Sport und Parkinson-Forschung: Ein integrativer Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität

Einführung

Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin-produzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Dies führt zu einer Vielzahl von motorischen und nicht-motorischen Symptomen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Obwohl es derzeit keine Heilung für Parkinson gibt, hat die Forschung gezeigt, dass körperliche Aktivität und Sport eine wesentliche Rolle bei der Behandlung und möglicherweise auch bei der Verlangsamung des Krankheitsverlaufs spielen können. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Erkenntnisse und Empfehlungen im Bereich Sport und Parkinson-Forschung.

Bewegung als Prävention und Therapie

Bewegung zur Risikoreduktion

Die Forschung deutet darauf hin, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko, an Parkinson zu erkranken, verringern kann. Eine aktuelle Studie zeigt, dass moderate bis intensive körperliche Aktivität das Risiko um bis zu 25 % senken kann. Associate Professor Martin Langeskov-Christensen von der Universität Aarhus betont, dass Bewegung ein äußerst wirksamer präventiver Faktor sein kann.

Symptomlinderung durch Bewegung

Bewegung kann auch eine Reihe von Symptomen lindern, für die es in der Regel keine pharmakologische Therapie gibt. Viele Parkinson-Patienten haben Schwierigkeiten beim Gehen, und Bewegung kann diese erheblich lindern. Dies kann die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern. Wenn sie Schwierigkeiten haben, von Ihrem Stuhl aufzustehen, sollten sie sich auf Kraft- oder Gleichgewichtsübungen konzentrieren. Auch Patienten mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck sollten sich sportlich betätigen.

Bewegung als Teil eines umfassenden Behandlungsplans

Es ist wichtig zu betonen, dass Bewegung nicht als alleinige Therapie betrachtet werden sollte, sondern als integraler Bestandteil eines umfassenden Behandlungsplans. Patienten mit Parkinson-Krankheit sollten in Verbindung mit ihrer pharmakologischen Medikation personalisierte Bewegungsprogramme erhalten, einschließlich regelmäßiger Nachuntersuchungen. Ideal wäre ein Bewegungsprogramm mit aktuellen Übungsanleitungen, dass kontinuierlich von Physiotherapeuten, Sportphysiologen, Neurologen und anderen relevanten Berufsgruppen überwacht wird. Hier würden Leitlinien, in denen die Bedeutung von Bewegung für die Patientengruppe anerkannt wird, helfen, so der Parkinson-Experte.

Die Auswirkungen von Bewegung auf den Krankheitsverlauf

Bewegung und die Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit

Die Beweise dafür, dass Bewegung das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen kann, sind weniger solide, wenn auch sehr plausibel. Der Parkinson-Forschung fehlt jedoch der entscheidende empfindliche Biomarker, um den Verlauf der Erkrankung bei allen Patienten vorherzusagen. Es gibt jedoch überzeugende Bewegungsstudien mit Tieren, die an einer Parkinson-ähnlichen Krankheit leiden, wenngleich man die beobachteten Effekte nicht immer mit denen beim Menschen gleichsetzen kann, weiß Langeskov-Christensen.

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Reduzierung des Medikamentenbedarfs

Studien zeigen, dass die Menge der Medikamente durch Bewegung stabilisiert und sogar reduziert werden kann, wenn das Aktivitätsniveau erhöht wird. Andere Studien zeigen Verbesserungen in der klinischen Testbatterie MDS-UPDRS (Unified Parkinson's Disease Rating Scale), die derzeit der beste Marker zur Verlaufsbeobachtung bei der Parkinson-Krankheit ist.

Paradigmenwechsel: Bewegung als Medizin

Auf Grundlage der aktuellen Erkenntnisse schlagen wir einen Paradigmenwechsel vor: Bewegung sollte Menschen mit Parkinson im Frühstadium neben der konventionellen medizinischen Behandlung als Medizin verschrieben werden“, sagt der Parkinson-Experte. In jedem Fall ist es besser, etwas zu tun, als untätig zu sein, denn die Vorteile überwiegen bei weitem die möglichen Nachteile. Bewegung ist eine sichere, kostengünstige, leicht zugängliche und wirksame Maßnahme für Menschen mit Parkinson-Krankheit.

Empfehlungen für Bewegung und Sport bei Parkinson

Vielfalt der Bewegungsformen

Die meisten Studien über Parkinson und Bewegung untersuchen die Auswirkungen von Kraft- oder Ausdauertraining. Beides funktioniert, aber für unterschiedliche Bereiche, erklärt Langeskov-Christensen. Patienten, die an Parkinson erkrankt sind, sollten die Art von Bewegung wählen, die ihnen am besten liegt. Fußball spielen, Krafttraining oder spazieren gehen - Hauptsache Bewegung.

