Ivermectin: Neurologische Nebenwirkungen, Anwendungen und Risiken

Ivermectin ist ein vielseitiges Medikament, das sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin eingesetzt wird. Es wirkt als Anthelminthikum, also gegen Parasiten, und findet Anwendung bei verschiedenen Infektionskrankheiten. Ursprünglich in der Tiermedizin eingesetzt, wurde Ivermectin in den späten 1980er-Jahren auch für den menschlichen Gebrauch zugelassen.

Was ist Ivermectin?

Ivermectin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das hauptsächlich zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt wird, die durch Parasiten wie Milben, Läuse oder Fadenwürmer verursacht werden. Es gehört zur Gruppe der Anthelminthika, also Wurmmittel. Der Wirkstoff ist sowohl für Menschen als auch für Tiere wirksam. Ärzte setzen Ivermectin aber nicht nur bei Parasiten-bedingten Erkrankungen wie Skabiose oder Filariose ein, sondern auch bei der Hautkrankheit Rosacea.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Ivermectin auf ihrer Liste der unentbehrlichen Arzneimittel. Chemisch betrachtet gehört Ivermectin zu den Avermectinen, Substanzen, die von bestimmten Bakterien (Streptomyces avermitilis) stammen. Durch chemische Modifikation entsteht schließlich Ivermectin.

Wirkungsweise von Ivermectin

Ivermectin gehört zu den Avermectinen, die als Neurotoxine aus dem Strahlenpilz Streptomyces avermitilis gewonnen werden. Es wirkt auf Nerven- und Muskelzellen von Wirbellosen, indem es an Glutamat- und Gamma-Aminobuttersäure (GABA)-gesteuerte Chloridkanäle bindet. Dadurch wird die Weiterleitung elektrischer Impulse gestört, was zur Lähmung und schließlich zum Tod der Parasiten führt. Ivermectin wirkt auch gegen die Eier der Parasiten, indem es das Schlüpfen der Nachkommen im Wirtsorganismus verhindert oder sie direkt abtötet (ovizide Wirkung).

Die Substanz aktiviert Glutamat-gesteuerte Chloridkanäle in Nerven- und Muskelzellen der Mikrofilarien (erstes Larvenstadium von Fadenwürmern in Subcutis und Blut). Durch die Öffnung der Kanäle wird die Membranpermeabilität für Chloridionen erhöht, was zur Hyperpolarisation der Zellen führt. Dies resultiert in neuromuskulärer Paralyse und letztendlich zum Absterben der Parasiten. Auf ausgewachsene Würmer hat Ivermectin keinen Einfluss.

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Bei Säugetieren kommt das Target von Ivermectin in dieser Form nicht vor. Eine Interaktion des Wirkstoffs mit anderen ligandengesteuerten Chloridkanälen (z.B. GABA-Rezeptoren) ist zwar möglich, die Affinität hierfür ist jedoch sehr gering.

Es wird angenommen, dass Ivermectin bei der Behandlung von Rosacea entzündungshemmende Eigenschaften besitzt und möglicherweise Haarbalgmilben abtötet, die bei Patienten mit Rosacea in großer Zahl vorhanden sind und die Erkrankung begünstigen können.

Anwendungsgebiete von Ivermectin

Ivermectin wird zur Behandlung verschiedener parasitäre Infektionskrankheiten eingesetzt:

  • Filariose: Hierzu gehören Erkrankungen wie Flussblindheit (Onchozerkiasis) und lymphatische Filariose, die vor allem in tropischen Regionen vorkommen und durch Mücken oder Bremsen übertragen werden.
  • Trichuriasis: Verursacht durch den Peitschenwurm (Trichuris trichiura), der in feuchtwarmen Böden tropischer und subtropischer Länder lebt.
  • Ascariasis: Ausgelöst durch den Fadenwurm Ascaris lumbricoides, der weltweit in tropischen und subtropischen Gebieten verbreitet ist.
  • Strongyloidiasis (Anguillulosis): Eine Infektion mit dem Zwergfadenwurm (Strongyloides stercoralis), die in der Regel durch Schmierinfektion erfolgt.
  • Skabiose (Skabies): Verursacht durch die Krätzmilbe (Sarcoptes scabiei), die zu Ausschlägen und starkem Juckreiz führt. Ivermectin-Tabletten werden vor allem bei ausgeprägten oder häufig wiederkehrenden Fällen eingesetzt.
  • Pedikulose: In Einzelfällen kann Ivermectin auch bei Kopfläusen (Pediculus humanus capitis) helfen, obwohl es dafür keine offizielle Zulassung besitzt.
  • Rosacea: Hier wird Ivermectin als Creme zur Behandlung der entzündlichen Hauterkrankung Rosacea eingesetzt, die sich anfangs durch Hautrötungen und erweiterte Gefäße im Gesicht äußert.

