Gehirn. Das Nervensystem von Migränepatienten zeichnet sich durch eine erhöhte Reizverarbeitung aus. Sensorische Reize können eine übermäßige Aktivierung der Nervenzellen hervorrufen, was zu einem erhöhten Energieverbrauch und einer Erschöpfung der Energiereserven führt.
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Wissenschaftlern der Universität Kopenhagen gelang es, erstmals den Signalweg bei Migräne mit Aura nachzuvollziehen. Sie stießen auf ein im Zusammenhang mit Migräne bekanntes Hirnprotein, das bei Attacken mit Aura vermehrt im Hirnwasser freigesetzt wird, das Protein CGRP (Neuropeptid Calcitonin Gene-Related Peptide). Der Signalweg erfolgt über einen bestimmten Nerven-Knotenpunkt außerhalb des Gehirns, den Ganglion trigeminale. Dieses Studienergebnis könnte die Forschung für Migräne-Medikamente ebnen, die vor allem auf diesen Signalweg fokussieren und das Protein CGRP hemmen.
Migräne und Erschöpfung
Die ständigen Schmerzen, Begleitsymptome und die Angst vor neuen Attacken können zu erheblicher Erschöpfung führen. Viele Betroffene fühlen sich nach einem Migräneanfall müde, erschöpft und reizbar. Konzentrationsstörungen, Schwäche und Appetitlosigkeit können noch Stunden nach der Migräneattacke anhalten.
Diagnose und Behandlung
Die Migräne-Diagnose basiert auf der Anamnese und neurologischen Untersuchung. Eine sichere Migräne-Diagnose kann erst nach mindestens fünf anamnestischen Migräneattacken gestellt werden.
Grundsätzlich wird bei der Therapie von Migräne zwischen der Akuttherapie und Intervallprophylaxe unterschieden.
Akuttherapie
Bei akuten Migräneattacken wird eine möglichst frühzeitige Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) empfohlen, bei unzureichender Wirksamkeit und mittelschweren bis schweren Attacken die Anwendung von Triptanen.
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- Leichtere Migräneanfälle: Acetylsalicylsäure (ASS) und NSAR, auch kombiniert mit Coffein
- Bei Übelkeit und Erbrechen: Metoclopramid oder Domperidon
Intervallprophylaxe
Ab einer gewissen Häufigkeit von Migräneattacken sowie bei schwerer oder chronischer Migräne können Medikamente zur Anfallsprophylaxe eingesetzt werden. Hier gibt es eine Vielzahl an Medikamenten, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, aber auch eine vorbeugende Wirkung bei Migräne zeigen. Noch recht neu sind Therapien mit monoklonalen Antikörpern (CGRP-Antikörper), die spezifisch in den Migräneentstehungsmechanismus eingreifen. Bei chronischer Migräne ist auch eine Therapie mit Botulinumtoxin Typ A empfehlenswert.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Behandlung gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die zur Vorbeugung von Migräneattacken empfohlen werden:
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Stressmanagement
- Entspannungstechniken
- Vermeidung von Triggerfaktoren
- Ausdauersport
Integrative Medizin
Die Integrative Medizin bietet zahlreiche Möglichkeiten, Migräne auf sanfte, tiefgreifende Weise zu beeinflussen. Die Osteopathie betrachtet Migräne nicht als isoliertes Geschehen im Kopf, sondern als Ausdruck gestörter Balance im gesamten Körpersystem. Ziel der osteopathischen Behandlung ist es, durch manuelle Techniken Spannungen abzubauen, die Durchblutung zu verbessern und das Nervensystem zu entlasten. Zudem empfiehlt es sich, individuell unverträgliche Lebensmittel zu meiden - etwa histaminreiche Produkte, Tyramin (in reifem Käse) oder künstliche Zusatzstoffe wie Aspartam.
Leben mit Migräne
Migräne wirkt sich stark auf Beruf, Familie und Freizeit aus, was häufig zu Einschränkungen und Spannungen im sozialen Umfeld führt. Es ist wichtig, Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln, Entspannungstechniken zu erlernen und sich professionelle Hilfe zu suchen, um die Lebensqualität zu verbessern.
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