Niedrigintensive Aktivitäten

Dennoch können Patienten, die aufgrund von Komplikationen der Parkinson-Krankheit Schwierigkeiten haben, sich intensiv zu bewegen, positive Ergebnisse erzielen, indem sie zu Hause Aktivitäten mit geringer Intensität durchführen, wie Gartenarbeit oder tägliche Spaziergänge mit dem Hund.

Umgang mit Müdigkeit

Ein weiteres Problem ist, dass viele Patienten mit neurologischen Krankheiten wie Parkinson unter starker Müdigkeit und einem starken Gefühl der Erschöpfung leiden, das sich nicht so einfach abschütteln lässt. Dies kann sich noch verstärken, wenn mit dem Training begonnen oder das Bewegungsprogramm intensiviert wird. Studien zu Multipler Sklerose (MS) zeigen jedoch, dass Bewegung tatsächlich gegen Müdigkeit helfen kann. Neue Studien über die Auswirkungen von Bewegung auf die Müdigkeit bei Parkinson-Patienten sind bereits in Vorbereitung, weiß Langeskov-Christensen.

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Individuelle Trainingspläne

Es ist wichtig, dass Parkinson-Patienten einen maßgeschneiderten Trainingsplan erhalten, der auf ihre individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten zugeschnitten ist. Man könne nicht davon ausgehen, dass der Einzelne weiß, welche Übungen seine Symptome verbessern werden. Daher sollten Patienten mit Parkinson-Krankheit in Verbindung mit ihrer pharmakologischen Medikation personalisierte Bewegungsprogramme erhalten, einschließlich regelmäßiger Nachuntersuchungen.

Spezifische Sportarten und Therapieansätze

Aerobes Ausdauertraining

2019 hatte die niederländische Park-in-Shape-Studie gezeigt: Aerobes Ausdauertraining (Ergometertraining) kann die Verschlechterung der motorischen Defizite im Frühstadium einer Parkinson-Erkrankung deutlich verlangsamen [2]. In der Studie wurde Ergometertraining mit Stretching verglichen. Die Teilnehmer*innen waren an Parkinson Stadium 2 oder niedriger erkrankt. Beide Gruppen trainierten 3-mal pro Woche 30-45 min für 6 Monate. Beim aeroben Ausdauertraining resultierte, anders als beim Stretching, eine deutliche Verlangsamung motorischer Defizite.

Weitere geeignete Sportarten

Weitere geeignete Sportarten neben dem Ergometertraing sind z.B. auch Walken, Schwimmen oder Joggen. Die symptomatische Behandlung muss allerdings so gut eingestellt sein, dass die Patient*innen in die Lage versetzt werden, das Bewegungstraining zu absolvieren.

Bewegungstherapie BIG

In den ersten Stadien der Parkinson-Krankheit kann die Bewegungstherapie BIG zum Einsatz kommen. Die Übungen mit großen, fließenden Bewegungen stimulieren ungenutzte Bereiche des Gehirns. Durch intensives Wiederholen und eine ständige Erfolgskontrolle lernen Betroffene, Bewegungen wieder bewusst im Alltag einzusetzen. Durch die Therapie werden Bewegungen schneller und präziser, auch das Gleichgewicht und die Körperwahrnehmung werden gefördert.

LSVT®BIG-Therapie

Eine speziell für Menschen mit Parkinson entwickelte Methode stellt die LSVT®BIG-Therapie dar, ein intensiver physio- und ergotherapeutischer Therapieansatz mit Fokus auf die Vergrößerung der Bewegungsamplitude der/des Patienten/in, die krankheitsbedingt abnimmt. Die Therapie verläuft nach einem standardisierten Behandlungsplan, der individuell an die Ziele hinsichtlich der Grob- und Feinmotorik sowie an den Schweregrad der Erkrankung und die Bedürfnisse der/des Patienten/in angepasst ist.

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Die Bedeutung der Neuroplastizität

Bewegungstherapeutische Maßnahmen zielen insbesondere auf den Erhalt und das Wiedererlernen grundlegender motorischer Funktionen. Ihre Wirkung begründet sich durch zentralnervöse Reorganisationsprozesse (Neuroplastizität) und sind demnach als Form der Gedächtnisbildung zu verstehen. Diese, auch als motorische Lernfähigkeit bezeichnete, Fähigkeit bleibt im Verlauf der Erkrankung weitestgehend erhalten, jedoch ist sie im Vergleich zur Altersnorm reduziert. Daher ist ein wesentliches Ziel aktueller Therapieforschung, Strategien zur Optimierung der eingeschränkten Gedächtnisbildung zu identifizieren.