In der Schweiz ist Ivermectin ausschließlich zur Behandlung von Rosacea zugelassen, nicht jedoch als Parasitenmittel wie in Deutschland oder Österreich.

Anwendung und Dosierung

Ivermectin ist in Form von Tabletten zur oralen Einnahme und als Creme zur äußerlichen Anwendung erhältlich. Die Anwendung hängt von der zu behandelnden Erkrankung ab.

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  • Tabletten: Gegen Parasiten werden Ivermectin-Tabletten üblicherweise einmalig eingenommen. Die genaue Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht. Die Einnahme erfolgt auf nüchternen Magen. Für Kinder unter sechs Jahren können die Tabletten zerkleinert werden.
    • Strongyloidiasis: 200 µg/kg Körpergewicht
    • Filariose: 150-200 µg/kg Körpergewicht alle 6 Monate oder 300-400 µg/kg Körpergewicht jährlich
    • Skabies: 200 µg/kg Körpergewicht einmalig, ggf. Wiederholung nach zwei Wochen
  • Creme: Bei Rosacea wird die Creme meist einmal täglich auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen. Die Behandlung erstreckt sich in der Regel über mehrere Wochen bis Monate. Eine erbsengroße Menge wird in dünner Schicht auf Stirn, Kinn, Nase und Wangen aufgetragen, wobei Augen, Lippen und Schleimhäute ausgespart werden sollten.

Skabies-Patienten sollten darauf hingewiesen werden, dass enge Kontaktpersonen untersucht und gegebenenfalls ebenfalls behandelt werden sollten.

Nebenwirkungen von Ivermectin

In der üblichen Dosierung sind Nebenwirkungen durch Ivermectin-Tabletten selten. Meist treten sie vorübergehend auf und dauern nur kurze Zeit an. Die Nebenwirkungen bei der Einnahme von Ivermectin scheinen unter anderem von der Dichte der Mikrofilarien im Blut abhängig zu sein.

Zu den typischen Nebenwirkungen gehören:

  • Allergische Reaktionen (z.B. Fieber, Husten, selten asthmatische Anfälle)
  • Juckreiz (Pruritus), Hautausschlag, Quaddeln oder selten Hautödeme
  • Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Beschleunigter Herzschlag
  • Müdigkeit, Schwäche und Schwindel
  • Appetitlosigkeit, Übelkeit und selten Erbrechen

Bei längerer Einnahme kann sich Ivermectin in verschiedenen Organen anreichern und diese schädigen, insbesondere Leber und Nieren. Eine Überdosierung birgt große gesundheitliche Risiken, darunter neurologische Komplikationen wie Koordinations- und Bewegungsstörungen, verschwommene Sicht, Atembeschwerden, Bewusstlosigkeit, Koma oder sogar Tod.

Ivermectin als Creme ruft ebenfalls nur selten Nebenwirkungen hervor. Etwa ein Prozent der Patienten klagen über brennende, trockene oder juckende Haut. Diese Beschwerden sind jedoch meist leicht bis mäßig ausgeprägt und bessern sich im Laufe der Behandlung. Bei der Anwendung von Ivermectin-haltigen Cremes bei Rosazea ist eine vorübergehende Verschlechterung des Krankheitsbildes möglich, die sich aber innerhalb einer Woche unter Fortführen der Behandlung normalisieren sollte. Grund dafür kann eine immunologische Reaktion auf abgestorbene Demodex-Milben sein.

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Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Ivermectin darf nicht eingenommen werden, wenn eine bekannte Unverträglichkeit gegenüber dem Medikament besteht.

Da Ivermectin über die Leber abgebaut wird, ist Vorsicht geboten bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten, die die Verstoffwechselung in der Leber hemmen, wie bestimmte Antibiotika (z.B. Ciprofloxacin, Erythromycin) oder Herzmedikamente (z.B. Verapamil). Dies kann das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen.

Die Auswirkungen auf die Verkehrstüchtigkeit wurden nicht systematisch untersucht. Einige Patienten können durch Ivermectin vorübergehend Schwindel oder Müdigkeit entwickeln, was die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen kann.

Es liegen begrenzte Daten zur Anwendung von Ivermectin in der Schwangerschaft vor. Tierversuche zeigten teratogene Effekte. Da Ivermectin in die Muttermilch übergeht, sollte die Anwendung in der Stillzeit nur nach strenger Nutzen-Risiko-Bewertung erfolgen.

Ivermectin ist hochtoxisch für viele Wirbellose und stellt daher ein Risiko für Wasser, Sediment und Boden dar.

Ivermectin und COVID-19

Ivermectin ist kein Wundermittel gegen das Coronavirus und COVID-19. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Robert Koch-Institut (RKI) sprechen sich gegen den Einsatz von Ivermectin zur Behandlung von COVID-19 außerhalb von klinischen Studien aus.

Bisherige Untersuchungen haben eine eingeschränkte Aussagekraft, da deren Ergebnisse widersprüchlich und teils schwer miteinander vergleichbar sind. Vereinzelt gab es Hinweise auf eine geringe oder zumindest theoretische Wirkung von Ivermectin:

  • Molekülsimulations-Studien: Computerbasierte Studien deuten an, dass Ivermectin mit einigen Eiweißmolekülen des Coronavirus wechselwirken könnte, insbesondere mit der 3CL-Protease, die für die Vermehrung der Viren wichtig ist.
  • Antiviraler Effekt: Laborversuche zeigten einen gewissen antiviralen Effekt von Ivermectin gegen SARS-CoV-2, allerdings nur bei sehr hohen Konzentrationen, die für den Menschen wahrscheinlich giftig wären.
  • Anti-entzündliche Wirkung: In späten Phasen der Krankheit wurde vereinzelt beobachtet, dass Ivermectin den Krankheitsverlauf (leicht) positiv beeinflussen könnte, möglicherweise durch Milderung einer überschießenden Reaktion des Immunsystems.

Es ist nicht erwiesen, dass Ivermectin gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 nützt oder gegen COVID-19 hilft. Eine unkontrollierte Einnahme birgt schwere gesundheitliche Risiken. Ivermectin sollte daher nur im Rahmen von klinischen Studien unter ärztlicher Betreuung eingenommen werden.

Das Post-Vac-Syndrom (PVS)

In den letzten Jahren hat das Post-Vac-Syndrom (PVS) zunehmend Aufmerksamkeit erlangt. Es handelt sich dabei um eine Komplikation nach einer COVID-19-Impfung, die Symptome ähnlich denen von Long-COVID (LC) hervorrufen kann. Typisch für PVS ist, dass die Beschwerden mit einer Latenz von mehreren Wochen nach der Impfung auftreten und über Jahre hinweg bestehen bleiben können. Häufige Symptome sind Fatigue, kardiovaskuläre und neurologische Beschwerden sowie eine Verschlimmerung der Symptome nach körperlicher oder geistiger Anstrengung (Post-Exertional-Malaise).

Die Pathogenese von PVS ist noch nicht vollständig geklärt, es werden jedoch verschiedene Theorien diskutiert, darunter Entzündungen des Gefäßendothels, Störungen ACE-abhängiger Regelkreise und die Persistenz von Spike-Proteinen in Geweben.

Die Therapie von PVS ist komplex und umfasst verschiedene Ansätze, darunter Statine, AT1-Antagonisten, Triple-Antikoagulation und extrakorporale Blutwäscheverfahren. In den USA werden auch Maraviroc, Ivermectin und Nattokinase eingesetzt. Die meisten Therapien werden durch ein personalisiertes Energiemanagement und Diäten ergänzt.

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