Forschungsprojekte und Studien

FaST-PD-Projekt

Ein vielversprechender Ansatz basiert auf aktuellen Studien, die motorische Gedächtnisbildung gesunder Erwachsener durch eine Kombination mit gezielten aeroben Belastungsreizen steigern konnten. Ziel des FaST-PD - Projekts ist es daher, die Effekte akuter Herz-Kreislaufbeanspruchungen auf die motorische Lernleistung von Parkinsonpatienten zu untersuchen. In der ersten Teilstudie soll, ausgehend vom aktuellen Forschungsstand bei gesunden Personen, der Einfluss einer akuten Herz-Kreislauf-Beanspruchung auf die motorische Lernfähigkeit bei Personen mit Morbus Parkinson überprüft werden.

Meta-Studie zur Wirksamkeit von Bewegungsangeboten

Die Meta-Studie untersucht die Wirksamkeit von unterschiedlichen Bewegungsangebotenauf die Schwere der Bewegungssymptome, die Lebensqualität und Nebenwirkungen bei Menschen mit Parkinson. Das Fazit: Hauptsache Bewegung! Die im Review ausgewertete Evidenz aus 156 randomisierten Studien spricht für günstige Auswirkungen von Sport für Parkinson-Erkrankte. Die genaue Art der Bewegung ist, so die Forschenden, zweitrangig.

Medikamentöse Therapie und ihre Ergänzung durch Sport

Medikamentöse Behandlung

Bei Morbus Parkinson mangelt es im Gehirn am Botenstoff Dopamin, der für flüssige Bewegungen gebraucht wird. Medikamente können diesen Mangel ausgleichen. Das deutliche Zittern (Tremor) entsteht, wenn Nervenzellen im Gehirn zugrunde gehen und das neuronale Netzwerk gestört ist, das für ruhige Hände sorgt. Tiefe Hirnstimulation und Ultraschall-Therapie wirken hier gegen das Zittern.

Ergänzung durch Sport

Zahlreiche Studien belegen, dass Sport sehr wirkungsvoll gegen Parkinson ist: Mit ihm ist der Verlauf der Erkrankung oft günstiger zu beeinflussen als mit Medikamenten allein. Bereits im Anfangsstadium lassen sich die Symptome der Parkinson-Erkrankung durch intensives Training verbessern und im weiteren Verlauf der Krankheit können Betroffene durch gezieltes Training sogar bereits verlorene Fähigkeiten wiedererlangen.

Tipps zur Motivation und Umsetzung

Spaß an der Bewegung

Wählen Sie den Sport aus, der Ihnen Spaß macht - so bleiben Sie auch langfristig aktiv. Denken Sie daran, dass Musik in vielerlei Hinsicht hilfreich bei der Umsetzung des Trainingsprogrammes sein kann. Die Lieblingsmusik steigert die Motivation, und der vorgegebene Rhythmus erleichtert es, die Bewegungen gut zu koordinieren.

Gruppentraining

Einige Aktivitäten lassen sich besser in einer Gruppe umsetzen und machen so auch mehr Spaß. Achten Sie auch immer auf ein sicheres Training. Durch die Anwesenheit von Trainer:innen ist eine korrekte Ausführung der Übungen gewährleistet.

Berücksichtigung von Wirkschwankungen

Leiden Sie unter Wirkschwankungen - also einer ungleichmäßigen Wirkung der Parkinson-Medikamente? Dann sollten Sie das Training in den „ON-Phasen“ planen, wenn die Wirkung der Medikamente am besten ist. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, vor einer größeren Aktivität eine Bedarfsmedikation einzunehmen.

Allgemeine Effekte von Sport auf das Gehirn

Sport wirkt sich direkt positiv auf unser Gehirn aus:

  • Regt die Entstehung von mehr Synapsen an (Verknüpfung von Nervenzellen zum Informationsaustausch untereinander)
  • Wirkt anti-entzündlich
  • Verbessert die Durchblutung
  • Vermehrt die Ausschüttung von Botenstoffen

Krankheitsspezifische Effekte von Sport bei Parkinson

Speziell bei Parkinsonsymptomen können folgende Verbesserungen auftreten:

  • Verbesserte Motorik und Gang (Gangmuster und -geschwindigkeit)
  • Verbessertes Gleichgewicht und Koordination
  • Bessere Rumpfaufrichtung und verbesserte Kraft
  • Verbesserung der Aktivitäten des täglichen Lebens
  • Verbesserte psychische Gesundheit und weniger Depressivität
  • Weniger Schmerzen
  • Höhere Lebensqualität
  • Verbesserte Lungenfunktion

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